AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 27/2017

Interview mit Unesco-Leiterin Mechtild Rössler Warum zählt Aleppo zum Weltkulturerbe, Dresden aber nicht?

In den nächsten Tagen diskutiert die Unesco, welche Kulturdenkmäler neu auf ihre Liste kommen. Mechtild Rössler, Direktorin des Welterbezentrums, verrät, ob die deutschen Kandidaten Chancen haben.


Welterbe-Beauftragte Rössler: "Wir räumen den Schutt aus Aleppo"
Simone Perolari/DER SPIEGEL

Welterbe-Beauftragte Rössler: "Wir räumen den Schutt aus Aleppo"

Die deutsche Geografin Mechthild Rössler, 57, arbeitet seit 25 Jahren für das Welterbezentrum der Unesco in Paris, seit 2015 leitet sie es. Sie ist zuständig für alle 1052 Stätten, die als Kultur- oder Naturerbe der Menschheit gelten - und damit die oberste Kulturhüterin der Welt. Vom 2. bis 12. Juli tagt das Welterbekomitee in Krakau. Seine Mitglieder entscheiden über die Listung weiterer "einzigartiger Zeugnisse der Menschheitsgeschichte und der Natur" - und sprechen über all das, was der Mensch vernichtet.


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Heft 27/2017
Globalisierung außer Kontrolle: Radikal denken, entschlossen handeln - nur so ist die Welt noch zu retten

SPIEGEL: Frau Rössler, viele Länder würden gern Denkmäler und Landschaften als Welterbe auszeichnen lassen. Ist der Titel Weltkulturerbe begehrter denn je?

Rössler: Ja, auf jeden Fall. Nur müssen wir uns mehr als bisher um das schon bestehende Welterbe kümmern.

SPIEGEL: Die Deutschen würden aber gern - unter anderem - ihren mittelalterlichen Naumburger Dom als Welterbe geschützt wissen. Er wurde von deutscher Seite aus schon zum zweiten Mal vorgeschlagen. Wie stehen die Chancen?

Rössler: Nicht gut. Der Rat für Denkmalpflege hat den Naumburger Dom und die ebenfalls von den Deutschen nominierte Kulturlandschaft an Saale und Unstrut nicht zur Einschreibung empfohlen. Besser sind die Aussichten für die Höhlen der ältesten Eiszeitkunst auf der Schwäbischen Alb. Aber noch einmal: Wir müssen all die Stätten im Auge behalten, die seit Längerem zum Welterbe zählen, viele sind in Gefahr. Wir haben 2001 die Zerstörungen der Buddhastatuen von Bamiyan in Zentralafghanistan beobachten müssen, ein terroristischer Akt durch die Taliban. Danach entwickelten sich viele ähnliche Brandherde, massive Zerstörungen und Bedrohungen durch bewaffnete Konflikte. Das sollte uns interessieren.

SPIEGEL: Vor allem die Situation in arabischen Ländern, insbesondere in Syrien, soll ein Schwerpunkt Ihres Treffens sein. Worüber wollen Sie genau reden?

Rössler: Im vergangenen Jahr war ich in Palmyra, die Zerstörungen sind extrem, schrecklich. Doch meiner Meinung nach ist Palmyra, dieser legendäre archäologische Komplex, zurzeit nicht unser größtes Problem in Syrien, sondern Aleppo.

SPIEGEL: Warum?

Rössler: Weil viele Menschen irgendwann wieder dort wohnen wollen! Auch in ihrer jetzt noch zerstörten Altstadt. Zu mir haben Archäologen gesagt, ach, Frau Rössler, ist ja wunderbar, in Aleppo können wir jetzt mit Ausgrabungen anfangen. Und ich habe gesagt, wir brauchen stattdessen einen Aufbauplan, und das schnell. Schon drei Wochen nach Ende der Kämpfe waren Leute von uns in Aleppo. Wir und unsere Partner räumen längst aus dem Souk, dem historischen Geschäftsviertel, den Schutt heraus.

SPIEGEL: Viele Welterbestätten stehen wegen solcher Zerstörungen auch für die Brutalität der Gegenwart.

Rössler: Ja, und Menschen sind gestorben, weil sie diese Orte schützen wollten. Aber es gibt Entwicklungen, die hoffen lassen. Denken Sie an die mittelalterlichen Mausoleen in Timbuktu, 2012 von Islamisten zerstört. Im Juli 2015 standen sie wieder, dank unserer Aufbauarbeit gemeinsam mit den Familien vor Ort. Vor allem ging die Tat vor den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag und wurde als Kriegsverbrechen geahndet. Und das ist es, was mir besonders wichtig ist - alle derartigen Zerstörungen sollten vor Gericht.

SPIEGEL: In Krakau wird auch darüber diskutiert, ob das historische Zentrum von Wien künftig als bedrohtes Kulturerbe zu gelten hat und auf eine rote Liste rutscht, weil am Rande der Altstadt ein wuchtiger Neubaukomplex entstehen soll. Wie passt das alles zusammen? Aleppo und Wien?

Rössler: Auch Fälle wie der in Wien gehören dazu, wenn man die Regeln ernst nimmt - und das tun wir. Wir haben das bewiesen, als das Komitee Dresden den Titel 2009 sogar entzog.

Deutschlands Unesco-Kandidaten

SPIEGEL: Dresden wollte an zentraler Stelle eine Stahlbetonbrücke über die Elbe bauen. Ist angesichts der massiven Probleme auf der Welt - Terror, Armut, Umweltverschmutzung, Klimawandel - der Schutz einzelner Stätten oder Traditionen überhaupt eine so dringliche Aufgabe?

Rössler: Viele dramatische Entwicklungen lassen sich gerade am Zustand des Welterbes veranschaulichen. Wenn in einem von der Unesco gelisteten Eisfjord die Gletscher wegschmelzen wie in Grönland und Sie nichts mehr von der Besucherplattform aus erkennen - dann kann man sagen, liebe Tourismusindustrie, wenn ihr in ein paar Jahren auf die Malediven kommt, ist da auch nichts mehr. Dann ist alles unter Wasser, und ihr könnt nicht Hunderte Dollar für eine Übernachtung einstreichen.

Dresdner Altstadt
DPA

Dresdner Altstadt

SPIEGEL: Andererseits befördern Sie den Tourismus. Der Titel Welterbe zieht Besucher oft in Massen an. Umweltorganisationen halten Ihnen das regelrecht vor. Ein Beispiel sind die Tempel von Angkor Wat in Kambodscha, sie werden jedes Jahr von zwei Millionen Menschen besucht.

Rössler: Was wäre die Alternative gewesen? Angkor Wat wurde 1992 zum Weltkulturerbe erklärt - und musste erst einmal von Minen befreit werden. Heute hat das benachbarte Siem Reap, in dem damals einige Tausend Menschen lebten, 200.000 Einwohner. Die Einschreibung wurde zum ökonomischen Motor für die Region. Aber natürlich, wir unterstützen die Stätten längst beim Management und beim Umgang mit Besucherströmen. Das Erleben des Erbes dieser Welt soll eine positive Erfahrung sein, ganz sicher auch für die Menschen, die dort ihre Heimat haben.



insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
Kurt-C. Hose 05.07.2017
1. Hmm
Bitte nicht falsch verstehen, aber werden eigentlich Weltkulturerbe, wenn sie durch Krieg zerstört sind, von der Liste gestrichen?
quark2@mailinator.com 05.07.2017
2.
Ich denke, man sollte unterscheiden, zwischen dem Kulturerbe der Welt - welches es zu erhalten gilt - und diesem Titel "Weltkulturerbe". Gerade in Dresden hat man gesehen, daß die lebende Welt in Konflikt mit dem Erhaltungswunsch gerät. Wir werden aber kaum unsere halbe Welt in ein Museum verwandeln wollen. Vielmehr ist es so, daß man immer Dinge verliert und andere hinzukommen, Symbiosen eingehen, etc. Einer Stadt wie Dresden eine von deren Bevölkerung seit langem und in großer Mehrheit gewünschte Brücke vorzuenthalten, weil das die historische Ansicht schmälert, kann wirklich nur jemand wollen, der nur eine Agenda hat und gegenüber der realen Welt die Augen verschließt. Persönlich sehe ich mir Stätten auf dieser Welt aus vielen Gründen an, aber nicht, weil da jemand "WKE" rangeschrieben hat. Im Gegenteil - seit Dresden ist mir die Bezeichnung unsymphatisch geworden.
skeptiker97 05.07.2017
3. Wir entscheiden
Wir, unser Land, muss entscheiden, was kulturelles Erbe für uns ist und müssen dieses dann entsprechend behandeln, schützen, pflegen, restaurieren usw. Das tun wir, weil es für uns, für unsere Identität, wichtig ist. Wenn die Unesco da mithilft ist es gut, wenn nicht, machen wir es ohne sie. Das geht auch. Die Unesco ist da zweitrangig, denn auf uns kommt es an.
DrStrang3love 05.07.2017
4.
Zitat von quark2@mailinator.comIch denke, man sollte unterscheiden, zwischen dem Kulturerbe der Welt - welches es zu erhalten gilt - und diesem Titel "Weltkulturerbe". Gerade in Dresden hat man gesehen, daß die lebende Welt in Konflikt mit dem Erhaltungswunsch gerät. Wir werden aber kaum unsere halbe Welt in ein Museum verwandeln wollen. Vielmehr ist es so, daß man immer Dinge verliert und andere hinzukommen, Symbiosen eingehen, etc. Einer Stadt wie Dresden eine von deren Bevölkerung seit langem und in großer Mehrheit gewünschte Brücke vorzuenthalten, weil das die historische Ansicht schmälert, kann wirklich nur jemand wollen, der nur eine Agenda hat und gegenüber der realen Welt die Augen verschließt. Persönlich sehe ich mir Stätten auf dieser Welt aus vielen Gründen an, aber nicht, weil da jemand "WKE" rangeschrieben hat. Im Gegenteil - seit Dresden ist mir die Bezeichnung unsymphatisch geworden.
Ohne die Diskussion noch mal in aller Breite ausführen zu wollen: die UNESCO hat keineswegs darauf bestanden, dass Dresdner Elbtal für alle Zeiten vollkommen unverändert bleibt. Ein Brückenbau an anderer Stelle und/oder anderer Form wäre ohne weiteres akzeptabel - und bau- und verkehrstechnisch möglich - gewesen.
Thomas Schnitzer 05.07.2017
5.
Zitat von quark2@mailinator.comIch denke, man sollte unterscheiden, zwischen dem Kulturerbe der Welt - welches es zu erhalten gilt - und diesem Titel "Weltkulturerbe". Gerade in Dresden hat man gesehen, daß die lebende Welt in Konflikt mit dem Erhaltungswunsch gerät. Wir werden aber kaum unsere halbe Welt in ein Museum verwandeln wollen. Vielmehr ist es so, daß man immer Dinge verliert und andere hinzukommen, Symbiosen eingehen, etc. Einer Stadt wie Dresden eine von deren Bevölkerung seit langem und in großer Mehrheit gewünschte Brücke vorzuenthalten, weil das die historische Ansicht schmälert, kann wirklich nur jemand wollen, der nur eine Agenda hat und gegenüber der realen Welt die Augen verschließt. Persönlich sehe ich mir Stätten auf dieser Welt aus vielen Gründen an, aber nicht, weil da jemand "WKE" rangeschrieben hat. Im Gegenteil - seit Dresden ist mir die Bezeichnung unsymphatisch geworden.
Tja, um es mal mit einer Spitze zu sagen, hätte man in Dresden eben besser auf die Konservierung des Stadtbildes achten sollen, als auf die Konservierung gestriger Meinungen in den Köpfen.
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