AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 6/2018

Psychologie Vom Unglück, ein dickes Kind zu sein

Mehr noch als mit den Pfunden kämpfen übergewichtige Kinder mit Spott, Häme, Missachtung. Mediziner halten diese Stigmatisierung für gefährlich. Was schlagen sie vor?

Jan Feindt/ DER SPIEGEL

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Lara war ein Grundschulkind, als sie sich zum ersten Mal zu dick vorkam. Wie es genau anfing, weiß sie nicht mehr: War es die Freundin, die im Streit "fette Kuh" rief, der Mitschüler, der sagte, sie müsse ja beim Rennen ihren Bauch festhalten, oder die Sportlehrerin ("die ungelenke Truppe setzt sich jetzt mal auf die Bank")? Oder war es beim Kinderarzt, wo sie nach dem Wiegen aus dem Behandlungszimmer floh? "Ich wollte nicht mehr hören, dass alle etwas an mir zu bemängeln hatten", erinnert sie sich.

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Heft 6/2018
Kaufen oder mieten? Was wo schlau ist

Heute, mit elf, geht es ums Dazugehören: "Meine Freundinnen sind alle dünn", sagt Lara, "ich denke oft, ich bin die Einzige." Beim Shoppen hat sie Angst, dass ihr nichts so richtig passt ("das ist peinlich und unangenehm"), im Sportunterricht mag sie nicht klettern oder am Seil schwingen - obwohl sie sich gern bewegt. "Zu Hause mache ich das, da muss ich mich nicht schämen", sagt sie. Bei den Großeltern geht sie aufs Trampolin - Salti inklusive.

Lara hat langes, dunkles Haar und tiefbraune Augen, sie trägt eine schwarze Hose und eine hellgraue Sweatjacke. Sie ist groß für eine Elfjährige. Nicht nur aus ihrer, auch aus Ärztesicht ist sie zu schwer. Jeden Mittwoch fährt die Sechstklässlerin deshalb mit ihrer Mutter zur Kinderklinik ins nordrhein-westfälische Datteln. Dort hat Endokrinologe Thomas Reinehr vor rund 20 Jahren eine Schulung für Kinder wie Lara entwickelt: "Obeldicks" ist heute eins der am besten erforschten Programme für stark übergewichtige Kinder und Jugendliche in Deutschland, rund 30 Einrichtungen bieten es an, die Krankenkassen zahlen den Kurs.

Reinehr sitzt im weißen Kittel an seinem Schreibtisch im Erdgeschoss der Klinik, an der Wand hängt Leonardo da Vincis berühmter "Vitruvianischer Mensch" - ein nackter Mann in Kreis und Quadrat eingefasst, schon um 1490 sah so der perfekte Körper aus.

Als Vorbild für Reinehrs Obeldicks-Aspiranten taugt der Kunstdruck nicht. Schon im Vorgespräch machen seine Mitarbeiter den Familien klar, dass es vor allem darum geht, dass die Kinder nicht weiter zunehmen. Im Idealfall verhilft ihnen das Wachstum dann zum Normalgewicht. Doch aus einem 120-Kilo-Teenager wird auch mit Obeldicks kein Schlaks. "Da fließen schon mal Tränen", sagt Psychologin Barbara Dieris, die solche Erstgespräche führt.

Mehr als ums Abspecken geht es Reinehr und Dieris darum, dass die Jungs und Mädchen ihre Körper akzeptieren. In der Kliniksporthalle erleben die Kinder, dass Bewegung Spaß macht - ohne schiefe Blicke. In Rollenspielen üben sie, dumme Sprüche zu kontern. "Bei uns wird nur gelobt", erklärt Arzt Reinehr, "diese Kinder haben schon so viel Abwertung erfahren, die haben oft null Selbstbewusstsein."

Dabei werden sie kaum etwas so dringend brauchen für ihr Leben. Die Kindheit der meisten Dicken, das offenbaren Studien und Umfragen, ist eine endlose Folge von Herabwürdigung, Kränkung und Ausgrenzung.

Immerhin: Eine wachsende Zahl von Kinderärzten, Psychologen und Sozialwissenschaftlern hat die Seelenpein erkannt - und wirbt dafür, sich nicht nur mit den körperlichen, sondern auch mit den psychischen Folgen des Dickseins zu beschäftigen. Denn darunter, so viel ist klar, leiden Betroffene genauso wie unter möglichen gesundheitlichen Konsequenzen des hohen Gewichts.

Thomas Grabka

Vergangenen November veröffentlichten Forscher um Stephen Pont, Kinderarzt am Dell Children's Medical Center im texanischen Austin, im Fachblatt "Pediatrics" eine Grundsatzerklärung. Von ihren Kollegen fordern sie eine andere Art des Umgangs mit dicken Kindern und Jugendlichen.

Die Vorstellung, dass jemand umso bereitwilliger abspeckt, je häufiger man ihn auf seine Fettleibigkeit hinweist, schreibt Pont, sei ebenso weit verbreitet wie falsch. Statt Gewichtsverlust befördern Spott und Ausgrenzung eher Frustessen; viele fettleibige Jugendliche trauten sich irgendwann nicht mehr zum Arzt - was gesundheitliche Probleme nur noch verstärkt. "Ärzte können sehr gemein sein", sagt Pädiater Reinehr.

Sabine Fischer ist seit ihrem sechsten Lebensjahr übergewichtig, doch sie war ein sportliches Kind. "Ich habe fast täglich getanzt und Volleyball gespielt", erinnert sie sich, "aber bei Auftritten der Tanzgruppe durfte ich nicht mitmachen, weil Leute im Verein das unästhetisch fanden." Heute sei das Schlimmste, sagt Fischer, "dass ich nicht aus dem Haus gehen kann, ohne dass sofort jemand mein Gewicht kommentiert".

Fischers Tochter Diara, 5, ist normalgewichtig, ein Kind mit braunem Haar und breitem Lachen. Bis zur Einschulung im Sommer will Fischer Diaras Selbstsicherheit stärken - "falls die neuen Mitschüler sie wegen ihrer dicken Mutter ärgern". Schwimmen gehen Mutter und Kind nur in den Ferien, auf einem kleinen Bauernhof mit Hallenbad. "Dann warten wir, bis das Wetter so schön ist, dass außer uns keiner drin ist", sagt Fischer.

Kränkungen, wie sie Sabine Fischer erlebt hat, sind der Alltag dicker Kinder, das zeigt die Liste von Pädiater Pont:

  • Die Wahrscheinlichkeit, zum Mobbingopfer Gleichaltriger zu werden, steigt mit dem Body-Mass-Index (BMI). Wer wegen seines Gewichts gehänselt wird, neigt wiederum eher zu Selbstverletzungen und Selbstmordgedanken;

  • Lehrer schätzen ihre dicken Schüler, unabhängig von deren tatsächlichen Testergebnissen, als weniger leistungsfähig ein als die normalgewichtigen, und sie erwarten von ihnen auch schlechteres Sozialverhalten;

  • fast 40 Prozent der in einer Studie befragten übergewichtigen Teenager berichten, dass sie von den eigenen Eltern wegen ihrer Körperfülle gedemütigt wurden;

  • sehr fettleibige Kinder und Jugendliche bewerten ihre Lebensqualitätähnlich schlecht wie Altersgenossen, die an Krebs erkrankt sind.

Ärzte sollten das wissen, sagt Autor Pont, und sie sollten anders mit ihren Patienten reden. Statt "Fett" oder "Gewichtsproblem" lieber "BMI" oder "Gewicht" benutzen, statt "dickes Kind" besser "Kind mit Übergewicht". Es wäre ein Anfang.

Ein Kind, zu dem nicht einmal die Eltern stehen, trägt daran ein Leben lang. "Meine Mutter hat mir zu kleine Klamotten geschenkt und gesagt, ich müsste halt abnehmen, damit ich reinpasse", erinnert sich Anna Döhlert, die ihren richtigen Namen nicht veröffentlicht haben möchte. Auch sie ist heute erwachsen und trotz ungezählter Diäten übergewichtig. "Fette Sau" habe in der Grundschule so lange zu den alltäglichen Beleidigungen gehört, "bis ich mal einen der Jungs verhauen habe".

Auch in Deutschland kommt die Debatte über den Umgang mit dicken Menschen in Gang: "Gegen Diskriminierung und für die Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Adipositas" heißt ein Fachaufsatz des Mediziners Martin Wabitsch, der an der Uniklinik Ulm die Ursachen von Übergewicht erforscht. "Ich sehe mich als Anwalt der Kinder", sagt er. Seine Patienten, die sich meist schon Jahre mit Diäten gequält haben, lobt er erst einmal dafür, dass sie schon so lange kämpfen: "Die meisten haben von einem Arzt noch nie etwas Positives gehört", sagt Wabitsch.

Jan Feindt/ DER SPIEGEL

Bei ihm können Jugendliche mit starkem Übergewicht ein Programm durchlaufen, das nicht in erster Linie aufs Abnehmen zielt, sondern den Patienten zum Beispiel bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz hilft. "Wir müssen lernen zu akzeptieren, dass es diese Kinder gibt", sagt er, "und dass auch sie ein gutes Leben haben können." Kein Abspeckprogramm führe bei diesen Patienten dazu, dass sie auf Dauer ein Gewicht haben, das ihre Umwelt als normal ansieht.

"In vielen Lebensbereichen gibt es große Erfolge im Kampf gegen Diskriminierung", sagt die Pädagogin Lotte Rose von der Frankfurter University of Applied Sciences: "Dicke Menschen scheinen die letzte Gruppe zu sein, für die das nicht gilt."

Warum das so ist, haben Rose und andere Wissenschaftler Mitte November 2017 in München beim internationalen Symposium zum Thema "Fat Studies" diskutiert. Die junge Forschungsdisziplin befasst sich unter anderem mit der Frage, wie Dicke in Büchern, Filmen oder Kunstwerken dargestellt werden - und wie sich so jenes Bild in die Köpfe brennt, das in der Gesellschaft vorherrscht.

Claudia Luck-Sikorski erforscht die Stigmatisierung bei Adipositas an der Hochschule für Gesundheit im thüringischen Gera, an der Uni Leipzig leitet sie außerdem eine Nachwuchsgruppe zum Thema. Einmal wollte sie wissen, ob Kinder womöglich eine Art Welpenschutz genießen. Ergebnis: Ihre Befragten schrieben dicken Kinder sogar mehr negative Eigenschaften zu als dicken Erwachsenen. "Für die Kinder ist das tragisch", sagt die Psychologin.

Dicke würden wohl deshalb so streng beurteilt, weil jeder Mensch von sich selbst leichte Gewichtsschwankungen kennt, glaubt Rose, daraus werde der Fehlschluss gezogen, "dass Menschen mit hohem Gewicht ihr Schicksal ändern und einfach abnehmen könnten".

Nur: So einfach ist das nicht. Ob ein Kind dick wird, entscheidet nicht allein die Wahl zwischen Pommes und Obstsalat. Auch Gene, Prägung im Mutterleib, Stress und einschneidende Erlebnisse in der Familie wie Tod oder Trennung spielen eine Rolle.

"Beim Verständnis der Genetik sind wir noch ganz am Anfang", sagt Kinderarzt Reinehr. Und hat der Körper sich erst einmal auf einem hohen Gewicht eingependelt, greifen tief im Zwischenhirn jene Regulationsmechanismen, die schon vor Tausenden Jahren den Stoffwechsel unserer Vorfahren im Lot gehalten haben. "Das Gewicht wird verteidigt, auch wenn es zu hoch ist", sagt Adipositas-Forscher Wabitsch, mit dem Verstand könne man dagegen wenig ausrichten.

"Bei Kindern kommt noch dazu, dass sich die Gesellschaft dafür verantwortlich fühlt, sie zu schützen", erklärt Erziehungswissenschaftlerin Rose. Dass die Kinder heutzutage immer dicker werden, ist dabei ebenso fest in den Köpfen verankert wie die Annahme, es sei notwendig, diesem schaurigen Trend Einhalt zu gebieten.

In Deutschland aber scheint die vielbeschworene Fettepidemie unter den Kindern ihren Zenit erreicht zu haben. Bei den Schuleingangsuntersuchungen ist die Zahl der fettleibigen Kinder in den meisten Bundesländern rückläufig, und auch in den anderen Altersgruppen bleibt der Anteil übergewichtiger Kinder stabil oder wird gar kleiner.

DER SPIEGEL

Wenn Übergewicht viele Ursachen hat und unsere Kinder nicht alle immer dicker werden: Ist dann Entspannung in Sicht für Kinder wie Lara aus dem Ruhrgebiet?

Leider nein, glaubt Gunter Frank: "Der Hype ums Gewicht hat nichts mit Fakten zu tun", sagt er. In seiner Altbaupraxis am Heidelberger Neckarufer hat der Allgemeinmediziner viele Patienten über Jahrzehnte begleitet, von den Kindern kennt er oft Eltern und Großeltern. Das Thema Gewicht, sagt Frank, bekomme immer mehr Bedeutung für seine Patienten - unabhängig von ihrer Gesundheit und davon, ob sie tatsächlich zu dick sind.

"Wer heute nicht fit und schlank ist, dem wird eine Büßerrolle antrainiert", sagt Frank, der Bücher zum Thema geschrieben hat und in Talkshows gern gegen den Schlankheitswahn wettert. Besonders hart treffe das die Kinder: "Wir ziehen eine Generation heran, die mit ihrem Gewicht unglücklich ist", sagt er. "Wenn schon normalgewichtige Grundschulkinder meinen, Diäten machen zu müssen, fördert das die Entstehung von Essstörungen."

Die Hälfte der normalgewichtigen Mädchen in Deutschland findet sich zu dick; bei den Jungen ist es etwa ein Viertel. Kein Wunder - viele ihrer Helden hat man auf Diät gesetzt: Ob Biene Maja, Pumuckl oder Bob der Baumeister - alle durchliefen im Zuge ihrer Modernisierung eine Abspeckkur. Comicgallier Obelix indes trägt seinen Bauch mit Würde - deswegen haben sich die Dattelner Ärzte für ihn als Maskottchen entschieden.

Anja Herrmann von der Uni Oldenburg hat in Kinderbüchern und -filmen nach moppeligen Stars gesucht, mit geringer Ausbeute. "Es gibt für übergewichtige Kinder praktisch keine Identifikationsfiguren", sagt die Kunsthistorikerin. Wenn in einer Kinderbande mal ein übergewichtiges Mitglied vorkomme, habe dies keine Bedeutung für die Geschichte. "Das Körpergewicht scheint die letzte Bastion zu sein, in der keine Vielfalt zugelassen wird", sagt die Wissenschaftlerin.

Da überrascht es nicht, dass es oft erst einmal still ist, wenn die Dattelner Psychologin Dieris in ihren Obeldicks-Gruppen fragt, ob es auch Vorteile haben kann, schwerer zu sein als die anderen. Vor allem den Grundschülern fällt dann aber meist doch etwas ein. "Dass ich nicht so schnell friere", heißt es dann, oder: "dass ich einen Fußball fester schießen kann". Und, natürlich nur theoretisch: "Wenn mich mal einer zu sehr ärgert, kann ich den einfach umrennen."



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