AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 51/2017

Unerfüllter Kinderwunsch Wenn die Sehnsucht nach einem Baby zum Drama wird

Die Zahl der künstlichen Befruchtungen in Deutschland steigt enorm. Wie gehen Paare damit um, wenn es einfach nicht klappt?

Talisman von Kinderwunschpatientin Schuhmann: Mit jedem Paar, das sein Glück kaum fassen kann, versinkt ein anderes in Trauer
Julian Baumann / DER SPIEGEL

Talisman von Kinderwunschpatientin Schuhmann: Mit jedem Paar, das sein Glück kaum fassen kann, versinkt ein anderes in Trauer

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Marie Butterwegge lenkt ihr Auto auf den Parkplatz vor der Kinderwunschpraxis, oft schon morgens um halb sieben. Sie will noch einen Sitzplatz im Wartezimmer ergattern. Um diese Uhrzeit ist es in dem zweistöckigen Gebäude am Stadtrand einer süddeutschen Universitätsstadt so voll, als würden die Patienten mit Bussen dorthin gekarrt.

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Heft 51/2017
Wenn die Sehnsucht nach einem Baby zum Drama wird

Sie sitzt dann unter einem der Bilder an der Wand. Darauf steht: "Vögeln macht schlank." Es ist eine ungewöhnliche Beschreibung der misslichen Lage, in der sich Marie Butterwegge befindet. Die 33-Jährige und ihr Mann hatten Sex, besonders jeden Monat pünktlich zum Eisprung, anfangs aufgeregt, dann mit jedem Monat leidenschaftsloser, bis sie merkten: Sex macht vielleicht schlank - Marie Butterwegge verlor in den vergangenen zwei Jahren knapp 20 Kilogramm Gewicht. Aber positiv wird der Schwangerschaftstest nicht.

Vor vier Jahren hatten die Butterwegges geheiratet, sie kauften ein Haus mit Platz für zwei Kinderzimmer in einem kleinen Dorf am Fuße der Schwäbischen Alb. Das Schlimmste, sagt Marie Butterwegge, seien seither die Familienfeiern. Meistens rufe sie gleich am Anfang in die Runde: "Ich brauche einen Schnaps." Sie hofft, dass dann keiner mehr fragt, ob sie schwanger sei. Am liebsten würde sie allen entgegenschreien, dass ihre Eileiter verschlossen sind und das Ejakulat ihres Mannes zudem keine Spermien enthält. Doch natürlich würde das kaum zur launigen Unterhaltung im schwäbischen Wirtshaus beitragen. Meistens schüttelt sie einfach den Kopf, wenn wieder jemand neugierig wissen will, ob der Nachwuchs bald kommt.

"Langsam denken alle, ich wäre eine Karrierefrau, die keine Kinder will." Wie fast alle Kinderwunschpaare dieser Geschichte möchte Butterwegge nur unter falschem Namen über das Leben im Hoffnungsterror berichten, den eine Kinderwunschbehandlung bedeuten kann. Rund hundertmal saß Butterwegge im vorigen Jahr in der süddeutschen Kinderwunschpraxis. Immer wieder musste sich die Sekretärin bei ihrem Arbeitgeber, einer Rechtsanwaltskanzlei, krankmelden. Schwanger ist sie immer noch nicht.

"Wir haben uns Grenzen gesetzt," sagt Marie Butterwegge. "Die sind mittlerweile alle über Bord." Sie und ihr Mann sind mittendrin im Sog der Reproduktionsmedizin, der Nichterfolge in Anreize verwandelt weiterzumachen. "Aufgeben kommt nicht infrage", sagt sie. Auch weil die beiden ständig vor Augen geführt bekommen, dass anderen Paaren im Wartezimmer der Kinderwunschpraxis das Babymachen gelingt.

Seit 2015 hangeln sich die Butterwegges von Untersuchung zu Untersuchung. Die Rechnungen belasten sie genauso schwer wie der Misserfolg. Die Butterwegges sind doppelt bestraft: mit der Unfruchtbarkeit und der fehlenden Unterstützung ihrer Krankenkasse, die Behandlungen mit Fremdsperma nicht erstattet. Das Paar hat im August überlegt, das Auto zu verkaufen oder eine Hypothek auf das Haus aufzunehmen. Die beiden haben schließlich beschlossen, dass sie sich noch eine künstliche Befruchtung leisten werden, weil dann die Rechnungsbeträge mit insgesamt rund 20.000 Euro hoch genug sein werden, um sie von der Steuer absetzen zu können. Manchmal ertappt sich Marie Butterwegge bei dem Gedanken: "Am Ende habe ich gar nichts mehr." Auch kein Kind.

Es war ein gutes Jahr für die Reproduktionsmedizin in Deutschland. Vergangenes Wochenende hat der Dachverband Reproduktionsbiologie und -medizin einen neuen Rekord verkündet: Insgesamt 103.981 Kinderwunschbehandlungen gab es im Jahr 2016. Damit ist ein Höchststand erreicht. Jan-Steffen Krüssel, einer der Herausgeber des Jahrbuchs des Deutschen IVF-Registers und selbst Kinderwunscharzt in Düsseldorf, sieht die steigende Beliebtheit künstlicher Befruchtungsmethoden allerdings auch kritisch: "Moderne Paare beginnen zu spät mit der Fortpflanzung. Würden sie nicht so lange auf den idealen Zeitpunkt zum Kinderkriegen warten, wäre das Bedürfnis nach Hilfestellung beim Schwangerwerden sicherlich geringer."

Etwa jedes siebte Paar in Deutschland ist ungewollt kinderlos und gilt nach klinischer Definition als unfruchtbar. Die genaue Zahl kennt niemand, da die Dunkelziffer hoch ist. Laut einer Befragung für das Bundesfamilienministerium sind von allen kinderlosen Frauen und Männern im Alter zwischen 20 und 50 Jahren 25 Prozent ungewollt ohne Baby, das wären mehr als eine Million Paare. Die deutschen Reproduktionsmediziner rechnen damit, dass die dieses Jahr beschlossene "Ehe für alle" die Begehrlichkeiten nach "Kindern für alle" noch steigern wird. Die Kinderwunschpraxen sind zum Teil jetzt schon so voll, dass es, wie in der Praxis, die die Butterwegges gewählt haben, selbst für die Teilnahme an einer Informationsveranstaltung Wartelisten gibt.

Das Übel der Unfruchtbarkeit ist wohl so alt wie die Menschheit. Aber angesichts von bundesweit rund 140 Kinderwunschzentren fällt es vielen Betroffenen schwer, dieses Verhängnis hinzunehmen. Unfruchtbarkeit ist für sie kein unabwendbares Schicksal mehr, sondern medizinisch behandelbar. Das hat in Städten wie Berlin dazu geführt, dass sich die Zahl der Mehrlingsgeburten seit den Neunzigerjahren verdoppelt hat. Es kommen jetzt Kinder zur Welt, von denen es früher geheißen hätte, Gott habe sie nun mal nicht gewollt. Das ist wunderbar.

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Im Durchschnitt sitzt in jeder Schulklasse ein Kind, das sein Leben der Reproduktionsmedizin verdankt. Die Wahrscheinlichkeit, mit der nach einem künstlichen Befruchtungsversuch ein Baby zur Welt kommt, ist in den vergangenen Jahren auf 19,3 Prozent gestiegen. Wenn es darum geht, Frauen schwanger werden zu lassen, haben die Ärzte statistisch sogar eine bessere Quote als die Natur: Die Chance für eine gesunde 30-Jährige, nach dem Sex mit dem zeugungsfähigen Partner schwanger zu werden, beträgt 21 Prozent. Im Kinderwunschzentrum ist diese Quote mit 39 Prozent fast doppelt so hoch.

Vor lauter Freude über die rund 20 Prozent Geburtenrate pro Behandlung lässt sich schnell übersehen, was diese Zahl auch bedeutet: dass nämlich 80 Prozent der Frauen nach der Behandlung im Kinderwunschzentrum ohne Baby nach Hause gehen. Um im folgenden Monat wieder im Wartezimmer zu sitzen. Es ist ein Kreislauf, aus dem viele Paare nicht mehr herausfinden. Auch dann nicht, wenn ihre finanziellen und körperlichen Reserven aufgebraucht sind.

Mit den Heilsversprechen der modernen Medizin wächst auch die Verzweiflung derer, die erfolglos alle Varianten der künstlichen Befruchtung durchlaufen haben. Bei bis zu drei Versuchen verheirateter Paare zahlt die Krankenkasse die Hälfte der Kosten von normalerweise rund 5000 Euro pro künstlicher Befruchtung, aber nur wenn sie eigene Samen- und Eizellen verwenden. Danach hat maximal die Hälfte der Paare ein Kind. Die andere Hälfte hat zunächst Pech gehabt. Mit jedem Paar, das sein Glück kaum fassen kann, versinkt ein anderes in Trauer.

So wie bei Marie Butterwegge und ihrer Freundin Katrin Heuberger. Die zwei Frauen haben sich im Kinderwunschzentrum kennengelernt. Sie haben gemeinsam Strategien gegen ihre Angst vor Spritzen entwickelt. Und gemeinsam ihrem Ärger über Frauen Luft gemacht, die einfach so, ohne nachzudenken, schwanger werden, das Kind womöglich auch noch abtreiben lassen. Während sie verzweifelt auf ein Kind hoffen - und die Politik nicht einmal erwägt, Kinderwunschbehandlungen für Normalverdiener bezahlbar zu machen.

Auch bei den Heubergers ist es der Mann, der nicht kann. Der Urologe hatte bei der Betrachtung von Heubergers Spermiogramm gesagt, nur mit Glück könne dieser auf natürlichem Weg Kinder zeugen. Der Arzt in der Kinderwunschpraxis riet sofort zur künstlichen Befruchtung. Beide Paare versuchten, mit der ICSI-Methode schwanger zu werden. Die Spermieninjektion funktioniert anders als die klassische In-vitro-Fertilisation, bei der präparierte Spermien und entnommene Eizellen in einer Nährlösung zusammenfinden sollen. Bei der ICSI wird ein Spermium des Mannes mit einer Mikropipette direkt ins Innere der Eizelle befördert.

Nach zwei bis fünf Tagen im Brutschrank wird nach geglückter Befruchtung der Embryo mit einem dünnen Katheter in die Gebärmutter der Frau übertragen. Dann heißt es drei bis fünf quälend lange Wochen warten, bis die Ärzte im Ultraschall erkennen können, ob sich ein Embryo eingenistet hat.

Patientin Butterwegge in Wartezimmer: 6000 Euro pro Befruchtungsversuch
Julian Baumann / DER SPIEGEL

Patientin Butterwegge in Wartezimmer: 6000 Euro pro Befruchtungsversuch

Die Butterwegges und Heubergers haben jeweils drei ICSI-Behandlungen hinter sich. Jedes Mal übergab ihnen der Arzt ein Ultraschallbild des kleinen Embryos, markiert mit einem roten Glückskäfer.

Die 30-jährige Grafikerin Katrin Heuberger ist eine, die dank Internet die Diagnosen schneller stellt als jeder geschäftstüchtige Kinderwunscharzt. Obwohl die Spermien ihres Mannes als Ursache ihrer Kinderlosigkeit früh feststanden, rieten ihr zweifelhafte Ratgeber, ihr Blut auf Killerzellen zu untersuchen, einen Diabetestest zu machen und eine Gebärmutterspiegelung durchführen zu lassen, um erleichtert festzustellen, dass sie gesund ist. Alle Untersuchungen zahlte sie aus eigener Tasche. Und endlich: Bei der dritten künstlichen Befruchtung - der letzten mit Zuschuss von der Krankenkasse - klappte es: Der Schwangerschaftstest, den Heuberger einen Tag vor dem Kontrolltermin in der Praxis machte, war positiv.

Die Freude darüber konnte sie nicht sofort zulassen. Um Schaufenster mit Babystramplern machte sie anfangs einen Bogen. "Ich fühlte große Dankbarkeit, die aber die Angst in mir nicht übertraf", erzählt sie, die Angst vor einer Fehlgeburt, die bei künstlichen Befruchtungen häufiger vorkommen können. "Ich habe die Naivität verloren", musste Heuberger feststellen. Aber die große Sorge war überflüssig, sie ist derzeit im fünften Monat schwanger. Marie Butterwegge nicht. Oder nur noch nicht?

Die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Einnistung eines Embryos in der Gebärmutter sinkt mit jedem neuen Versuch. Nach der achten ICSI-Behandlung liegt sie nur noch bei fünf Prozent. Man kann nicht unendlich weiter künstlich befruchten. Den Butterwegges geht außerdem das Geld aus.

2358 Euro kostet die ICSI, 120 Euro die Narkose, 700 Euro der Spendersamen. "Viel hilft viel", denken Marie Butterwegge und ihr Mann. Deswegen zahlten sie 500 Euro Aufpreis, damit die Eizellen fünf anstatt drei Tage vor dem Einsetzen in die Gebärmutter reifen können. Das "Assisted Hatching", eine Schlüpfhilfe für Embryonen, gab es für 120 Euro dazu. Denselben Betrag kostet das "Scratching". Damit sich der Embryo besser einnistet, wird die Gebärmutterwand leicht eingeritzt. Marie Butterwegge hatte "Schmerzen wie bei einer Wurzelbehandlung ohne Narkose".

Dieses Jahr schlugen auch noch die acht Wochen Kinderwunschakupunktur für 600 Euro zu Buche, "das soll ja auch helfen", exklusive Kräutertinktur zur Beruhigung. Immerhin, bei den Medikamenten konnte Marie Butterwegge sparen. Statt 2400 Euro wurde nur die Hälfte fällig, weil sie die Hormonpräparate aus Frankreich reimportieren ließ. Insgesamt kamen pro Versuch 6000 Euro zusammen. Das Dreifache dessen, was die Angestellte monatlich verdient.

753 Millionen Euro setzt Marktführer Merck im Jahr mit seinem führenden Hormonpräparat für Kinderwunschpatientinnen um. Kinderwunschkliniken in Deutschland machen jährlich Millionenumsätze. Der Reproduktionsmediziner und Professor an der Berliner Humboldt-Universität Heribert Kentenich gibt offen zu, dass "in Deutschland häufig die Medizin angeboten wird, die am profitabelsten ist, insbesondere bei Einsatz der ICSI-Methode".

Die Angebote der Kinderwunschpraxen richten sich nicht nur an sterile Paare. Der Anteil der tatsächlich infertilen Patienten liegt bei höchstens zehn Prozent. Bei allen anderen liegt eine sogenannte Subfertilität vor, eine eingeschränkte Fruchtbarkeit. Die Paare könnten, so Kentenich, trotz schlechter Spermiogramme, verklebten Eileitern oder Hormonschwächen sehr wohl Kinder bekommen, die Wahrscheinlichkeit sei nur nicht besonders hoch. "Ich kann verstehen, dass diese Leute sich nicht zu Hause in Geduld und Gottvertrauen üben, sondern dass sie sich Hilfe suchen."

Er wehrt sich gegen den Vorwurf, die Reproduktionsmedizin sei Geldmacherei. Er gibt aber zu, dass "individuell die Chancen für eine Geburt überschätzt und die Belastungen der Behandlung unterschätzt werden". Kentenich hat häufig Frauen in der Sprechstunde sitzen, die einen Therapiemarathon hinter sich haben und denen der Mediziner dann sagen muss: "Hören Sie auf. Manchmal ist Sex genauso gut wie eine künstliche Befruchtung." Aber Not macht leichtgläubig. Und empfänglich für Heilsversprechen aller Art.

Am Geschäft mit der Hoffnung verdienen nicht nur Ärzte, die Pharmaunternehmen, Laborausstatter und Kliniken im Ausland, die den Verzweifelten undefinierte "Erfolgsraten" von 90 Prozent versprechen. Rund um die Frauen und Männer, die vergebens auf einen positiven Schwangerschaftstest warten, hat sich ein Markt der Möglichkeiten ausgebreitet, dessen perfide Spezialität es ist, Ertrinkenden Strohhalme zu verkaufen: Indianische Traumfänger, ayurvedische Kräutermischungen, Hormonyoga oder Kinderwunschmassagen sollen Verkrampfungen lösen, "negative Energien" ausleiten, den Wundern der Natur den Weg bereiten. Die Messe "Kinderwunsch Tage" soll wegen ihres Erfolgs nächstes Jahr gleich zweimal stattfinden.

Lektüre in Raum zur Spermienabgabe
Julian Baumann / DER SPIEGEL

Lektüre in Raum zur Spermienabgabe

Dass einige Kinderwunschzentren auf Plakatwänden oder U-Bahn-Bildschirmen mit Parolen wie "Wollen Sie für immer alleine bleiben?" werben, findet der Münchner Kinderwunschmediziner Wolfgang Würfel "ziemlich neben der Spur".

Es sei nicht die Aufgabe der Medizin, "Behandlungsbedarf zu generieren". Er will verhindern, dass Fertilitätsbehandlungen zur Lifestyle-Medizin mutieren. Erste Tendenzen gebe es schon. Wenn zum Beispiel junge Paare nach ein paar Zeugungsversuchen eine umfängliche Diagnostik inklusive Eileiterdarstellung wünschen und fordern, dass das Kind "bitte gesund sein müsse". Da die Deutschen immer später Kinder bekommen wollen, die Fertilität der Frau aber vom 30. Lebensjahr an merklich sinkt, haben es manche freilich eilig mit der Babyproduktion.

"Wenn ich den Eiligen, vor allem wenn sie noch jung sind, sage, sie sollen ein Jahr warten, weiß ich genau, dass sie demnächst vor der Türe der Kollegen stehen", sagt Wolfgang Würfel. Allein in München gibt es sieben Reproduktionskliniken plus zahlreiche Praxen, die zum Beispiel Inseminationen oder Hormonbehandlungen durchführen.

2004 zog Würfel mit seinen Kollegen aus der "Abteilung für Sterilitätsdiagnostik und -medizin an der Frauenklinik Dr. Wilhelm Krüsmann" in das "Kinderwunsch Centrum München". Der Namenswechsel sagt einiges über den Imagewandel der Branche.

Vor rund 30 Jahren galt die In-vitro-Fertilisation als technisches Wunder. Bei vielen Menschen löste sie Horrorvisionen aus, von "Retortenbabys" und "kleinen Frankensteins" war damals viel die Rede. Der Bischof von Augsburg wurde 1978 mit den Worten zitiert, außerhalb des Körpers gezeugte Kinder seien "schlimmer als die Atombombe". Doch die Skepsis ist verschwunden. "Mittlerweile sind wir Ärzte von der letzten zur ersten Anlaufstelle geworden", freut sich Mediziner Würfel.

In den vergangenen Jahren stark zugenommen habe die Nachfrage von Frauen über 40. Jede Woche meldeten sich Kinderlose, die zum Teil schon auf die 50 zugehen, mit der Frage, ob man ihnen helfen könne. Wer älter als 43 ist, bekommt von Würfel eine klare Antwort: Nein. "Ab diesem Alter gehen die Behandlungserfolge leider rasant in den Keller." Natürlich gibt es immer wieder Ausnahmen. Wie die Schwangerschaft der Moderatorin Caroline Beil, die mit 50 noch ein zweites Kind bekommen hat.

Als einen "verletzenden Schlag für alle Frauen, die nicht gekrönt wurden in ihren Bemühungen um das ersehnte Wunschkind", beschreibt Franziska Ferber diese späte Schwangerschaft auf ihrem Blog "Kindersehnsucht". Ferber stört, dass Caroline Beil in Interviews den Eindruck vermittelt habe, eine späte Schwangerschaft sei mit gesunder Ernährung und ein wenig Kinderwunschmedizin problemlos möglich. "Viele strengen sich unglaublich an und haben nicht dieses Glück. Wissen Sie, liebe Frau Beil, wie verletzend es sein kann, wenn jemand mit seinem Glück prahlt, während die andere um ihr kinderloses Leben weint?", fragt Ferber, die selbst viele Tränen vergossen hat, während sie die Hoffnung auf ein Kind aufgeben musste.

Franziska Ferber war 30, als sie, frisch verheiratet, mit ihrem Mann in einer Münchner Kinderwunschpraxis vorsprach. Ein Scheitern der Kinderwunschbehandlung war für sie undenkbar: "Für jedes körperliche Problem gibt es eine medizinische Lösung", war sich Ferber sicher. Sie war es gewohnt, für Probleme Lösungen zu finden. Ferber arbeitete zu diesem Zeitpunkt, als Unternehmensberaterin, stieg montagmorgens in ein Flugzeug zum Einsatz beim Kunden, kam am Freitag mit ungezählten Überstunden im Gepäck zurück. Und war zufrieden. "Ich habe gerne viel gearbeitet und viel geleistet."

Kinderwunscharzt Würfel in seiner Praxis: "Es gibt keine Garantie auf ein Kind"
Julian Baumann / DER SPIEGEL

Kinderwunscharzt Würfel in seiner Praxis: "Es gibt keine Garantie auf ein Kind"

Dass sie doch nicht so belastbar ist, wie sie immer dachte, merkte sie während der Kinderwunschbehandlungen. Die Ärzte rieten ihr schnell zur künstlichen Befruchtung. Doch die Hormone, die ihre Eierstöcke zur Produktion anregen sollten, führten zu Schmerzen. Sie hatte Wasser im Bauchraum, zeigte Anzeichen einer "schweren Überstimulation", von der es bei der Informationsveranstaltung im Kinderwunschzentrum noch geheißen hatte, sie komme nur ganz selten, praktisch gar nicht mehr vor. "Risiken und Nebenwirkungen werden bei diesen Veranstaltungen oft verharmlost", findet Ferber.

Die Ärzte waren zu Beginn so zuversichtlich wie sie selbst. Schließlich war sie noch 30, deutlich jünger als der Durchschnitt der Frauen in Reproduktionspraxen. Doch von 50 Eizellen, die ihr im Laufe der Behandlungen entnommen wurden, ließ sich nur genau eine befruchten - und die nistete sich nicht in der Gebärmutter ein. Die Ärzte waren ratlos, Akupunktur, chinesische Tees, all das half nicht. Während der Therapie, schreibt Ferber in ihrem Buch "Unsere Glückszahl ist die Zwei", sei sie an einem Sonntag beim Kaffeekochen in der Küche ohnmächtig zusammengebrochen. Dabei zog sie sich Knochenbrüche zu.

Es dauerte noch drei weitere Jahre, bis Ferber sich endgültig vom Kinderwunsch verabschiedete. In dieser Zeit las sie unzählige Lebensratgeber, probierte von Meditation bis zu positivem Denken alles, was ihr plausibel schien. Nebenbei absolvierte sie eine mehrjährige Coachingausbildung und machte sich selbstständig, als "Kindersehnsucht-Coach", um Frauen zu helfen. "Ich kann niemandem ein Kind schenken, aber heute kann ich dazu beitragen, dass Frauen nicht wie ich leiden müssen. Das erfüllt mich mit Sinn."

Die Frauen, die Ferber coacht, litten oft unter Kontrollverlust, weil sie es nicht gewohnt seien, "dass sie nicht alles im Leben erreichen können", sagt Ferber. Die Erkenntnis, unfruchtbar zu sein, fühlt sich "wie ein wiederkehrender kleiner Tod auf Raten an", findet sie. Der Tod treffe irgendwann jeden, bestimme aber nicht das Leben. Der unerfüllte Kinderwunsch hingegen sei ständig präsent. "Nach drei Jahren in Kinderwunschbehandlung hat man 36-mal gehofft und 36-mal getrauert."

Untersuchungsraum in süddeutscher Fertilitätsklinik
Julian Baumann / DER SPIEGEL

Untersuchungsraum in süddeutscher Fertilitätsklinik

Ferber kamen eine Zeit lang immer die Tränen, wenn der Pfarrer auf den Hochzeiten ihrer Freundinnen zum Satz ansetzte: "Nehmt ihr die Kinder an, die Gott euch schenkt?" Dieses Glück, das andere ganz selbstverständlich haben, "ich aber nicht. Das bringt einen zum Verzweifeln. Und das jeden Tag". Während scheinbar alle um einen herum mit Wachstum beschäftigt seien - ein dicker Bauch, ein größeres Auto, ein Haus mit Garten - "verwalte ich einen Mangel".

Obwohl Kinderwunschzentren und der Gang dorthin gesellschaftlich vollständig akzeptiert sind, sei das Tabu größer denn je, "offen über den unerfüllten Kinderwunsch zu sprechen". Es fehle an Vorbildern, an Frauen, die kinderlos sind und nicht sofort als kalte Karrierefrau gelten, weil ihnen der Job angeblich wichtiger als Nachwuchs war. "Weiß man zum Beispiel über Angela Merkel, ob sie sich Kinder gewünscht hat, aber möglicherweise keine bekommen konnte?", fragt Ferber.

In Zeiten, in denen vermeintlich alles machbar ist, sei es unerhört zu sagen, man habe den Kinderwunsch aufgegeben. Man stehe sofort unter Verdacht, nicht alles probiert zu haben. Die Einsicht: "Es gibt keine Garantie auf ein Kind", falle vielen schwer.

Das hat auch der Heidelberger Psychologe Tewes Wischmann beobachtet, der seit zwei Jahrzehnten Paare in Kinderwunschbehandlung berät und für die Bundesregierung Studien über die psychosozialen Aspekte von Fertilitätsstörungen erarbeitet hat. "Die Reproduktionsmedizin ist machtloser, als sie dargestellt wird", sagt Wischmann. Die Vielzahl der medizinischen Angebote und deren mediale Verbreitung mache es Paaren "schwerer, Grenzen in Bezug auf die Erfüllung des eigenen Kinderwunsches zu ziehen".

Ihn empört, dass nur 16 Prozent der Kinderwunschzentren eine psychosoziale Kraft im Team beschäftigen, dabei arbeiteten sie alle an "Lebensgrenzen". In den Arztpraxen fokussiere man sich auf den Erfolg, nicht auf den genauso wahrscheinlichen Misserfolg. Die Aufklärung über die realen Chancen von Fruchtbarkeitsbehandlungen oder wie "Paare kinderlos glücklich bleiben, delegiert man dann zu uns". Schon in den Schulen, so Wischmanns Ratschlag auch an die Bundesregierung, sollte man viel mehr über Fruchtbarkeit aufklären, nicht nur über Verhütung.

Das findet auch Claudia Wiesemann, Direktorin des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin der Universität Göttingen. "Die Pädagogik ist stark beeinflusst von dem Schreckgespenst einer Schwangerschaft in der Teenagerzeit." Den jungen Frauen werde Verhütung schon sehr früh anerzogen. "Es wäre gut, wenn wir zu einer Kultur zurückkämen, in der es Frauen auch mit Mitte zwanzig möglich ist, Kinder zu bekommen und trotzdem eine Ausbildung zu machen oder einen Beruf auszuüben", sagt sie. Manche Universitäten bieten besondere Studienbedingungen für Studierende mit Kind an. Gleichzeitig, so betont Wiesemann, sei es aber "heuchlerisch, von Frauen zu verlangen, der Natur freien Lauf zu lassen". Die Planbarkeit von Schwangerschaften sei eine der größten gesellschaftlichen Errungenschaften der Neuzeit.

Wiesemann hat die Beobachtung gemacht, dass viele Frauen bis zu dem Moment der Diagnose "Unfruchtbarkeit" wenig gesellschaftlichen Druck verspürten, Mutter werden zu müssen. Erst in dem Moment, da die Mutterrolle als Identität unerreichbar wird, treffe die Frauen die Allgegenwärtigkeit dieses Weiblichkeitsideals mit voller Wucht. "Es wird dann immer schwerer, in der Spirale des Machbaren einen Schlusspunkt zu setzen", sagt Wiesemann. "Wir verlernen es, Schicksalsschläge hinzunehmen."

Aber Kinderlose sind eben häufig doppelt bestraft: mit der Enttäuschung, keine Kinder bekommen zu haben. Und der Unsicherheit, nicht alles gegeben, vielleicht zu früh aufgehört zu haben.

Medikamente im Kühlschrank der Schuhmanns
Julian Baumann / DER SPIEGEL

Medikamente im Kühlschrank der Schuhmanns

Natürlich hat die Reproduktionsmedizin auch den Ehrgeiz, eines Tages für alle unfreiwillig Kinderlosen eine Rettung bereitzuhalten. Stammzellenforschern in Japan ist es gelungen, die Körperzellen von Mäuseweibchen im Labor in Eizellen umzuwandeln und diese dann zu befruchten. Es entstanden fortpflanzungsfähige Mäuse. Übertragen auf den Menschen könnte das bedeuten, dass unbegrenzt Eizellen gewonnen werden könnten und Frauen egal welchen Alters eigene Kinder haben könnten - falls sie eine Leihmutter fänden.

Mitte des Jahres hat ein von Justizminister Heiko Maas (SPD) einberufener Arbeitskreis vorgeschlagen, den Begriff Abstammungsrecht zu ersetzen, weil das Wort nur eine von mehreren Eigenschaften benenne, die eine Elternschaft kennzeichnen. Es solle zwar dabei bleiben, dass ein Kind rechtlich nur zwei Elternteile gleichzeitig hat, aber wie weit die Lebenspraxis von diesem als natürlich angesehenen Familienmodell entfernt ist, zeigt nicht nur das Glossar des Maas-Berichts, in dem unter anderem zwischen "rechtlicher Mutter", "Geburtsmutter", "biologischer Mutter" und "leiblicher Mutter" unterschieden wird.

Die in Deutschland praktizierte Embryonenspende, die ausschließlich in Süddeutschland umgesetzt wird, stellt Kinderwunschpaare schon heute vor die Herausforderung, ein Baby mit einer außergewöhnlichen Entstehungsgeschichte heranwachsen zu lassen. Dieses Kind hat gesetzliche Eltern und biologische Eltern, die mit der Spende ihres Embryos ihre Gene beigetragen haben. Die Non-Profit-Organisation Netzwerk Embryonenspende ist ein Zusammenschluss mehrerer Ärzte und Reproduktionsmediziner. Paare, denen keine andere Methode helfen konnte, sollen die Möglichkeit bekommen, sich ihren Kinderwunsch mithilfe einer Embryonenspende zu erfüllen.

Tatsächlich lagern in den Kryokonservierungsbanken in Deutschland Tausende Embryonen - die Überbleibsel erfolgreicher Kinderwunschbehandlungen. Im Einzelfall kann es medizinisch nötig sein, mehr als die drei Eizellen zu befruchten, die nach dem Embryonenschutzgesetz gleichzeitig einer Frau zurück in die Gebärmutter gesetzt werden dürfen. Aber was passiert dann mit Nummer vier oder fünf? Für Hans-Peter Eiden, Vorsitzender des Netzwerks Embryonenspende, beginnt die Befruchtung mit dem Eindringen des Spermiums in die Eizelle. "Und im Embryonenschutzgesetz steht, dass Embryonen ihrer Bestimmung zugeführt werden sollen, also dem Leben", sagt er.

22 Kinder, die ansonsten als Zellhaufen im ewigen Eis gelagert und schließlich gestorben wären, sind durch die Vermittlung des Netzwerkes seit 2013 zur Welt gekommen. Sieben sind aktuell unterwegs. Wenn die Kinder 18 Jahre alt sind, haben sie die Möglichkeit, den Namen der Spender durch ein zentrales Notariat zu erfahren. Sie werden derzeit bei einem zentralen Notariat 30 Jahre lang aufbewahrt.

Kindersehnsucht-Coach Ferber
Julian Baumann / DER SPIEGEL

Kindersehnsucht-Coach Ferber

Hans-Peter Eiden ist jetzt 67 Jahre alt und eigentlich im Ruhestand. Er hat es sich aber zur Aufgabe gemacht, für mehr Ethik in der Reproduktionsmedizin zu kämpfen. Auf der anderen Seite steht der Jurist Jochen Taupitz, ehemaliges Mitglied im Deutschen Ethikrat, der im März die Freigabe von Embryonen für die Forschung forderte. Eltern sollen ihre Eisbären genannten Embryonen, anstatt sie für rund 500 Euro im Jahr im Dornröschenschlaf zu belassen, der Wissenschaft spenden können. Mithilfe von embryonalen Stammzellen könnten eines Tages Therapien gegen Krebs entwickelt werden.

Auch darüber, ob es noch zeitgemäß ist, Samenspenden in Deutschland zu erlauben, Eizellspenden aber zu verbieten, wird immer wieder diskutiert, zuletzt im März auf Initiative des Deutschen Ethikrats. Die stellvertretende Vorsitzende, die Medizinethikerin Claudia Wiesemann, sprach sich für eine Legalisierung aus, weil das "reproduktive Reisen ein massives Gerechtigkeitsproblem aufwirft". In Tschechien oder Spanien sind Eizellspenden legal, doch das Motiv der meisten Spenderinnen ist Geldnot. Außerdem können nur Wohlhabende die Behandlung in einer Klinik außerhalb Deutschlands bezahlen.

Früher reisten Frauen zur Abtreibung ins Ausland, heute floriert der Grenzverkehr, weil Kinder sehnlichst herbeigewünscht werden. Julia Schuhmanns Schwangerschaft mit 41 wurde in Österreich möglich. Sie ging zu Professor Herbert Zech, der mit fast doppelt so hohen Schwangerschaftsraten wie die deutschen Kinderwunschzentren Werbung macht. Schuhmann wurde sofort schwanger. Ihr Sohn ist heute neun Monate alt und "das Beste, was mir je passiert ist".

Was der Wunderdoktor in Österreich anders gemacht hat als seine deutschen Kollegen, will Schuhmann gar nicht so genau wissen. "Mir ist aber klar, dass er sehr hoch stimuliert hat und auch Antibiotika präventiv gibt. Ich kenne auch seinen zweifelhaften Ruf."

Schuhmann bezeichnet sich selbst als "Oldie" beim Kinderkriegen. Sie wäre gern früher schwanger geworden, konnte es sich auch mit einigen Männern vorstellen, "aber die meisten haben nach der ersten Verliebtheitsphase das Handtuch geschmissen". Als sie mit 37 schließlich heiratete, stellte sich schnell heraus, dass ihr Traummann keine Kinder zeugen kann.

Negativer Schwangerschaftstest: 36-mal hoffen, 36-mal trauern
Julian Baumann / DER SPIEGEL

Negativer Schwangerschaftstest: 36-mal hoffen, 36-mal trauern

Als die Mediziner in Deutschland sofort zur ICSI rieten, wurden die Schuhmanns misstrauisch, witterten Geldgier bei den Ärzten, versuchten drei erfolglose Jahre lang, mit natürlichen Methoden schwanger zu werden. Julia Schuhmann glaubt an Gott. Nicht an den Machtbarkeitsmythos der Reproduktionsärzte. Die 42-Jährige ist Lehrerin an einem Gymnasium. "Sie haben das Kind herbeigezwungen", sagte Schuhmanns Hebamme ihr unumwunden nach der Geburt ihres Sohnes. Schuhmann hätte dasselbe über die Eltern von Reagenzglaskindern gedacht, bevor sie selbst dazugehörte.

Ihr Sohn ist das zweite Kind, das mit ärztlicher Hilfe gezeugt wurde. Ihre Erstgeborene liegt begraben auf dem Bergfriedhof ihrer süddeutschen Heimatstadt. Das Mädchen kam zwei Wochen vor dem errechneten Geburtstermin tot zur Welt. Die Ärzte hatten den Schuhmanns schon früh gesagt, dass ihre Tochter eine Form der Trisomie hat und schwerbehindert zur Welt kommen würde. Aber Julia Schuhmann wollte das Kind, das die Reproduktionsmedizin ihr nach drei künstlichen Befruchtungen 2015 geschenkt hatte, so annehmen, wie es ist. "Wir waren während der Schwangerschaft jeden einzelnen Tag happy mit Leonie." Auf ihrem Grab dreht sich ein buntes Windrad.

Julia Schuhmann ist sich bis heute nicht sicher, ob das dringende Bedürfnis nach Fortpflanzung "über dem stehen darf, was das Leben, was Gott mit einem vorhat". Ob man in Bereiche eingreift, "die uns Menschen nicht zustehen".

Sie hat sich immer wieder gefragt, ob sie von einem Kinderwunsch getrieben wird oder nur die Kontrolle über den eigenen Körper zurückgewinnen will. In einem Onlineforum, in dem sie häufig nach Rat suchte, gab es eine Frau, die mit 27, ohne dass ein Arzt ihre Unfruchtbarkeit bestätigt hatte, verzweifelt eine Eizellspende erwog. Und eine andere, die nach einem halben Jahr Sex nach Terminplan gleich auf ICSI umstellte, Zwillinge bekam und sich daraufhin über das stressige Leben mit gleich zwei Babys beschwerte. Schuhmann hat Zweifel, ob es diesen Frauen wirklich um das Leben mit einem Kind ging oder von Anfang an um einen Kampf gegen den eigenen Körper nach dem Motto: "Ich kann alles. Auch das, was ich nicht kann."

Der Lüneburger Kulturwissenschaftler Andreas Bernard hat für sein Buch "Kinder machen" das Treiben in den zahllosen Onlineforen zum Thema Kinderwunsch analysiert. Unter #hibbeln2018, #kiwumädels oder #kinderkriegenistsoschwer sprechen sich die Nutzer, meistens Frauen, gegenseitig Mut zu, vergleichen aber auch unablässig die eigene Leistung mit den Erfolgen der anderen. "Unter der Oberfläche der Glückwünsche und niedlichen Worte herrscht auf Seiten wie wunschkinder.net eine unerbittliche Atmosphäre der Konkurrenz und des Wettbewerbs", schreibt Bernard.

Es scheint, dass Aldous Huxleys "Schöne neue Welt" in Form einer künstlichen Fortpflanzungsdiktatur weniger Science-Fiction ist als gedacht. Allerdings ist die Diktatur der Babymacher in der Gegenwart nicht staatlich verordnet, vielmehr setzen sich die Frauen selbst und gegenseitig unter Druck. Was es vielleicht noch schlimmer macht. Laut Andreas Bernard sind "Unfreiheit und Zwang Folgen jenes selbst gewählten Diktats, dass Fruchtbarkeit willkürlich herstellbar sei".

Julia Schuhmann weiß nicht, warum sie es nicht aushalten konnte, mit dem zu leben, was ihr gegeben wurde. Oder eben nicht gegeben wurde. Vielleicht wollte sie einfach dazugehören. "Ich habe mich oft ausgegrenzt gefühlt unter anderen Frauen und Kolleginnen, die Kinder hatten", sagt sie. Kinder seien in der ländlichen Gegend, aus der sie kommt, auch ein Statussymbol. Am krassesten sei es ihr an ihrem Geburtstag vor zwei Jahren aufgefallen. Ihre Tochter war nicht lange zuvor tot zur Welt gekommen, und sie hatte etwa zehn Frauen aus ihrem Kollegium und der Nachbarschaft zum Frühstücken eingeladen. "Es hat keine 30 Minuten gedauert, bis über die Kinder gesprochen wurde. Ich dachte, ich muss ausflippen. Da wissen alle am Tisch, dass ich vor vier Monaten Leonie nach jahrelangem Kinderwunsch und echt ätzender Kinderwunschbehandlung verloren habe, und es gibt kein passenderes Thema, als über das Einschlafen und die Essgewohnheiten der eigenen Kinder zu reden."

In der Kinderwunschpraxis, in der auch die Butterwegges und Heubergers im Wartezimmer sitzen, hängt noch ein Bild an der Wand. Darauf steht, eng gedruckt: "Wenn keine Liebe, dann kein Friede, dann kein Essen, dann keine Kinder, dann keine Lieder, dann keine Freunde, dann keine Feste, dann keine Reise, dann keine Berge, dann keine Sonne, dann keine Ruhe, dann kein Glück."

Julia Schuhmann wünscht sich noch ein drittes Kind.


Im Video: Der lange Weg zum Wunschkind - Über mehrere Wochen hat SPIEGEL-TV-Reporterin Kathrin Sänger ein kinderloses Paar begleitet. Die Wagners lassen nichts unversucht, um ihren Traum vom eigenen Baby wahr werden zu lassen.

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