AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 12/2017

Gefährliche Turbulenzen Wie der A380 andere Jets vom Himmel blasen kann

Mitten im Reiseflug brach die Hölle los: Der deutsche Business-Jet rollte dreifach um die Längsachse, stürzte Tausende Meter tief, ehe der Pilot die Maschine retten konnte. Was war geschehen? Im Verdacht steht ein vorbeifliegender A380.

Airbus A380
Robert Schlesinger

Airbus A380

Von Marco Evers


Für die Crew des luxuriösen Charterjets aus München schien dies ein Routineeinsatz zu werden. Zwei Piloten und eine Servicemitarbeiterin sollten sechs Urlauber von Malé auf den Malediven zurück nach Berlin chauffieren, mit einem Tankstopp in Abu Dhabi. Zu Beginn verstrich die Flugzeit wie gewohnt ereignislos.

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Heft 12/2017
Wissenschaft: Besser essen, einfach essen

Dann geschah es. Hoch über dem Arabischen Meer und aus heiterem Himmel brach die Hölle los. Eben noch lag der zweistrahlige Business-Jet vom Typ Challenger 604 ruhig in der Luft - nun aber wirbelte die 20-Tonnen-Maschine plötzlich herum wie ein Papierflieger im Windkanal.

Die linke Tragfläche schlug nach unten um. Dreimal rollte der Jet um seine Längsachse, er rüttelte und schüttelte, die Passagiere schrien; alle, die nicht angeschnallt waren, flogen in der Kabine umher und versuchten verzweifelt, sich an irgendetwas festzuklammern. Flug MHV 640 stürzte in die Tiefe.

Als das linke Triebwerk zu überhitzen drohte, schalteten die Piloten es ab. Gleichzeitig fielen wichtige Instrumente aus, die Bildschirme im Cockpit wurden schwarz. In weniger als 30 Sekunden hatte die Challenger bereits 3300 Meter an Höhe verloren.

Endlich gelang es dem Kapitän, mit geschickten Steuerimpulsen die Kontrolle zurückzugewinnen. Er nahm das abgestellte Triebwerk wieder in Betrieb, funkte eine Luftnotlage ("Pan-Pan") und landete außerplanmäßig auf dem Flughafen von Maskat, der Hauptstadt von Oman.

Zwei der Insassen hatten sich schwer verletzt. Per Luftambulanz wurden sie nach Berlin gebracht. Die Kabine bot ein Bild, als wäre darin eine Handgranate explodiert: Wandpaneele waren herausgebrochen, Armlehnen abgerissen, scharfkantige Trümmer bedeckten den Boden, Sauerstoffmasken baumelten von der Decke.

Der Jet mit der amtlichen Registrierung D-AMSC steht immer noch in Maskat. Fliegen wird er nie wieder. Techniker des kanadischen Herstellers Bombardier stellten fest, dass er in der kurzen Notsituation nicht nur die maximale, sondern sogar die ultimative Belastungsgrenze um 30 Prozent überschritten hatte. Dem Betreiber, der Charterfluggesellschaft MHS Aviation aus Oberhaching, bleibt keine Wahl, als die bald 17 Jahre alte Maschine abzuschreiben.

Ereignet hat sich dieser Vorfall bereits am 7. Januar - doch er dürfte Behörden, Airlines und Hersteller noch eine Weile beschäftigen. Weil es sich um eine deutsche Maschine handelte, hat die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) in Braunschweig Ermittlungen aufgenommen. Zwei Experten sind nach Oman gereist, um das Wrack zu begutachten; die Flugdatenschreiber sind gesichert. Ein erster Zwischenbericht soll in Kürze vorliegen.

Der Fall hat beträchtliche Brisanz, denn zumindest die Piloten der Challenger glauben zu wissen, weshalb sie mitten im Reiseflug, der eigentlich sichersten Flugphase, beinahe abgestürzt wären: Wenige Augenblicke bevor die Maschine unkontrollierbare Rollbewegungen ausführte, wollen die beiden Flugzeugführer einen Airbus A380 gesehen haben, der in entgegengesetzter Richtung auf sie zuraste.

In mehr als zehn Kilometer Höhe donnerte der doppelstöckige Riesenjet über die Challenger hinweg; der vertikale Abstand betrug 300 Meter - genau wie vorgeschrieben. Ihre Flughöhen waren beiden Maschinen von der Flugsicherung zugewiesen worden.

Kurz nach dieser Begegnung von Goliath und David wurde der Challenger möglicherweise eine Wirbelschleppe zum Verhängnis - ein turbulenter, unsichtbarer Minihurrikan im Gefolge des A380.

Alle Flugzeuge ziehen solche Luftwirbel hinter sich her; sie sind ein physikalisch unvermeidbarer Begleiter des aerodynamischen Auftriebs. Doch je größer die Maschine, desto heftiger die Wirbelschleppe. Und je weiter die Spannweite, desto tiefer kann die kompakte Turbulenzzone anschließend noch absinken, ehe sie sich auflöst.

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Kein Passagierflugzeug ist so groß wie der A380 (maximales Startgewicht: 575 Tonnen). Keines hat eine größere Spannweite (80 Meter). Darum drängt sich auch der Verdacht auf, dass wohl keines eine größere Bedrohung für kleinere Maschinen darstellt. Die Boeing 747-8, eine modernisierte Version des Jumbojets mit verlängerten Tragflächen, folgt allerdings knapp dahinter.

Aus Daten des Onlinedienstes Flightradar24.com, der den zivilen Flugverkehr aufzeichnet, geht hervor, dass zur Unfallzeit am 7. Januar gleich vier der Ungetüme unweit der Challenger über dem Arabischen Meer unterwegs waren: drei A380 der Fluggesellschaft Emirates, eine von Qantas. Allesamt flogen sie von Dubai nach Australien. Eine von ihnen könnte den Geschäftsflieger um genau 9.39 Uhr deutscher Zeit fast ins Verderben gerissen haben.

Simon Hradecky, der österreichische Betreiber des Flugsicherheitsportals The Aviation Herald, geht noch weiter. Obwohl die Datenlage nicht eindeutig ist, weil es in der betreffenden Region keine Radarabdeckung gibt, glaubt er, den Übeltäter benennen zu können: Flug EK412 von Emirates, unterwegs nach Sydney, ausgeführt von einem fabrikneuen A380.

Ein Airbus-Sprecher hingegen sagt: "Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es keinen Nachweis, dass eine A380 am Vorfall beteiligt ist." Die BFU hat inzwischen bei den entsprechenden Airlines Unterlagen zu den fraglichen Flugverläufen eingeholt.

Frank Holzäpfel ist Strömungsspezialist beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Seit Jahren untersucht er Wirbelschleppen, auch die des A380. Ob ein solcher bei diesem Unfall eine Rolle spielt, hält auch er nicht für erwiesen - aber auch nicht für unwahrscheinlich.

"Unter geeigneten meteorologischen Bedingungen", urteilt Holzäpfel, "können die Wirbelschleppen eines A380 auch über eine Distanz von mehr als 300 Metern absinken" - und somit in die Flugbahn der Challenger gelangt sein. Solch ein Hergang sei "ein denkbares Szenario". Wie häufig den Wirbelschleppen ein solcher Satz gelinge, sei bisher nicht bekannt.

Bislang galt der vertikale Abstand von 300 Metern zwischen Flugzeugen im Reiseflug als sicher. Als Folge des Challenger-Totalverlusts muss die internationale Zivilluftfahrtsorganisation ICAO womöglich neu nachdenken über die Höhenstaffelung des Flugverkehrs. Sollten die Abstände erhöht werden müssen, wäre dies ein Desaster und ein Rückfall.

Jahrzehntelang hatten Flugzeuge im Reiseflug vertikale Abstände von 600 Meter einzuhalten. Seit 1997 wurden über immer mehr Regionen die 300 Meter eingeführt, seit November 2011 gelten sie weltweit.

Experten feiern die geringere Sicherheitsdistanz als Erfolg, denn in Zeiten boomenden Flugverkehrs wurde dadurch die Kapazität des obersten Luftraums mit einem Schlag verdoppelt. Sie machte den Airlines ein effizienteres, wirtschaftlicheres und sauberes Fliegen möglich. Nun droht vielleicht wieder die Halbierung und damit Platznot - und zwar nur deshalb, weil unter den mehr als 20.000 kommerziellen Verkehrsflugzeugen und über 10.000 Privatjets bisher 208 A380 und 110 747-8 sind, die mit ihrer Gigantomanie und etwas Pech zur tödlichen Gefahr für ihre Umgebung werden können.

Piloten haben es in der Hand, die Risiken ihrerseits ein wenig zu mindern. In vielen Regionen fliegen sie nicht genau auf der Mittellinie einer Luftstraße, sondern absichtlich ein Stückchen links oder rechts daneben. Die Gefahr einer Kollision mit einem Wirbel wird dadurch kleiner. In Arbeit sind auch Wirbelschleppen-Warngeräte; diese aber sind noch Jahre von der Marktreife entfernt.

"Wenn ein Zusammenhang mit diesen Wirbelschleppen und unserem Unfall bewiesen werden kann, dann muss das Konsequenzen haben", fordert Steffen Fries, Geschäftsführer von MHS Aviation. Es reiche nicht, das Risiko zu minimieren. "Es muss eliminiert werden", sagt Fries. "So etwas darf nie wieder passieren." Nicht nur Privatjets seien bedroht. "Sie sind der Gefahr nicht minder ausgesetzt, wenn Sie in einem A320 oder einer Boeing 737 sitzen", sagt er.

Über Deutschland fliegen jeden Tag Dutzende Riesenjets vom Typ A380 - und tatsächlich haben deren Luftwirbel auch hier schon manchen Flieger im Reiseflug durchgerüttelt. Wie aus Bulletins der BFU hervorgeht, geriet ein britischer A320 im Oktober 2011 über Braunschweig in die Schleppe eines australischen A380. Dabei erlitt er so starke Vibrationen, dass sich sein Autopilot ausschaltete. Zuvor traf es bei Frankfurt einen französischen A320, der den Pfad einer Emirates-Maschine kreuzte. Das kleinere Flugzeug rollte ebenfalls heftig um die Längsachse nach links bis zu einer Neigung von 30 Grad.

Fries hatte seine Piloten ("Die haben eine unglaubliche Leistung erbracht") nach dem Unfall sechs bis acht Wochen vom Flugdienst freigestellt und psychologisch betreuen lassen. Danach fingen sie wieder langsam mit dem Simulatortraining an.

Die Verletzten aus der Challenger haben ihre Blessuren inzwischen auskuriert. In Kürze wollen die Überlebenden von Flug MHV 640 in Berlin zusammenkommen und die Tatsache feiern, dass sie nicht im Arabischen Meer versunken sind.

Wirklich vorbereitet waren die Piloten für diesen Notfall nicht: Wie man aus einer solchen Rolle heil herauskommt, lässt sich im Simulator nicht erlernen.

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chiefseattle 19.03.2017
1. Flughöhe
Immer ein bisschen höher hinter einem A380 fliegen. Die Wake Turbulence sinkt nämlich.
epicentre 19.03.2017
2. Wieder so eine reisserische Überschrift
Und dazu noch zu so einem "Nicht-Thema" Geld verlangen. Wirbelschleppen sind so natürlich und gewöhnlich wie die Luft selbst. Jedes Flugzeug hat welche und je nach Größe der vorbeifliegenden Maschine nehmen die zu. Und der A380 ist nun mal sehr sehr gross. Jeder Pilot kennt das Phänomen und weiss sich zu verhalten, z.B. hinter einem A380 verzögert und versetzt zu starten. Das gleiche kennt man ja aus der Seefahrt auch. Aber hier ist die Bugwelle halt zu sehen und nicht so spektakulär darüber zu Berichten. Also, lieber Spiegel, schon mal die nächste Headline in die Schublade legen: "Riesenjachten - die heimlichen Killer der Meere". Dass der Pilot des Business-Jets hier in Schwierigkeiten gekommen ist, ist also nicht ungewöhnlich. Ein erfahrener Pilot ist sich des umgebenden Verkehrs bewusst und würde so eine Situation erst garnicht entstehen lassen.
tkedm 19.03.2017
3.
Zitat von epicentreUnd dazu noch zu so einem "Nicht-Thema" Geld verlangen. Wirbelschleppen sind so natürlich und gewöhnlich wie die Luft selbst. Jedes Flugzeug hat welche und je nach Größe der vorbeifliegenden Maschine nehmen die zu. Und der A380 ist nun mal sehr sehr gross. Jeder Pilot kennt das Phänomen und weiss sich zu verhalten, z.B. hinter einem A380 verzögert und versetzt zu starten. Das gleiche kennt man ja aus der Seefahrt auch. Aber hier ist die Bugwelle halt zu sehen und nicht so spektakulär darüber zu Berichten. Also, lieber Spiegel, schon mal die nächste Headline in die Schublade legen: "Riesenjachten - die heimlichen Killer der Meere". Dass der Pilot des Business-Jets hier in Schwierigkeiten gekommen ist, ist also nicht ungewöhnlich. Ein erfahrener Pilot ist sich des umgebenden Verkehrs bewusst und würde so eine Situation erst garnicht entstehen lassen.
Ich bin kein Flugzeug-Profi und frage deshalb: Konnten die Piloten der Business-Maschine voraussehen, dass es ein A380 ist? Und wenn es so ist, gilt das ja ebenso für die A380-Piloten. Ergo haben beide falsch - weil gar nicht . Da wäre es doch logischer, dass solche Ausweichmanöver von den Flugsicherungen koordiniert werden, ansonsten würden die Flugzeuge ja spontan wild hin und her ausweichen und das kann ja nun auch nicht die Lösung sein.
FilmCity 19.03.2017
4.
Diese Problem / Gefahr ist aber schon lange bekannt, noch bevor die ersten Maschinen ausgeliefert wurden. Beim A380 ist halt alles ein wenig überdimensionaler. .
larsmach 19.03.2017
5. Weniger dramatisch beim Landeanflug auf Großflughäfen
Wer häufig mit kleinen Maschinen ("Zubringerflüge") zum Weiterflug von einem der großen Hubs (Schipol, London, Kastrup, Frankfurt) unterwegs ist, hat die eine oder andere völlig überraschende Extrem-Turbulenz schon erlebt - wenn auch nicht mit "dreifacher Luftschraube" - dazu fliegen Flugzeuge in Flughafennähe wohl zu langsam.
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