Europa-Institut in Nizza Wo die Diplomaten und Weltbürger von morgen lernen

Frankreichs Präsident Macron will europäische Universitäten schaffen. Ein Institut in Nizza könnte dafür Modell stehen - obwohl oder gerade weil es viele Nichteuropäer anlockt. Was lernt man hier?

Rebecca Marshall

Von Annika Joeres


Alte Häuser, alte Fabriken, alte Leute: Für Hadeel war Europa ein abgelebter Kontinent, die Vergangenheit. Die Zukunft lag für die Palästinenserin in China, in südamerikanischen Megacitys, im Silicon Valley, bei Firmen wie Uber oder WhatsApp.

Und doch entschied sie sich Hals über Kopf, ins vergleichsweise kleinstädtische Nizza zu ziehen und dort ein Masterstudium zu beginnen - in Europastudien. Kaum angekommen, legte die Muslimin ihr Kopftuch ab, das sie 13 Jahre lang getragen hatte. "Es begann eine neue Ära für mich", sagt sie.

Hadeel studiert am Centre International de Formation Européenne (Cife), dem Europa-Institut. Das Besondere: Rund die Hälfte der Studierenden kommt nicht aus Europa - anders als an den europäischen Instituten, aus denen die Brüsseler Elite ihren Nachwuchs rekrutiert.

Wenn es nach dem Willen von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsidenten Emmanuel Macron geht, soll es künftig mehr dieser europäischen Institute geben. In seiner Sorbonne-Rede im Herbst forderte Macron, 20 neue europäische Universitäten zu schaffen, deren Studierende zweisprachig lernen und Semester im Ausland verbringen.

Seitdem warten die Hochschulen auf ein Zeichen, wer denn nun diese Adelung erhalten könnte - und wo eventuell eine neue Uni gegründet wird. Laut EU-Kommission wird erst in diesem Herbst eine Pilot-Hochschule benannt, die Modell stehen soll für weitere Studiengänge in ganz Europa.

Hadeel
Rebecca Marshall

Hadeel

Zwei Europa-Unis sind bislang besonders bekannt: das Europa-Kolleg in Brügge und das Europäische Hochschulinstitut in Florenz. Das eine bildet die Brüsseler Beamten aus, das andere vor allem Wissenschaftler. Die meisten Studierenden sind Europäer. Das 60 Jahre alte Cife in Nizza ist anders: Studierende und Dozenten reisen ein Jahr lang gemeinsam durch Europa und angrenzende Mittelmeerländer, ein fliegender Seminarraum.

Viele nichteuropäische Studierende schreiben sich ein. Sie lernen praktische Fähigkeiten, sogenannte Soft Skills: mit anderen Kulturen klarkommen, in diplomatischen Kreisen den richtigen Ton treffen, verstehen, wie unterschiedlich benachbarte Völker ticken können. Hadeel studiert ein Trimester ihrer "Euro-mediterranen Studien" auf der anderen Seite des Mittelmeers in der tunesischen Hauptstadt Tunis, ein Trimester in Nizza und eins in Rom, mit einem Workshop in Istanbul.

Daher begegnet die 31-Jährige vielen Menschen, die nicht per se überzeugte Europäer sind - so wenig wie Hadeel eine war. Wie viele Frauen in Südfrankreich trägt sie eine übergroße Sonnenbrille und ein sorgfältiges Make-up. Sie war Trainee bei Al Jazeera, einem der populärsten TV-Sender in Palästina. Sie googelte, welche Uni die Top-Adresse für Public Relations ist, und bewarb sich erfolgreich an der Syracuse University im US-Bundesstaat New York. Und schließlich bei der Weltbank, weil das die wichtigste internationale Organisation sei. "Ich habe immer versucht, bei den Besten zu arbeiten", sagt sie. Europa spielte bei all diesen Etappen kaum eine Rolle, nur in wenigen Sendungen bei Al Jazeera, nur selten bei den amerikanischen Vorlesungen und nur am Rande bei der Weltbank.

 Jasmin
Rebecca Marshall

Jasmin

Wer als Europäer mit Studierenden aus der Ferne spricht, ist überrascht, wie unwichtig Europa an den Unis der Welt ist. Jasmin dachte bei "Europa" an Paris mit dem Eiffelturm, aber ansonsten schien ihr die Welt von den USA geprägt.

Die Philippinerin kam im Alter von acht Jahren nach Kalifornien, sie spricht mit breitem amerikanischem Akzent. Ihr Vater arbeitet sieben Tage in der Woche als Koch in einem philippinischen Restaurant. Sie war hin- und hergerissen zwischen beiden Kulturen. Aber auch über den Rest der Welt, fand sie, erfahre sie bei ihren Eltern im Restaurant und im Politikstudium in San Francisco nur wenig. Zu wenig. Europa war für sie wie ein barockes Gemälde, ein fremder luxuriöser Touristenort.

Heute fasziniert sie der alte Kontinent. Jasmin mag die Idee, eine politische Einheit aufzubauen. "Ihr könntet mit euren vielen starken Staaten viel mehr machen." Daran möchte sie arbeiten, deshalb hat sie sich am Cife für Europäische Integration und globale Studien entschieden, einen Master mit Stationen in Berlin, Rom und Nizza.

In einem typischen Cife-Kurs mit 30 Studierenden sind mehr als 20 Nationalitäten vertreten. Das führt zu heftigen Diskussionen. Bei einer Veranstaltung zum Thema Frauenrechte hatte die Dozentin Pinar Selek alle Hände voll zu tun, die Gemüter zu beruhigen. Selek ist in der Türkei eine bekannte Autorin, Feministin und Oppositionelle, gegen die der türkische Staat einen Prozess führt, der allen rechtsstaatlichen Regeln widerspricht.

Im Seminar diskutierte sie über das Kopftuch und darüber, ob Frauen leicht bekleidet auf die Straße gehen sollten, ob Männer und Frauen gleichberechtigt geboren werden und ob eine Frauenquote gut sein könnte. Genau diese Konflikte seien es, die das Lehren am Institut so reizvoll machten, sagt Selek: "Hier können wir Studierende erreichen, die noch nicht von europäischen Werten wie der Gleichwertigkeit der Geschlechter überzeugt sind."

Eric
Rebecca Marshall

Eric

Der Belgier Eric ist wohl der Prototyp eines Studenten, wie es ihn häufiger mal an europäischen Fakultäten gibt: idealistisch, aus bürgerlichem Elternhaus, in Brügge und damit nicht weit vom europäischen Zentrum Brüssel geboren, in der Jugend aktiv bei den Pfadfindern, ein echter Fan Europas. Zum Treffen hat er belgisches Bier mitgebracht.

Das Berlin-Trimester hat dem 25-Jährigen mit dem jungenhaften Gesicht besonders gefallen. Dort wohnten die Studierenden alle im selben Haus, in einer Art Riesen-WG. Eric schwärmt von den Diskussionen über Kolonialismus mit den afrikanischen Kommilitonen, nachts um eins am Küchentisch. "Das war der Hammer." Es gebe nicht eine Wahrheit, sondern viele, und die europäischen Staaten müssten aufpassen, nicht als Besserwisser durch die Welt zu laufen. Er lerne hier, wie er später auf andere zugehen könne. Eric möchte, wenig überraschend, Diplomat werden.

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Ob diese großen Bögen zwischen Europa, der Türkei und den nordafrikanischen Staaten künftig im europäischen Hochschulprogramm eine größere Rolle spielen sollen, will die Brüsseler Kommission bisher nicht sagen. Ein Sprecher bleibt vage: "Internationale Studierende bringen frische Perspektiven an unsere Hochschulen."

Tobias Bütow, der von Nizza aus die Mittelmeer-Programme des Cife leitet, formuliert es konkreter: "Wenn wir Journalisten, Übersetzer, Diplomaten und NGOler ausbilden wollen, dann reicht der nationale oder rein europäische Hintergrund nicht aus." Deshalb sei es gut, den Studierenden einen "interkulturellen Schock" zu versetzen. "Bevor wir nach Tunis reisen, debattieren wir: Was heißt es, in einer jungen Demokratie wie Tunesien zu studieren? Wie leben tunesische Frauen?" Ebenso wichtig seien die vermeintlich simplen, lebenspraktischen Fragen: Kann ich abends ein Glas Wein trinken? Wie ziehe ich mich an? Oder auch: Kann ich einen israelischen Gesandten neben einen palästinensischen setzen?

Politikwissenschaftler Bütow hat außergewöhnliche Vorschläge: Er setzt sich für einen europaweiten Soli mit den Mittelmeerländern ein und möchte Austauschprogramme, wie es sie zwischen Deutschland und Frankreich gibt, auf Länder wie Marokko oder Tunesien ausweiten. "Das sind unsere Nachbarn, und wir brauchen einander mehr denn je. Aber wir kennen uns kaum."

Hechmi
Rebecca Marshall

Hechmi

Hechmi ist in der Altstadt von Tunis aufgewachsen, ein zurückhaltender Mensch, der als Kind über das Mittelmeer nach Europa blickte und sich dorthin, auf den reichen Kontinent, wünschte. "Es gibt riesige Missverständnisse", sagt er. In der arabischen Welt sei Europa noch immer der Imperialist. Und Europäer sähen in Tunesien vor allem Aufstände, Probleme, verschleierte Frauen.

Sein Vater war in der tunesischen Opposition und musste nach Frankreich fliehen, Hechmi blieb mit seiner Mutter in Tunis. Sie bauten eine Wohnung auf dem Dach des Hauses der Großeltern, an heißen Sommertagen schliefen sie auf der Terrasse. Nach dem Arabischen Frühling studierte Hechmi in Frankreich, sein Vater kehrte in die Heimat zurück.

Für Hechmi brachte der Wechsel viel Positives: In der tunesischen Uni habe er sich gelangweilt, die Noten seien nicht so gut gewesen. Dann habe er sich bei Aiesec engagiert, einer internationalen Studienorganisation, die vor allem Wirtschaftswissenschaftler für Führungsposten ausbildet. "Das war fantastisch." Da habe er sich geschworen, nicht in einem langweiligen Büro zu versauern, sondern dort zu arbeiten, wo es wimmelt von Menschen aus aller Welt.

Ob das in Europa sein wird? Frühere Cife-Absolventen haben unterschiedlichste Wege eingeschlagen: Einer wurde von Ban Ki Moon zum Jugendgesandten der Vereinten Nationen ernannt. Andere arbeiten bei NGOs, der Europäischen Kommission oder der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit. Die Palästinenserin Hadeel will nichts von alldem. Ihr Ziel sind Global Player wie Facebook, Google oder die Weltbank. Gern auch in Europa.



insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
PRAN1974 20.07.2018
1. Beitrag zur Völkerverständigung
In der Vergangenheit hat man vor allem die europäische Integration gefördert, Stichwort ERASMUS, und dadurch in der Generation Y überzeugte Europäer herangezogen. Es ist eine gute Idee, das jetzt über Europa hinaus auszuweiten. Die Diskussionen und der Kulturschock sind gut für die Studierenden und ich hätte diese Erfahrungen gern selbst gemacht. Viele gegenseitige Vorurteile können so abgebaut oder auf eine differenziertere Basis gestellt werden. Auch für die Menschen in Europa ist es gut, wenn sie zum Beispiel nicht nur amerikanische Touristen und arme, verfolgte Migranten kennenlernen, sondern die junge Elite dieser Länder zu uns zum Studieren kommt. Das ist ein toller Beitrag zur Völkerverständigung und sicher hat niemand etwas dagegen, wenn diese jungen Leute dann dauerhaft in Europa bleiben wollen. Ob die angebotenen Kurse beruflich zielführend sind, darf zwar hinterfragt werden, aber international ausgebildete Absolventen werden immer ihren Weg finden.
index77 20.07.2018
2. Wissenschaft
Solche Läden sollten immer aufpassen, dass sie die Zusammensetzung aus praktischer Ausbildung und Wissenschaft nicht in Richtung praktischer Ausbildung im Schwerpunkt verschieben. Die Wissenschaft muss immer der Schwerpunkt bleiben. Das hat auch nichts mit Elfenbeinturm zu tun sondern mit Rationalisierung emotionaler Themen. Wenn in einem Seminar diskutiert wird, dann immer aufgrund von Erhebungen, Auswertungen oder auf der Basis anderer wissenschaftlicher Texte. "Ich finde, dass..." ist immer der falsche Einstieg in einen Disput oder auch eine Diskussion in einem Hochschulkurs. Das Erste, was die Studenten lernen müssen, ist emotionale Distanz um zumindest die Illusion einer objektiven Beobachterperspektive einnehmen zu können. Gerade das Thema religiöse Vorschriften kann nicht aus sich selbst heraus besprochen werden. Er darüber sprechen möchte, warum sich eine Frau oder sonstwer so und so zu Kleiden und zu verhalten hat und warum Gott immer Recht hat und woher Propheten und Heilige so gut Bescheid wissen, muss an eine Religionsschule und ist an der Uni falsch. Dort wird besprochen, wie die Quellenlage zu den Vorschriften durch die Geschichte der Religion aussieht und was befragte Personen antworten, wenn man sie zu dem Thema befragt. Ansonsten wird das Studium bestimmter Fächer sehr schwierig.
querollo 20.07.2018
3. Es gibt jede Menge europäischer Unis
Was ist denn hier das Neue? Es gibt jede Menge europäische Unis - die keine europäischen Diplomaten ausbilden, sondern Menschen, die sich hinterher ganz normal in den Arbeitsalltag einsortieren. ich habe selbst an internationalen Unis unterrichtet und gewöhnlich saßen in meinen Kursen neben Studenten aus der EU vor allem solche aus den USA, Lateinamerika, Russland, Israel und Indien. Selten mehr als 3 aus demselben Land. Umgangssprache war gewöhnlich Englisch - auch in den Hochschulen, die nicht in einem englischsprachigen Land waren. Selbst an stinknormalen deutschen Universitäten studieren verhältnismäßig viele ausländische Studenten. Viele ganz einfach nur deswegen, weil in Deutschland, im Gegensatz zu ihren Heimatländern, keine Studiengebühren erhoben werden.
spmc-125501679143557 20.07.2018
4.
"Das sind unsere Nachbarn, und wir brauchen einander mehr denn je. Aber wir kennen uns kaum." - das ist für mich der Schlüsselsatz. Um der grasierenden Paranoia gegenüber allem Fremden entgegenzutreten, ist ein gegenseitiges Kennenlernen immer noch das effektivste Mittel. Schön, dass Institutionen gibt, die das gemeinsame Miteinander fördern!
Susi64 20.07.2018
5. Die Elite der Elite wird sich nur noch weiter von den Menschen entfern
Die Idee ist ja nicht so schlecht, aber sie wird nicht funktionieren, weil sie nur einem kleinen Teil offen steht, eben der Elite der Elite, die alle Vorteile der Globalisierung nutzen kann und nicht die geringste Vorstellung davon hat, dass Globalisierung eben nicht nur Gewinner sondern weltweit jede Menge Verlierer hat!
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