AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 32/2017

Urlaubstrend Warum Gruppenreisen so beliebt sind

Mit fremden Menschen gemeinsam in den Urlaub? Ein Sozialpsychologe erklärt das Phänomen Gruppenreise - und warum sie manchen wieder zum Kind macht.

Teilnehmer einer Busreise in den USA
Iconica/Getty Images

Teilnehmer einer Busreise in den USA

Ein Interview von


SPIEGEL: Was ist das Besondere am Verreisen mit einer Gruppe?

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Heft 32/2017
Wie Bundesregierung und Konzerne den Ruf der Auto-Nation Deutschland ruinieren

Ullrich: Eine Gruppe ist immer von ähnlichen Prozessen geprägt, egal ob es um einen gemeinsamen Urlaub geht oder das Aufführen eines Theaterstücks: Sie braucht Zeit, sich zusammenzufinden, sie braucht Führung, und sie braucht den richtigen Mix aus Mitgliedern, damit sie gut funktioniert.

SPIEGEL: Wer sollte sich auf ein solches Erlebnis einlassen?

Ullrich: Gut geeignet sind Menschen, die wissen, wie man sich in eine Gruppe einfügt - weil sie es etwa aus ihrem Beruf schon kennen. Wer für neue Projekte ohnehin immer wieder mit Fremden zusammenarbeiten muss, kriegt sicher auch eine Gruppenreise ganz gut hin. Wer hingegen wenig Erfahrung darin hat, mit fremden Personen zurechtzukommen, wird die Rollen, die bei einer Gruppenreise auf ihn zukommen, in seinem Alltagsleben nicht gut geübt haben. Für so einen Menschen ist es, als wäre er ein Schauspieler, der eben erst sein Skript erhalten hat und jetzt schon zum Auftritt auf die Bühne muss.

SPIEGEL: Welche Vorteile haben Gruppenreisen?

 Sozialpsychologe Johannes Ullrich, 39, von der Universität Zürich
Soraya Haessler

Sozialpsychologe Johannes Ullrich, 39, von der Universität Zürich

Ullrich: Sie bieten Organisation und Geselligkeit. Wir schließen uns Gruppen an, weil sie uns bei der Unsicherheit helfen, die wir im Ausland bisweilen verspüren. In der Gruppe können wir uns über das, was uns fremd erscheint, austauschen. Außerdem befriedigt eine solche Gruppe unser Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Aber ich kenne natürlich genug Menschen, die sich lieber zwei Wochen einen Mietwagen nehmen und allein durch die Landschaft gondeln. Und es ist auch nicht jedermanns Sache, brav hinter einem Reiseleiter herzudackeln.

SPIEGEL: Weshalb benehmen sich manche Menschen auf Gruppenreisen, als wären sie plötzlich wieder in der Pubertät?

Ullrich: Bei vielen von uns werden Erinnerungen an Klassenfahrten wach. Und manche greifen dann wahrscheinlich auf frühere Verhaltensmuster zurück. In der Psychologie nennen wir dieses Phänomen Übertragung: wenn wir uns gegenüber fremden Personen so verhalten, wie wir es gegenüber ganz wichtigen Menschen in unserem Leben getan haben, an die sie uns erinnern. Auf einmal wird der Reiseleiter dann zum Klassenlehrer, und wir agieren nach dem gleichen Schema, das wir vor 20 oder 30 Jahren angewendet haben. Der eine "Schüler" lehnt sich gegen jede Anordnung einer Autorität auf, der andere spielt wie früher den Klassenkasper. Und dann gibt es noch diejenigen, die bei jedem noch so kleinen Problem um Hilfe bitten.

SPIEGEL: Auf Gruppenreisen werden wir wieder zum hilflosen Kind?

Ullrich: Bei vielen mag das tatsächlich so sein. Jeder Mensch hat seinen eigenen Umgang mit Führung erlernt. Und es gibt nun einmal Menschen, die gern geführt werden. Und wenn ihnen dann so eine Führung angeboten wird - und sei es in Form einer Reiseleitung -, dann bekommen sie Dinge, die sie vorher 30 Jahre lang gut allein geschafft haben, plötzlich nicht mehr hin. Und lassen sich eben jede Toilette persönlich zeigen.

SPIEGEL: Noch anstrengender sind vermutlich die Rebellen?

Ullrich: In der Tat. Wer grundsätzlich ein Problem mit Führung hat, sucht gern die Rivalität mit dem Reiseleiter. Solche Typen werden widerständig und können die Gruppe sabotieren. Zum Glück entdecken andere wiederum den Mediator in sich. Sie stellen fest, dass sie Extreme gut ausgleichen können. Sie schaffen es, die Rebellen wieder in die Gruppe zu integrieren. Oder ihnen gelingt es, jene Teilnehmer zu aktivieren, die allzu passiv sind. Das Spannende an einer solchen Reise ist zu erkennen, dass wir keine Roboter sind, die nur über ein begrenztes Verhaltensrepertoire verfügen. Es können sich ganz neue Dynamiken entwickeln.

SPIEGEL: Das bedeutet, Teilnehmer von Gruppenreisen wachsen an ihren Aufgaben und lernen sich selbst neu kennen?

Ullrich: Das kommt darauf an. Es macht natürlich einen großen Unterschied, ob fünf Ehepaare gleichen Alters aufeinandertreffen oder eine bunt zusammengewürfelte Gruppe von Alleinreisenden. Die Ehepaare verfallen wahrscheinlich schnell wieder in ihre gewohnten Rollen. Bei den Alleinreisenden hingegen ergeben sich aus dem Zufall, der einen mit unerwarteten Charakteren zusammenbringt, Chancen, aus ursprünglichen Mustern herausgerissen zu werden.

SPIEGEL: Welche Chancen meinen Sie?

Ullrich: Zum Beispiel, sich mal abzugucken, wie andere sich so in der Fremde bewegen. Nicht nur mit dem Baedeker in der Hand durch die Gegend zu laufen, sondern miteinander ins Gespräch zu kommen. Man kann auf solchen Reisen viel voneinander lernen. Dazu gehört auch die Chance zu erfahren: Was bin ich für ein Typ, wenn ich mit anderen in einer Gruppe zusammen bin?

Touristen auf Safari in Indien: "Es gibt Menschen, die gern geführt werden"
imago/Nature Picture Library

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SPIEGEL: Woran erkenne ich eine gut organisierte Gruppenreise?

Ullrich: Ich bin kein Tourismusexperte, aber als Sozialpsychologe kenne ich das Format Gruppe als etwas unglaublich Bereicherndes. Ob in der Arbeit, in der Bildung oder in der Freizeit: Gruppen fordern uns als Individuen heraus, sie spornen uns an - aber sie können auch zu sozialen Problemen führen wie Mobbing, der Ausgrenzung Einzelner. All diese dynamischen Prozesse kommen auch auf Gruppenreisen zum Tragen. Aus diesem Grund ist es wichtig zu wissen, wie gut sich der Veranstalter mit diesem schwierigen Format auskennt. Betrachtet er eine Gruppenreise nur als eine Summe von Buchungen der gleichen Reise? Oder gestaltet er sie aktiv? Eine Gruppe muss gut geführt und zusammengesetzt werden. Wenn man zwei Wochen gemeinsam unterwegs ist, muss es auch Gelegenheiten zur Selbstreflexion geben: Was läuft gut, was weniger gut? Dafür gibt es sehr kreative psychologische Techniken, die ein guter Reiseleiter kennen sollte.

SPIEGEL: Hat ein Veranstalter überhaupt die Möglichkeit, eine Gruppe gezielt zusammenzusetzen? Er kann ja schwerlich seine Kunden bei der Buchung fragen, ob sie sozial verträglich sind.

Ullrich: Es gibt trotzdem Möglichkeiten, sich zu orientieren. Ein gutes Beispiel dafür sind die vielen Leserreisen, die von Zeitungen oder Magazinen organisiert werden. Wer Abonnent des gleichen Qualitätsmediums ist, kann sich zum Beispiel einigermaßen sicher sein, dass er nicht mit Rechtsradikalen in einem Bus sitzt.

SPIEGEL: Wie fahren Sie selbst in Urlaub?

Ullrich: Wir machen demnächst eine kleine Deutschlandreise und besuchen unsere Eltern. Einen Familienurlaub also - die klassische Form der Gruppenreise. Bei der man ziemlich sicher in den Rollen bleibt, die man auch in den eigenen vier Wänden lebt.

Im Video: Die nervigsten Urlaubstypen

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