AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 38/2016

Landwirtschaft Die Trauer der Sauen

Was wir essen, stammt oft von kranken Rindern, Schweinen, Puten und Hühnern - selbst wenn es von Biohöfen kommt. Dennoch verweigert die Politik die Wende in der Nutztierhaltung.

Sau in einem Stall in Bad Oldesloe
Fred Dott/DER SPIEGEL

Sau in einem Stall in Bad Oldesloe

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Auf dem Lämmerhof im lauenburgischen Panten laufen Hausschweine auf großen Weiden. Von der Grasnarbe ist nicht mehr viel übrig, die Fläche ist lehmbraun, wie umgegraben. Bauer Detlef Hack freut sich: "Das muss so sein, erklärt er. "Schauen Sie sich den gewaltigen Nacken der Schweine an. Das ist der Motor, der vorn die Wühlscheibe antreibt."

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Heft 38/2016
Hillary Clintons Schwäche wird zur Gefahr für die Welt

Die will sich immerfort drehen, so hat die Natur ein Schwein nun mal gemacht. Wenn das Tier nicht gerade ruht, durchpflügt es mit der Nase das Erdreich auf der Suche nach Essbarem.

Nicht weit entfernt, in einem modernen Zuchtsauenbetrieb, stehen die Wühlscheiben still. Hunderte Muttersauen stecken in eisernen Korsetts, zur Bewegungslosigkeit verdammt. Diese "Ferkelschutzkörbe" verhindern, dass die Sauen ihre Nachkommen im engen Kastenstand versehentlich erdrücken. Zweieinhalb Monate lang können die intelligenten Tiere nur aufstehen, sitzen und liegen. Zwei- bis dreimal pro Jahr durchlaufen sie diese Tortur, bei jedem Wurf.

Viele der Sauen trauern, so nennt man die Stellung, wenn sie mit gesenktem Kopf sitzen. Sie haben weißen Schaum ums Maul, vom Trockenkauen. Sie erhalten ihr Futter in wenigen Portionen, obwohl Schweine ständig fressen wollen. Das Maul weiß nichts von rationellen Arbeitsabläufen, es will kauen. Wahlweise reißen die Tiere an Eisenketten oder schmatzen das Gestänge an. Mehr gibt es nicht zu tun für ihre Wühlscheiben.

Die zwei Meter langen Schweinekörper liegen auf einem Spaltenboden aus Beton. Die einzig weiche Unterlage ist der eigene Kot, der sich in den Spalten verfängt und festpappt. Er wird all die Wochen nicht entfernt. Schweine hassen es, in ihrem Kot zu liegen. Trotz moderner Belüftungsanlage stinkt es, dass einem der Atem stockt.

Wird eine Sau aggressiv - fängt sie an zu beißen, zu toben, zu treten -, kommt sie sofort zum Schlachter. Widerborstigkeit soll nicht weitervererbt werden, das würde die Stallabläufe stören, sagt der Bauer, dem dieser Stall gehört und der keine Probleme hat mit der Art, wie er die Tiere hält.

Die moderne Sau muss duldsam sein. Nie im Leben verspürt sie natürlichen Boden unter den Klauen, nur selten sieht sie Tageslicht, und nie wird sie erfahren, wie sich ein Schweinsgalopp anfühlt, bei dem die Ohren fliegen.

Um die eingekerkerten Sauen herum leben ihre Ferkel, zehn bis zwölf meist. Sie kommen an die Zitzen ihrer Mutter, können sich durch das Gitter hindurch aber nicht an ihr wärmen. Sie kauern unter Rotlichtlampen. Gerade geboren, lernen sie den Schmerz kennen. Mit einem glühenden Schneidegerät wird ihnen der Ringelschwanz abgetrennt, dann werden ihnen die Mäuler aufgezwängt und die noch winzigen Eckzähnchen abgeschliffen.

Das sei Tierschutz, sagen die Funktionäre der Bauern. Die Eingriffe seien notwendig, damit sich die Ferkel in der bedrückenden Enge nicht gegenseitig verletzen. "Eine Sau, die ruhend liegt, fühlt sich wohl", erklärt Bauernverbandspräsident Joachim Ruckwied die Sauenfixierung. In seiner Welt gilt auch das Abknipsen von Geflügelschnäbeln, das Abschneiden von Eberhoden bei vollem Bewusstsein, das Ausbrennen der Hornansätze bei Kälbern als Tierschutz.

Im deutschen Tierschutzgesetzt steht: "Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen. Wer ein Tier hält, betreut oder zu betreuen hat, muss das Tier seiner Art und seinen Bedürfnissen entsprechend angemessen ernähren, pflegen und verhaltensgerecht unterbringen und darf die Möglichkeit des Tieres zu artgemäßer Bewegung nicht so einschränken, dass ihm Schmerzen oder vermeidbare Leiden oder Schäden zugefügt werden."

Doch das Gesetz ist faktisch ausgehebelt. Zahlreiche Sonderregelungen erlauben alle möglichen Grausamkeiten und Amputationen bis hin zu Tötungen - und das seit Jahren. Die Politik hat die Tiere schon lange verlassen, anders als die Bauern wählen sie nicht.

Dabei ist die Perversion nicht mehr zu verleugnen. Kürzlich hat das Oberverwaltungsgericht Münster festgestellt, dass das Zerhacken oder Vergasen von jährlich 45 Millionen männlichen Küken mit dem Tierschutzgesetz vereinbar sei. Das Gesetz erlaube das Töten von Tieren, wenn ein vernünftiger Grund vorliege. Der vernünftige Grund in diesem Fall: Die Aufzucht der ausgebrüteten männlichen Küken sei für die Brütereien mit einem unverhältnismäßig großen Aufwand verbunden, so die Urteilsbegründung. Die ökonomischen Zwänge der Geflügelzüchter zählen mehr als das Lebensrecht der Hähne.

Bliebe noch, das Kükensterben per Gesetz zu verhindern, doch davon will Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) nichts wissen. Er setzt wie stets auf freiwillige Lösungen und hofft auf eine Technik, die das Geschlecht eines Kükens im Ei erkennen soll. Leif Koch von der Welttierschutzgesellschaft ist das nicht genug: "Schmidts Primat der Freiwilligkeit ist gescheitert. Wir brauchen ein Gesetz, das die Tiere wirksam schützt und das auch umgesetzt wird. Wir haben keine spezifischen Regelungen zum Schutz der Kühe, wir haben keine spezifischen Regelungen zum Schutz der Puten."

Landwirte begegnen der immer lauter werdenden Kritik an den Haltungssystemen stoisch mit immer dem gleichen Satz: "Tiere, denen es nicht gut geht, bringen keine Leistung."

Dabei wissen sie schon lange, dass das nicht stimmt. Seit Anfang vorigen Jahres wissen es alle.

Im März 2015 veröffentlichte der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik, ein Beratergremium des Bundeslandwirtschaftsministeriums, einen Bericht zur Nutztierhaltung in Deutschland. Sein Ergebnis war so schonungslos, dass Minister Schmidt plötzlich keine Zeit hatte, den Bericht entgegenzunehmen: "Die derzeitigen Haltungsbedingungen eines Großteils der Nutztiere sind nicht zukunftsfähig." Was nichts anderes heißt als: Die Tierqual ist in deutschen Ställen die Regel, nicht die Ausnahme. Und: Die Nutztierhaltung muss geändert werden. Das gesamte System.

Die 14 Experten fordern eine radikale Neuausrichtung. Sie monieren erhebliche Defizite im Tier- und Umweltschutz, die Tiere brauchten mehr Platz, weniger Medikamente, öfter Freigang, mehr artgerechtes Beschäftigungsmaterial. Amputationen an Tieren, um sie an die Haltungssysteme anzupassen, seien "nicht vertretbar und gesellschaftlich nicht akzeptabel".

Hennen in einem Legebetrieb
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Hennen in einem Legebetrieb

Es war eine Ohrfeige, vor allem für die Politik. Weil klar wurde: Es fehlt eine politische Gesamtstrategie. Der Beirat stellte Leitlinien für eine nachhaltige Nutztierhaltung auf und ermittelte Mehrkosten von jährlich drei bis fünf Milliarden Euro, durch die sich die Verbraucherpreise um drei bis sechs Prozent erhöhen würden.

Doch Minister Schmidt hat keine Vision für den Agrarbereich. Fest untergehakt beim Deutschen Bauernverband, müht er sich um Verbesserungen hier und dort, eine echte Systemwende, wie beim Atomausstieg geschehen oder beim Erneuerbare-Energien-Gesetz, wagt er nicht. Im Gegenteil: Er will noch mehr Tiere nach bewährtem Muster produzieren lassen - für den Export.

Die Bauern wüssten seit Langem, was faul sei in den Ställen, sagt Matthias Wolfschmidt, Geschäftsführer bei der Verbraucherorganisation Foodwatch. Wolfschmidt ist Veterinär. Er erinnert sich, dass schon in seiner Studienzeit in den Achtzigern offen über die sogenannten Produktionskrankheiten der Nutztiere gesprochen wurde. Krankheiten, die durch nicht tiergerechte Haltung, Überzüchtung und Überforderung der Tiere entstehen.

Nun hat der Tierarzt ein aufrüttelndes Buch geschrieben: "Das Schweinesystem: Wie Tiere gequält, Bauern in den Ruin getrieben und Verbraucher getäuscht werden"(*). Darin räumt Wolfschmidt auf mit der Mär, dass nur ein gesundes Tier Leistung bringe. "Viele Produkte, die wir essen, stammen von kranken Tieren", sagt er. Sie sind das Resultat einer gnadenlosen Tierqual-Ökonomie.

Kühe beispielsweise geben alles, um Milch für ihr Kalb zu produzieren. Zu diesem Zweck aktivieren sie nach dem Gebären ihre letzten Energiereserven. In der Hochleistungsproduktion haben sie allerdings kaum Zeit, sich davon zu erholen, und geraten innerhalb weniger Jahre an den Rand der Erschöpfung. Dann fällt die Milchleistung, die Fruchtbarkeit nimmt ab. Die Kuh lohnt sich nicht mehr. Im Alter von durchschnittlich fünfeinhalb Jahren kommt das Tier, das eigentlich 20 Jahre alt werden kann, zum Schlachter.

850000 Kühe wurden im Jahr 2014 vorzeitig aussortiert, fand der Veterinärprofessor Holger Martens heraus. 21,5 Prozent konnten nicht mehr trächtig werden, 11 Prozent hatten kranke Klauen, 10 Prozent Stoffwechselstörungen, und 14 Prozent litten an Euterentzündungen.

Euterentzündungen sind äußerst schmerzhaft für die Kuh, und dennoch gibt sie weiter Milch, auch wenn sie vor Schmerz nicht mehr stehen kann. Manche werden noch gemolken, wenn ihnen der Eiter schon aus den Zitzen quillt. Damit der erlaubte Grenzwert der Abwehrzellen nicht überschritten wird, mischt man die Milch der erkrankten Tiere in großen Tanks mit der von gesunden. Und, schwups, hat man aus einer kranken Kuh ein gesundes Lebensmittel geschaffen. "Es gibt in den Kühlregalen der Supermärkte keine Milch, keinen Joghurt und keinen Käse, die ausschließlich von gesunden Kühen stammen", schreibt Wolfschmidt.

Auch in der Schweinehaltung gilt, dass vieles, was da so lecker in den Fleischtheken ausliegt, von kranken, gequälten Kreaturen stammt. Oft hält deren Knochengerüst der rasend schnellen Gewichtszunahme von einem Kilogramm pro Tag nicht stand; die schlechte Luft schädigt ihre Lunge, und der harte Boden führt zu Gelenkentzündungen. Eine Auswertung von 50000 Schweinen im Jahr 2004 ergab, dass 81 Prozent der Schlachtschweine aus konventioneller Haltung und 76 Prozent aus Ökohaltung pathologische Befunde aufwiesen. Was bedeutet: Nicht einmal ein Viertel der Tiere, deren Fleisch uns so appetitlich serviert wird, ist gesund herangewachsen.

Ein Huhn zu sein wünscht man sich auch nur noch im deutschen Liedgut. 630 Millionen werden jährlich in Deutschland geschlachtet. Ein Masthuhn lebt 30 bis 34 Tage. 23 Tiere teilen sich einen Quadratmeter Platz, oft ohne Tageslicht. "Die Vögel dämmern auf einer Fläche vor sich hin, die pro Tier kaum größer ist als ein halbes DIN-A4-Blatt", beschreibt Wolfschmidt die Zustände in einem Stall. Sie können nicht im Sand baden, nicht picken, nicht erhöht schlafen, wie das ihre Art ist. Oft können sie nicht einmal normal laufen. Die Brüste von Hühnern und Puten sind so groß gezüchtet, dass die Tiere leicht vornüberkippen.

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Es ist ein Bild des Jammers, das Huhn als einen Rohstofflieferanten zu sehen. Die meisten schaffen es nur dank Antibiotika, überhaupt zu überleben. Sie haben Geschwüre an Brust und Füßen. Sie leiden unter Herz-Kreislauf-Erkrankungen, an Herz- und Leberschäden. "Gezüchtete Krüppel" nennt der Tierschutzbund die Hähnchen und Puten, die sauber eingepackt im Supermarktregal locken. Ihr elendes Leben bringt dem Mäster am Ende rund sechs Cent Gewinn.

Die Legehennen haben es auch nicht besser erwischt. Sie enden nach über 300 Eiern und 15 Monaten Lebenszeit als ausgelaugtes Suppenhuhn. Für die Eierschalen ziehen sie Kalzium aus dem Körper, was ihre Knochen so zerbrechlich macht wie Glas. In Bodenhaltung sterben zehn bis zwölf Prozent der Hühner bereits im Stall, so die Untersuchung mehrerer Universitäten von 2010 bis 2012.

Seit Jahrzehnten beklagen Wissenschaftler, Tierärzte und Tierschützer das unerträglich hohe Niveau an Produktionskrankheiten. Knapp neun Millionen Deutsche verweigern mittlerweile den Fleischverzehr, weil sie die Grausamkeiten in den Ställen nicht mittragen wollen. Andere kaufen teueres Biofleisch, in der Hoffnung, dass jene Tiere besser behandelt würden. Was sie nicht wissen: Kranke und leidende Tiere gibt es auch in Biohaltung zuhauf.

Für Wolfschmidt ist der individuelle Verzicht oder die ethische Kaufentscheidung keine Lösung. Der Einzelne könne damit auch nicht sein Gewissen beruhigen. "Denn es ändert gar nichts am Elend und der Gnadenlosigkeit in den anderen Ställen. Das System, das Tiere bloß als Rohstofflieferanten betrachtet, dreht sich einfach weiter."

Ein echtes Potenzial, die Gesundheit und Haltung der Tiere zu verbessern, hätte die Initiative Tierwohl. Der Einzelhandel, aufgeschreckt von der sinkenden Akzeptanz seiner tierischen Produkte, bot erstmals in der Geschichte den Bauern Geld für eine bessere Tierhaltung an. Ausgerechnet die Lidls und Aldis, Rewes und Edekas, Nettos, Pennys und wie sie alle heißen, die unablässig die Preise für Agrarprodukte drücken, wollten auf einmal Geld für tiergerechte Haltung ausgeben.

In Zusammenarbeit mit dem Bauernverband, der Fleisch- und Schlachtwirtschaft und Beratern aus dem Tierschutzbund wurden Kriterien entwickelt und Prämien festgelegt. 255 Millionen Euro legten die Einzelhändler bis 2017 in den Topf für ein besseres Tierleben. Zu wenig, stellte sich bald heraus, nicht alle Landwirte, die mitmachen wollten, konnten auch. Es wurde gelost, es gab Ärger.

Nun droht die Initiative gar zu scheitern. Die Tierschützer werfen den Initiatoren eine Art Tierwohl-Washing vor, so läppisch sind die Vorschriften, auf die sich die Parteien bis 2020 einigen wollten. Sollte es dazu kommen, "stehen wir vermutlich vor dem größten Verbraucher- und Tierschutzbetrug, den es in Deutschland je gegeben hat", sagt Thomas Schröder, Chef des Tierschutzbundes. Und kündigt für diesen Fall den Ausstieg seiner Organisation an.

Schon jetzt hält mancher die Initiative für einen genialen Marketingtrick. Das Tierwohl-Label klebt auf den Schweine-, Hühner- und Putenprodukten der teilnehmenden Einzelhandelsketten, obwohl nicht sicher ist, dass genau dieses Tier in den Genuss einer besseren Haltung kam. Oder überhaupt eines im Sortiment.

Veterinär und Verbraucherschützer Matthias Wolfschmidt hat nie daran geglaubt, dass jene, die mit ihrer rigiden Niedrigpreispolitik die grausamen Produktionsmethoden heraufbeschworen haben, auch die sein werden, die sich für teures Tierwohl einsetzen.

Denn genau das ist es: teuer. Will man das Leben der Tiere verbessern, ist es eben nicht allein eine Frage der Haltung. Das ist nur die zwingende Voraussetzung, dass Tiere halbwegs vernünftig leben können.

Entscheidend aber ist, wie das Tierwohl in den einzelnen Ställen verwirklicht wird, das Stallmanagement. Anlagen mit Tausenden Tieren sind nicht automatisch schlechter als kleine, von dem Vorurteil müssen sich die Anhänger kleinbäuerlicher Landwirtschaft verabschieden. Manch Großer ist hervorragend geführt, manch kleiner Nebenberufsbauer hat nicht einmal das Geld für Fenster. Es gibt konventionell wirtschaftende Bauern, die gesündere Tiere haben als Biokollegen. Wahr ist aber auch: Viele Große funktionieren nach der Logik von Industriebetrieben, mit Melkrobotern, automatischen Mistschiebern, Fließbändern - und möglichst wenig Personal.

Das entscheidende Kriterium dürfe nicht der weiche Begriff "Tierwohl" sein, sondern die Tiergesundheit, schlägt Wolfschmidt vor. Die Zahlen werden bereits dokumentiert, denn die Schlachthöfe führen Buch über kaputte Schweinelungen, entzündete Rindermägen, kranke Euter, infizierte Hühnerkrallen. Sie sehen an den Organen der Tiere, wie diese gehalten wurden.

Tierärzte könnten medizinische Kriterien erarbeiten und Zielgrößen für tolerierbare Störungen formulieren. Gesetze und Kontrollen müssten sicherstellen, dass die Vorgaben strikt eingehalten werden. Man könnte zum Beispiel schlicht verbieten, die Milch euterkranker Tiere mit der gesunder Tiere zu verpanschen. Wenn der Bauer die kontaminierte Milch nicht losbekommt, wird er sich schnellstens um die Gesundheit seiner Kuh kümmern.

Das Geld für diese Wende wäre da, es müsste nur umgewidmet werden. 6,8 Milliarden Euro an Agrarsubventionen allein durch die EU werden an deutsche Bauern ausgezahlt, die Höhe hängt vor allem von der bewirtschafteten Fläche ab. Besser wäre es, das Geld an den Zustand der Tiere zu binden und parallel dazu ein flächendeckendes Monitoring zu finanzieren.

"Die überfällige fundamentale Wende in der Tierhaltung muss kommen, national und auf europäischer Ebene", sagt Wolfschmidt. Die Aufgabe, zu einem besseren Leben der Tiere beizutragen, dürfe schon aufgrund der Gesetzeslage nicht dem Verbraucher aufgebürdet werden. Sie müsse gesellschaftlich ausgehandelt und mit staatlichem Zwang durchgesetzt werden.

Doch was ist gewonnen, wenn die Tierhaltung ins Ausland abwandert und Billigimporte die tiergerechten Produkte europäischer Hersteller verdrängen? Dann verhindere man das eben mit einem europaweiten Vermarktungsverbot für Produkte, die den EU-Anforderungen nicht genügen, sagt Wolfschmidt.

Handelsrechtlich kann das schwierig werden, stellt es doch ein Handelshemmnis für ausländische Anbieter dar. Doch andere ungewollte Produkte, wie etwa das US-Hormonfleisch, hält man sich auch vom europäischen Leibe und zahlt Strafen.

Für die Verbraucher würde eine bessere Tiergesundheit bedeuten: Der Preis für tierische Produkte steigt. Im Gegenzug können sie guten Gewissens genießen. Dafür, dass sich auch arme Menschen Fleisch leisten können, muss die Sozialpolitik sorgen, nicht die Agrarpolitik. Der Hartz-IV-Regelsatz müsste dann entsprechend angehoben werden.

Auch für die Bauern sieht Wolfschmidt einen Anreiz: "Die Landwirte bekämen endlich die Chance, aus der Tierquälerecke zu kommen, in die sie durch die vorherrschenden Marktbedingungen gedrängt werden."

Den Nutztieren ein akzeptables Leben und einen schmerzlosen Tod zu bieten ist das Mindeste, was man ihnen schuldet.

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Heft 38/2016
Hillary Clintons Schwäche wird zur Gefahr für die Welt


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Seite 1
sattel 19.09.2016
1.
So ein ethisch wichtiges Thema sollten Sie nicht in einem Bezahl-Artikel bringen, sondern leicht zugänglich einem größeren Publikum präsentieren. Die Hemmschwelle, sich der Konfrontation mit Tierleid zu stellen, ist groß genug! MfG
g_bec 19.09.2016
2. Pft.
Zitat von sattelSo ein ethisch wichtiges Thema sollten Sie nicht in einem Bezahl-Artikel bringen, sondern leicht zugänglich einem größeren Publikum präsentieren. Die Hemmschwelle, sich der Konfrontation mit Tierleid zu stellen, ist groß genug! MfG
Ooooh. Also, entweder, Sie investieren 39 ct oder Sie kaufen sich das neue Spiegel-Heft. Wahlweise können Sie sich auch im Bahnhofskiosk Ihrer Wahl den Artikel durchlesen und das Heft zurücklegen (müssen Se nur schnell sein:). Wenn es denn soooo wichtig für Sie ist. Zum Artikel: Naja, es geht doch hier um Nutztiere, die nur existieren, um am Ende des Tages geschlachtet zu werden. Sicherlich kann man es besser machen, aber am Ende sind alle rosa Schweine Speck. Und das mit der Lebenserwartung: 20 Jahre alte Schweine sind ungenießbar, acht Jahre alte Hühner ebenfalls. Was soll uns also die "statistische Lebenserwartung" sagen? Bzw. wo sollen die Schnitzel auf Beinen so lange unterkommen?
hausierer 19.09.2016
3. Das ist ethisch nicht mehr vertretbar
wir sollten uns so langsam mal von den Urinstinkten unserer Vorfahren verabschieden...es ist ein Frevel jeden Tag Fleisch zu essen und Tiere quasi zu Tode zu quälen ....wenn die Fleischfresser einmal durch einen Schlachthof gehen würde oder einen Tiertransport begleitet hätten wäre die Lust am auffressen von Lebewesen ganz schnell vorbei....es ist einfach unerträglich sich Milliarden Todesschreie von wehrlosen Tieren vorzustellen, die Tag für Tag um die Erde hallen .....Dazu kommt dann auch noch die grenzenlose Verschwendung in dem man Fleischprodukte unnötigerweise entsorgt oder den berühmten Teller nicht leer macht....ein respektloser und frevelhafter Umgang mit Lebewesen und Nahrungsmittel....aber die Quittung dafür bekommen wir noch ......
spmc-135322777912941 19.09.2016
4. Für diesen Artikel habe ich die 39 cents bezahlt.
Ich habe dieser Tage in dem manchmal guten deutschen Fernsehen einen Bericht gesehen über einen Landwirt der sich vor vielen Jahren von der konventionellen Viehzucht abgewandt hat weil er das Leid der Tiere nicht mehr ertragen wollte. Er hat mit tränenerstickter Stimme davon erzählt wie Schweine (oder waren es seine Kühe) auf dem Schlachthof weinen wenn sie stundenland herumstehen und auf den Tod warten müssen. Wahrscheinlich hören sie die Todesschreie ihrer Artgenossen oder riechen den Tod. Heute hat er ein fast freundschaftliches Verhältnis zu seinen Tieren und hat es durchgesetzt dass er sie selbst mit einem Gewehr mit Schalldämper schiessen darf bevor sie dann auf die übliche Art von einem mobilen Schlachtgerät geschlachtet werden und ausbluten.
barrakuda64 19.09.2016
5. Wo ist der so oft genannte Unterschied?
Überall heißt es, der Mensch unterscheidet sich vom Tier, daher darf er es u. a. töten und essen. Wo aber ist der Unterschied, wenn dann in der Diskussion zu diesem Thema argumentiert wird, dass es in der Natur eben so ist, der Löwe die Gazelle reißt und frißt, die Katze die Mäuse fängt und frißt usw. Hier scheint man sich dann gerne mit dem Tier vergleichen und auf eine Stufe stellen zu wollen. Es gibt genügend Alternativen und gerade die letzten 2 Jahre haben ein Fülle von Fleischersatzprodukten auf den Markt gebracht, die den Vergleich mit Fleischprodukten nicht mehr scheuen müssen. Man muss sich vielleicht geringfügig umstellen, aber der größte Teil findet im Kopf statt und die meisten Leute sind eben unflexibel und nicht offen für Neues. Stattdessen wird hier der "starke Mann" zur Schau gestellt, denn der "starke Mann" isst Fleisch und läßt sich nichts vorschreiben. Wie "stark" Mann ist, sieht man dann, wenn es darum geht, politische Veränderungen herbeizuführen. Da ist man dann gleich wieder sehr leise, politisch angepaßt und "korrekt". Lassen Sie doch da mal ihre "Muskeln" spielen! Im Übrigen ist die Achtung und Fürsorge für die Schwächeren (das sind in diesem Fall die Tiere) wahre Stärke!! Das zu begreifen bedarf es aber eines Weitblickes und einer philosophischen Lebenseinstellung, die Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte voraus ist.
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