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Ausgabe 6/2018

Mit bloßen Händen Warum eine Frau in fünf Wochen drei Menschen ermordet

Eine Frau aus Gießen bringt mit bloßen Händen drei Menschen um. Wie konnte es dazu kommen?

Angeklagte Tuba S.: "Nehmt mich fest, ich hab ihn umgebracht"
peter-juelich.com

Angeklagte Tuba S.: "Nehmt mich fest, ich hab ihn umgebracht"

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Die Frau, die eine Gefahr für die Allgemeinheit sein soll, freut sich. Tuba S. sieht ihre Familie wieder, als sie erstmals den Sitzungssaal 207 des Landgerichts Gießen betritt: Zuschauerraum, zweite Reihe, zwei Verwandte weinen. Sie lächelt; zuwinken kann sie ihnen nicht, ihre Hände sind auf dem Rücken gefesselt. Es ist der 17. Januar 2017, Prozessauftakt, die Anklage lautet: dreifacher Mord.

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Heft 6/2018
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Tuba S. versteckt sich nicht hinter einem Aktenordner oder hinter ihren Verteidigern vor den Blicken und den Fotografen. Aufrecht steht sie da, fester Blick, als wollte sie der 5. Großen Strafkammer, dem Staatsanwalt und den Besuchern im Saal sagen: Ich habe nichts zu verbergen, ich habe nichts getan.

Ein Jahr später, derselbe Gerichtssaal, ein anderes Bild. Tuba S., 36, lächelt nicht mehr. Regungslos hört sie am Dienstag zu, als die Vorsitzende Richterin Regine Enders-Kunze das Urteil begründet. Ihre Mutter, ihre Freundinnen werden später auf dem Flur vor dem Saal schreien und weinen. Das Gericht verurteilt Tuba S. zur höchsten Strafe, die ein deutsches Schwurgericht verhängen kann: lebenslange Haft unter Feststellung der besonderen Schwere der Schuld mit anschließender Unterbringung in Sicherungsverwahrung.

Wird dieses Urteil rechtskräftig, ist Tuba S. eine der wenigen Frauen, die in Sicherungsverwahrung kommen, nachdem sie die Haftstrafe verbüßt haben. Derzeit sind mehr als 500 Männer, aber nur eine Frau so untergebracht. Tuba S. sei voll schuldfähig, sagt die Richterin: "Sie wusste bei jeder Tat, was sie tat."

Der Staatsanwalt Thomas Hauburger sagt: Die Prognose der Angeklagten sei "extrem ungünstig", sie habe eine dissoziale Persönlichkeitsstruktur, psychopathische Wesenszüge, einen "Hang zu erheblichen Straftaten". Und der Anwalt Roland Weber spricht für Angehörige zweier Opfer, die er als Nebenkläger vertritt: Das Urteil lindere keineswegs deren Trauer oder Schmerz, aber es mindere den Schrecken.

Wie aber kann eine Frau, die in stabilen Familienverhältnissen aufwuchs, deren Leben fast 30 Jahre lang recht konstant verlief, so etwas tun? Wie wird aus jemandem, der stiehlt und Rezepte fälscht, eine Mörderin? Warum tötet ein Mensch innerhalb von fünf Wochen drei Menschen mit bloßen Händen?

Anfang April 2016 traf sich Tuba S. mit Freundinnen in Gießen, ihrer alten Heimat. Sie quartierten sich bei einer Bekannten ein, wollten auf ein Konzert gehen, dann setzte Tuba S. sich ab. Am 2. April 2016 kaufte sie Einweghandschuhe und besuchte Erich N., 79, den sie für vermögend hielt. Sie kannte den pensionierten Zauberkünstler, hatte früher im selben Haus gelebt.

Ihre Konten hatte sie zum Teil horrend überzogen, ihre finanzielle Lage war prekär, an Silvester hatten sie und ihre langjährige Lebenspartnerin sich getrennt, Tuba S. wollte aus der gemeinsamen Wohnung ausziehen - am liebsten zurück nach Aachen zu ihren Eltern. Die lehnten es ab, Tuba S. fühlte sich verletzt.

Sie hoffte offenbar, Erich N. habe noch immer größere Summen Bargeld zu Hause. Zwei Jahre zuvor hatte sie ihm 3000 Euro gestohlen, er hatte sie angezeigt, danach hatte sie ihm geschrieben: "Hallo Erich, ich bin somit auch vorbestraft, und das hat mir das Genick gebrochen." Wollte sie sich auch rächen?

In seiner Wohnung spielten sich dann, davon ist das Gericht überzeugt, schreckliche Szenen ab: Tuba S. schlug Erich N. ins Gesicht, warf ihn auf den Küchenboden, kniete sich auf seinen Brustkorb, drückte diesen fest zusammen und würgte ihn, bis er starb. Danach durchsuchte sie jedes Zimmer, hebelte eine Schreibtischschublade auf, suchte den Tresorschlüssel. Sie stahl einen Laptop, den Wohnungsschlüssel und vermutlich Bargeld.

In der Nacht kehrte sie zurück, stapelte Windelpakete unter dem Bett, verteilte Benzin auf Matratze, Boden und Regal, legte Erich N. ein in Terpentin getränktes Handtuch ins Gesicht, montierte die Rauchmelder ab. Dann legte sie Feuer.

"Es ist wichtig! Ich muss mit jemandem reden", schrieb Tuba S. am 5. April 2016 ihrer Freundin Sabine B. Die erinnert sich vor Gericht, dass zwei Tage später eine aufgelöste Tuba S. vor ihr stand: Diese habe geweint und gesagt, dass sie nicht wisse, ob sie jemals wieder glücklich werde, weil sie etwas getan habe.

Kurz darauf schickte Tuba S. ihr eine Nachricht: "Vor zwei Wochen habe ich etwas getan, was ich nie, aber nie von mir selber gedacht hätte. Und ich hab Schiss, dass es noch mal vorkommt oder sogar schlimmer."

Einer anderen Freundin schrieb sie: "Ich brauche ganz dringend 500-600 Euro. Glaub mir, ich weiß nicht, wen ich (noch) fragen kann." Einen Tag später schickte sie ihrer Ex-Partnerin eine Sprachnachricht: "Ich bin kurz davor, zur Polizei zu gehen und zu sagen: Nee, hier, nehmt mich fest, ich hab ihn umgebracht."

Fünf Wochen nach der ersten Tat traf Tuba S. in Düsseldorf, wo sie zu Besuch war, auf Jole G., die auf dem Weg zu ihrer Tochter war. Vermutlich hielt Tuba S. die elegante 86-Jährige, die auffälligen Goldschmuck trug, für wohlhabend. Bot Tuba S. der Älteren Hilfe an? Oder drängte sie sich unaufgefordert mit in die Wohnung der Tochter, die noch nicht zu Hause war?

Fest steht nach Ansicht des Gerichts: Tuba S. überwältigte Jole G., schlug sie nieder, kniete sich auf sie und schnürte ihr mit deren Halstuch die Luft ab, bis ihr Opfer starb. Sie nahm der Frau den Schmuck ab und lauerte der Tochter, Sylvia F., auf.

Als diese nach Hause kam, ging Tuba S. auch auf sie los, schlug sie zu Boden, die Tochter prallte gegen die Heizung, verletzte sich schwer am Kopf. Tuba S. verabreichte der Tochter zwei, drei Tabletten Zopiclon, ein Schlafmittel, das die Handlungsfähigkeit enorm einschränken kann, vermutlich um Sylvia F. die PIN-Codes für zwei EC-Karten zu entlocken.

Tuba S. durchwühlte die Wohnung, die Portemonnaies, stahl Schmuck, eine Schmuckschatulle, DVDs sowie einen Ehering - und erstickte Sylvia F. mit einem Kissen oder erwürgte sie. Anschließend inszenierte sie den Doppelmord als erweiterten Suizid: Sie verteilte Medikamente in der Wohnung und schrieb in ein aufgeschlagenes Sudoku-Heft: "Tut mir leid, Mama".

An einer Volksbank-Filiale hob sie - an den Händen Einweghandschuhe, vor dem Gesicht das Halstuch eines der beiden Opfer - 220 Euro von den Konten der Tochter ab. Später versuchte sie bei Händlern in Düsseldorf, Aachen und Berlin, den Schmuck zu Geld zu machen.

Für beide Morde gibt es keine Zeugen der Tat, kein Geständnis, aber viele Indizien, die nach Auffassung der Kammer nur einen Schluss zulassen: Tuba S. ist die Täterin. "Die Beweislage ist erdrückend", sagt die Vorsitzende Richterin.

Ermittler fanden Wertgegenstände aus der Düsseldorfer Wohnung bei Tuba S. zu Hause und am Tatort in Gießen Spuren ihrer DNA. Rechtsmediziner stellten fest: Alle drei Opfer erlitten Verletzungen im Gesicht, Griffhämatome an den Oberarmen und komprimierende Gewalt gegen den Hals.

Tuba S. verzichtete im Prozess darauf, irgendetwas zu erklären, sie schwieg.

Richterin Enders-Kunze (M.), Beisitzer in Gießen: Kein Geständnis, aber viele Indizien
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Richterin Enders-Kunze (M.), Beisitzer in Gießen: Kein Geständnis, aber viele Indizien

Geboren wurde sie 1981 in Aachen. Ihr Vater arbeitet als Kfz-Mechaniker in einer Autowerkstatt, ihr Bruder ist Großhandelskaufmann. Sie erhielt gute Zensuren, besuchte das Gymnasium, fiel jedoch durchs Abitur, in der mündlichen Prüfung im Fach Pädagogik hatte sie eine Sechs bekommen. Mit der Fachhochschulreife studierte sie in Gießen Medizintechnik, nach acht Jahren exmatrikulierte sie sich ohne Abschluss.

Sie begann eine Ausbildung als Krankenschwester. Sie litt wie im Studium unter Schlafstörungen, nahm regelmäßig Zopiclon, das Mittel, das sie nach Ansicht des Schwurgerichts auch Sylvia F. verabreicht hatte. Der Stress im Krankenhaus setzte ihr zu, sie erhöhte die Dosis auf bis zu zehn Tabletten pro Tag. Angeblich bestahl sie Patienten und Mitarbeiter, sie verlor ihre Stelle. Tuba S. fühlte sich zu Unrecht verdächtigt, schluckte eine große Menge Schlafmittel und wollte sterben. Sie wurde rechtzeitig gefunden und kam für eine Woche in die Psychiatrie.

Aus der Klinik entlassen, sann sie auf Rache. Sie habe das "nachgeholt", wofür sie zu Unrecht beschuldigt und bestraft worden sei, sagte sie dem psychiatrischen Sachverständigen, den die Staatsanwaltschaft bestellt hatte. Tuba S. ging an ihren früheren Arbeitsplatz, verkleidete sich als Ärztin, stahl dort Arzneimittel und Bargeld von Kollegen - und wurde erwischt.

Danach jobbte sie bei einer Firma in Gießen, ging zur Kur, nahm Antidepressiva und Schlafmittel. Bei Ärzten ließ sie abgestempelte Blankorezepte mitgehen und fälschte die Rezepte. Sie zog nach Köln, arbeitete in einem Supermarkt als Kassiererin, bis sie offenbar auch dort entlassen wurde, als es Unregelmäßigkeiten mit ihrer Kasse gab und ihr Betrug vorgeworfen wurde. Seither lebte sie von Hartz IV.

Sehr viele Frauen, die töten, haben selbst Gewalt erfahren - in ihrer Kindheit, in ihren Partnerschaften. Auch Tuba S. berichtete dem Sachverständigen, im Alter von 13 Jahren sei sie von einem Freund der Familie sexuell missbraucht worden. Wichtiger aber war ihr, dem Gutachter das schlechte Verhältnis zu ihrer Mutter zu schildern, die nur 17 Jahre älter ist als sie. Die Mutter sei streng, autoritär, fordernd gewesen. Sich selbst bezeichnete Tuba S. als Papakind. Ihr Vater war es auch, der nach ihrer Festnahme sofort auf der Dienststelle erschien.

Als Tuba S. im Alter von 20 Jahren ihrer Mutter erzählte, dass sie lesbisch sei, habe sich die Beziehung zwischen beiden nachhaltig verschlechtert. Nachdem sie ihrer Mutter im März 2016 in einem Brief von dem sexuellen Missbrauch in der Kindheit berichtet hatte, habe diese gereizt und verärgert reagiert, so berichtete es Tuba S. dem Sachverständigen - der einzige Moment während der Begutachtung, in dem sie weinte.

Der Sachverständige sah Hinweise auf eine schwer gestörte Persönlichkeit. Vor Gericht zeichnete er das Bild einer auffallend empathielosen, manipulierenden Frau mit psychopathischem Charakter. Auffällig sei, so die Kammer, dass sie nach den Morden stundenlang an den Tatorten geblieben sei, nahe den Leichen. Das beweise eine besondere Gefühlskälte.

Nach dem ersten Mord waren die Ermittler recht schnell auf die ehemalige Nachbarin Tuba S. gestoßen und luden sie als Zeugin vor. Die hatte eine Freundin um ein falsches Alibi gebeten und mordete wenige Tage später erneut.

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