AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 36/2017

Profi-Fußball Wie Scheichs und Oligarchen den Transfer-Irrsinn befeuern

Europas Profiklubs haben diesen Sommer rund fünf Milliarden Euro für Spieler wie Neymar und Dembélé ausgegeben. Der Uefa sind die Rekordsummen nicht mehr geheuer, der Verband will gegensteuern. Aber wie?

Profifußballer Dembélé
WITTERS

Profifußballer Dembélé

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Uli Hoeneß hat eine tolle Idee, wie man das Wettrüsten im europäischen Spitzenfußball doch noch gewinnen kann. Der FC Bayern werde seine Superstars künftig einfach selbst ausbilden, sagt der Präsident des FC Bayern mit fester Stimme.

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Heft 36/2017
Der Kampf ums Kanzleramt: Worum es geht. Wer es kann.

Hoeneß, 65, steht auf einer Bühne in einem kleinen Festzelt und hält eine Rede zur Eröffnung des neuen Nachwuchsleistungszentrums, des "Bayern Campus". Das Gelände, 30 Hektar groß, liegt am Stadtrand von München. Es gibt acht Fußballplätze, eine Sporthalle, ein kleines Stadion, ein Internat mit Wohnungen für 35 Talente, eine Freizeitlounge mit Spieleecke, ein Schwimmbad, eine Kletterwand. Die Anlage hat 70 Millionen Euro gekostet. "Das ist unsere Antwort auf den aktuellen Transferwahnsinn und die Gehälterexplosion", sagt Hoeneß.

Vor ihm in der ersten Reihe sitzt Horst Seehofer und applaudiert begeistert. Made in Bavaria! Das gefällt dem Ministerpräsidenten.

Später gibt es eine Führung über das Gelände. Campus-Leiter Hermann Gerland, ein Mann, der am liebsten Trainingsjacken trägt, hat sich zum Festakt ein schwarzes Sakko übergezogen. Er wird gefragt, ob schon in dieser Saison mit einer messimäßigen Granate zu rechnen sei. Gerland schnaubt und dreht sich weg. Vorige Saison war er noch Assistent von Bayern-Coach Carlo Ancelotti. Gerland, 63, ist ein Trainer-Traditionalist. Er ließ auf dem Campus zwei Kopfballpendel aufhängen. Mit so etwas trainierte früher Gerd Müller. Es gibt auch einen künstlichen Hügel für harte Laufeinheiten. Und Reckstangen für Klimmzüge.
Schwer zu sagen, ob das am Ende wirklich reichen wird gegen das, was sich auf dem Fußballmarkt gerade tut.

In diesem Sommer gaben die Vereine in Europa rund fünf Milliarden Euro für Transfers aus. Ein neuer Rekord. Der französische Vizemeister Paris Saint-Germain, das Spielzeug des katarischen Investors Nasser Al-Khelaifi, bezahlte 222 Millionen Euro für den Brasilianer Neymar an den FC Barcelona. Rekord. Vorigen Montag verpflichteten die Katalanen den französischen Offensivspieler Ousmane Dembélé von Borussia Dortmund als Neymar-Ersatz. Für 105 Millionen Euro plus Boni. Bundesligarekord.

Bevor Gerland den Job als Chefausbilder übernahm, erklärte er Karl-Heinz Rummenigge, dem Vorstandsvorsitzenden des FC Bayern, dass man Geduld haben müsse. Topspieler könne man nicht von heute auf morgen heranzüchten.

Aber wie viel Geduld kann ein Verein wie der FC Bayern aufbringen?

Man kann sich vorstellen, wie Hoeneß und Rummenigge zusammenzuckten, als sie vom Dembélé-Deal erfuhren. Dortmund ist der große Gewinner des Transfer-Sommertheaters. 105 Millionen Euro plus einige fest vereinbarte Bonuszahlungen, das ist in etwa der Jahresumsatz des Hamburger SV. Damit lassen sich viele neue Pläne schmieden. Die erneute Qualifikation für die Champions League, vielleicht ein Angriff auf die Meisterschaft. Den Bayern-Bossen wird das nicht schmecken.

Dabei taten die Dortmunder lange so, als wären sie das Opfer in dem Geschacher um Dembélé. Nachdem Barcelona Interesse an dem Spieler bekundet hatte, legte dieser die Arbeit beim BVB nieder. Auf dem Fußballmarkt ist es ein neues Phänomen, im US-Sport seit Jahren als "Holdout" bekannt: Ein verdienter Spieler streikt so lange, bis er den gewünschten Vertrag oder Wechsel genehmigt bekommt. Tagelang war Dembélé angeblich nicht aufzufinden. Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke klagte über einen Niedergang von Anstand und Moral, verweigerte die Freigabe und erfuhr dafür viel Zuspruch. Endlich mal einer, der den gierigen Fußballmillionären die Stirn bietet.

SPIEGEL ONLINE (Foto: REUTERS)

Die Empörung der Dortmunder Führung war indes nur Teil des Schauspiels. Watzke wollte den Preis nach oben treiben. Der Poker ging auf. Die Personalplaner des FC Barcelona haben lange hin und her gerechnet, was Dembélé dem Verein eigentlich wert sei. Sie kamen auf eine Summe zwischen 70 und 100 Millionen Euro. Das geht aus einer internen Liste hervor, die dem SPIEGEL von der Enthüllungsplattform Football Leaks zugespielt wurde. Das erste Angebot, das die Spanier dann ablieferten, lag offenbar bei 85 Millionen Euro. Watzke lehnte ab. In einem Schreiben des BVB an Barcelona hieß es, unter 115 Millionen sei Dembélé nicht zu haben. Dazu sollten mindestens 20 weitere Millionen, höchstens 30 Millionen Euro an Bonuszahlungen kommen. "Bitte nehmen Sie zur Kenntnis, dass das unsere endgültige Position ist", schrieb der BVB. Ein bisschen verhandelt wurde dann doch noch: Am Ende bekam Dortmund 105 Millionen, dafür stehen nun weitere gut 40 Millionen Boni in Aussicht, wenn Dembélé mit Barcelona reüssiert.

Bereits bevor der Verkauf vorigen Montag offiziell verkündet wurde, präsentierte der BVB den ukrainischen Nationalspieler Andrij Jarmolenko als Neuzugang. 25 Millionen Euro bezahlen die Dortmunder für den Angreifer an Dynamo Kiew, der Dembélé nun ersetzen soll. Damit war die Kettenreaktion, die der Transfer von Neymar ausgelöst hatte, abgeschlossen.

Hermann Gerland kennt die Regeln der Fußballbranche. Der FC Bayern hat sich seine Vormachtstellung in der Bundesliga stets mit Geld erkauft. Die Talentausbildung ließen die Münchner schleifen. Mit dem Campus wollen sie einen neuen Weg einschlagen, weil sich abzeichnet, dass die Topspieler auch in Zukunft für Bayern kaum zu bezahlen sind.

Gerland holt jetzt die besten Talente bereits im Teenageralter nach München. Auf dem Campus werden die Jungs dann mit dem größtmöglichen Aufwand geschult. Gerland verfügt über das größte, beste, modernste Ausbildungszentrum im deutschen Fußball - und steht trotzdem auf verlorenem Posten.

Der FC Bayern trifft in der Gruppenphase der Champions League auf Paris Saint-Germain. Die Franzosen gaben schon in den vergangenen Jahren sehr viel Geld für Neuzugänge aus, diesen Sommer kannten der Klub und sein arabischer Investor gar keine Grenzen mehr.

Vor sechs Jahren wurde von der Uefa, dem europäischen Fußballverband, das Financial Fair Play eingeführt, wonach Vereine nicht unbegrenzt Geld für Neuzugänge ausgeben dürfen. Schon beim Neymar-Transfer scherte sich PSG nicht um die Regelung. Die Uefa war düpiert.

Vorigen Donnerstag dann der nächste Eklat: Da verpflichtete Paris auch noch den Offensivspieler Kylian Mbappé vom AS Monaco für 145 Millionen Euro plus Boni. Der junge Franzose soll zunächst nur auf Leihbasis nach Paris wechseln.

Im Vorfeld zu dem Transfer hatte sich ein regelrechter Krimi abgespielt. Denn eigentlich hatte die Uefa Paris den Kauf Mbappés untersagt.

Bereits kurz nach dem Neymar-Geschäft hatte Uefa-Präsident Aleksander Ceferin dem Katarer Khelaifi klargemacht, dass der Verband Verstöße gegen das Financial Fair Play sanktionieren werde. Trotzdem verhandelte PSG munter mit Mbappé. Diese Woche schickte die Uefa deshalb eine Delegation nach Paris, um noch mal ihren Standpunkt klarzumachen. Unter anderem wurde dem Klub mit dem Rauswurf aus dem Europapokal gedroht.

Doch es half alles nichts. Wenige Stunden bevor das Transferfenster am Donnerstag schloss, gab PSG den Wechsel bekannt. "Am Ende", so ein Uefa-Mitarbeiter gegenüber dem SPIEGEL, "war der Emir mächtiger als unser Verband."

Beendet ist der Machtkampf damit nicht. Wie der SPIEGEL erfuhr, forderte die Uefa umgehend alle Unterlagen zum Mbappé-Deal an. "Auf uns schaut die ganze Welt, wir müssen jetzt handeln", heißt es aus der Uefa-Zentrale in Nyon.

DER SPIEGEL

Im europäischen Fußball herrschen Wildwest-Verhältnisse. Der italienische Zweitligist Parma Calcio hat in den letzten beiden Jahren 63 Spieler verpflichtet. Der FC Chelsea hat zurzeit 29 Spieler an Vereine in ganz Europa verliehen. Der FC Barcelona schmeißt trotz Schulden mit Geld um sich. Die Profiteure des Irrsinns sind die Profis und ihre Berater. Für den Wechsel Dembélés nach Barcelona könnte dessen Agent neun Millionen Euro kassieren. Das ist jedenfalls in einer internen Kostenaufstellung des FC Barcelona vermerkt, die Football Leaks dem SPIEGEL überlassen hat.

Der Spieler selbst, gerade mal 20 Jahre alt, würde demnach bei den Katalanen zwölf Millionen Euro im Jahr verdienen. Plus Boni, die sich im besten Fall auf über 20 Millionen summieren können.

"Der Transfermarkt ist explodiert", sagt Christian Heidel, Manager von Schalke 04. Weil die Ware Fußballer gefragt ist, kann der Klub aus Gelsenkirchen gute Spieler teuer verkaufen. So komme Geld in die Kasse. Andererseits entstehe durch die vielen Investorenklubs ein gefährlicher Sog, warnt Heidel. Um mit ihnen mithalten zu können, würden sich viele Vereine, die sich nur aus ihren Fußballeinnahmen finanzieren, übernehmen.

Das Harakiri-Risiko macht viele Vereine krank. "In England entsteht gerade eine Blase", glaubt Heidel. "Die Kader der dortigen Profiklubs werden immer größer. Die haben inzwischen Probleme, Spieler verleihen zu können, weil die niemand außerhalb der Insel mehr bezahlen kann."

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Rafael Buschmann und Michael Wulzinger:
Football Leaks

Die schmutzigen Geschäfte im Profifußball

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André Bühler ist Direktor des Deutschen Instituts für Sportmarketing in Reutlingen. In einer Studie hat er festgestellt, dass über die Hälfte der deutschen Fußballfans sagt: Wenn das so weitergeht, machen wir nicht mehr mit. "Wir sind jetzt an einer Schwelle, an dem der gesunde Menschenverstand aussetzt", sagt Bühler.

In den vergangenen Jahren wuchsen die Transferausgaben in den fünf größten europäischen Ligen im Schnitt jährlich um elf Prozent. Wenn sich diese Entwicklung fortsetzt, würde 2030 der erste Spieler für eine Milliarde Euro verkauft. Ist das vorstellbar?

Bühler glaubt, dass es nicht so weit kommt. Schon die Summe, die Paris für Neymar bezahlt habe, lasse sich "nicht mehr erwirtschaften".

Hermann Gerland fragt: "Wie viele Nullen hat noch mal eine Milliarde?"

Er steht in seinem schwarzen Sakko auf dem Bayern Campus unter dem Kopfballpendel. Es ist heiß, er schwitzt. Er muss liefern. Hoeneß will die Champions League gewinnen. Gerlands Gegner sind Scheichs und Oligarchen. Er marschiert nachdenklich in sein Büro, das im zweiten Stock des Internats liegt. Und das Einzige, was er tun kann, ist, sein Sakko abzulegen, die Trainingsjacke anzuziehen und an die Arbeit zu gehen.



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citizen01 05.09.2017
1. Bei diesen Preisen und Risiken werde die
Fußballer schnell zu Sklaven, die sich gesundheitlich ruinieren. Oder rechtzeitig aussteigen.
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