AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 42/2016

Unterwegs mit Navid Kermani "Europa bedeutet, dass die Betrunkenen am helllichten Tag durchs Dorf torkeln"

Was bedeutet Europa heute? Überraschende Antworten auf diese Frage findet der Schriftsteller Navid Kermani im Osten des Kontinents, den er mit dem Fotografen Milos Dojuric für den SPIEGEL bereist.

Rummelplatz in Vilnius
Milos Djuric / DER SPIEGEL

Rummelplatz in Vilnius


Der Schriftsteller Navid Kermani, 48, gilt als einer der wichtigsten Intellektuellen des Landes und schreibt, neben seinen Büchern, Reportagen aus Krisengebieten. Diesmal führt ihn seine Fahrt in den Osten Europas. Sein Tagebuch veröffentlicht der SPIEGEL in einer vierteiligen Serie. Im zweiten Teil beschrieb er seine Erlebnisse in Polen und Litauen.

Nun geht es weiter: von Vilnius nach Kiew.

Zehnter Tag

Titelbild
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Heft 42/2016
Jaber Albakr, eine Heldentat und das Versagen der Justiz

Seit Langem liegt Vilnius am Rand, am Rande des Russischen Reichs, später der Sowjetunion, jetzt der westlichen Hemisphäre. Mindestens äußerlich ist das der Stadt wunderbar bekommen, eine grandiose Architektur, Gründerzeit, die noch nicht zu Tode saniert worden ist, idyllische Hinterhöfe, alte Bäume, Parks, ein breiter Fluss, mitten im Zentrum ruhige, fast abgeschiedene Straßen, stille Kirchen, gute Restaurants, viel Einzelhandel, ein Europa, in dem hier und dort die Zeit stehen geblieben zu sein schiene, wenn nicht die Menschen nach neuester Mode gekleidet wären. Freilich ist das nur der Blick von außen. Wie im ehemals deutschen Breslau kaum noch Deutsch gesprochen wird, ist aus Vilnius - dem Herzen der polnischen Nationalromantik und Heimat des Nobelpreisträgers Czeslaw Milosz - das Polnische nahezu verschwunden. Und wo einmal das "Jerusalem des Ostens" war, ist das Jüdische ausgelöscht. Auch in Vilnius, wie in so vielen Städten Mittel- und Osteuropas, hörte das Leben auf und geht dennoch weiter.

In der Markthalle staune ich über die Herkunft des Obstes, aus Litauen natürlich, vor allem jedoch aus Ländern wie Moldau, Armenien, Georgien, Aserbaidschan, der Ukraine - von Vilnius aus gesehen ist Europa ein viel größerer Kontinent. Das kleine Stadtmuseum zeigt eine Ausstellung über den 23. August 1989. Klingelt da etwas? Und wenn ich hinzufüge: Baltischer Weg. Immer noch nicht?

Nichts für ungut, bei mir wird die Erinnerung auch erst wieder wach, als ich die Fotos der Menschenkette von Tallinn über Riga nach Vilnius betrachte, 595 Kilometer lang und durch drei Staaten, zwei Millionen Menschen singen Hand in Hand für ihre Freiheit am 50. Jahrestag des Hitler-Stalin-Pakts. Es sind kraftvolle, ja erhebende Bilder, die staunen machen, was Völker ganz ohne Gewalt zu bewirken vermögen, wenn sie brüderlich zusammenstehen. Im Westen des Kontinents ist schon vergessen, mit welchem Mut, welcher Verzweiflung und auch mit welchen Opfern im Osten für die Zugehörigkeit zu Europa gekämpft wurde.

Am Mittag fahren wir aufs Land, um noch die andere Seite von Litauen zu sehen. Sanfte Hügel, wenige Autos, in den Dörfern kaum Menschen, viele Fensterläden am helllichten Tag geschlossen, Seen, die unberührt wirken, die wenigen Lebensmittelgeschäfte schaufensterlos, mit vergitterten Oberlichtern und den braunen Eisentüren, noch aus der sowjetischen Zeit. Nicht etwa die Migranten, sondern die Auswanderer stellen Litauen vor ein gewaltiges Problem; nach offiziellen Angaben haben 700.000 Litauer ihr Land seit der Unabhängigkeit verlassen, vor allem junge Leute, bei einer Bevölkerung von nicht einmal drei Millionen.

Eine junge Nonne in weißem Habit, die an der Landstraße entlangläuft, fragen wir, ob wir sie mitnehmen können. Zu unserer Verblüffung spricht sie breites Amerikanisch und ist so umwerfend gut gelaunt, wie es kein Mensch der Alten Welt je wäre. It's rrreally cool, jubiliert sie in jedem dritten Satz, rrreally cool this Lithuania, rrrrealy cool, ihr Johanniter-Kloster, rrrrealy cool, die Ordensschwestern, von denen drei so jung wie sie seien: O my God, we have sooo much fun! Und nein, wir brauchten sie nicht mitzunehmen, thank you sooo much, aber sie gehe nur spazieren, die einsamen Wege, die gute Luft, you know, it's rrreally cool.

Ein Dorfbewohner in der Nähe von Vilnius
Milos Djuric / DER SPIEGEL

Ein Dorfbewohner in der Nähe von Vilnius

In einem der stillen, wie menschenleeren Dörfer halten wir an einer großen, kreisrunden Kirche; die weiße Fassade ist zum größeren Teil abgeblättert, die Tür von einem rostigen Kettenschloss versperrt. Wird hier noch gebetet? Unser Fahrer macht sich auf den Weg, um jemanden zu finden, der Auskunft geben könnte. Zurück kehrt er mit einem grauhaarigen, sehr kleinen Mann, der ein kariertes Hemd aus zentimeterdickem Stoff trägt, die ebenso robuste Hose mit einem Gürtel oberhalb des Bauchnabels und fleckig von der Arbeit, im Mund Goldzähne, die nackten Füße in blauen Plastikclogs. Leider spricht er genauso wenig Litauisch wie die amerikanische Nonne.

Das sei ein polnisches Dorf, erfahre ich dann doch, weil meine Begleiter sich in einem Mischmasch aus Polnisch und Russisch mit dem Mann halbwegs verständigen können. Er selbst heiße Michal, sei 1939 geboren und sei in der Sowjetunion aufgewachsen. Als Litauen unabhängig wurde, sei er zu alt gewesen, um eine dritte Sprache zu erlernen.

"Ist es nicht seltsam?", frage ich, "in einem Staat zu leben, dessen Sprache Sie nicht verstehen?"

"Ja, gut, die Kinder lernen's ja, und wir Alten sprechen halt weiter Russisch miteinander. Wissen Sie, wir sind hier alles einfache Leute, ob Litauer oder Polen, da machen wir keinen Unterschied. Die Politiker machen einen Unterschied, nicht wir."

Ich frage, ob seine Heimat eher Polen oder Litauen sei.

"Vorher war es Polen, jetzt ist es Litauen, und zwischendurch war es die Sowjetunion." Michal lacht, als machte das wirklich nur für die Politiker einen Unterschied.

"Und wann ist es besser gewesen", frage ich weiter, "jetzt oder unterm Kommunismus?"

"Jetzt", antwortet Michal ohne zu zögern: "Jetzt gibt es alles zu kaufen."

Mit der Arbeit sei es allerdings schwieriger geworden. Er und seine Frau bezögen seit Langem Rente, verdienten hier und dort ein paar Groschen hinzu, bauten im Garten Obst und Gemüse an - das genüge dann schon. Die Jungen jedoch ... nun gut, die meisten seien ja auch weg.

"Und was halten Sie von der Europäischen Union?" Den Blicken meiner Begleiter entnehme ich, dass sie Michals außenpolitische Kompetenz anzweifeln.

"Ja, gut, die EU finanziert natürlich meine Rente, das ist schon mal gut", antwortet er nach einigem Zögern. "Aber wie gesagt, Arbeit schafft sie bei uns nicht."

"Und sonst - was bedeutet Europa für Sie? Hat Europa überhaupt irgendeine Bedeutung außer der Rente?"

"Europa bedeutet, dass die Betrunkenen am helllichten Tag durchs Dorf torkeln und es niemanden gibt, der sie bestraft. Das bedeutet Europa. Wissen Sie, unterm Kommunismus herrschte mehr Disziplin. Deshalb war das auch mit dem Alkohol noch nicht so schlimm. Wenn man früher nicht zur Arbeit erschienen wäre, weil man sich betrunken hatte, wäre die Polizei gekommen. Heute kommt weder die Polizei, noch haben die Leute Arbeit."

Elfter Tag

Auch hier hat der Holocaust begonnen, die sogenannte Endlösung. Hier, in diesem Waldstück nahe der Ortschaft Paneriai, zehn Kilometer von Vilnius entfernt. Die Sowjets hatten zwischen den Kiefern große Gruben ausgehoben, 60, 70 Meter Durchmesser, um Heizöl zu lagern. Dann rückten im Juni 1941 die Deutschen ein. Bis zum Ende des Jahres waren 160.000 Juden tot. Lastwagen um Lastwagen waren sie von der SS und litauischen Freiwilligenverbänden eingesammelt, von den Ladeflächen getrieben, an die Grubenränder geführt oder geprügelt und dort erschossen worden. Weil immer wieder Todgeweihte aus ihrer Gruppe ausbrachen. Bis 1944 stieg die Zahl der Menschen, die in den Gruben von Paneriai verscharrt wurden, auf schätzungsweise 100.000, außer Juden noch sowjetische Kriegsgefangene sowie politische Häftlinge. Weil immer wieder Todgeweihte aus ihrer Gruppe ausbrachen oder von den Lastwagen sprangen, kam es im Wald und seiner Umgebung zu den ungeheuerlichsten Jagdszenen, die den Anwohnern nicht verborgen bleiben konnten. Das war kein Konzentrationslager mit Gaskammer und Krematorium, der Massenmord wurde erst ab Ende 1941 industriell. Paneriai war der vergleichsweise chaotische Anfang.

Die Kiefern stehen für einen Wald ungewöhnlich weit auseinander, sodass der Blick in den Himmel kaum verstellt ist. Der Boden, über den einzelne Trampelpfade führen, ist weich. Man weiß, dass die Deutschen vor dem Rückzug jüdische Gefangene zwangen, die Gruben zu öffnen und die Leichen zu verbrennen. Der deutschen Ordnung halber mussten die Gefangenen die Leichen auch zählen, ein Strich nach dem anderen. Obwohl also von den Ermordeten buchstäblich nur die Zahl übrig blieb, wird einem bei jedem Schritt schummrig, fast so, als sackte man selbst ein. Von der nahen Autobahn hören wir ein Grundrauschen, das an jedem anderen Ort nicht so gespenstisch klänge, ansonsten völlige Stille, kein Vogelgezwitscher. Vor allem aber treffen wir keine anderen Menschen. Obwohl Paneriai einer der ersten großen Schauplätze des Holocaust war, sind wir an einem gewöhnlichen Vormittag die einzigen Besucher.

Aus dem winzigen Museum tritt ein junger Mann heraus, Anfang, höchstens Mitte zwanzig, schlaksig, blond, Bubikopffrisur, ein selten unschuldig wirkendes Gesicht: die Aufsichtsperson. In der Schule sei Paneriai nicht einmal erwähnt worden, berichtet er; den Holocaust hätten sie nur im Zusammenhang mit Auschwitz behandelt. Zwar hätten gerade in diesem Jahr zahlreiche Städte erstmals ihrer ermordeten Juden gedacht, aber noch würden keine Schulklassen nach Paneriai kommen, überhaupt wenige Litauer; die meisten Besucher seien aus dem Ausland, oft aus Israel.

Nur zögerlich erinnert sich Litauen an den freudigen Empfang, den es den deutschen Truppen bereitete, ungern an die zahlreichen Kollaborateure, erst seit Kurzem an die Hinrichtungsstätten, die es praktisch in jeder Stadt gab, an das Wegsehen der Nachbarn in Vilnius, obwohl die Juden am helllichten Tage, auf offenen Ladeflächen weggeschafft wurden, an die dauernden Gewehrsalven im Wald, die Hilfeschreie, die bellenden Hunde, die im Ort zu hören waren, den Geruch, der unerträglich gewesen sein soll, die Tonnen an Kleidern, die die Bauern am Waldrand billig kauften. Das Dixiklo, das zwischen zwei Kiefern steht, zeigt an, dass in Paneriai nicht mit Massenandrang gerechnet wird.

Ungleich mehr Besucher hat das KGB-Museum in Vilnius, in dem die Einrichtung bis hin zu den Briefbeschwerern noch original ist, die schweren schwarzen Telefone und die Abhöranlagen. Dass die Wehrmacht 1941 kaum auf Widerstand stieß, hat mit der Vorgeschichte zu tun, dem Einmarsch der Sowjets 1940. So brutal war deren Regime, dass jede andere Herrschaft zunächst wie eine Befreiung erschien. Immer wieder ist deshalb wie zur Entschuldigung zu hören, dass es zwei Genozide gab, einen an Juden, einen an den Litauern selbst (als ob die Juden keine Litauer gewesen wären). Auf einer Schautafel wird das scheinbar durch Zahlen belegt, nebeneinander die Zahlen der Deportierten, der Zwangsarbeiter, der Ermordeten während der deutschen und der sowjetischen Besatzung. Wann die Rechnerei wohl aufhört? Die ehemalige Zentrale des KGB ist auch ohne Vergleiche erschreckend genug, die Zellen, die zu klein sind, um sich hinzuhocken, die runden Schemel im Wasserbecken, der Durchmesser keine 30 Zentimeter, auf dem die Gefangenen Stunden, Tage balancieren mussten, eigene Verhörzimmer für Kranke, Verletzte, Ausgemergelte, die mit der Liege hineingeschafft wurden, die Erschießungskammern im Keller, der rohe Stein voller Einschusslöcher.

Auf einer Leinwand erscheinen in rascher Folge die Ermittlungsfotos, Männer und Frauen jeden Alters, Intellektuelle, einfache Leute, auch Priester, jedes Mal eine Aufnahme von vorn und eine seitlich. Die meisten Verhafteten geben sich erkennbar Mühe, sich das Erschrecken, die Verzweiflung, die Sorge nicht anmerken zu lassen, die Ausdruckslosigkeit als letztmöglicher Ausdruck des Stolzes. Manche lächeln sogar leicht spöttisch. Unabweisbar der Gedanke: Ein Staat, der einen solchen Unterdrückungsapparat benötigt, war es absolut wert unterzugehen. Der nächste Gedanke: Gibt es Ähnliches nicht in Guantanamo auch? Schließlich: Wenn ein solcher Staat untergegangen ist, gut - aber was, wenn aus den Folterzellen keine Museumsräume werden, niemand die Opfer ehrt und die Täter, wenn schon nicht belangt, dann wenigstens ächtet?

Am Bahnhof ergattere ich den letzten Platz nach Minsk. Im Waggon verstehe ich, warum die litauische Bahn den Sitz erst verkauft, wenn selbst die Klappstühle im Gang vergeben sind. Die Reihen sind schon eng genug, aber unter unseren Füßen steht auch noch ein Elektrokasten, sodass mein Nachbar und ich mit angezogenen Knien nach Weißrussland fahren. Immerhin sind meine Beine kürzer als seine. Als ich ihm meinen Gangplatz anbiete, gewinne ich meinen ersten weißrussischen Freund. In den Zügen der weißrussischen Bahn werde man nicht wie Sardinen in die Dose gequetscht, meint er - wenn ich sein Englisch richtig verstehe; in Litauen werde ja alles privatisiert.

"Die Bahn auch?", frage ich.

"Keine Ahnung", antwortet er, "jedenfalls zählt nur noch der Profit."

Für die Grenzkontrolle treten sechs weibliche Zollbeamte ins Abteil, schmucke Jacken, enge Röcke, schnittige Mützen, die Haare hochgesteckt, die Blicke uniform in ihrer Undurchdringlichkeit. Vorm Bauch tragen sie einen kleinen Schreibtisch mit Computer, Stempel und einer Lupe, um die Visa aber mal so ganz gründlich zu betrachten. Viele Jahrhunderte lang war das gesamte Gebiet bis hinab zum Schwarzen Meer, das Geflecht von Kulturen, Sprachen und Religionen, ein einzelner Staat, das Großfürstentum Litauen, als dessen Erben sich weißrussische Nationalisten noch immer verstehen, und heute braucht es ein Visum, um die 170 Kilometer nach Minsk zu fahren, während man ohne Pass bis nach Lissabon käme und ohne Visum um die halbe Welt. Die Zöllnerin prüft noch immer den Pass, da gesellt sich ein weiterer Beamter dazu und wühlt ungeniert in meinem Koffer. Am meisten interessiert er sich seltsamerweise für die Bücher. Einen Band über den Holocaust, den ich aus Krakau mitgebracht habe, blättert er Bild für Bild durch.

"Bei politischen Themen machen sie Probleme", sagt mein Sitznachbar, als die Grenzbeamten den Zug wieder verlassen haben.

"Und was ist Ihnen wichtiger?", frage ich: "Bequeme Züge oder lesen, was man will?"

Zwölfter Tag

Alles in Minsk ist so weit, dass man sich als einzelner Mensch wie eine Ameise vorkommt, die keine Orientierung hat. Das Zentrum wächst nicht in die Höhe wie im Kapitalismus, der Grundbesitz wertvoll macht; Minsk nimmt sich die Fläche, weil der Staat allein den Grund besitzt. Entsprechend sind die Straßen breit wie bei uns die Autobahnen, die Bürgersteige wie Straßen, die Gebäude in der Regel nur vier- oder fünfstöckig, dafür in die Länge gestreckt. Allein eine Kreuzung zu überqueren kann in Minsk eine Viertelstunde dauern, und der Leninplatz ist so weitläufig, dass der Linienbus mehrmals hält. Die Statue, die ohnehin monumental ist, steht zusätzlich auf einem Podest, damit noch die Füße des Revolutionsführers weit über den Kopf der Normalsterblichen ragen. Gut sowjetisch haben nur wenige Geschäfte Schaufenster, sodass auch die Flaneure fehlen; zum Spazierengehen sind die Distanzen ohnehin zu groß.

Weiß­rus­si­sche Hauptstadt Minsk
Milos Djuric / DER SPIEGEL

Weiß­rus­si­sche Hauptstadt Minsk

Genauso wenig wie die amerikanische Stadt mit ihrer unbewohnten Mitte ist die sowjetische Stadt, die in Minsk ihr vorzüglichstes Modell gefunden hat, eine Metropole im Sinne der Alten Welt. Moskau hat immerhin noch alten Baubestand, damit Plätze, auf denen sich Menschen treffen, statt sich zu verlieren, Gassen, Häuser unterschiedlichster Bauart und Epoche. In Minsk sind nach der Zerstörung durch die Wehrmacht noch die letzten Gebäude niedergerissen worden, damit die Stadt vollständig neu entsteht. Die Idee, die ihr zugrunde liegt, macht den Einzelnen klein und alles Gemeinsame groß. Selbst der Fluss Swislatsch ist so breit geworden, dass er einem See gleicht, und am Ufer breiten sich große Rasenflächen aus, auf denen kein Grashalm länger als der andere ist, eingezäunt von vielspurigen Prospekten, sodass der Blick, wenn er von einer Häuserreihe zur gegenüberliegenden geht, über mindestens einen, wenn nicht zwei Kilometer schweift - mitten im Zentrum eine gewaltige Landschaft von Menschenhand.

Xenija findet nicht, dass sie wie eine Ameise lebt, sie findet Minsk schön. Ihr Mann arbeitet in Deutschland, sie selbst als Lehrerin am Goethe-Institut. Sicher könnte sie zu ihrem Mann ziehen, aber Wanne-Eickel erscheine ihr ehrlich gesagt nicht so attraktiv. Gut, die Plattenbauten und Hochhaussiedlungen seien auch nicht eben wohnlich, das gibt sie zu, aber dafür habe fast jede Familie eine Datscha; so gesehen gehörten die Gärten, der Rückzug, die Natur zum Leben in Weißrussland dazu. Und zu kaufen gebe es inzwischen auch alles, ohne dass man anstehen müsse. Oligarchen? Ja, hätten sie, genau gesagt drei, und die seien alle im Gefängnis.

"Zu reich darf man bei uns nicht werden", lacht sie, als sie mein verdutztes Gesicht sieht: "Natürlich gibt es Bonzen, Profiteure, fette Autos. Aber doch nicht wie in der Ukraine! Bei uns darf es nur einen einzigen Oligarchen geben, und der heißt Präsident."

Wenn man nicht gerade Swetlana Alexijewitsch gelesen hat, stellt man sich den sowjetischen Menschen leicht als unkritisch, fügsam, schicksalsergeben vor. Aber das ist Xenija nicht, sie wägt nur nüchtern ab: zwischen den Wahlen, die eine Farce sind, und dem Krieg, der im Nachbarland herrscht. Zwischen ihrem Einkommen, das zum Leben reicht, und den Nebenjobs, die sie mit dem gleichen Beruf in Litauen haben müsste. Zwischen der Reinlichkeit auf den Straßen, der Sicherheit auch bei Nacht, einem Staat, der die grundlegenden Dienstleistungen bezahlbar anbietet, und Wanne-Eickel. Als wir mit dem Taxi an der Zentrale des KGB vorbeifahren, der in Weißrussland allen Ernstes weiter KGB heißt, zeigt sie mit dem ausgetreckten Finger auf die Männer, die auffällig unauffällig am Bürgersteig stehen, und kichert.

"Klar haben wir noch den Geheimdienst", sagt Xenija, "aber wir haben nicht mehr die Angst."

Obwohl kein anderes europäisches Land einen so hohen Anteil der Bevölkerung im Krieg verloren hat wie Weißrussland, feiert das Museum des Großen Vaterländischen Krieges nur den Triumph. Wie früher in den Volkskundemuseen sind die Schlachten mit lebensgroßen Puppen nachgestellt, originalen Panzern, einem echten deutschen Güterwaggon, der Druckerpresse der Partisanen, der Untergrund ohne vierte Wand. Im letzten Saal begrüßen dankbare Weißrussen die Rote Armee. Die Militärparade, die in der Eingangshalle auf großen Bildschirmen läuft, ist noch genau so, wie ich sie als Kind im Fernsehen sah, nur dass nicht Breschnew auf der Ehrentribüne grüßt, sondern der hiesige Präsident.

Das war's?, frage ich mich, das soll der Krieg gewesen sein? Annähernd ein Drittel der Bevölkerung war tot, die Städte zerbombt, die Fabriken zerstört, die gesamte Infrastruktur zertrümmert, über Tausend Dörfer von den Deutschen niedergebrannt, Millionen in Zwangsarbeit oder deportiert, mit dem Judentum die zweitgrößte Bevölkerungsgruppe ausgerottet - und was bleibt, ist nichts als der Sieg der Roten Armee?

Im Video: Auf der Reise durch Weißrussland besuchte Navid Kermani auch die Gedenkstätte in Chatyn und erfuhr, was hier passiert war.

DER SPIEGEL

Es ist bereits drei Uhr, als ich nach Chatyn fahren möchte, um mehr über Weißrussland zu verstehen. Xenija muss zu ihren Kindern, deshalb ruft sie ihre Arbeitskollegin Vera an, die mich spontan zu der zentralen Gedenkstätte für die Opfer des Zweiten Weltkriegs begleitet, eine Stunde nördlich von Minsk. Auf der Fahrt widerspricht sie ihrer Freundin, die sich mit dem System abgefunden hat, erzählt von Oppositionellen, die verfolgt würden, den zugegeben nicht zahlreichen, aber umso mutigeren Aktivisten. Xenja habe ja einen Mann in Deutschland, sie könne ihre Kinder ins Ausland schicken, wenn es ihr zu eng wird. Sie jedoch, Vera: Sollen ihre Kinder niemals in Europa leben dürfen?

Chatyn ist eines der Dörfer, welche die Wehrmacht niederbrannte. Die Bewohner wurden in einem Stall zusammengetrieben, der Stall angezündet und die Fliehenden, die das Tor aufgebrochen hatten, mit Maschinengewehren erschossen. Am Eingang der Gedenkstätte steht die Skulptur eines Vaters, der seinen verstorbenen Sohn in den Armen hält. Nichts Heldenhaftes in seiner Haltung, stattdessen die nackte Verzweiflung in seinem Gesicht. Die Häuser standen nicht nah beieinander, sie waren über eine große Lichtung verteilt. Nun sind die Grundmauern durch Eisenstäbe und eine stilisierte Pforte markiert. Die Pforte steht offen, um an die traditionelle Gastfreundschaft der Dörfler zu erinnern. Anstelle des Schornsteins ragt ein Glockenturm in die Höhe, darauf die Namen der Ermordeten, bei den Kindern außerdem das Alter. In dem Haus aus Luft, das ich als erstes betrete, lebten drei Erwachsene und sechs Kinder, fünf, sieben, acht, neun, zehn und zwölf Jahre alt. 50 Meter weiter ein Haus, das einer Frau allein gehörte. Und so weiter, 26 Glockentürme über das tote Dorf verteilt.

Alle 30 Sekunden läuten die kleinen Glocken, allerdings zeitlich minimal versetzt, sodass ein lang gezogenes, helles, kindliches Wimmern entsteht, das die Seele durchdringt. Unmöglich die Vorstellung, dass hier jemand herumlaufen könnte wie zwischen den Stelen des Denkmals für die ermordeten Juden Europas in Berlin, Verstecken spielen oder so. Noch nie bin ich durch eine Gedenkstätte gelaufen, kreuz und quer durch das Dorf aus Luft, in der die Gewalt, die Trauer, die Leere so physisch erfahrbar werden. Und das gelingt nicht etwa mit den Mitteln Hollywoods wie in Krakaus Schindler-Museum oder dem Turm der Stille im Jüdischen Museum Berlin, nicht durch Einfühlung, Originalaufnahmen oder Simulation des Schreckens. Es gelingt allein durch die Kraft der künstlerischen Abstraktion.

Ge­denk­stät­te im litauischen Pa­ne­ri­ai
Milos Djuric / DER SPIEGEL

Ge­denk­stät­te im litauischen Pa­ne­ri­ai

Die ermordeten Juden kommen in der nationalen Gedenkstätte freilich nicht vor, und das, obwohl der Architekt selbst ein Jude war, der 2014 verstorbene Leonid Lewin. Für die Sowjetunion waren alle Opfer Sowjetbürger und sonst nichts. Zurück in Minsk führt mich Vera zum Denkmal im ehemaligen Getto, das auffällig klein geraten ist, dazu an einen Plattenbau gedrückt und von Bäumen verdeckt, von der Straße aus praktisch nicht zu sehen. Entlang einer Holzwand, hinter der eine U-Bahn-Linie gebaut wird, gelangen wir zum Friedhof. Einige Grabsteine liegen beieinander, ohne dass man in der Dämmerung weiß, ob es noch eine Baustelle ist oder bereits ein Kunstwerk. Wir kommen mit einer eleganten Dame ins Gespräch, die sich - nein, solche Zufälle wagt sich kein Berichterstatter auszudenken - als die Tochter von Leonid Lewin erweist. Sie heißt Halina Lewina, ist selbst Architektin und führt mit dem Büro auch das Lebenswerk ihres Vaters fort. Jetzt gerade ist sie mit der Gestaltung des Friedhofs beauftragt worden und hat deshalb hier zu tun.

"Es ist noch ein langer Weg", sagt sie, "bis die Menschen bei uns begreifen, dass die Juden umgebracht wurden, weil sie Juden waren."

Ich frage, wie ihrem Vater ausgerechnet in der Sowjetunion ein so beeindruckendes, stilles Denkmal gelingen konnte. Ja, es sei schwer gewesen, antwortet Halina Lewina, eigentlich unmöglich, in der damaligen Zeit, den Siebzigerjahren, alles Heroische zu vermeiden. Dass ihr Vater dennoch den Auftrag erhielt, sei allein dem damaligen Chef der Kommunistischen Partei Weißrusslands zu verdanken, Pjotr Mascherau, einem Politiker, einem hohen kommunistischen Funktionär, aber doch einem klugen, ästhetisch sensiblen Mann. Mascherau habe begriffen, dass Kunst mehr als Propaganda ist und die Weißrussen einen Ort der stillen Trauer brauchten, nicht des Sieges. 1980 starb er unter bis heute ungeklärten Umständen bei einem Autounfall.

Dreizehnter Tag

Wir sind mit dem jungen Schriftsteller Andrej Horwat verabredet, der in ein winziges Dorf nahe der ukrainischen Grenze gezogen ist und in einem viel gelesenen Blog von seinem neuen Leben erzählt. Irgendwo las ich, dass Litauen ein zentrales Denkmal für die Opfer und Helden des Zweiten Weltkriegs besitze, Weißrussland hingegen ein einziges Denkmal sei. Tatsächlich begegnen uns, als wir von der Autobahn abfahren, allerorten Gedenktafeln oder Skulpturen, die an die Ermordeten, die Partisanen, die verbrannten Dörfer oder die Sieger erinnern. Will man verstehen, warum die baltischen Staaten sich mit ihrer Unabhängigkeit nach Westen wandten, während Weißrussland in wesentlichen Zügen sowjetisch blieb, muss man auf die Denkmäler blicken: In keiner anderen Sowjetrepublik hat Deutschland schlimmer gewütet und fiel es leichter, den Sieg der Roten Armee als Befreiung zu propagieren.

Wir halten in Swetlahorsk, einer Plattenbausiedlung, 70.000 Einwohner, die an der Pipeline aus Russland erbaut wurde. "Der Lichthügel", wie Swetlahorsk übersetzt heißt, hat es in den Neunzigerjahren zu einiger Berühmtheit gebracht, weil er die höchste Aidsrate, die höchste Alkoholismusrate und die meisten Drogensüchtigen von ganz Weißrussland aufwies. Daraufhin hat der Staat einige Entwicklungsprogramme aufgelegt, die allerdings nicht eben ins Auge springen, wenn man heute durch die Stadt fährt. Es gibt ein altes und ein neues Einkaufszentrum, es gibt eine Hüpfburg und ein Trampolin, eine Buchhandlung, in deren Regalen nur Comics für Kinder ausliegen, ansonsten gibt es - nichts. Man geht nicht abends in eine Kneipe, erfahren wir, sitzt nicht tagsüber in einem Café, sondern trifft sich zum Trinken im Park oder vor den Plattenbauten, wenn man nicht fernsieht und allein säuft. Am aufregendsten ist noch die Tankstelle, wo man sich zum Trinken ebenfalls trifft.

Andrej Horwat hat auf dem offenen Feuer Gemüse, Eier und Kartoffeln für uns gekocht. Nur das Salz ist gekauft, sagt er, als er die gusseiserne Pfanne auf den Verandatisch stellt. Die Badewanne steht in einem Holzverschlag ohne Dach und wird mit Eimern gefüllt. Fließendes Wasser gibt es nicht, dafür Strom für den Computer und das Internet. Er redet nicht oft, das merkt man, macht lange Pausen zwischen den Sätzen, wenn ihm überhaupt eine Antwort einfällt. Ein dünner Bart, ein ernstes Gesicht, schlaksiger Leib. Seine Frau und die sechsjährige Tochter leben noch in Minsk, aber er selbst wollte raus aus der Stadt, weg von den Menschen, ein einfaches Leben führen, an seinem Roman schreiben. Regelmäßig besucht er die Familie, nur leider kann er nie länger als eine Nacht bleiben, weil er seit Neuestem eine Ziege besitzt. Das störe ihn, sagt er, er würde gern Stadt und Land verbinden. Aber das gehe nicht, wegen der Ziege.

Das Haus gehörte seinem Urgroßvater, der noch ein Kulak war, ein Großbauer, und natürlich hinter den Ural deportiert wurde. Immerhin sein Sohn hat überlebt, Andrejs Großvater. Die Großmutter war drei Jahre lang Zwangsarbeiterin in Deutschland und schwärmte immer, wie gut man sie behandelt habe. Wie bitte? Ja, einmal sei sie zu spät gewesen, da habe ihr Chef gar nicht geschimpft. Sie bastelte eine Papierblume und schenkte sie ihm zum Dank. Die Bauern hier wüssten sehr gut, dass die Dörfer abgebrannt wurden, weil sich in ihnen die Partisanen versteckt hielten. Außerdem hätten sich die Partisanen alles genommen, was sie brauchten; die Deutschen hätten für die Hühner immerhin bezahlt. Das bedeute nicht, dass man die Deutschen gemocht habe, aber die Partisanen seien eben auch gefürchtet gewesen und die Kommunisten sowieso. Hass gebe es auf keinen, weder auf Deutsche noch auf Russen, Hass scheine in ihrem Gefühlsleben irgendwie nicht vorgesehen. Nach sechs Jahrzehnten lebten die Menschen immer noch in einer Art Nachkriegsstimmung, in der man schon froh ist, überlebt zu haben und nicht hungern zu müssen, egal wer an der Macht ist.

"Gehen die Leute wählen?", frage ich.

"Ja, zu hundert Prozent."

"Für die Regierung?"

"Ich denke, schon."

Über Politik redeten die Menschen nicht, das habe er noch nie gehört. Sie gingen auch nicht deshalb zur Wahl, weil sie den Präsidenten mögen, sondern weil der Ortsverwalter es ihnen sagt. Manchmal beklagten sie sich über den Leiter der Kolchose, aber sie täten nichts, um etwas zu ändern.

"Ist das die sowjetische Mentalität?"

"Ich glaube, es ist noch älter als der Kommunismus, so eine Mischung aus christlichem Glauben und Heidentum, aber die geht noch viel tiefer als bei den Russen. Und so ist auch die Beziehung zum Präsidenten, zum Priester und dem Leiter der Kolchose - wie mit Göttern. Manchmal schimpft man über sie, aber man folgt ihnen."

"Bedeutet Europa ihnen irgendetwas?"

"Nichts. Europa ist nur ein Name, den sie im Fernsehen hören, aber er sagt ihnen nichts. Europa nehmen sie überhaupt nicht wahr."

Andrej nimmt uns mit auf einen Spaziergang durch das Dorf, das nur aus zwei Straßen besteht, die eine asphaltiert, die andere aus Sand.

Weiß­rus­si­sche Dor­f­idyl­le an der Gren­ze zur Ukrai­ne
Milos Djuric / DER SPIEGEL

Weiß­rus­si­sche Dor­f­idyl­le an der Gren­ze zur Ukrai­ne

"Wo führt sie hin?", frage ich und zeige auf die Sandpiste.

"In das nächste Dorf, das noch entlegener ist."

"Und wie muss ich mir das vorstellen?"

"Na ja, es sieht im Prinzip so aus wie hier, viele Holzhäuser. Nur dass noch weniger Häuser Strom haben."

Der Lebensmittelladen, der irgendwann auch zumachen wird, bietet das Nötigste an, tiefgefrorenes Fleisch, getrockneten Fisch, Waschpulver. Die Flasche Wodka kostet umgerechnet 80 Cent und hat keinen Drehverschluss - einmal geöffnet, werde sie grundsätzlich auch leer getrunken, sagt Andrej.

"Ich wundere mich immer über das Brot", fügt er an.

"Warum?"

"Hier wird so viel Getreide angebaut. Und dann ist das Brot das schlechteste, billigste, das man sich vorstellen kann. Ich verstehe das nicht. Wenn nichts anderes, könnten die Menschen doch wenigstens ordentliches Brot essen."

Auf der Sandpiste kommt uns erst eine Pferdekarre entgegen, kurz darauf eine alte Frau in einem knöchellangen Umhang, über den langen, losen Haaren ein leuchtend rotes Kopftuch. Sie schimpft lauthals und gestikuliert, als würde sie mit jemandem sprechen, der vor ihr hergeht. Uns scheint sie nicht zu bemerken.

"Worüber schimpft sie?", frage ich, als wir an ihr vorübergegangen sind.

"Sie hat zwei erwachsene Söhne. Und der eine hat ihr Essen nicht gemocht. Darüber schimpft sie. Ich mag sie unter allen Dorfbewohnern am liebsten. Manchmal kommt sie mich besuchen und setzt sich auf die Veranda, dann erzählt sie mir ihr ganzes Leben. Immer wieder ihr ganzes Leben."

"Und worüber schimpft sie jetzt?", frage ich, da die Stimme der Alten noch schriller wird.

"Jetzt gerade schimpft sie über Vera", erklärt mir Andrej und muss jetzt selbst ein wenig schmunzeln: "Welche Frauen hier neuerdings herumlaufen würden, wie Puppen, so sauber."

Kein flie­ßen­des Was­ser, aber Strom für Com­pu­ter und In­ter­net
Milos Djuric / DER SPIEGEL

Kein flie­ßen­des Was­ser, aber Strom für Com­pu­ter und In­ter­net

Das sei eine untergehende Welt hier. Die kleinen Dörfer stürben alle, erst die Schulen, dann die Kirchen, schließlich das Lebensmittelgeschäft. Jetzt schon gebe es Dörfer in der Gegend, in denen halte der Bus nur einmal die Woche, ohne dass jemand ein Auto besitzt. Wenn dann nach und nach die Häuser leer stünden, komme der Bagger und schütte alles mit Erde zu, damit nichts bleibt. Die Menschen hier, die die Basis für Lukaschenkos Regime bilden, sie würden nichts ändern wollen.

"Und wenn morgen ein anderes Regime käme?"

"Das würden sie nicht einmal merken. Für sie würde nur eine Fahne ausgetauscht."

"Und wenn morgen die EU käme, mit ihren blauen Schildern für Investitionen, mit Marktwirtschaft, Werbung, Freiheitsideen?"

"Dann würden sie sich genauso anpassen und im Innern bleiben, wie sie sind."

"Aber was meinst du denn selbst?", frage ich Andrej: "Wäre es gut, wenn Weißrussland zu Europa gehörte? Ich meine, wenn der Beitritt zur Europäischen Union eine Perspektive wäre?"

"Ich bin mir nicht sicher", antwortet Andrej. "Das Dorf wäre nicht vorbereitet. Das würde nicht langsam sterben, sondern sofort hinweggefegt. Weißt du, wir finden uns an der Kreuzung unterschiedlicher Welten, das macht uns besonders. Der Sinn unserer Kultur ist, dass wir Westen und Osten sind. Wenn wir uns nur dem Westen zuwendeten, würden wir unsere Kultur zerstören. Ich stelle mir immer vor, wir hätten nach beiden Seiten einen Zaun, nach Westen und nach Osten. Aber einen ganz niedrigen Zaun, über den man leicht steigen kann."

Ich sage Andrej, dass es Menschen wie ihn brauche, die gewissermaßen übersetzen. Ohne ihn hätte ich, hätten nicht einmal meine Begleiter aus Minsk einen Zugang zu dieser dörflichen Welt am Rande Europas gefunden. Selbst mit Dolmetscher hätte ich nicht einfach mit den Menschen sprechen können.

"Ja, aber man muss länger bleiben, wenn man verstehen will", gibt er zu bedenken.

"Das stimmt", sage ich. "Aber manches versteht man auch erst, wenn man reist, nicht wenn man bleibt."

"Kann sein", sagt Andrej Horwat, der wegen seiner Ziege immer nur für einen Tag verreisen kann.

Es folgt: Navid Kermani unterwegs in der vom Bürgerkrieg zerrissenen Ukraine.

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