AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 55/2017

Macron, Trudeau, Lindner Endlich echte Männer

In der Politik sind jetzt die modernen Kerle gefragt: sexy, machtbewusst, kühn.

Premier Trudeau: Frauenverstehen statt Herrenwitze
Heinz Ruckemann/ UPI/ laif

Premier Trudeau: Frauenverstehen statt Herrenwitze

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Mitte Mai, kurz nachdem Emmanuel Macron die Präsidentenwahl in Frankreich gewonnen hat, ist plötzlich überall die Rede von einem neuen Typ Politiker: Justin Trudeau, der kanadische Premier, gehört dazu, der ehemalige italienische Ministerpräsident Matteo Renzi, der Österreicher Sebastian Kurz und eben Macron. Es sind jüngere, gut aussehende Männer, strahlend und charismatisch, eine Mischung aus 007 und JFK. Sie sind Profis der medialen Selbstinszenierung, bestens gekleidet, bespöttelt als Slim-Fit-Generation. Ihre Person überragt die Partei, sie sind unverhohlen machtbewusst und bereit zum Risiko.

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Heft 55/2017
Nach der Wahl: Die AfD überrollt die Volksparteien

Und es sind ausnahmslos Männer.

In diesen jungen Kennedys steckt der Wunsch nach Erneuerung. Sie bedienen die Sehnsucht nach einer anderen Politik, entschieden und offensiv, einer Politik, die Ziele benennt, auch wenn sie unbequem sind, die nicht abwartet und moderiert, sondern zuspitzt und zupackt. Es ist die Sehnsucht nach einer neuen Männlichkeit, die nicht breitbeinig und aggressiv daherkommt, ohne den Muff von Herrenwitz und Hinterzimmer. Wir erleben die Rückkehr des Mannes. Auch in Deutschland, wo die mächtigste Frau der Welt gerade ein historisch schlechtes Ergebnis eingefahren hat. Offenbar hat Merkels mütterliches Narrativ von der nüchternen, vernunftgesteuerten Frau, die Deutschland in einer Welt voll gefährlicher und unberechenbarer Männer führt, an Überzeugungskraft verloren.

Stattdessen hat FDP-Chef Christian Lindner, der sich selbst in einer Liga mit Macron und Kurz sieht, seine tot geglaubte Partei in den Bundestag zurückgeführt. Er will Deutschlands neuer Mann sein. Martin Schulz hätte es vielleicht sein können. Da war die anfängliche Begeisterung: "Martin, du geile Sau!" Da sollte einer geil regieren, führungsstark, auch das war ein Antrieb des Hypes um Schulz: nach zwölf Jahren Matriarchat - endlich wieder ein Mann.

Gut zehn Jahre zuvor hatte es so etwas wie einen Abgesang auf den männlichen Machtpolitiker gegeben. Der politische Alphamann habe ausgedient, hieß es bald nach der Wahl von Angela Merkel zur Kanzlerin. Typen wie Merkel, Hannelore Kraft oder Annegret Kramp-Karrenbauer gehöre die politische Zukunft, uneitel, unprätentiös und unaufgeregt. Ihnen entsprachen Männer wie Olaf Scholz, der - eben noch als Scholzomat verspottet - plötzlich zum Inbegriff eines beruhigenden Pragmatismus wurde.

Langeweile wurde zum Qualitätsmerkmal, quasi gleichbedeutend mit Verlässlichkeit. Leidenschaft war dagegen suspekt, irgendwie irrational und nah am Wahnsinn, Testosteron wurde zum Schimpfwort. Aus dem starken Mann wurde ein unbeherrschtes, triebgesteuertes Wesen, dem man Macht auf keinen Fall anvertrauen konnte. Machopose, Ellbogen und unverhohlener Machtwille sind seither verpönt, nie wieder Bastapolitik. Gerhard Schröder machte sich mit seinem röhrenden Fernsehauftritt nach seiner Abwahl 2005 zum Inbegriff eines Männertyps, der nicht gemerkt hatte, dass seine Zeit vorbei war.

Kanzler Schröder 1999
Marco Urban

Kanzler Schröder 1999

Doch wer deshalb geglaubt hat, die Zukunft sei weiblich, könnte sich irren. Die Merkelmüdigkeit, die der Kanzlerin jetzt ein so schwaches Ergebnis beschert hat, ist auch ein Überdruss an Merkels Politikstil, der bisher als ihre Stärke gegolten hatte. Tatsächlich war diese Politik immer ambivalent: zugleich wunderbar beruhigend und grässlich einschläfernd.

Merkels Erfolgsmodell war die konsequente Kühle, mit der sie sich von Schröder absetzte. Gleichzeitig vermied sie alles, was weibliche Stereotype bedient hätte. So gelang ihr die Verwandlung von Kohls Mädchen zum geschlechtsneutralen Wesen: das Merkel. Und dann, als ihre Macht gesichert war und sie nicht mehr fürchten musste, dass ihr Weiblichkeit als Schwäche ausgelegt würde, ergänzte sie das Bild durch Supermarkteinkauf und Kartoffelsuppe, eine wohldosierte Mütterlichkeit. Merkels Kanzlerschaft wurde zum Matriarchat.

Zugleich war Mutterschaft ein eigenes politisches Schlachtfeld, Kinderlosigkeit bot Angriffsfläche - von Frauen gegen Frauen. Die Unterstellung: Wer keine Kinder habe, denke nur an das Jetzt. Merkel wurde für ihre Kinderlosigkeit von Doris Schröder-Köpf und Frauke Petry attackiert, auch Theresa May musste sich von einer Konkurrentin vorhalten lassen, dass diese als Mutter sich der Zukunft des Landes einfach mehr verpflichtet fühle. Merkel schadete das nicht, im Gegenteil, vermutlich funktionierte das Modell "Mutter der Nation" gerade deshalb so gut, weil sie keine eigenen Kinder hat.

Während Merkels Zenit der Macht dauerte und dauerte, scheiterten reihenweise Männer: Unionsgranden und SPD-Kanzlerkandidaten, Horst Köhler und Christian Wulff, Guido Westerwelle und Karl-Theodor zu Guttenberg. "Sogar der deutsche Papst trat zurück", sagt der Psychologe Stephan Grünewald. Er stellte in seiner Forschung eine tiefe Verunsicherung der Männer fest. "Das Männliche ist in der Krise", sagt er. Männer hätten ein unklares Rollenverständnis, das alte Rollenmodell funktioniere nicht mehr, ein erfolgreiches neues, das nicht nur in der Anpassung an die Wünsche der Frau - Typus Schoßhund - bestehe, hätten die wenigsten gefunden.

Macron, Trudeau und Lindner sind die Antwort auf die Krise der Männlichkeit, postfeministisch, sensibel und sexy.

Das ist das offene Tor, durch das nun die neuen Politiker marschieren. Macron, Trudeau, Lindner & Co. sind die gelebte Antwort auf die Krise der Männlichkeit. Lindners Fans auf seinen Wahlveranstaltungen waren zu mindestens zwei Dritteln junge Männer. Die neuen Politiker sind - im Gegensatz zu Trump, Putin und Erdogan - die zivilisierte Variante des wiedererstarkten Mannes, postfeministisch, also einmal durch die Mangel der Frauenbewegung gedreht: Mann, aber nicht Macho, sensibel, sexy und komplett durchästhetisiert, einschließlich fünfstelliger Make-up-Kosten, Augenlaser und Haartransplantation. Zugleich sind sie smart, leidenschaftlich und kühn. Macron war bereit, seine Parteikarriere aufzugeben, um allein neu anzufangen, mit vollkommen ungewissem Ausgang. Er selbst bescheinigt seiner Politik einen "heroischen" Ansatz, sieht sich in der Tradition einer "jupiterhaften" Amtsauffassung. Das könnte schon fast von Karl-Theodor zu Guttenberg kommen.

Frankreichs Präsident Macron
AFP

Frankreichs Präsident Macron

Gerade der Mix von Signalen ist erfolgreich: Führungsstärke und Frauenverstehen, Erotik und Empathie. Trudeau ist Boxer, Familienvater und Feminist: "weil es 2015 ist", sagte er vor zwei Jahren. In Deutschland versucht Christian Lindner, es den neuen Männern gleichzutun. Er setzt konsequent auf Äußeres, mit seinem Unterwäschewahlkampf in NRW hat er als Einziger das Feld der Erotik bespielt, das in Bundestagswahlkämpfen seit Gerhard Schröder brach gelegen hatte. Anders als Macron, Kurz und Trudeau, die alle hohe Staatsämter innehaben, also echte Macht und Verantwortung, ist Lindner allerdings den Beweis noch schuldig, dass er unter dem Lack auch Substanz und Inhalt vorzuweisen hat.

Ein Problem der SPD ist, dass sie diesen Typ Politiker nicht im Angebot hat. Es war eben nur Wunschdenken, als die damalige Generalsekretärin Katarina Barley den Spitzenkandidaten bei einem Frauenabend im März als "George Clooney der SPD" feierte. Tatsächlich schnitt Schulz bei Frauen im direkten Vergleich fast ausnahmslos schlechter ab als Merkel.

Schulz versuchte, den Wunsch nach Führungsstärke zu bedienen, er forderte Härte gegen Erdogan und teilte aus gegen Trump. Aber letztlich konnte er die Erwartungen nicht erfüllen. Die Wähler spürten die Pose. Während Schulz in der Partei auf alles und jeden Rücksicht nahm und Sigmar Gabriel gewähren ließ, der seine Autorität als Parteichef systematisch unterminierte, blieb seine Durchsetzungsstärke nur Attitüde. Im TV-Duell agierte er viel zu konziliant und zaghaft, die Beißhemmung, die für einen männlichen Herausforderer gegen Merkel vor Jahren noch angebracht war, hätte Schulz sich nicht mehr auferlegen müssen. Er hätte viel entschiedener angreifen können. Schulz habe sich nicht als "durchsetzungsstarker Vater", sondern als "guter Onkel" erwiesen, sagt Grünewald. Es fehlte einfach der Machtwille: Der tut nichts, der will nur spielen.

So einem traut man dann auch die große Politik nicht zu. Merkel profitierte bislang vom Auftrumpfen des Patriarchats auf der Weltbühne. Sie war diejenige, die diese Männer in Schach hielt, indem sie sie auflaufen ließ: Donald Trump, den wütenden alten Mann, der die Welt nicht mehr versteht, Wladimir Putin, der eine Steinzeitmännlichkeit zur Schau stellte im halb nackten Kampf gegen wilde Tiere, Männer mit übersteigerter Kränkbarkeit wie der Türke Recep Tayyip Erdogan.

FDP-Chef Lindner
Getty Images

FDP-Chef Lindner

Doch nun machen die Neuen der deutschen Kanzlerin auf der großen Bühne Konkurrenz. Beim Nato-Gipfel im Frühjahr war Macron der Star, weil er den amerikanischen Präsidenten im Händeschütteln bezwang, einer Art Schrumpfform des Armdrückens, und damit eine deutlich andere Ansage als Merkels ruhige Hand. (Besonders gut: wie Melania ihrem Gatten Donald kurz davor auf die Finger haute, als er versuchte, ihre Hand zu ergreifen.)

Zugleich lässt in Deutschland die Aura von Merkels Mutti-Herrschaft nach. In der Flüchtlingskrise wurde aus der Mutter, die dafür sorgte, dass ihre Bürger ruhig schlafen konnten, eine fordernde Mutter, die sie mit Zumutungen behelligte und sich um die fremden Kinder kümmerte.

Aber die Entfremdung geht tiefer: Merkels Mutti-Modell hat etwas Gestriges. Deutschlands unruhiger Wahlkampf hat gezeigt, dass die Zeit der Apathie, die von ihm ausging, an ihr Ende kommt. Dabei hat Deutschland Glück: Die AfD kann bisher nur Alexander Gauland aufbieten. Nicht auszudenken, wenn eines Tages die Rechtspopulisten die Sehnsucht nach dem neuen Mann bedienen würden.



insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
karin.italienfan 10.10.2017
1. Endlich wieder ein Mann
Nach 12 Jahren Merkel kann ich der Autorin nur zustimmen, da wäre endlich wieder ein Mann wünschenswert. Leider ist so ein Exemplar in Deutschland nicht in Sicht. Außerdem müssen die genannten Profis der medialen Selbstinszenierung erst noch beweisen, dass sie fähig sind, eine andere Politik, nämlich für das jeweilige Volk zu machen. Machtbewusstsein alleine und gutes Aussehen reichen halt nicht. Wie man am Beispiel Frankreich sehen kann, weht Herrn Macron schon ein steifer Wind entgegen und die anfängliche Euphorie ist verflogen, zumindest in Frankreich.
spon-facebook-1027497194 10.10.2017
2. Sorry, Aber Schulz ...
... in diese Reihe einzugliedern, ist lächerlich. Wer Schulz in Brüssel über die Jahre verfolgt hat, weiß, dass er Teil jener Altherrenriege aus dem Hinterzimmer ist und noch langweiliger tickt als Merkel. Der Hype um ihn hatte nichts mit ihm aber viel mit der Verzweiflung der SPD-Basis zu tun. Die hätte sogar eine Mumie hochgejubelt, wäre da eine gewesen ... Dass diese neue Politikergeneration nur aus Männern besteht, besagt bei gerade einmal vier Leuten (Macron, Trudeau, Kurz und Lindner - Renzi zähle ich auch nicht zu dieser Riege) statistisch gar nichts und das Geschlecht sollte weder in die eine noch in die andere Richtung eine Rolle spielen. Zupacken können Frauen genau so wie Männer.
ayee 10.10.2017
3. Noch jubeln sie
Aber auch Macron, Trudeau und Lindner werden sich irgendwann vorhalten lassen müssen, die ungerechte Männergesellschaft zu verkörpern. Fraglich nur, wo die Frauen sind, die es besser machen? Welche, die andere mitreißen, die voran gehen und nicht nur in der Gruppe stark sind, die charismatisch sind, unbeirrbar, dem Ziel alles unterordnend. Welche, die nicht nur Verwalter sind. Die Hälfte der Bevölkerung ist immerhin weiblich. Da dürfte es an Kandidaten und Unterstützung doch eigentlich nicht mangeln.
Newspeak 10.10.2017
4. ...
Zitat von ayeeAber auch Macron, Trudeau und Lindner werden sich irgendwann vorhalten lassen müssen, die ungerechte Männergesellschaft zu verkörpern. Fraglich nur, wo die Frauen sind, die es besser machen? Welche, die andere mitreißen, die voran gehen und nicht nur in der Gruppe stark sind, die charismatisch sind, unbeirrbar, dem Ziel alles unterordnend. Welche, die nicht nur Verwalter sind. Die Hälfte der Bevölkerung ist immerhin weiblich. Da dürfte es an Kandidaten und Unterstützung doch eigentlich nicht mangeln.
Sahra Wagenknecht, Katja Kipping, Andrea Nahles, Renate Kuenast, Manuela Schwesig, Frauke Petry, Alice Weidel...ja, wo sind sie nur, die Frauen. Komischerweise fallen mir tatsaechlich keine Frauen bei CDU/CSU oder FDP ein. Das spricht Baende.
jujo 10.10.2017
5. ...
Ich habe Achtung und Bewunderung für Menschen die zu ihren Überzeugungen stehen und diese höher bewerten als ihr persönliches, in diesem Fall, politisches Schicksal. In näherer Vergangenheit gehören dazu Ex Kanzler Schröder und auch Frau Merkel, Obwohl ich sie nie gewählt habe, habe ich seit Herbst 2015 den allergrößten Respekt vor ihr. Macron, Trudeau und auch Lindner z.B. müssen mir diesen Beweis erst noch erbringen. Gutes Aussehen und ein sexy Image sind geschenkt!
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