Humanoide Helfer
Forscher machen Roboter aufmerksamer, alltagstauglicher und menschlicher. Es ist wohl nur noch ein Frage von wenigen Jahrzehnten, bis Androiden in Krankenhäusern, Seniorenheimen oder Privathaushalten arbeiten. Wollen wir das eigentlich?
Manchmal, sagt Karinne Ramirez, sei ihr der Roboter unheimlich. Wie das eine Mal, als er sich ohne Kommando umdrehte, ihr in die Augen schaute und lächelte. Warum er das tat? Das weiß die Forscherin bis heute nicht.
Der Roboter, mit dem Ramirez an der Technischen Universität München arbeitet, ist eine Art Kind aus Blech und Drähten. Er heißt iCub, ist einen Meter groß und hat zwei comicrunde Augen. Als iCub von seinen italienischen Erbauern nach München geliefert wurde, konnte er schon krabbeln und greifen. Jetzt sorgt Forscherin Ramirez dafür, dass es dabei nicht bleibt. Dank der 31-Jährigen kann er nun auch etwas, das sie "die Mama tracken" nennt. Sieht iCub ein Gesicht, freut er sich: Der rote leuchtende Strich unter seiner Stupsnase rundet sich dann zu einem lachenden Mund wie bei einem Baby, das mit seiner Mutter "Kuckuck!" spielt.
Was sich putzig, aber nutzlos anhört, dient einem höheren Zweck: iCub soll so programmiert werden, dass er merkt, wenn eine Person im Raum ist. Er soll sie mit den Augen verfolgen und irgendwann auch antizipieren können, was die Person vorhat. Ramirez und die anderen Robotiker wollen, dass Roboter zu nützlichen kleinen Helfern heranwachsen, die beispielsweise Schuhe binden, Gläser spülen, Essen kochen oder den Müll rausbringen können.
Das alles ist noch Zukunftsmusik, aber in deutschen Unternehmen und Universitäten wird mit großem Aufwand daran gearbeitet, Roboter aufmerksamer, alltagstauglicher und letztlich menschlicher zu machen. Es ist wohl nur noch eine Frage von wenigen Jahrzehnten, bis Androiden in Privathaushalten, Krankenhäusern oder anderen sozialen Einrichtungen arbeiten. Schon jetzt gibt es Modelle, die in Altenheimen eingesetzt werden und etwa erkennen können, wenn ein Senior gestürzt ist und am Boden liegt. Humanoide Helfer werden sich zu einem Milliardengeschäft entwickeln und das Alltagsleben der Menschen stark verändern, waren sich viele der Experten einig, die im Mai bei der weltweit größten Fachkonferenz für Robotik und Automation in Karlsruhe zusammengekommen waren.
Einer der Roboter, auf die die Wirtschaft besonders hofft, ist das Modell PR2. Es wird in den USA hergestellt, weltweit an Institute geliefert und kostet bis zu 300000 Euro. Ein Exemplar wohnt in Bremen, heißt James und kann Pfannkuchen backen. Er kippt dafür eine Fertigmischung in die Pfanne, weil "er noch keine Eier aufschlagen kann", wie Moritz Tenorth erzählt.
Der Post-Doc und seine Kollegen an der Universität Bremen wollen James zu einem Helfer für den Haushalt ausbilden. Irgendwann soll er Menschen beistehen, die allein nicht mehr zurechtkommen. James kann nicht nur Pfannkuchen zubereiten, sondern auch Brot toasten, es mit Butter beschmieren und Käse drauflegen.
Das Raffinierte an James: Er saugt sich sein Wissen aus dem Internet. Er liest Rezepte, schaut Videos und wappnet sich so für ein Leben am Herd. "Unser Ziel ist es, dass er eines Tages von YouTube und dem Kochportal 'Chefkoch' lernen kann", sagt Tenorth. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Denn jede Alltagshandlung ist für einen Roboter kompliziert: Damit er zum Beispiel Pfannkuchen machen kann, muss er lernen, den Herd anzuschalten, den Teig im richtigen Winkel auszugießen und den Kuchen im richtigen Moment zu wenden.
Doch James und die anderen PR2 haben einen großen Vorteil: Sie sind vernetzt. Was ein Modell in Frankreich lernt, kann man auch für seinen Doppelgänger in Deutschland herunterladen. Wächst da auf diesem Wege langsam, aber sicher ein Alleskönner heran? Einer, der menschliche Pfle-ger und Haushaltshilfen überflüssig macht?
Ein amerikanischer Künstler fand ein eindrucksvolles Bild für die Angst vor der Mechanisierung der Menschlichkeit: Er schuf den Lebensende-Roboter, der Sterbenden in ihren letzten Stunden die Hand hält, wenn es sonst keiner mehr machen will. Wer würde eine solche Welt wollen?
"Roboter werden Zuneigung nicht ersetzen können", sagt Forscher Tenorth. Für ihn und die Münchner Robotik-Fachfrau Ramirez sind Roboter Werkzeuge, keine Gefährten, wie sie beide betonen.
Einfach jemand, der beispielsweise die Wäsche zusammenlegt, und zwar dann, wenn er es soll. Ein PR2 in den Vereinigten Staaten schafft es schon jetzt. Er braucht allerdings 25 Minuten für ein Handtuch.
UniSPIEGEL 4/2013
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