Studenten nachts in Bonn Noch Luft nach oben

Was passiert in Unistädten, wenn es dunkel wird? Christine Haas geht mit Brausepulver auf Nachtschicht, bewundert Kirschblüten und tanzt im Nebel. Eines Nachts in: Bonn.

Juliane Herrmann/ UNI SPIEGEL

19.45 Uhr

Bonn war mal was, so viel ist klar. Das Grundgesetz ist hier entstanden, fast 50 Jahre lang regierte der Bundeskanzler vom Rhein aus das Land. Dann fiel die Mauer, Berlin wurde wieder Hauptstadt - und Bonn geriet in eine Identitätskrise. Zwar ist man noch irgendwie bedeutsam, noch sechs Ministerien haben hier ihren Hauptsitz, die Vereinten Nationen sind vertreten, und es gibt das umfassendste Museum zur Geschichte der Bundesrepublik.

Ganz große Politik wird nicht mehr gemacht, und trotzdem konnte die Stadt den spießig-offiziellen Charakter nicht loswerden. Spaßvögel behaupten deshalb, Bonn sei eine Abkürzung für "Bundesstadt ohne nennenswertes Nachtleben".

Dass alle jungen Leute am Wochenende ins nahe gelegene Köln fliehen, ist aber ein Gerücht - das behauptet zumindest Ivi. Sie ist zum Studieren hergezogen und hat mir schon oft erzählt, dass man hier gut weggehen kann. Mal sehen, ob sie mich heute überzeugen kann.

20.00 Uhr

Es geht feurig los. Ich bin mit Ivi, Corinna, Rieke, Isabel und Nicolas im Burritorico verabredet, einem mexikanischen Restaurant, in dem die Wahl des Schärfegrads auf die Kategorien "mittel" und "extrem" beschränkt ist. Das Bestellen funktioniert nach der Subway-Methode: An der Theke wählt man die Teigbasis, dann Beläge und Soße. "Guacamole kostet ein bisschen extra", sagt der Wrap-Zubereiter. Na gut, da muss ich wohl durch.

Wir setzen uns an einen Holztisch in der Mitte des Raums. Als ich meinen Burrito von einer hippen Blechschale esse und hausgemachte Limo aus einem Einmachglas schlürfe, kommt mir Bonn gar nicht so bieder vor.

Blühende Kirchschbäume in Bonn
Juliane Herrmann/ UNI SPIEGEL

Blühende Kirchschbäume in Bonn

21.35 Uhr

Unser nächstes Ziel ist die Altstadt. "Da gibt es viele gemütliche Kneipen", sagt Ivi. Wir laufen am Stadthaus vorbei. Dafür, dass hier selbst Studenten in schnieken Altbauten wohnen, ist es ungewöhnlich hässlich. Ziemlich schön sind die rosa blühenden Kirschbäume in der Nebenstraße. Rieke erzählt, dass viele Hobbyfotografen eigens anreisen, um Bilder von der Blütenpracht zu machen und bei Instagram zu posten. Es gibt sogar einen Wettbewerb um das gelungenste Foto.

Besonders angetan scheinen Japaner zu sein: Zur Hochsaison im April liegt die Zahl ihrer Übernachtungen in Bonn mehr als 80 Prozent über dem Jahresdurchschnitt.

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21.50 Uhr

Im Kiosk an der Ecke besorgen wir Eis und Kekse. Dann halten wir nach einer geeigneten Kneipe Ausschau. Viele sind schon voll, weil der 1. FC Köln das Abendspiel und generell wohl auch viele Fans hier hat, die vor den großen Bildschirmen mitfiebern. Im Bierhaus Machold haben wir schließlich Glück, im hinteren Raum ist ein Tisch frei.

Wie es sich für ein Brauhaus gehört, laufen riesige Rohre unter der Decke entlang. Die Kellnerin versorgt uns mit dem hausgemachten Naturtrüb vom Fass. "Das ist ein obergäriges Bier", sagt sie, "geht geschmacklich Richtung Kölsch."

22.45 Uhr

Charly, Verena, Jana, Olli und Theresa sind dazugekommen. Die Gruppengröße könnte zum Problem werden, zu sechst war es schon schwierig, Platz zu finden. Wir machen uns auf die Suche.

22.55 Uhr

Das Gegenteil ist der Fall: Der Türsteher vom Nyx freut sich, dass so viele Leute in seinen Laden wollen. "Wenn ihr alle reingeht, gibt's Gruppenrabatt", sagt er und reduziert den Eintritt von vier auf einen Euro pro Person. Zur systematischen Taschendurchsuchung sollen wir uns in Zweierreihen aufstellen. Von der Kassiererin gibt's ein Tütchen Ahoi-Brause - das Grundschulfeeling ist perfekt.

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Studentenstädte im Nachttest: Was können Köln, München, Rom?

0.15 Uhr

Drinnen geht die Zeitreise weiter: Der Raum ist mit Retroblechschildern, alten Fernsehern und Discokugeln dekoriert, der DJ erfüllt von Eiffel 65 bis Spice Girls jeden Wunsch. Ivi setzt den Karnevals-Hit "Kölsche Jung" von Brings durch. Das passt zwar nicht in die Neunziger-Playlist, aber alles mit Köln-Bezug scheint beliebt. Der Dampf aus der Nebelmaschine verschleiert die Sicht, wilde Tanzmoves bleiben unbeobachtet.

Auf einen Absacker in die Wache
Juliane Herrmann/ UNI SPIEGEL

Auf einen Absacker in die Wache

1.10 Uhr

"Die Wache" ist das nächste Ziel. "Den Laden kennt in Bonn jeder, hier geht man eigentlich als Letztes zum Absacker hin", sagt Ivi. Die übliche Chronologie ignorieren wir; wenn es schon auf dem Weg liegt, können wir auch einen Schnaps mitnehmen. Auch hier wird in Sachen Deko wieder einiges geboten: Geweihe schmücken die Wände, und an einer Stange in der Mitte des Raums ist eine weibliche Schaufensterpuppe in lasziver Pose drapiert.

Aus den Boxen dröhnt "Ich will nicht nach Berlin" von Kraftklub; ein Song, der in Bonn fast Hymnenpotenzial hat, denke ich. Zum Flippern und Kickern lassen wir uns nicht hinreißen, die Hälfte der Gruppe will noch tanzen. "Ab in die 'Nachtschicht'", schlägt Corinna deshalb vor.

1.30 Uhr

Für fünf Euro sind wir dabei. Eine semi-gute Investition: Die "Nachtschicht" ist eine durchschnittliche Großraumdisco mit klebrigem Boden und sehr jungen Besuchern.

2.25 Uhr

Ein bisschen früh, trotzdem beschließen wir, nach Hause zu gehen. Partytechnisch ist in Bonn zwar noch Luft nach oben, aber essen und trinken kann man hier hervorragend.



insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
jula75 28.07.2017
1. Was erwartet ihr
von einer Stadt mit 300.000 Einwohnern und einer Metropole nebenan? Ich finde, dafür ist Bonn gar nicht so schlecht aufgestellt. Lediglich, wer einen bestimmten Musikgeschmack bedient haben möchte oder ein Konzert besuchen will, muss nach Köln reisen.
Graphite 28.07.2017
2. naja
ich habe die Erfahung gemacht, dass das (Nacht-)Leben einer Stadt von deren Studenten geprägt wird. viele verschiedene Fakultäten erhöht auch die Diversität der Angebote. Leider hat Bonn keine Kunstuni, dafür sehr viele Politk- und Jurastudenten, demensprechend dröge ist auch das Angebot und die Kleidervorschriften! wie schön ear es doch als es die alte BarLudwig noch gab!
petruz 28.07.2017
3.
danke für den Artikel. Tja Bonn wird es immer schwer haben als Nachbarstadt von Köln, wie übrigens auch Leverkusen. Zum dürftigen Nachtleben kommt in Bonn tatsächlich das Problem einer nicht vorhandenden Profifußballmannschaft hinzu, mit der man sich identifizieren könnte. da ist Bonn einer der ganz wenigen Großstädte der das fehlt. So bleibt nur Beethoven als Identifikation.
rbb 28.07.2017
4. Bonn
Aktuell hat Bonn zwar keinen Profi-Fußballverein, dafür aber den einzigen, den bereits zweimal die Lizenz entzogen wurde: der Ex-Zweitligist Bonner Sport-Club. Zur Zeit spielt der BSC in der Regionalliga West gemeinsam mit anderen "Klassikern" wie dem WSV, RWE, RWO, Alemannia Aachen oder Uerdingen. Außerdem gibt es zum identifizieren, den einzigen Basketball-Bundesligisten in ganz NRW: die Telekom Baskets. Hingehen! Und Bonn ist nicht nur die Nachbarstadt von Köln, sondern grenzt auch an Rheinland-Pfalz. Und wenn diese künstliche Landesgrenze (Teilung der ehemaligen preußischen Rheinprovinz durch die Briten und Franzosen nach dem 2. Weltkrieg) nicht südlich, sondern nördlich der Stadt verlaufen würde, wäre Bonn mit seinen 320.000 Einwohner*innen heute größte Stadt eines Bundeslandes.
mariomeyer 28.07.2017
5. Frage
Gibt es noch das Studententicket für den regionalen Nahverkehr? Das hat früher nicht wenige Leute dazu verleitet, in Bonn zu studieren und in Köln zu wohnen.
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© UNI SPIEGEL 3/2017
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