Türkischer Offizier im deutschen Asyl "Ich darf eigentlich mit niemandem reden. Erdogans Leute sind überall"

Die türkische Justiz sucht ihn als einen der Anführer des Putsches gegen Erdogan, deutsche Behörden gewährten ihm Asyl: Hausbesuch bei Oberst Ilhami P.

Festgenommene Soldaten nach Putschversuch in Istanbul im Juli 2016
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Festgenommene Soldaten nach Putschversuch in Istanbul im Juli 2016

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Der Staatsfeind der Türkei kommt in Hausschuhen und Unterhemd an die Tür, er trägt einen grauen Dreitagebart. Nur einen Schlitz breit öffnet Ilhami P. an einem kalten Januartag die Wohnungstür im ersten Stock eines Fachwerkhauses, irgendwo in der westdeutschen Provinz. Draußen hat es gerade angefangen zu schneien. "Ich darf eigentlich mit niemandem reden", sagt P. leise, "Erdogans Leute sind überall." Nach ein paar Worten in brüchigem Englisch wechselt er ins Türkische.

Der Besuch macht P. nervös. Immer wieder fragt er, wie man ihn und seinen Sohn überhaupt gefunden habe. "Die Polizei und der Verfassungsschutz haben mir versprochen, dass wir hier in Deutschland sicher sind", sagt er. Aber es wird halt viel geredet über neu Zugezogene. Gerade in Kleinstädten.

Zwar ist P. in gut anderthalb Jahren auf der Flucht etwas grauer geworden, trotzdem ist er anhand der Fahndungsfotos, die im Internet kursieren, noch immer leicht als einer der meistgesuchten Feinde des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan zu erkennen.

Die Regierung in Ankara hält P., einen Oberst des türkischen Militärs, für einen der Anführer des gescheiterten Putschversuchs vom 15. Juli 2016. Die türkische Staatsanwaltschaft wirft ihm Mitgliedschaft in einer Terrororganisation und Landesverrat vor. Die türkischen Medien nennen ihn den "Terrorkommandanten". In Ankara hat der Prozess begonnen, mit viel Presserummel. Doch auf der Anklagebank fehlen die wichtigsten Angeklagten. Seit Monaten beschäftigt der schmächtige Mann im Fachwerkhaus die deutsche und die türkische Regierung auf höchster Ebene.

Die Türkei verlangt seine Auslieferung. Doch die deutschen Behörden können selbst Menschen, die womöglich schwere Verbrechen begangen haben, nicht einfach in die Türkei abschieben, wenn ihnen als Erdogan-Gegner dort unmenschliche Behandlung droht und ein fairer Prozess nicht zu erwarten ist.

Mehr noch: Inzwischen haben P. und drei seiner Kameraden, die von der Türkei ebenfalls als Putschisten gesucht werden, in Deutschland Flüchtlingsschutz erhalten. Für mindestens drei Jahre genießen damit einige der meistgesuchten Staatsfeinde der Türkei in Deutschland Schutz vor Auslieferung und Prozess. Auch wenn die Regierung in Berlin keinen Einfluss auf Asylverfahren hat, dürfte die Türkei den Schutz für die mutmaßlichen Putschisten als bewusste Provokation ansehen.

Für die Bundesregierung sind der Offizier und seine Kameraden daher ein diplomatischer Krisenfall. Präsident Erdogan will P. unbedingt in Ankara vor Gericht sehen. Er hatte im Herbst im Gespräch mit Altkanzler Gerhard Schröder sogar einen Tausch angeboten: Sollte Deutschland P. und weitere türkische Offiziere ausliefern, würde Ankara im Gegenzug den Journalisten Deniz Yücel aus dem Gefängnis freilassen. Doch die Bundesregierung lehnte den Tauschhandel ab.

Zurzeit bemühen sich Berlin und Ankara nach einem Jahr der Krise gerade darum, ihre Beziehungen wieder zu verbessern. Die Türkei hat den Menschenrechtler Peter Steudtner und die Journalistin Meale Tolu aus der Untersuchungshaft entlassen. Außenminister Sigmar Gabriel empfing seinen türkischen Amtskollegen Mevlüt Çavuolu demonstrativ freundschaftlich in Goslar zum Tee. Die Sicherheitsbehörden beider Länder nahmen ihren strategischen Dialog wieder auf.

Oberst P. sitzt im Fachwerkhaus am Küchentisch, vor ihm eine Tasse Tee. "Ich bin den Deutschen für den Schutz vor Erdogan dankbar", sagt er. P. bezieht jetzt finanzielle Hilfe vom deutschen Staat, lernt Deutsch an der Volkshochschule und will, wie er sagt, so schnell wie möglich Arbeit finden. Seine Kameraden, die mit ihm geflüchtet sind, leben in einer Unterkunft ein paar Kilometer entfernt.

P., geboren 1972 in Erzurum im Nordosten der Türkei, hatte bis zu jener Julinacht steil Karriere gemacht. Er war Stabschef der Militärakademie in Ankara, in der die Landstreitkräfte ausgebildet werden, und stand kurz davor, zum General befördert zu werden. Bei Auslandseinsätzen auf dem Balkan arbeitete er auch mit der Bundeswehr zusammen. "Ich kam mit den Deutschen gut aus", sagt er.

In der Putschnacht vom Juli hielten die Verschwörer die Militärakademie vorübergehend besetzt. Laut Anklageschrift soll P. die Operation koordiniert haben. Er soll Generalmajor Izzet Çetingöz, den Kommandeur der Kaderschule, in eine Falle gelockt, ihn gefesselt und damit außer Gefecht gesetzt haben.

Çetingöz sagte aus, dass P. ihm gedroht habe: "Wir haben die Macht ergriffen. Jets sind in der Luft." P. schickte laut Anklage Soldaten an die Eingänge. Sie sollten auf jeden schießen, der die Akademie betritt.

Wie aussagekräftig die Akten der türkischen Staatsanwaltschaft sind, ist fraglich. Präsident Erdogan hat die Justiz unter seine Kontrolle gebracht. Allerdings wird P. von mehreren Zeugen namentlich belastet. Neben seinem Vorgesetzten Çetingöz haben auch sein Adjutant und seine Ehefrau gegen ihn ausgesagt.

Suzan P. bekannte gegenüber Polizei und Staatsanwaltschaft, ihr Mann habe ihr gestanden, an dem Putsch beteiligt gewesen zu sein. Er habe auf Befehl des Predigers Fethullah Gülen gehandelt, mit dessen Vertrauten er sich über Jahre hinweg heimlich getroffen habe. Vor Gericht nahm Suzan P. ihre Aussage zurück.

Aus der Auswertung der Telefongespräche geht hervor, dass P. in der Putschnacht mehr als zwei Dutzend Mal mit weiteren mutmaßlichen Verschwörern telefoniert hat. Ein Beweis ist das nicht, doch welche Rolle spielte P. wirklich? Darüber will P. nicht reden. "Die deutschen Polizisten haben mir geraten, ich soll schweigen", erzählt er. Die deutschen Behörden haben P. mehrmals über die Nacht des 15. Juli befragt, heraus kam eine ganz andere Geschichte als die der türkischen Anklage.

Am Abend des Putsches habe P. gegen 20 Uhr einen Anruf erhalten, darin meldete ein Oberst des Generalstabs einen drohenden Terroranschlag und befahl P. die Mobilmachung von hundert bewaffneten Soldaten, die alsbald mit einem Helikopter abgeholt werden sollten.

Gut zwei Stunden später will P. informiert worden sein, dass sein Generalmajor in einen Putsch verwickelt sei, deswegen sollten P. und seine Männer ihn festnehmen. Der Vorgesetzte wurde in ein Zimmer gebracht und festgesetzt, P. selbst will bei der Aktion nicht dabei gewesen sein.

Nachdem der Putsch am Morgen des 16. Juli gescheitert war, sei P., so schilderte es seine Frau gegenüber der Staatsanwaltschaft, in einer Wohnung der Gülen-Sekte in Ankara untergekommen - gemeinsam mit Oberstleutnant Atakan A., einem mutmaßlichen Mitverschwörer aus der Militärakademie.

P. sagt dagegen, er habe sich monatelang mithilfe seines Bruders versteckt. Als Putschverdächtiger habe er um sein Leben gefürchtet und sich nicht einmal mehr getraut, eine E-Mail zu schreiben.

Im Frühjahr 2017 floh er gemeinsam mit A. und zwei weiteren mutmaßlichen Putschisten, dem Soldaten Ibrahim Y. und Hassan E., nach Griechenland. Sie stiegen am 12. Mai in Heraklion auf Kreta mit falschen Papieren in eine Agean-Airlines-Maschine nach Frankfurt.

Von diesem Zeitpunkt an war der Fall P. ein deutsch-türkisches Problem. Als deutsche Medien über die Einreise von hochrangigen Militärs aus der Türkei berichteten, fuhren vor dem Flüchtlingsheim, in dem die Soldaten untergekommen waren, zum Schutz Polizeiwagen vor. Oberst P. und seine Kameraden wurden vom Verfassungsschutz gewarnt, vor allem anderen Türken nicht zu erzählen, dass sie Soldaten seien. Für den Notfall gab man ihnen Telefonnummern an die Hand.

Als Putschisten könnten P. und seine Kameraden theoretisch auch in der Bundesrepublik vor Gericht gebracht werden. Doch die Hintergründe des Staatsstreichs sind nach wie vor unklar. Die Regierung in Ankara kann bis heute nicht eindeutig belegen, dass die Gülen-Sekte hinter dem Verbrechen steckt.

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hat mittlerweile mehrere Dutzend Asylanträge von türkischen Diplomaten und Nato-Offizieren anerkannt. Der Fall von P. und seinen Kameraden ist schon wegen der Öffentlichkeitsfahndung einer der heikelsten. In der Türkei dürften sich die Hardliner, die Deutschland eine stille Komplizenschaft mit den Putschisten unterstellen, bestätigt fühlen.

In der Bundesregierung will niemand über einzelne Fälle Auskunft geben. Als Grund für die Auskunftssperre muss der Persönlichkeitsschutz herhalten. Tatsächlich fürchten die Behörden, dass der türkische Geheimdienst MIT sich auf deutschem Boden auf die Suche nach den Staatsfeinden machen könnte. Bekannt sind auch Fälle, in denen Erdogan-Anhänger die Sache selbst in die Hand nahmen.

Oberst P. teilt die Befürchtungen. Er geht deshalb kaum vor die Tür, traut sich nicht, mit anderen Türken auch nur zu reden. Ständig wechselt er die SIM-Karte seines Mobiltelefons aus - aus Angst, seine Nummer könnte verraten worden sein.

P. will in die Türkei zurückkehren, irgendwann. "Ich muss warten, bis Erdogan endlich weg ist", sagt er kurz vor dem Abschied, "hoffentlich ist es bald so weit."

Nicola Abé, Selina Bettendorf, Simon Hage, Hannah Knuth, Michael Sauga, Cornelia Schmergal und Jan Schulte



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