Deutscher Student in China "Ich wollte wissen, wie weit ich gehen kann"

Dass China kein Hort der Pressefreiheit ist, wusste Austauschstudent David Missal, 24, schon vorher. Im Interview erzählt er, warum er trotzdem zu Menschenrechten recherchierte - und wie er damit seine Ausweisung provozierte.

Journalismus-Student David Missal
Privat/ David Missal/ dpa

Journalismus-Student David Missal


UNI SPIEGEL: China belegt in der Rangliste der Pressefreiheit Platz 176 von 180. War es nicht naiv zu glauben, du könntest frei recherchieren?

David Missal: Vielleicht. Andererseits war es ja keine offizielle Recherche für ein Medium, sondern lediglich eine Hausaufgabe im Rahmen eines Filmseminars. Ich dachte, solche Recherchen sind als Übung legitim.

UNI SPIEGEL: Du hast den Bürgerrechtsanwalt Lin Qilei mit der Kamera begleitet und Angehörige von inhaftierten Aktivisten interviewt.

Missal: Ich wusste, wie sensibel das Thema ist, aber ich wollte es nicht ignorieren. Dafür fand ich es zu wichtig. Hunderte Bürgerrechtsanwälte wurden in den vergangenen Jahren ins Gefängnis gesteckt. Es ist erschreckend, was sie und ihre Angehörigen durchmachen, nur weil sie sich für Menschen einsetzen, die die Staatsmacht kritisieren.

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UNI SPIEGEL: Als die Polizei dich festnahm, hast du auch sie gefilmt. Das ist doch Wahnsinn!

Missal: Ich hätte vor dem Gefängnis vielleicht verdeckter filmen können. Aber die Bilder brauchte ich in jedem Fall. Sonst wäre das Projekt gestorben.

UNI SPIEGEL: Was hat die Polizei mit dir gemacht?

Missal: Sie haben mich ins Auto gedrückt, aber nicht geschlagen. Ich habe meiner Mutter und ein paar Freunden noch schnell meinen Standort über WhatsApp senden können. Danach haben mir die Beamten mein Handy weggenommen. Da wurde mir etwas mulmig.

UNI SPIEGEL: Wurdest du verhört?

Missal: Nein, ich musste drei Stunden in einer Art Foyer warten, während sie meinen Pass checkten und auch den Anwalt befragten, den ich gefilmt hatte. Irgendwann gaben sie mir mein Handy zurück, und ich konnte gehen.

UNI SPIEGEL: Und dann?

Missal: Einen Monat später wollte ich mein Visum um ein Jahr verlängern. Als ich meinen Pass abholte, stand auf meinem Visum "cancelled", also annulliert. Ich wurde in ein Hinterzimmer geführt, dort warteten drei Beamte. Einer las mir im Stehen eine Erklärung vor. Er sagte, ich müsse ausreisen, weil meine Aktivitäten nicht von meinem Studentenvisum gedeckt seien.

UNI SPIEGEL: In China sitzen viele Reporter in Haft. Warum hast du dir ausgerechnet dieses Land für ein Journalismusstudium ausgesucht?

Missal: China fasziniert mich seit Jahren. Ich habe nach dem Abitur ein Freiwilliges Soziales Jahr in Nanjing gemacht, danach Sinologie in Berlin studiert. Durch das Studium hoffte ich, eine neue Perspektive auf das Land zu bekommen. Bis zu diesem Seminar hatten wir uns kaum mit unbequemen Themen beschäftigt. Ich wollte wissen, wie weit ich gehen kann.

UNI SPIEGEL: Wie hat deine Uni reagiert?

Missal: Später ist mir klar geworden, dass die Uni sehr der Parteilinie folgt. Hätte sich jemand für mich starkgemacht, hätte derjenige womöglich seinen Job riskiert.

UNI SPIEGEL: Wie geht es weiter?

Missal: Ich werde ab Herbst einen Master in Hongkong machen. Den Film über die Menschenrechtsanwälte will ich trotzdem fertigstellen. Das Material habe ich noch. Nur wenn wir über die Verfolgung dieser Menschen berichten, kann sich etwas ändern.

Interview: Gregor Becker

insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
gekreuzigt 02.11.2018
1. Total mutig.
Ein echter Held. Viele Chinesen werden ihm nacheifern.
dasfred 02.11.2018
2. Zu Nr.1 Mutig?
Die Zeit der Mutproben sollte mit dem Ende der Pubertät vorbei sein. Man kann das Thema auch aufgreifen, ohne jedes Risiko zu vernachlässigen. Blauäugig an ein Thema zu gehen, für das schon andere im Gefängnis gelandet sind, ist so mutig, wie ein Selfie an einer Klippe. Ihm hätte auch klar sein können, dass eine chinesische Hochschule nicht im Ansatz so frei ist, wie eine deutsche.
gumbofroehn 02.11.2018
3. Bestenfalls naiv.
So eine Aktion ist bestensfalls naiv und nur durch ein hohes Maß an Ignoranz zu erklären. Dieser junge Herr kann sich glücklich schätzen, dass die einzige Sanktion eine Nichtverlängerung des Studentenvisums war. In China gibt es keine Pressefreiheit, das wussten wir vorher auch. Wäre er an den Falschen geraten, der gerade ein Exempel an einem Ausländer hätte statuieren wollen, wäre er für einige Zeit im Knast verschwunden und die Botschaft / das Auswärtige Amt hätte ihn rauspauken dürfen. Was kommt als Nächstes nach dem Studium? Fliegt er zum Feiern nach Riad und prostet den Sicherheitskräften am Flughafen mit einer Flasche Schnaps zu?
vitalik 02.11.2018
4.
Zitat von gekreuzigtEin echter Held. Viele Chinesen werden ihm nacheifern.
Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung? Ich gehe nicht davon aus, dass diese Geschichte in China zu Primetime in den Staatsmedien gezeigt wird. So wie man den chinesischen Staat kennt, werden solche Geschichten aktiv unterdrückt. Es wäre naiv anzunehmen, dass der Chinesische Staat, der schon ganz andere Kaliber von Nachrichten unterdrückt hat, an diesem jungen Mann scheitern würde.
ucr 02.11.2018
5.
Einfach noch einmal das Interview richtig lesen. Der Mann dachte, die Recherche sei als Übung für sein Studium legitim. Im Übrigen können Sie davon ausgehen, dass er aufgrund seines einjährigen Aufenthaltes ziemlich genau gewusst hat, dass die Recherche ein Risiko ist. Im Übrigen wird er seinen Film fertig stellen und damit etwas verändern. Ich finde es bewundernswert, dass jemand sich für die Menschenrechte einsetzt und damit riskiert, nie wieder in das Land seines Interesses einreisen zu können. Neunmalkluge Dummschwätzer, die ihre Feigheit als Tugend verkaufen wollen, verändern gar nichts und sind einfach nur erbärmlich. ucr
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