Abgebrochene Doktorarbeiten "700 Seiten sind für alle Beteiligten eine Katastrophe"

Ambitioniert gestartet, frustriert gelandet: Mehr als ein Drittel aller Doktoranden bricht irgendwann die Dissertation ab. Der Arbeitsmediziner Friedrich Hofmann erklärt, wer daran Schuld trägt.

Forschen ohne Ergebnis: Abgebrochene Promotionen sind keine Einzelfälle
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Forschen ohne Ergebnis: Abgebrochene Promotionen sind keine Einzelfälle


Keine Kraft mehr, kein Geld mehr, keine Lust mehr: Schätzungen zufolge brechen fast 40 Prozent der Doktoranden ihre Dissertation ab. Schuld sei die schlechte Betreuung, urteilt Friedrich Hofmann, emeritierter Professor für Arbeitsmedizin. In seinem Buch "Promotionsfabriken" kritisiert er die Arbeits- und Forschungsbedingungen und sagt, was besser laufen müsste.

UNI SPIEGEL: Ist ein Doktortitel überhaupt hilfreich für die Karriere? Wer stellt schon einen überqualifizierten Mittdreißiger ohne Berufserfahrung ein?

Hofmann: Studien zufolge kann ein Doktor für die Karriere immer noch nützlich sein: Wer promoviert ist, verdient im Durchschnitt mehr als ein Akademiker ohne diesen Titel. Für viele ist das auch ein Statussymbol.

UNI SPIEGEL: Wer eine Dissertation schreibt, verliert wertvolle Lebensjahre im Uni-Betrieb, im Schnitt viereinhalb.

Hofmann: Mit einer Doktorarbeit weist der Verfasser nach, dass er in der Lage ist, eigenständig zu forschen. Das kann er in drei Jahren genauso gut machen wie in sechs. Es gibt keinen wissenschaftlichen Grund, warum sich die Arbeit an einer Dissertation so lange hinzieht. Die Promotion sollte sowohl von der Zeit als auch vom Umfang her begrenzt werden. Eine Arbeit mit 600 bis 700 Seiten ist für alle Beteiligten eine Katastrophe - auch für Betreuer und Zweitkorrektor.

UNI SPIEGEL: Sie waren 13 Jahre lang Vorsitzender eines Promotionsausschusses. Woran krankt das System?

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Friedrich Hofmann:
Promotionsfabriken

Der Doktortitel zwischen Wissenschaft, Prestige und Betrug

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Hofmann: Ein Problem ist die Kleinstaaterei in Deutschland: Es fehlt eine zentrale Stelle, um die Doktorarbeit anzumelden. Deshalb gibt es auch kaum Daten darüber, wie viele Dissertationen begonnen werden. In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Bestrebungen, das System zu vereinheitlichen. Aber ohne Erfolg, noch immer existieren mehr als 600 Promotionsordnungen in Deutschland.

UNI SPIEGEL: Fast 40 Prozent der Doktoranden brechen die Promotion ab. Warum?

Hofmann: Fast immer wegen der schlechten Betreuung. Viele Doktorväter lesen die Arbeit erst nach der Abgabe. Das ist fatal. Eigentlich sollten sich Promovend und Betreuer etwa alle zwei Wochen treffen. Aber wenn ein Professor bis zu 20 Doktoranden betreut, ist das nicht möglich. Viele Promovenden müssen sich nebenbei noch um Studierende kümmern und Hausarbeiten korrigieren. Für wissenschaftliches Arbeiten bleibt da immer weniger Zeit.

UNI SPIEGEL: Gibt es Fächer, in denen es gut läuft?

Hofmann: Eigentlich nicht. Selbst in der Medizin, wo sehr viel promoviert wird, ist die Betreuung furchtbar schlecht. Viele angehende Ärzte arbeiten im Schichtsystem im Krankenhaus und sollen nebenbei für ihre Dissertation forschen. Ein Mediziner hat mir das einmal so geschildert: Entweder stirbt das Enzym im Reagenzglas oder der Patient im Bett.

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UNI SPIEGEL: In Hessen kann man nun auch an Fachhochschulen promovieren. Gut oder schlecht?

Hofmann: Erst einmal dürfen ja nur Fachhochschulen mit Forschungsschwerpunkt die Promotion anbieten. Damit schafft der Gesetzgeber ein Zweiklassensystem. Ein wissenschaftlicher Mitarbeiter an einer Fachhochschule hatte schon bisher die Möglichkeit zur Promotion, indem er sich einen Betreuer an einer Uni suchte. Ich sehe nicht, warum man daran etwas ändern sollte. Außerdem müssen FH-Professoren mehr lehren als ihre Universitätskollegen. Da bleibt für die Betreuung einer Doktorarbeit ohnehin kaum Zeit.

Interview: Peter Neitzsch



insgesamt 88 Beiträge
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Seite 1
kezia_BT 15.02.2017
1. Nur Professorenschelte!
Herr Hofmann mag Recht haben für sein Fach, die Medizin, in der der Doktorand an ein und derselben Klinik arbeiten kann. Was er jedoch nicht berücksichtigt, sind Fächer, bei denen der Gegenstand der Forschung z.B. im Ausland untersucht werden muß, was mindestens mit einem halben Jahr extra Zeitbedarf zu Buche schlägt. Was er ebenfalls nicht berücksichtigt, sind die Fälle, in denen überraschende Ergebnisse gelungen sind, aber die Zeit davongelaufen ist - und ein halbes Jahr Anschlußfinanzierung, die die Arbeit beenden würde, nirgendwo zu bekommen ist. Hier wäre dringend ein Nachbessern erforderlich. Was er ebenfalls nicht berücksichtigt, sind die immer zahlreicheren Kandidaten, die eine "Verlegenheitspromotion" beginnen, weil sie keinen Job finden können (ist in der Medizin wohl nicht so häufig, bei uns schon), und weg sind, sobald sie etwas halbwegs Akzeptables gefunden haben. Bei uns im Labor trifft man seine Doktoranden quasi ständig; sture 14-tägige Sitzungen würden nur den Betrieb (auch den der Doktoranden) stören, denn Meetings sind oft die unproduktivste Art, Zeit zu verbringen, insbesondere solche mit mehreren Personen. WIchtig ist die stete Ansprechbarkeit des Betreuers, je nach Phase der Arbeit einmal im Monat oder mehrmals in der Woche.
Magic Sunray 15.02.2017
2. Ausufernd
Hab neulich grad eine Promotionsschrift vom Anfang des 20. Jahrhunderts in der Hand gehabt. Oktavformat (heute etwas DIN A5), 44 Seiten. Summa cum laude. Fertig! Aber beschränken ist nicht so die Tugend unserer Zeit.
epigone 15.02.2017
3. Dass nennt man positive Selektion!
Der Beitrag erweckt den Eindruck, als sei es falsch, dass 40 % scheitern. Das ist aber falsch, es ist gerade wichtig und richtig, dass es in unserem Land noch Gelegenheiten zum Scheitern gibt! An allen Fronten werden Inklusionsideologien (Abitur für Lernbehinderte?), Reduktion von Anforderungen oder "Reformen" von als zu schwierig empfundenen Gegenständen (Rechtschreibung!!!), bis hin zur Demontage von Bildungsabschlüssen (vom Gesamtschulabi bis zum Bachelor statt Dipl.-Ing.) vorangetrieben - in der Folge sinkt das Niveau und umgekehrt wird der Graben zwischen den Vielen und der echten Bildungselite immer tiefer. Sachlich richtig ist, dass die Betreuung oft unterirdisch schlecht ist. Aber das ist im Nachhinein gesehen vielleicht auch Teil eines Selektionsmechanismus, der nur zum Erfolg kommen läßt, wer das erforderliche Stehvermögen und die Zielstrebigkeit hat. Ausnehmen würde ich aber in der Tat den Bereich Humanmedizin - eine Promotion hat hier oft wirklich nur äußerst geringen Wert! Oft schon im 5. Semester begonnen, ggf. an fiktiven "paper-patients" über die man ein paar Niedergelassene befragt und die Ergebnisse dann statistisch und mit ein bischen Literaturrecherche aufgepeppt zu einem 60 Seiten-Papierchen zusammenfügt - das ist wirklich Wissenschaft à la dünner Kaffee. Daher reicht ein Dr. med. auf europäischer (Fördermittel-) Ebene eben auch nicht als Nachweis wissenschaftlicher Qualifikation :-))) wie das wohl kommt ?! Und ausnehmen muss man auch den nenenswerten Teil der Promovierenden, der à la Guttenberg, Schavan oder Koch-Mehrin besonders geschickt ist und sich seine Diss mit fremden Blüten zusammenbastelt und betrügt. Alles in Allem: Ich bin für mehr Exzellenz und Selektion und gegen Promotion für alle. Also Schluss mit dem Gejammer und ran an den Schreibtisch!
unglaeubig 15.02.2017
4. Selbstverständlich...
Selbstverständlich lese ich als Betreuer einer Doktorarbeit diese erst nach der Abgabe. Diskussionen über Inhalte gerne vorher, aber wie soll ich etwas seriös beurteilen, an dem ich selber mitgewirkt habe? Die Doktorarbeit ist der Nachweis der Fähigkeit zur EIGENSTÄNDIGEN wissenschaftlichen Arbeit. Fakt ist, dass diese Fähigkeit nicht jeder besitzt, insofern finde ich es akzeptabel, wenn ein Drittel der Arbeiten nicht erfolgreich abgeschlossen wird, zumal meine Doktoranden ja wenigstens bezahlt werden. (Wobei es schon erschreckend zu sehen ist, wieviele Menschen tatsächlich signifikante psychische Probleme beim Zusammenschreiben bekommen, daran scheitern nicht wenige Arbeiten).
ucr 15.02.2017
5.
„Ist ein Doktortitel überhaupt hilfreich für die Karriere? Wer stellt schon einen überqualifizierten Mittdreißiger ohne Berufserfahrung ein?“ „Wer eine Dissertation schreibt, verliert wertvolle Lebensjahre im Uni-Betrieb, im Schnitt viereinhalb.“ Die Fragen sagen alles über den Interviewer. Da fragt man sich, ob irgendjemand in der Redaktion vom UniSpiegel sitzt, der sein Studium abgeschlossen hat? ucr
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© UNI SPIEGEL 6/2016
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