AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 6/2018

Emigrantenschicksal Am falschen Ort zur falschen Zeit

1942 versenkten deutsche Torpedos die "Abosso", an Bord war auch der Berliner Schriftsteller Ulrich Alexander Boschwitz, 27. Nun erscheint sein Roman "Der Reisende" in Deutschland - ein dramatisches Zeitdokument.

Autor Boschwitz um 1935
Ulrich Boschwitz Collection / Leo Baeck Institute

Autor Boschwitz um 1935

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Am 8. Oktober 1942 verließ die M.V. "Abosso", ein von der britischen Regierung gechartertes Passagierschiff, den Hafen von Kapstadt und nahm Kurs auf Liverpool. An Bord befanden sich etwa 400 Personen, 43 davon waren deutsche Emigranten. Unmittelbar nach Kriegsbeginn hatte man die Männer in England zu feindlichen Ausländern ("enemy aliens") erklärt und bald nach Australien deportiert, nun durften sie über Südafrika nach Europa zurückkehren.

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Heft 6/2018
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Der Dampfer machte sich auf eine gefährliche Reise, deutsche U-Boote lauerten im Atlantik. Und nach drei Wochen entdeckte eines von ihnen tatsächlich die "Abosso". Etwa 700 Seemeilen nordwestlich der Azoren traf am 29. Oktober abends ein erster Torpedo das Schiff. Laut einem Memorandum des Londoner Innenministeriums befanden sich die Emigranten zu diesem Zeitpunkt in einem Raum weit oberhalb der Wasserlinie. Warum es nur ein Einziger in die Rettungsboote schaffte, blieb ungeklärt. Eine Viertelstunde später schlug ein zweiter Torpedo ein, daraufhin, so hieß es in dem Bericht, sei das Schiff "in wenigen Minuten" gesunken.

Unter den Opfern befand sich auch der gebürtige Berliner Ulrich Alexander Boschwitz, 27. Der junge Schriftsteller hatte sein Schicksal offenbar geahnt und seiner in England internierten Mutter Martha Wolgast Boschwitz vor der Abreise aus Australien noch einen Brief geschrieben, der sich wie ein Testament liest. Er befindet sich heute, zusammen mit den meisten anderen Hinterlassenschaften des Autors, im Archiv des Leo Baeck Institute in New York.

Boschwitz berichtete seiner Mutter in diesem Brief von der neuen Fassung eines Romans, den er 1939 in Großbritannien unter dem Titel "The Man Who Took Trains" veröffentlicht hatte. Die ersten 109 Seiten des Manuskripts habe er bereits nach England geschickt. Falls ihm etwas zustoße, möge die Mutter "den Rat eines literarisch Erfahrenen" für die weitere Bearbeitung des Romans suchen. "Ich glaube fest daran", so schrieb er ihr, "dass in diesem Buch etwas steckt, was es zu einem Erfolg machen wird."

Martha Wolgast Boschwitz hat den bearbeiteten Text wahrscheinlich nie erhalten. Im Exilarchiv der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt am Main befindet sich allerdings das deutsche Originalmanuskript des Romans. Auch das war in Vergessenheit geraten, bis der Verleger Peter Graf vor zwei Jahren einen Tipp von einer Boschwitz-Nichte aus Israel erhielt und jene Aufgabe übernahm, die der Autor einst einem "literarisch Erfahrenen" zugedacht hatte: die Neubearbeitung und deutsche Erstveröffentlichung des Romans "Der Reisende", wie das Buch im Original heißt.

Der Autor schildert darin die Geschichte der Flucht eines jüdischen Kaufmanns aus Berlin, die erkennbar von seinen eigenen Erfahrungen geprägt ist. Auch der Emigrant Boschwitz zog damals quer durch Europa auf der Suche nach einer neuen Heimat.

Warum der 20-Jährige 1935 Deutschland zusammen mit seiner Mutter verließ, lässt sich nicht mehr aufklären. Ob es am Musterungsbefehl für die Wehrmacht lag, der ihn im Juli 1935 erreichte, oder an seiner Verachtung für das NS-Regime, geht aus den Dokumenten im Leo Baeck Institute nicht hervor. Wahrscheinlich, so vermutet der Herausgeber Peter Graf, hätten die im selben Jahr erlassenen Nürnberger Gesetze den Ausschlag gegeben. Boschwitz hatte einen jüdischen Vater - der wenige Tage nach seiner Geburt gestorben war - und eine protestantische Mutter. Seine einige Jahre ältere Schwester Clarissa war bereits 1933 nach Palästina ausgewandert.

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Der Reisende

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Mutter und Sohn Boschwitz zogen zunächst nach Schweden, aber schon nach einem Jahr ging es weiter nach Norwegen. 1937 veröffentlichte er unter dem Pseudonym John Grane auf Schwedisch seinen ersten Roman "Menschen neben dem Leben", ein düsteres Psychogramm der deutschen Nachkriegsgesellschaft in den Zwanzigerjahren. Boschwitz erhielt dafür zwar gute Kritiken, aber dauerhaft wollte oder konnte er nicht in Skandinavien bleiben. Er zog weiter nach Paris, lebte auch eine Zeit lang in Brüssel und Luxemburg.

Natürlich musste der junge Emigrant Geld verdienen. Den französischen Zeitungen bot er Geschichten sowie seine (leider eher schlechten) Gedichte zum Kauf an. Außerdem beteiligte er sich (erfolglos) an literarischen Wettbewerben, etwa zu dem Thema: "Wie kann die Menschheit weltweit abrüsten?"

Ulrich Alexander Boschwitz muss nach allem, was man über ihn weiß, ein sensibler Mann gewesen sein. "Seine Weltanschauung war christlich, human und deutsch", erinnerte sich etwa seine Schwester Clarissa nach dem Krieg. Sie und ihr Bruder hätten erst sehr spät erfahren, dass ihr Vater Jude gewesen sei, man habe eine "streng christliche Erziehung" genossen. Ulrich sei "nie aggressiv" gewesen, sie habe ihn als "stets verträumt und gutherzig" in Erinnerung. Das einzige Porträtfoto, das von Boschwitz erhalten ist, scheint diese Charakterzüge zu bestätigen: ein weicher, freundlicher Gesichtsausdruck, kein Kämpfertyp.

Umso mehr wird ihn der Ausbruch von Gewalt und Fanatismus während der "Kristallnacht" erschüttert haben. Das erste Manuskript des "Reisenden" entstand in den letzten Wochen des Jahres 1938, also unmittelbar nach dem Pogrom. Gewissermaßen in Echtzeit, während die in der Nacht des 9. November Festgenommenen noch in Buchenwald oder Dachau geschunden wurden, schrieb Boschwitz in Luxemburg und zum Teil wohl auch in Brüssel die Geschichte des Kaufmanns Otto Silbermann auf, der seine Berliner Wohnung fluchtartig verlassen muss, damit ihn die vor der Haustür aufmarschierten Nazischläger nicht behelligen.

Boschwitz-Registrierkarte, ausgestellt von der australischen Armee 1942: "Ein bedauerlicher Fehler"
MV Abosso Collection / LBI Archives

Boschwitz-Registrierkarte, ausgestellt von der australischen Armee 1942: "Ein bedauerlicher Fehler"

Silbermann wird zum Zeugen, wie seine jüdischen Freunde und Nachbarn verhaftet werden, und traut sich nicht mehr zurück in die Wohnung. Überall sieht er die Spuren der Gewalt, er flieht in ein Hotel, verlässt es nach wenigen Stunden wieder und will sich möglichst schnell vom Anteil an seiner Handelsfirma trennen. Sein nichtjüdischer Kompagnon, ein alter Frontkamerad aus dem Ersten Weltkrieg, nutzt Silbermanns Notlage rücksichtslos aus und speist ihn mit einer lächerlich niedrigen Summe ab.

Mit dem Geld im Gepäck setzt er sich in einen Zug nach Aachen, um das Land zu verlassen. Ein Fluchthelfer, den er teuer bezahlt, bringt ihn an die belgische Grenze, wo er zwei Gendarmen in die Arme läuft, die ihn trotz allen Flehens wieder zurückschicken. Silbermann fährt also erneut nach Berlin, dann nach Küstrin, wo sich seine nichtjüdische Frau vor ihm versteckt, dann nach Dresden und wieder Berlin.

Die Dramaturgie der Bahnreise bringt es mit sich, dass Silbermann ununterbrochen neue Mitreisende trifft. Daraus entwickelt Boschwitz ein beeindruckendes Panorama deutscher Zeitgenossen, von üblen Nazis bis zu heimlichen Widerständlern. Zudem muss Silbermann bei seinen Irrfahrten durchs Land eine Reihe von Gefahrensituationen überstehen, die den Roman von Seite zu Seite spannender machen: Wird er den Nazis entrinnen? Wird er sein Vermögen behalten? Wird er es zu seinem Sohn nach Paris schaffen?

Bei alldem macht Silbermann eine ganze Reihe von Schlüsselerfahrungen, die ihm bis dahin erspart worden waren. Alte Freunde und Verwandte etwa, die ihm immer gewogen waren, wenden sich nun unter dem Druck der Verhältnisse plötzlich ab und verweigern jede Hilfe.

Schlimmer noch: Auch er selbst wird zum Opportunisten. Jüdische Bekannte, die auf seine Unterstützung hoffen, werden von ihm brüskiert. Mit den Worten "Sie kompromittieren mich ja" wehrt er einen Geschäftsmann ab, der eine besonders jüdisch wirkende Physiognomie aufweist. Mit den Worten "Du kompromittierst uns!" hatte ihn eben noch sein Nazischwager aus dem Haus gejagt. Die Diktatur legt bei allen Menschen Abgründe frei - auch bei ihren Opfern. Silbermann verachtet sich dafür selbst, aber er sieht keinen Ausweg mehr und kapituliert schließlich.

Die Wiederentdeckung dieses wichtigen Romans erinnert an Sebastian Haffners "Geschichte eines Deutschen", die 1939 in England geschrieben wurde und erst viel später, im Jahr 2000, erstmals erschien. Auch Haffner lieferte mit seinem Buch einen packenden Insiderbericht aus dem Nazireich, der die Weltöffentlichkeit aufrütteln sollte.

Dass Boschwitz' Roman ein bedeutendes Zeitdokument war, blieb den Kritikern der ersten englischen Ausgabe freilich verborgen. Das "Times Literary Supplement" ("TLS") etwa bescheinigte Boschwitz alias John Grane am 2. Dezember 1939 vor allem eine "Menge stilistischer Fehler". Der Roman sei leider das Werk eines noch "unreifen" Autors. Immerhin, so räumte der Kritiker des "TLS" ein, sei der Stoff des Buchs "dramatisch genug, um den Leser bis zum Schluss in Atem zu halten, immer in der Hoffnung, dass dieser gequälten Kreatur doch noch ein glücklicher Zufall zu Hilfe kommen möge".

Peter Graf, der Herausgeber der ersten deutschen Ausgabe des Romans, hat das Buch nun entsprechend gründlich lektoriert. Er habe, so erklärt Graf, "viele kleine fast unmerkliche Korrekturen stilistischer Art" vorgenommen, "die den Lesefluss befördern, wo er mal nicht so gegeben war". Insgesamt aber habe er die "Geschichte nicht verändert, weder deren Handlungen noch die Figurenzeichnungen".

Boschwitz wäre wahrscheinlich glücklich gewesen, wenn er damals schon einen so aufmerksamen Lektor gehabt hätte. Als die "TLS"-Kritik erschien, hatte er sein Exil bereits nach Großbritannien verlegt. Dort befand er sich in einem Internierungslager für deutsche Emigranten auf der Isle of Man, seine Mutter hatte man dort ebenfalls eingesperrt.

Britischer Passagierdampfer M.V. "Abosso" 1942: Von deutschen Torpedos versenkt
National Library of Australia

Britischer Passagierdampfer M.V. "Abosso" 1942: Von deutschen Torpedos versenkt

Die Briten fürchteten, dass sich unter den Deutschen auch Nazis befinden würden, die im Fall einer Invasion der Insel als feindliche Agenten operieren könnten. Die so entstehende Hysterie führte freilich zu der fatalen Entscheidung, alle Deutschen gleich schlecht zu behandeln, jüdische Flüchtlinge ebenso wie Anhänger des NS-Regimes - "ein bedauerlicher Fehler", wie der britische Premier Winston Churchill später einräumte.

Wie sein Held Silbermann besaß Boschwitz das unglückliche Talent, immer im falschen Moment am falschen Ort zu sein. Die Londoner Regierung hatte beschlossen, alle "feindlichen Ausländer" nach Übersee zu deportieren. Boschwitz musste also das Internierungslager auf der Isle of Man bald wieder verlassen und, zusammen mit etwa 2000 Emigranten sowie etwa 500 italienischen und deutschen Kriegsgefangenen, auf dem Passagierschiff HMT "Dunera" nach Australien reisen.

Die "Dunera" verließ Liverpool am 10. Juli 1940 und erreichte Sydney am 6. September. Was sich während dieser zwei Monate auf dem Schiff abspielte, wurde später Stoff mehrerer Bücher, Filme und Gerichtsprozesse.

Verantwortlich dafür waren mehr als 300 britische Soldaten, die die Reisenden eigentlich nur bewachen sollten. Tatsächlich aber misshandelten und quälten sie die ihnen anvertrauten Männer. Nur zehn Minuten täglich durften die Deportierten an die frische Luft, die übrige Zeit mussten sie in den völlig überfüllten Unterkünften unter Deck ausharren. Es fehlte an allem, an Wasser, Toiletten und Seife, Seuchen breiteten sich aus.

Außerdem beraubten die Briten ihre Opfer systematisch. Alle Wertgegenstände wechselten den Besitzer. Und das, was die Soldaten nicht verwenden konnten, warfen sie einfach über Bord: Koffer, Papiere und andere Beutestücke. Auch Boschwitz verlor auf hoher See sein ganzes Hab und Gut. Das Einzige, was er bei der Ankunft in Sydney noch besaß, waren ein Smoking und ein Zigarettenetui.

Und doch retteten ausgerechnet die Wachsoldaten den Passagieren das Leben. Ein deutsches U-Boot hatte die Spur der "Dunera" aufgenommen, über mehrere Tage verfolgte es das Schiff. Der Kommandant ließ einige jener Koffer und Kleidungsstücke einsammeln, die über Bord gegangen waren, und stellte dabei fest, dass sich auch deutsche Kriegsgefangene unter den Passagieren befanden. Ein Beschuss mit Torpedos kam nun nicht mehr infrage.

Die "Dunera" erreichte Sydney unbeschädigt, die völlig entkräfteten Passagiere transportierte man mit der Eisenbahn in ein Lager im Landesinneren, nach Hay in New South Wales. Dort, in der Wildnis, wurden die Deportierten nur noch von Stechmücken gequält. Die Haftbedingungen, so schilderten es die Männer später, seien korrekt gewesen, es gab genug zu essen und jede Menge freie Zeit.

Auch eine Lageruniversität wurde gegründet. Unter den Insassen befanden sich einige Koryphäen wie die Philosophen Kurt Baier und Peter Herbst, der Kunsthistoriker Franz Philipp und der Politologe Hugo Wolfsohn sowie Richard W. Sonnenfeldt, der später als Chefdolmetscher der Anklage bei den Nürnberger Prozessen amtierte.

Ulrich Alexander Boschwitz hat sich nach Aussagen seiner Weggefährten im Lager eher abseits gehalten. Er hat viel geschrieben, wahrscheinlich auch an der Neufassung des "Reisenden". Als die britische Regierung endlich von der Unschuld der Deportierten überzeugt war und ihnen das Recht zur Rückkehr einräumte, blieb er noch freiwillig einige Monate länger im Land. Am 10. August 1942 bestieg Boschwitz zusammen mit 42 anderen ehemals Deportierten ein Schiff mit Zielhafen Kapstadt. Dort wartete die "Abosso" auf ihre letzte Fahrt.

Was wahrscheinlich keiner der Passagiere wusste: Die Reederei Elder Dempster & Company in Liverpool hatte bereits ein Schiff gleichen Namens betrieben. Auch diese "Abosso" war von einem deutschen U-Boot versenkt worden - 1917 im Ersten Weltkrieg.

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