AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 11/2017

Politiker auf Tinder Flirt mit den Liebesuchenden

Tinder-Nutzer suchen die Liebe oder Sexpartner. Jungpolitiker suchen Menschen, um sie als Wähler zu gewinnen - auch über die Dating-App. Wie kommt das an?

Sozialdemokrat Freier-Winterwerb
DPA

Sozialdemokrat Freier-Winterwerb


Alexander, 29, Dreitagebart, dazu Sakko, Hemd, verträumtes Lächeln. Eigentlich ein ganz normales Profilbild auf der Dating-App Tinder, nur der Schriftzug stört: "Wahlkreiskandidat für den Treptower Norden" steht da - und auf einem zweiten Foto: "Am 18. September SPD wählen".

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Heft 11/2017
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Alexander Freier-Winterwerb hatte sein Tinder-Profil für die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus angelegt. Der Sozialdemokrat, der inzwischen 30 geworden ist, nutzte die Dating-App, um vor der Wahl "mit Menschen in Kontakt zu kommen, die man sonst nicht erreicht". Statt eines Mannes für eine Nacht fanden die Interessenten in Freier-Winterwerb jemanden, der mit ihnen über Politik reden wollte und Fragen zur Vergabe von Kitaplätzen beantwortete.

Florian Nöll, 33, ebenfalls Kandidat für das Berliner Abgeordnetenhaus, wenn auch für die CDU, versuchte es auf demselben Weg: "Ich kam mit Bürgern ins Gespräch, die mich an einem CDU-Stand nicht angesprochen hätten."

Politik statt Sex, Wahlsieg statt große Liebe - wie reagieren die Nutzer?

Zusätzlich zu Facebook und Twitter bieten Dating-Apps neue Möglichkeiten, Wähler zu erreichen. Sie erlauben es, Menschen in einer bestimmten Region anzusprechen, also in einem Wahlkreis, was vor allem für Direktkandidaten interessant ist.

"Politiker müssen sich heute die Frage stellen: Wo erreicht man diejenigen, die sich null für Politik interessieren?", sagt Martin Fuchs, Politikberater und Social-Media-Experte aus Hamburg. "Eine Antwort ist, dass man dorthin geht, wo die Menschen ihre Freizeit verbringen, und dazu gehört Tinder."

Die Schweizer Grünen-Politikerin Aline Trede, 33, entdeckte als eine der Ersten das Potenzial von Tinder für die Politik. Sie nutzte die App für den Nationalratswahlkampf 2015. "Ich hatte damals gelesen, dass Tinder in der Schweiz total abgeht. Also dachte ich: warum nicht auch das probieren?", sagt Trede. Sie legte einen privaten Account an und lud ein Foto hoch, inklusive Slogan und Hinweis auf die Nationalratswahl.

Dann ließ sie sich Männer und Frauen aus dem Kanton Bern, ihrem Wahlkreis, anzeigen und wischte alle nach rechts - bei Tinder das Zeichen, dass man an einem Kontakt interessiert ist. Wenn die anderen ebenfalls nach rechts wischen, gibt es ein Match, und man kann kommunizieren. Tredes Plan: mit jedem Match chatten und ihn oder sie zum "Bier mit mir" einladen, ihrer Wahlkampfveranstaltung.

Politik inmitten potenzieller Partner, das gefällt nicht allen: Tredes Tinder-Account wurde schnell vom Unternehmen blockiert, andere Nutzer hatten sie gemeldet. Bei Freier-Winterwerb beschwerte sich eine Frau persönlich: Sie finde die Tinder-Aktion blöd und wolle deswegen doch nicht wie geplant SPD wählen. Auch Nöll berichtet von vereinzelter Kritik: Tinder sei ihr privater Bereich, da hätten sie keine Lust auf Politik, schrieben ihm einige Leute.

In den Nutzungsbedingungen von Tinder steht, der Service sei "nur für den persönlichen Gebrauch" bestimmt. Auf Nachfrage teilt das Unternehmen mit, man unterstütze, wenn Menschen ihre politischen Ansichten auf Tinder teilen, erlaube aber kein "Spamming". Nutzer sollen also nicht mit Inhalten belästigt werden, die mit Partnersuche nichts zu tun haben.

Dabei hat auch Tinder schon politische Inhalte verbreitet: Für die US-Wahlen entwickelte das Unternehmen das Feature "Swipe the Vote". Nutzer wischten sich durch politische Statements: Rechts bedeutete Zustimmung, links Ablehnung. Am Ende wurde der Kandidat angezeigt, der am besten zu den eigenen politischen Einstellungen passte. Die Firma überlegt noch, ob sie ein solches Feature auch für die Bundestagswahl anbieten wird.

Die großen deutschen Parteien planen nicht, Tinder im Bundestagswahlkampf einzusetzen. "Wir konzentrieren uns derzeit auf Facebook, Twitter, Instagram und Snapchat", heißt es aus der CDU-Zentrale. Die SPD schreibt: "Wir planen derzeit keinen Einsatz von Tinder im Wahlkampf", für einzelne Kandidaten könne dies aber "durchaus ein lohnender Wahlkampf-Gag" sein. Tatsächlich ist der Einsatz von Tinder für solche Kandidaten besonders geeignet, die Lust auf Dialog mit der jüngeren Zielgruppe haben.

Denn wer mit potenziellen Wählern kommunizieren will, braucht Zeit. Erstens muss er möglichst viele Profile nach rechts wischen. Zweitens muss er mit den Menschen hinter den Profilen dann auch persönlich chatten. Außerdem bewegen sich auf Tinder vor allem junge Menschen; rund 80 Prozent der aktiven Nutzer sind unter 35 Jahre alt. Das macht es für die meisten Politiker schwierig: "Angela Merkel oder Martin Schulz brauchen da nicht aufzutauchen", sagt Freier-Winterwerb.

Er selbst bezeichnet seinen Ausflug auf Tinder mit rund 700 Matches als Erfolg, auch wenn er es nicht ins Abgeordnetenhaus schaffte. Ähnlich ging es CDU-Politiker Nöll, der sagt, er sei via Tinder mit einigen Hundert Menschen in Kontakt gekommen: "Ich würde fast sagen, die Gespräche waren seriöser als im Straßenwahlkampf." Er diskutierte mit Pazifisten über die Notwendigkeit von Rüstungsexporten, Menschen, die von sich aus wohl nie an einen CDU-Stand gekommen wären.

Die beiden Jungpolitiker würden Tinder wieder im Wahlkampf einsetzen. Allerdings nur noch maximal zweimal, sagt Freier-Winterwerb, "dann bin ich zu alt".



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