08.07.2013

Die Körper der Toten

Von Steinecke, Almut

Ist es moralisch vertretbar, wenn Studenten an Toten herumschneiden, obwohl sie den Körper längst am Computer erkunden könnten? Fünf Mediziner aus Dresden berichten, wie es ihnen im Präparierkurs geht und warum sie auf die Ausbildung nicht verzichten möchten.

➊ Maxi Nowak, 20 Jahre, 2. Semester: "In den ersten Wochen gingen mir am Präptisch richtig gruselige Gedanken durch den Kopf: Spürt die Leiche, was wir mit ihr tun?, habe ich gedacht. Was ist, wenn ihre Seele nicht tot ist? Vielleicht sieht sie dabei zu, wie wir sie aufschneiden? Anfangs hatte ich auch Alpträume, habe viel vom Tod geträumt und davon, dass Menschen, die mir wichtig sind, sterben. Mittlerweile habe ich mich aber daran gewöhnt, kann mich auf die Arbeit am menschlichen Körper konzentrieren, und die ist absolut faszinierend. Ich möchte das auch nicht lieber am Computer lernen, da ist alles zu einheitlich. Die Leichen hingegen sind alle unterschiedlich - genau wie unsere Patienten später auch alle unterschiedlich sein werden."

➋ Vanessa Schäplitz, 20 Jahre, 4. Semester: "Eine Freundin, die nicht Medizin studiert, hat mich mal gefragt, wie sich eigentlich ein Muskel anfühlt. Da habe ich gemerkt: Einen Präpkurs besuchen zu können, die einzelnen Organe mit seinen eigenen Händen berühren und erkunden zu können, ist ein Privileg. Ein Muskel fühlt sich wie ein Stück raues Sofapolster mit Rillen an, ein Nerv wie eine Wäscheleine. Ein Leichnam wird im Präpkurs mit Respekt behandelt, aber eben auch als Arbeits- und Lernobjekt gesehen. Allerdings fühlte ich mich mit dem Thema Tod ziemlich allein gelassen. Ich hätte mir gewünscht, dass es mal ein Treffen gegeben hätte, wo Studenten, Tutoren und Professoren offen gesagt hätten, was die toten Menschen in ihnen auslösen und wie sie damit klarkommen. Aber über den Tod wird an der Uni nicht gesprochen."

➌ Sabrina Wennig, 25 Jahre, 4. Semester: "Ich fühlte mich nicht gut auf die Präpkurse vorbereitet. Niemand hat uns erzählt, welche Gefühle und Gedanken man dabei hat. Auch mit der Präparieranleitung, diesem dünnen Heft, konnte ich nichts anfangen. Wie tief ich wo schneiden darf, ging für mich nicht daraus hervor. Ich war erst unsicher, meine Hand zitterte, so dass ich kaum das Skalpell führen konnte. Die Haut des Leichnams muss man vor dem Schneiden mit einer Pinzette vom Körper wegspannen. Weil ich die Pinzette so verkrampft zwischen Daumen und Zeigefinger gehalten hatte, waren meine Finger danach taub.

➍ Tabea Czempiel, 19 Jahre, 2. Semester: "Als ich zum ersten Mal in das Fleisch eines Toten geschnitten und angefangen habe, die Haut vom Fleisch abzulösen, wurde mir übel. Ich habe mir vorgestellt, ich würde ein Stück Hähnchen bearbeiten. Danach ging es besser. Die Frau, die ich gerade präpariere, ist schlank, auf den anderen Tischen liegen auch dickere Leichen; da hineinzuschneiden würde mich mehr Überwindung kosten. Mittlerweile kann ich mich während des Präparierens mit meinen Kommilitonen darüber unterhalten, ob es wohl Schnitzel in der Mensa gibt. Das hätte ich vorher nie für möglich gehalten. Nur an den säuerlichen Formalin-Geruch werde ich mich nie gewöhnen, der verfolgt mich. Manchmal glaube ich, ihn plötzlich zu riechen, auch wenn ich die Uni schon verlassen haben."

➎ Benedikt Asey, 26 Jahre, 4. Semester: "In meinem ersten Präpkurs sah ich einen toten Mann, der hatte ein Herz, so groß wie ein Football. Das war krankhaft verändert. Die Körper der Toten erzählen von ihrem Leben: Man kann fühlen und sehen, wenn einer hart gearbeitet hat. Ich finde, Präpkurse muss es weiterhin geben, es ist unersetzlich, die Organe mit den eigenen Fingern zu berühren, den Körper sprichwörtlich zu begreifen. Im Präpkurs lernt man, einen inneren, respektvollen Abstand zu dem Toten zu wahren. Darauf kann man später als Arzt zurückgreifen, um einen Patienten mit gesunder Distanz zu behandeln. Diesen Lerneffekt kann kein Computer vermitteln."


UniSPIEGEL 4/2013
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