AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 49/2017

Terroropfer vom Breitscheidplatz "Ich hatte ein gutes Leben, und jetzt habe ich nichts"

Sie haben ihre Angehörigen verloren oder verletzt überlebt. Doch statt eines Kondolenzschreibens der Kanzlerin kam eine Rechnung der Rechtsmedizin. Hier erzählen die Opfer des Anschlags vom Breitscheidplatz ihre Geschichten.

René Köchel: "Es hilft nichts. Ich muss nach vorne schauen."
Werner Schuering / DER SPIEGEL

René Köchel: "Es hilft nichts. Ich muss nach vorne schauen."

Von Britta Stuff und


Am 19. Dezember soll das alles enden. Sie werden sich an diesem Tag auf dem Breitscheidplatz treffen, direkt neben der Gedächtniskirche. Sie werden aus Israel anreisen, aus Brandenburg, aus den USA und sich neben einen Riss im Boden knien, der auf dem Platz beginnt und sich über die Treppe zur Kirche fortsetzt. Auf den Stufen stehen die Namen der zwölf Toten. Die Angehörigen der Toten des Anschlags werden den Riss mit einer Metalllegierung schließen. Jede Familie eines Opfers wird ein paar Gramm flüssiges Gold in den Boden versenken und so das von der Senatskanzlei Berlin beauftragte Denkmal fertigstellen. Eine Wunde, die sich schließt.

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Heft 49/2017
Die Kleine Koalition - was sie anrichten und bewirken könnte

Wenn es nur so einfach wäre.

Beinah ein Jahr ist seit dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz vergangen. Die Gedenkfeier am Jahrestag soll das Trauerjahr beenden. Es ist jedoch zu viel passiert, als dass die Betroffenen abschließen könnten. An diesem Abend sind zwölf Menschen gestorben, fast hundert wurden verletzt, einige Opfer sind noch immer in Kliniken, die meisten sind bislang nicht über ihren Verlust hinweg, sei es der Verlust eines Angehörigen oder der eigenen Gesundheit. Die Wunden sind nicht ansatzweise verheilt.

Doch wenn man die Angehörigen trifft, berichten viele schnell von etwas anderem, von dem, was nach dem Anschlag geschah. Von ihrer Enttäuschung. Sie erzählen von einem Staat, der in ihren Augen versagt hat. Sie sagen: Er konnte nicht verhindern, dass ein Terrorist mitten in Berlin einen Anschlag verübte. Und ließ uns dann im Stich. Sie sagen: Dieser Riss wird nie zu kitten sein.

Ihre Geschichten klingen wie Albträume.

Tagelang irrten Angehörige durch Berlin, bis sie Gewissheit hatten, ob ihre Kinder, Eltern oder Geschwister leben oder tot sind. Hotlines seien nicht erreichbar gewesen, Opferlisten chaotisch geführt, die Behörden überfordert, Beamte unsensibel.

Es gab keine zentrale Anlaufstelle, an die man sich wenden konnte. Und erst mal niemanden, der Opfern und Hinterbliebenen bei den komplizierten Anträgen für Entschädigungen und Härteleistungen half.

Während die Zeitungen voll von Fotos des Täters waren, grinsend, mit gestrecktem Zeigefinger, gab es kaum Berichte über die Opfer, sie gerieten in Vergessenheit.

Es gab keinen Staatsakt, wie in Frankreich nach Terroranschlägen. In Italien nahm der Staatspräsident den Leichnam eines Opfers vom Breitscheidplatz in Empfang, der polnische Staatspräsident kniete vor dem Sarg des in Berlin ermordeten Lkw-Fahrers nieder. Die Kanzlerin schickte nicht einmal ein Kondolenzschreiben. Schnell hingegen bekamen die Angehörigen die Rechnung aus der Rechtsmedizin, 51 Euro, zu zahlen innerhalb von 30 Tagen, sonst melde sich ein Inkassounternehmen.

Monat für Monat erfuhren die Betroffenen neue Details über Pannen, Versäumnisse und Vertuschungen in den Ermittlungsbehörden. Sie erfuhren, dass der spätere Attentäter sich mit gut einem Dutzend Identitäten durchmogeln, mit Drogen dealen, betrügen, einen Anschlag vorbereiten konnte. Und dass hinterher, um ihr Versagen zu verschleiern, Kriminalbeamte offenbar Akten manipulierten.

Aus Enttäuschung wurde Wut.

Vor dem Jahrestag des Anschlags am Berliner Breitscheidplatz hat der SPIEGEL Betroffene und Zeugen des Anschlags getroffen. Redakteure haben Tausende Seiten Akten und interne Behördenberichte ausgewertet und mit den Opferbeauftragten der Bundesregierung und des Landes Berlin gesprochen.

Das Bild, das sich ergibt, ist beschämend: Am 19. Dezember 2016 hat der Terror des "Islamischen Staates" Deutschland erreicht, ein tiefer Einschnitt für die Bundesrepublik. Doch das Land war weder in der Lage, angemessen um die Opfer zu trauern, noch sich um die Betroffenen zu kümmern. Obwohl die Terrorgefahr seit Jahren steigt, traf der Anschlag die Behörden erstaunlich unvorbereitet.

Die Wut der Betroffenen zeigt ein offener Brief von Angehörigen aller zwölf Todesopfer an Angela Merkel, den der SPIEGEL leicht gekürzt veröffentlicht. Mit ihrem Verhalten nach dem Anschlag sei Merkel "ihrem Amt nicht gerecht" geworden, klagen die Hinterbliebenen. "Es ist unsere konkrete Erwartung an Sie, Frau Bundeskanzlerin, dass die Bundesrepublik unseren Familien unbürokratisch und umfassend hilft", schreiben sie. "Der Anschlag am Breitscheidplatz ist auch eine tragische Folge der politischen Untätigkeit Ihrer Bundesregierung."

Tod

Es ist 18.53 Uhr am 19. Dezember, als ukasz Urban, 37, in der Schlafkabine eine DVD in seinen Laptop schiebt. Urban wollte längst weg sein aus Berlin, doch bei ThyssenKrupp sagten sie ihm, er könne die Stahlträger auf seinem Sattelschlepper heute nicht mehr abladen. Er muss im Industriegebiet am Friedrich-Krause-Ufer im Lkw übernachten.

Am Nachmittag hatte Urban noch mit seiner Frau in Polen telefoniert, sie hatten über Weihnachten gesprochen. Er hatte sich bei Netto ein Holsten Pilsener geholt und einen Döner gegessen. Nun will er sich einen Film anschauen, die romantische Komödie "Don Jon", und sich dann schlafen legen, als plötzlich jemand an seinem Fenster steht. Urban beugt sich vor, zieht den Vorhang zurück, da schießt ihm der Attentäter Anis Amri in den Kopf. Dann startet Amri den Lkw.

Vier Kilometer südlich drängen sich auf dem Breitscheidplatz die Menschen zwischen den Buden, es sind nur noch fünf Tage bis Heiligabend. Sie essen Berliner Handbrot, trinken Feuerzangenbowle, treffen sich zur Betriebsfeier, kaufen Christbaumschmuck, Nussknacker, Kerzen.

Um 20.02 Uhr steuert der Terrorist den Sattelschlepper vorbei am Bahnhof Zoo, über die Kreuzung, auf den Breitscheidplatz. Der Lkw schrammt an einem Waffelstand entlang, erfasst Menschen an Stehtischen vor dem "Glühweintreff" und fährt in ein Zelt vor "Müllers Meisterbratwurst". Vor der Gedächtniskirche schwenkt Amri den Lkw nach links, walzt die Getränkebude mit der Nummer 55 nieder, durchbricht einen Zaun und reißt Menschen mit auf die Straße. Nach etwa 80 Metern kommt der Sattelschlepper zum Stehen.

Ein Weihnachtsmarkt ist ein Zufallsort, an dem die Menschen oft wenig gemeinsam haben. Man kommt nicht hierher, weil man zur gleichen Gehaltsklasse gehört oder das gleiche Hobby hat. Es ist einer der Orte, an denen man jeden treffen kann. An diesem Abend sterben:

  • Dorit Krebs, 53, die seit wenigen Tagen in einer Filiale der Deutschen Bank am Kurfürstendamm arbeitete.
  • Sebastian Berlin, 32, Industriemechaniker beim Getriebehersteller ZF in Brandenburg an der Havel, der eine bestandene Prüfung feiern wollte.
  • Angelika Klösters, 65, aus Neuss-Lanzerath, die von ihrem Sohn eine Berlinreise geschenkt bekommen hatte.
  • Dalia Elyakim, 66, Touristin aus Israel, die nach einem Abendessen mit ihrem Mann noch einen Glühwein trinken wollte.
  • Anna Bagratuni, 44, und ihr Mann Georgiy, 44, aus Kiew, beide Mitarbeiter einer Berliner Softwarefirma.
  • Peter Völker, 73, der sich mit seinem Partner aus den USA und einem befreundeten Kirchenmusikprofessor vor der Gedächtniskirche verabredet hatte.
  • Fabrizia Di Lorenzo, 31, und Nada Cizmár, 34, eine Italienerin und eine Tschechin, die mit einer Gruppe Kollegen aus der Logistikfirma 4flow feierten.
  • Klaus Jacob, 65, der nur zum Weihnachtsmarkt gegangen war, weil seine Partnerin und er keine Karten fürs Theater bekommen hatten.
  • Christoph Herrlich, 40, Jurist und Start-up-Gründer, der noch eine Freundin zur Seite schubsen konnte, sie so rettete und dabei selbst starb.

Leere

Als Rami Elyakims Frau begraben wurde, lag er noch im Koma. Viele Stunden musste er in einem Berliner Klinikum operiert werden, seine Schulter war verletzt, die Hüfte, beide Beine. Kurz vor Neujahr wachte er auf und fragte seine Kinder: "Wo ist Dalia?" Er konnte sich an fast nichts mehr erinnern, nur noch an den zerstörten Turm der Gedächtniskirche. Der Rest des Abends war ausgelöscht.

Knapp ein Jahr später, an einem Nachmittag im November, steht Rami Elyakim am Stadtrand von Herzlia bei Tel Aviv, am Grab seiner Frau. 40 Jahre lang waren die beiden ein Paar. Es habe in all der Zeit nur wenige Tage gegeben, an denen sie einander nicht gesehen hätten. Rami Elyakim sagt, er habe sein ganzes Leben hart gearbeitet, er baute Kühlschränke für Restaurants. Jetzt verbringe er die meiste Zeit zu Hause, auf dem Sofa. "Ich hatte ein gutes Leben", sagt er, "und jetzt habe ich nichts."

Elyakim kommt aus einem Land, in dem die Terrorgefahr zum Alltag gehört. In Israel kann die Gewalt potenziell jeden treffen, darauf sind sie vorbereitet. Dass der Terror sie in Deutschland treffen würde, damit hatte er nicht gerechnet. Er hielt das Land für das sicherste der Welt. Heute fragen sich die Elyakims, was diese deutschen Behörden eigentlich unternehmen, um die Bevölkerung zu schützen.

Rami Elyakim: "Ich hatte ein gutes Leben, und jetzt habe ich nichts."
Jonas Opperskalski / DER SPIEGEL

Rami Elyakim: "Ich hatte ein gutes Leben, und jetzt habe ich nichts."

Über WhatsApp steht die Familie in Kontakt zu den anderen Opferangehörigen, sie schicken ihnen Links zu Berichten über die Pannen der Ermittler. Sie verstehen nicht alles in den Texten aus Deutschland, aber was sie verstehen, macht sie fassungslos. Ein Islamist, der mit 14 verschiedenen Namen umherreist? "So etwas wäre in Israel nicht möglich", sagt Elyakim. "Die hätten ihn ins Gefängnis gesteckt oder wenigstens jeden seiner Schritte überwacht." Den Namen des Attentäters nimmt er nicht in den Mund.

Deutschland, so sieht es Elyakim, müsse bei der Terrorabwehr nun israelischer werden. Scharfe Sicherheitsbehörden, Poller an den Straßenecken, ein intensives Screening aller Menschen, die ins Land kommen. Und es müsse seine Verantwortung gegenüber den Opfern übernehmen.

Am Krankenhausbett habe ihm ein Vertreter der Bundesregierung versprochen, dass man sich um ihn kümmern werde. Doch angekommen sei bei ihm und seinen Kindern bisher nur wenig, zu wenig jedenfalls für ein Leben in Würde, wie er findet.

Der israelische Staat hat ihn inzwischen als Terroropfer anerkannt. Die Knesset hat dafür extra das Gesetz geändert, davor gab es nur Unterstützung, wenn sich ein Anschlag im Ausland gezielt gegen Israelis oder Juden richtete. Er sei dem israelischen Staat sehr dankbar für seine Hilfe, sagt Elyakim. Aber er findet: Eigentlich müsste sich Deutschland um ihn kümmern.

Wut

Auf Sigrid und Hans-Georg Rheinsbergs Tisch liegt ein dicker Leitz-Ordner, auf dem Boden lagern zwei weitere. Darin haben die beiden alle Zeitungstexte abgeheftet, die sie seit dem Tod ihrer Tochter Dorit Krebs gesammelt haben.

Mit jedem Blatt Papier, das sie ansehen, wächst ihre Wut.

Sie: "Ich habe vermisst, dass jemand da gewesen wäre, am Anfang, für uns alle."

Er: "Nichts kam, kein Schreiben, kein nix."

Sie: "Der Staat hat Mitschuld. Er war nicht der Täter. Aber er trägt Mitschuld."

Er: "Frau Merkel hat die Flüchtlinge in den Arm genommen. Und uns hat sie auf den Arm genommen."

Sie: "Das ist jetzt sehr krass gesagt. Aber Frau Merkel hat sich uns gegenüber schäbig verhalten."

Er: "Völlig ignoriert."

Die Rheinsbergs wohnen im Havelland. Um die Wut der Familie zu verstehen, muss man noch mal ungefähr hundert Kilometer weiter östlich fahren, zur Enkelin der beiden. Sie ist in das Haus ihrer toten Mutter gezogen, in der Nähe von Berlin, ihren Namen will sie in keiner Zeitung lesen.

Es verstöre sie bis heute, was sie in den Tagen nach dem Anschlag erlebt habe. Erst am nächsten Morgen habe sie erfahren, dass die Mutter auf dem Weihnachtsmarkt verabredet war. Als sie bei der Hotline der Polizei anrief, erhielt sie die Antwort: Sie solle sich keine Sorgen machen, ihre Mutter sei nur verletzt und liege in einem Krankenhaus in Berlin-Wilmersdorf. Als sie dort ankam, sagte man ihr, eine Frau Krebs sei nie eingeliefert worden.

Sie versuchte es auf der Polizeiwache, gab eine Vermisstenanzeige auf. Sie fuhr von Krankenhaus zu Krankenhaus, fragte nach ihrer Mutter, niemand sagte etwas Genaues. Bei der Hotline sei man irgendwann genervt gewesen: Sie fragen schon wieder nach Frau Krebs?

Sigrid und Hans-Georg Rheinsberg: "Der Staat trägt Mitschuld."
Werner Schuering / DER SPIEGEL

Sigrid und Hans-Georg Rheinsberg: "Der Staat trägt Mitschuld."

Dann meldete sich das Berliner Landeskriminalamt. Sie solle etwas für einen DNA-Abgleich mitbringen; sie nahm die Zahnbürste. Erst drei Tage nach dem Anschlag hatte sie Gewissheit. Als sie sich später nach den Sachen ihrer Mutter erkundigte, habe man ihr eine blutverschmierte Tasche in die Hand gedrückt, einfach so.

"Es war ein Hin-und-her-Geschiebe. Keiner wusste, was der andere macht, und an vielen Stellen fehlte schlicht die Menschlichkeit", sagt sie.

Die Berliner Polizei hat in einem internen Bericht die Fehler nach dem Anschlag aufgearbeitet. Die Betreuung der Opfer und Angehörigen sei "unzureichend" gewesen, heißt es dort. Betroffene fragten bei verschiedenen Stellen nach dem Verbleib ihrer Angehörigen, bekamen aber "keinerlei Auskünfte". Weil die IT-Systeme nicht kompatibel waren, mussten die Krankenhäuser die Namen der Verletzten per Fax an die Polizei schicken. Dort tippten sie die Beamten noch mal von Hand in den Computer.

Die Tochter von Dorit Krebs nahm sich einen Monat nach dem Anschlag ein Herz und schickte eine E-Mail an Bundesinnenminister Thomas de Maizière. Sie schrieb, dass der Staat versagt habe und sie sich, "entschuldigen Sie die Ausdrucksweise, verarscht" vorkomme. De Maizière antwortete im Februar. Er versprach Besserung.

Hoffnung

Am 20. Februar 2017 klingelte Kurt Becks Handy. Beck nahm als Vorsitzender der Friedrich-Ebert-Stiftung gerade an einer Afrikakonferenz in Kenia teil. Justizminister Heiko Maas war am Telefon, er fragte Beck, ob er sich vorstellen könne, Beauftragter für die Opfer und Hinterbliebenen des Anschlags vom Breitscheidplatz zu werden. Beck sagte: "Darüber muss ich kurz nachdenken." Eine Stunde später rief er zurück und sagte zu.

Beck ist 68 Jahre alt. Er war schon vieles in seinem Leben, SPD-Vorsitzender, Ministerpräsident, doch in den Monaten nach diesem Anruf hat er noch mal viel Neues gelernt, auch über sich selbst. Beck schrieb im März, der Anschlag war vor drei Monaten passiert, alle Angehörigen von Opfern an und alle, die an diesem Tag verletzt worden waren. Er traf beinah jeden von ihnen.

Beck sitzt in einem kargen Büro im Justizministerium, Raum 3.214, hinter den Scheiben wird es bereits dunkel. Wenn man mit Beck über seine Aufgabe spricht, merkt man, dass er versucht, besonders sachlich zu sein. Er sagt, vor ihm habe ein "Aufgabenpaket" gelegen, einen Toten nennt er "Personenschaden". Er sagt, er habe schon gewusst, dass ihm die Sache an die Nieren gehen werde. Aber eines habe ihn dann doch überrascht. Manche Treffen hätten ihn so mitgenommen, dass er abends erst zweimal ums Haus gehen musste, bevor er sich hinsetzen konnte. In zahlreichen Nächten habe er trotzdem nicht schlafen können.

Es gibt viele Angehörige, die ihre Treffen mit Beck als positiv schildern, sie sagen, da habe endlich ein Vertreter des Staates was getan. Im Februar hatte der damalige Bundespräsident Joachim Gauck bereits Hinterbliebene empfangen, ihnen zugehört, auch das fanden sie gut. Nur könne er halt nicht wirklich etwas für sie tun, sagen Betroffene.

Beck half ihnen, indem er bei Behörden Druck machte oder dafür sorgte, dass Anträge schnell bearbeitet werden, oder indem er Ansprechpartner nannte. Einer jungen Frau, die bei dem Anschlag beide Eltern verloren hat, verschaffte Beck einen privaten Spender, der sie nun beim Studium unterstützt.

Die Angehörigen und Opfer sagen aber auch, dass Beck einfach zu spät in sein Amt kam. Dass schon Monate vergangen waren, als er sich bei ihnen meldete. Dass diese verlorene Zeit nicht mehr gutzumachen war. Manche Verbitterung wird bleiben, das weiß auch Beck. Sein Bericht als Opferbeauftragter, den er zum Jahrestag veröffentlichen wird, enthält eine Vielzahl an Versäumnissen des Staates. Dinge, die man seiner Ansicht nach dringend ändern müsste, um in Zukunft mit Terroropfern besser umzugehen. Er hat sich im Ausland umgesehen, in Spanien, Frankreich, Belgien, und findet, dort könne Deutschland sich manches abschauen.

Kurt Beck schlägt vor, dass es nach Anschlägen und anderen "Großschadensereignissen" einen prominenten Opferbeauftragten gibt, mit einer festen Geschäftsstelle beim Bundesjustizministerium. Er will, dass eine Onlineplattform geschaffen wird, auf der sich Angehörige informieren können, wo und wie sie Hilfen beantragen können. Er fordert, dass die Identifizierung von Toten so gestaltet wird, dass die Angehörigen weniger belastet werden. Das würde für die Betroffenen vieles erleichtern, schreibt Beck in seinem Bericht.

Nur: Für die Opfer und Hinterbliebenen vom Breitscheidplatz kommt es zu spät.

Sorge

Der 19. Dezember 2016 hat Hartmut Hüsges ein Rätsel hinterlassen. Hüsges und sein Mann Sascha waren unverletzt, als der Sattelschlepper zum Halten kam. Hüsges' Mann sagte: "Pass du auf den Hund auf, ich schau mal, ob ich irgendwie helfen kann." Wenig später kehrte er kreidebleich zurück. Irgendetwas, vielleicht ein Teil einer Weihnachtsmarktbude, muss ihm auf den Kopf gefallen sein. Die Ärzte in der Schlosspark-Klinik diagnostizierten eine schwere Hirnblutung, Sascha wurde ins künstliche Koma versetzt und operiert.

Bis heute konnte er nicht nach Hause zurückkehren, das Jahr hat er in Krankenhäusern und Rehakliniken verbracht. Er hat seit diesem Tag kein Wort gesprochen, sich nicht aus eigenen Stücken bewegt. Was in ihm vorgeht, weiß Hüsges nicht, Sascha kann mit den Augen blinzeln und ein bisschen die linke Hand bewegen. Der Rest des Körpers ist gelähmt.

"Sein Leben ist versaut", sagt Hüsges.

Hüsges ist 61 Jahre alt und leitender Beamter im Finanzministerium, er ist verantwortlich für die jährliche Steuerschätzung. Er ist kein Wutbürger, niemand, der sich aufregen möchte, um sich besser zu fühlen. Einmal ging er zu einem Treffen mit anderen Opfern, danach nie wieder, weil ihm dieser Abend zu emotional war. Er weint nicht gern.

Hüsges sagt, er habe schnell verstanden, dass sein Mann nicht mehr der Alte sein wird und dass er wahrscheinlich für immer gepflegt werden muss. Hüsges begann sich darauf vorzubereiten.

Hartmut Hüsges: "Das Leben von Sascha kann nicht entschädigt werden."
Werner Schuering / DER SPIEGEL

Hartmut Hüsges: "Das Leben von Sascha kann nicht entschädigt werden."

Er kaufte ein Haus, in das er mit seinem Mann irgendwann einziehen kann. Es ist ein Bungalow, das ist wichtig, denn Sascha wird keine Treppen mehr steigen können. Das Haus wird nun behindertengerecht umgebaut. Hüsges kaufte ein neues Auto, in das man einen Rollstuhl einladen kann. Er wird Pflegekräfte einstellen, die sich um seinen Mann kümmern werden.

Die Kosten würden sich auf eine dreiviertel Million Euro belaufen, sagt Hartmut Hüsges, das meiste davon werde er wohl nicht ersetzt bekommen.

Viele der Angehörigen erzählen Geschichten, die von Geld handeln. Es gibt in Deutschland verschiedene Töpfe, aus denen Opfer Hilfe erhalten können. Bis man die überblickt habe, sagen die Betroffenen, vergingen Wochen. Die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestags sollten im Frühjahr eine Übersicht erstellen, am Ende hatte das Dokument 27 Seiten.

Nach dem Anschlag war zunächst sogar unklar, wer zuständig ist, der Staat mit seinem Opferentschädigungsgesetz oder ein Fonds der Kfz-Haftpflichtversicherer. Im Gesetz steht: Für Schäden, die "von dem Angreifer durch den Gebrauch eines Kraftfahrzeugs" verursacht werden, soll der Staat nicht haften.

Nur durch eine hektische Anordnung konnte am Ende Geld aus beiden Töpfen fließen, das ist gut für die Betroffenen, aber wahnsinnig kompliziert. Den einen Topf verwaltet das Land Berlin, den anderen ein Verein der Versicherungswirtschaft. Dazu kommen noch die sogenannten Härteleistungen für Opfer terroristischer Straftaten. Die verwaltet das Bundesamt für Justiz in Bonn. Jeder hat ein eigenes Antragsformular.

Viele Betroffene schildern die Suche nach Stellen, an denen sie Kosten erstattet bekommen, als einen entwürdigenden Vorgang, bei dem sie sich wie Bittsteller fühlten, zumindest am Anfang. Manchmal warteten sie Wochen auf eine Antwort, mussten Kosten selbst auslegen, sich Geld leihen, Kredite aufnehmen.

Rund zwei Millionen Euro sind bislang an 132 Opfer und Hinterbliebene geflossen, das sind im Schnitt etwa 15.000 Euro. Die Summen werden sich in den nächsten Monaten und Jahren noch deutlich erhöhen, 18 Betroffenen wurden bereits dauerhafte Rentenzahlungen zugesprochen. Trotzdem lohnt ein Vergleich: Für die Schäden bei den G-20-Ausschreitungen in Hamburg hat der Staat 40 Millionen Euro versprochen.

Hartmut Hüsges, der Beamte aus dem Finanzministerium, zählt offiziell nicht zu den Opfern, er war unverletzt geblieben. Hüsges sagt, es gehe ihm nicht ums Geld. Er wolle nicht, wie in Amerika üblich, Millionen als Schadensersatz bekommen. Er sagt: "Das Leben von Sascha kann sowieso nicht entschädigt werden. Da können 100 Millionen nicht helfen." Hüsges will nur die Kosten, die er ohne diesen Anschlag nicht gehabt hätte, erstattet bekommen.

Er habe sich den entsprechenden Titel im Bundeshaushalt angesehen. Der Topf, der dort für Entschädigungsleistungen vorgesehen ist, sei mickrig ausgestattet, sagt er. "Das zuständige Bundesressort hätte ihn von heute auf morgen aufstocken können", sagt Hüsges.

Auch Kurt Beck empfiehlt in seinem Bericht, die Entschädigungen für Terroropfer deutlich zu erhöhen. Die 10.000 Euro, die als Pauschale an Hinterbliebene gezahlt werden, hält er für zu niedrig, auch die Zahlungen an Verletzte könnten höher sein. Aber er kann es nur fordern, entscheiden muss es die Politik.

Hartmut Hüsges sagt, seine Zukunft sei immer etwas gewesen, worauf er sich gefreut habe, nun schaue er mit Sorge nach vorn. Er trägt inzwischen die Last von zwei Leben allein. Am Ringfinger seiner linken Hand trägt er seinen eigenen Ehering und an dem der rechten Hand den seines Mannes.

Pelsin Bars: "Für mich sind Menschen wie sie die versteckten Helden dieses Tages."
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Pelsin Bars: "Für mich sind Menschen wie sie die versteckten Helden dieses Tages."

Dankbarkeit

Wenn man die Betroffenen vom Breitscheidplatz fragt, ob sie bei all dem Leid auch etwas Positives erfahren haben, ob es stille Helden gibt, dann nennen sie Namen, die keiner kennt. Sachbearbeiter in Ämtern, die sich wirklich Mühe geben. Menschen, die für sie da waren, Polizisten, Sanitäter, Mitarbeiter des Weißen Rings, Ersthelfer. Sie nennen zum Beispiel Pelsin Bars.

Die Ärztin aus der Türkei war am Abend des Anschlags mit Freunden auf dem Breitscheidplatz, als sie plötzlich Menschen auf sich zurennen sah. Bars eilte in die andere Richtung, zu den Verletzten. Sie ist erst 28 Jahre alt, aber in der Osttürkei musste sie schon Opfer nach einem Bombenanschlag behandeln. Sie sagt, dass sie vielleicht deshalb nicht in Panik geraten sei, sondern sich ruhig und konzentriert um die Verletzten gekümmert habe, erst die schweren Fälle, dann die leichteren, zwei Stunden ging das so, vielleicht waren es auch drei. Ein Betroffener sagt: "Für mich sind Menschen wie sie die versteckten Helden dieses Tages."

Bars sagt, sie habe einfach ihren Job gemacht. Vor wenigen Tagen hat sie ihre deutsche Approbationsurkunde bekommen. Sie darf jetzt auch hier als Ärztin arbeiten, am liebsten wäre ihr Berlin.

Zukunft

An einem Montag im November sieht alles aus wie immer, die Buden, der vom Krieg zerstörte Turm der Gedächtniskirche, die Lichter. Der Breitscheidplatz wird von Verkehr umrauscht wie eine Insel vom Meer. Es sieht natürlich nicht alles aus wie immer, nach ein paar Sekunden entdeckt man die Betonpoller, die Polizisten und die Kamerateams, die die Menschen an Glühweinständen fragen, warum sie hier seien, "haben Sie keine Angst?" Es ist der erste Tag, an dem der Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz wieder geöffnet ist.

René Köchel sagt, er habe sich heute Morgen ganz normal auf den Weg gemacht. Nur ein bisschen mehr Zeit habe er eingeplant. Köchel arbeitet seit mehr als 20 Jahren auf Weihnachtsmärkten in ganz Deutschland. Im vergangenen Jahr stand er am 19. Dezember in einer Bude, die vom Laster des Attentäters völlig zerstört wurde. Sein rechter Fuß war zertrümmert, sein linkes Bein gebrochen, er hatte Prellungen am ganzen Körper und ein Schädel-Hirn-Trauma.

Seither ist er gehbehindert. Ein Jahr lang konnte er nicht arbeiten, der Aufbau der Buden auf dem Breitscheidplatz in diesem Jahr war sein erster Job.

Köchel sagt, er sei jemand, der sich nicht mit Dingen beschäftige, die man nicht ändern könne. Es sei jetzt nun mal so, wie es sei. Er müsse nach vorne schauen.

Nur eine Sache beschäftige ihn.

Er habe Angela Merkel damals da stehen sehen, 2015, nach dem Attentat in Paris, zwischen all den Staatsmännern. In Deutschland habe man sie nach dem Anschlag nur einmal trauern sehen: bei einem Gedenkgottesdienst in der Gedächtniskirche, kaum 22 Stunden nach dem Anschlag. Nur, sagt Köchel, waren er und die meisten Opfer da noch im Krankenhaus. Viele haben mit ihrem Leben gerungen, Angehörige wussten noch nicht, ob ihre Familienmitglieder unter den Toten waren. Dieser Trauergottesdienst habe doch gar nicht den Opfern gegolten, sagen manche Betroffene.

Seit einem Jahr warten sie darauf, dass Merkel ihnen ihre Anteilnahme ausdrückt, persönlich, sie finden, das sei "eigentlich eine Selbstverständlichkeit". So schreiben es die Angehörigen der zwölf Todesopfer in ihrem Brief.

Es sieht aus, als sei die Botschaft angekommen. Auf Anfrage teilt ein Regierungssprecher mit, der Bundeskanzlerin sei es ein "Anliegen, die Betroffenen in ihrer Situation nicht alleine zu lassen und ihr Mitgefühl auszudrücken". Sie werde demnächst den Weihnachtsmarkt besuchen und am 19. Dezember an der Einweihung des Denkmals am Breitscheidplatz teilnehmen. Die Angehörigen haben in dieser Woche zum ersten Mal einen Brief aus dem Kanzleramt bekommen. Am Tag vor dem Gedenken will sich Merkel mit den Hinterbliebenen treffen; in der Einladung steht, sie wolle darüber sprechen, "wie es Ihnen und Ihrer Familie heute geht".


Im Video: Festliche Bepollerung - Nach dem Attentat in Berlin haben Deutschlands Weihnachtsmärkte aufgerüstet und versuchen, trotz Betonpoller die festliche Stimmung zu wahren.

KATHARINA NEUHAUS / DER SPIEGEL


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