AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 37/2017

Neues Cro-Album "tru." Kauf dir noch 'ne Villa

Cro wollte die Grenzen zwischen Pop und Rap sprengen. Ist es ihm gelungen?

Hip-Hopper Cro: Frauen, Kumpels und ein wenig Gras
Saeed Kakavand

Hip-Hopper Cro: Frauen, Kumpels und ein wenig Gras

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Der Musiker Cro lebt inzwischen auf einem Berg, in einer Villa mit 17 Zimmern. Er hat riesige Konzerte gespielt, einen Kinofilm gedreht und Millionen verdient. Jetzt erscheint sein drittes Studioalbum, und die Frage ist, wie er darauf, bitte schön!, seine Erfolgsgeschichte weiterschreiben will.

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Heft 37/2017
Die Berliner Ruhe trügt - in Deutschland brodelt es

Die bisherige Erzählung beginnt vor fünf Jahren. Der Mediengestalter Carlo Waibel nimmt in seinem Schlafzimmer ein Album auf. Unter dem Namen Cro verschmilzt er Rap- und Popmusik zu kleinen Sprechgesangsohrwürmern. Es geht viel um Frauen, seine Kumpels, ein wenig Gras. Verkürzt gesagt: Gute-Laune-Musik auf Deutsch, die nicht sofort nervt.

Zuerst wird er dafür im Internet gefeiert, dann zu einem der erfolgreichsten deutschen Popstars. Dabei hilft ihm auch ein alter Showtrick: Cro versteckt sein Gesicht bei allen öffentlichen Auftritten hinter einer Pandabärenmaske. Es folgt ein weiteres Album. Dauerrotation im Radio. Werbeverträge mit McDonald's, Telekom und Mercedes-Benz.

Auf seinem neuen Album "tru." hört man Cro jetzt ein bisschen weiter beim Erwachsenwerden zu. Die ersten beiden Singles "baum" und "unendlichkeit" hadern auch pflichtschuldig mit dem Ruhm. Herausgekommen ist aber keine konsequente Coming-of-Age-Platte, eher ein Album im Wartestand. Bequemer Verwaltungs-Hip-Hop. Nicht wirklich misslungen, jedoch verraten die neuen Lieder leider wenig darüber, wohin Cro sich künstlerisch entwickeln möchte.

Das liegt vor allem an den Texten. Schon auf dem ersten Track "kapitel 1" kommt er zum Album-Fazit: "Alles, was ich brauche, ist Love." Selbst für überwiegend junge Fans eine eher schlichte Botschaft. Weiter geht es sinngemäß: Ich bleibe mir treu ("tru"). Ich hätte gerne eine tolle Frau, aber es gibt zu viele Bitches ("computiful"). Ich bin dieser Welt bereits entrückt ("alien"). Dagegen ist erst mal nichts einzuwenden. Nur hat er das auf seinem letzten Album auch schon erzählt und auf dem Album davor.

Cro ist jetzt 27 Jahre alt. Seine Musik stand bisher für die vertonte Leichtigkeit des Seins. Wie kaum ein anderer Künstler lieferte er Text-Gefühl-Bausteine, die eine ganze Generation unter die Sommerbilder ihrer Social-Media-Accounts kritzeln konnte. Einen Hit zu schreiben, das schien Cro überhaupt nicht anzustrengen. Nebenbei komponiert, produziert, designt und malt das Multitalent aus Stuttgart auch noch. Sein Debütalbum soll er in nur sechs Wochen aufgenommen haben.

Diesmal hat er sich ein bisschen mehr Zeit gelassen. Man hört verschleppte Beats, viel Hall, viel Auto-Tune, gesüßter Singsang, endlose Intros, endlose Outros. 120 Tonspuren in einem Song. Das alles klingt besessen, schlaflos, fast schon überproduziert. Cro ist ein passabler Rapper, aber es wirkt, als wenn jemand nach der dritten Bong in der Villa vorgeschlagen hätte, noch einen weiteren Effekt über die Songs zu legen, damit es fetter klingt. Das Album ist dann auch vollgepackt mit musikalischen Referenzen. Wer möchte, kann Daft Punk, Kanye West oder den dreifachen Grammy-Gewinner Chance the Rapper auf dem Werk entdecken. Sagenhafte 17 Songs sind so entstanden, für die De-luxe-Version sogar noch mehr.

Das alles ändert nichts daran, dass seine Geschichte vom Aufstieg zum Popstar auserzählt ist. Ein Dilemma für viele Musiker, die den großen Traum erreicht haben. Plötzlich können sie nur noch Songs darüber schreiben, wie es ist, berühmt zu sein. Es hätte sicher geholfen zu straffen, zu kürzen, den einen oder anderen Song einfach wegzulassen.

Eigentlich hätte man von Cro etwas anderes erwartet. Mut vielleicht. Der Rapper Casper etwa, hierzulande ähnlich erfolgreich wie Cro, veröffentlichte fast zeitgleich ein Album, das seine Fans nachhaltig irritiert. Viele Texte sind sperrig, die Musik experimentell. Es ist zumindest ein Wagnis. Auf dem Album von Cro ist als Feature-Gast der ehemalige Fugees-Musiker Wyclef Jean zu hören. Lediglich eine Kooperation mit der Hamburger R&B-Hoffnung Ace Tee ("slow down") lässt ein wenig Innovationswillen erkennen.

Ein Album wie dieses wird seinen Weg nach ganz oben in die Charts finden. Einzelne Lieder werden im Radio zu hören sein. Eine ausgedehnte Tournee wird eine weitere Villa in den Hügeln von Stuttgart finanzieren. Die künstlerisch durchaus spannende Frage, wie es nach einem Happy End weitergeht, beantwortet Cro auf "tru." jedoch nicht. Vermutlich weiß er gerade selbst nicht so genau, was darauf die Antwort ist. Cro wollte einmal die Grenzen zwischen Pop und Rap sprengen. Jetzt hängt er irgendwo dazwischen fest.

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