08.07.2013

Vom Kai in den Club

Was passiert in Deutschlands Uni-Städten, wenn es dunkel wird? UniSPIEGEL-Autor André Boße trinkt Bier am Hafen, vermisst den westfälischen Kreis und bekommt eine Einladung zum Grillen. Eines Nachts in: Münster.

19.00 Uhr Manchmal ist Münster wie London. Zum Beispiel, wenn nach einigen Regenstunden am frühen Freitagabend endlich der Himmel aufreißt und die Sonne scheint. Dann spielen Londoner und Münsteraner auch bei 15 Grad Hochsommer: Alle zieht es nach draußen, ohne Jacken, mit Sonnenbrillen. Aus den alten Mietshäusern im Hansaviertel, gleich hinter dem Hauptbahnhof, strömen die Menschen ins Freie. Ein stiller Individualist nimmt ein Buch mit. Eine größere Gruppe zieht selbstbewusst durch die Straßen, die Jungs tragen Bier und Tätowierungen, die Mädchen schrille Nagellackfarben. Das Ziel der Völkerwanderung: der Stadthafen.

Ich erinnere mich an meine ersten Semester in dieser Stadt. Damals herrschten hier am Hafen noch die Ratten. Dann merkten die Münsteraner, wie herrlich es am Wasser ist, vor allem, wenn die Sonne scheint. Entlang des ehemaligen Hafenbeckens gibt es einige nette, aber auch recht teure Bars und Restaurants. Der Individualist hat sich am Kiosk ein Bier geholt und setzt sich mit seinem Buch an den Kai. Ich setze mich neben ihn und betrachte die laute Gruppe, die am gegenüberliegenden Ufer vor einer Fabrikbaracke kampiert. Alle an einem Ort. Alle zufrieden.

20.00 Uhr Münster ist eine Uni-Stadt mit großer Tradition. Es gibt Dutzende Läden, die sich als Studentenkneipen verstehen. Doch viele von ihnen haben nicht begriffen, dass die Studenten von heute anders ticken als die vor 20 oder 30 Jahren. Auflaufgerichte sind nicht mehr cool, das Klo-Poster von Frank Zappa regt keinen mehr auf, Melissa Etheridge gehört in die Tonne - das "Siedler von Catan"-Erweiterungsset gleich mit.

Die "Blechtrommel" am Hansaring war eine solche Kneipe zum Vergessen. Dann übernahm die junge Generation den Laden. Sie nannte ihn "Bohème Boulette", ließ die robuste alte Einrichtung stehen, macht aber sonst alles richtig: phantastische Burger zu guten Preisen, exzellente und laute Musik, schnelle Bedienung. Das Treiben ist bunt wie eine Mischung aus Wiener Kaffeehaus, britischem Pub und Berliner Wohnzimmerkneipe. Hier könnte ich lange bleiben. Aber es geht weiter.

21.30 Uhr Ein DJ legt elektronische Musik auf, urbanes Zeug, passend für einen Laden, der den Begriff Kneipe anders definiert. Im "Spec Ops" kann man auch Bücher kaufen und sich Kunst anschauen. Und: Ich treffe hier sehr interessante Menschen. Am Nebentisch flicht ein junger Mann seiner Freundin ("rein platonisch", behaupten beide) neue Rastalocken. Dabei reden die beiden über Beziehungen. Sie sagt: "Ich glaube, Phil will was von mir. Und zwar was Monogames." Er sagt: "Ich gönne dir das. Du bist ja auch eher ein monogamer Typ." Sie fragt: "Warum denkst du das?" Er schweigt kurz. Dann sagt er: "Ich mache dir total gerne neue Rastas. Das bringt mich dir nah." Sie grinst.

Im Nebenraum gibt es ein Problem: Es wird mit großem Einsatz Tischtennis gespielt. Rundlauf. Jungs haben Schweißperlen auf der Stirn, bei den Mädchen zeichnet sich der Achselschweiß auf den engen T-Shirts ab. Man sollte so was freitags lieber nicht machen. Es sieht nicht gut aus. Und die Nacht ist noch jung.

23.00 Uhr Mehr als 40000 junge Menschen studieren in Münster. Da müsste es eigentlich zig gute Tanzclubs geben. Aber irgendwie tun sich die Münsteraner schwer damit. Vielleicht, weil die Westfalen lieber trinken, statt zu tanzen. Ein Lichtblick in der Stadt ist die "Eule", gelegen mitten in der City zwischen dem riesigen Kreisverkehr und dem Picasso-Museum. Schon in den Achtzigern gab es hier einen Laden mit dem Namen "Lila Eule". Als er dichtmachte, versuchten sich unter anderem die H-BlockX als Clubbesitzer, was nicht so richtig funktionierte. Anfang 2012 machte dann die "Eule" mit dem neuen Besitzer Eavo wieder auf - und der versteht etwas vom Clubbing. Der Renner sind seine "Fieber-Tanzpartys", laute und feurige Nächte mit Indierock und Elektronik. Erstaunlich für Münster ist die hohe Tanzquote: Nichts zu sehen vom "westfälischen Kreis" aus trinkenden Beobachtern, der sich in anderen Läden um die Tanzfläche zieht. Hier tanzen alle mit, was auch an Eavos Talent liegt, als DJ selbst Gitarrenstücke Beat auf Beat zu mischen. Das passt zu Münster: Cool ist, wer sein Handwerk versteht.

1.30 Uhr Ich treffe die Tattoo-und-Nagellack-Gruppe vom frühen Abend wieder. Das "Gleis 22" an der Hafenstraße ist ihre Heimat. In der Woche gibt es hier Konzerte von wirklich guten Bands, die im Gleis für weniger Geld spielen als in Köln oder Hamburg - und besser klingen, weil der Club Mischer verpflichtet, die noch gut hören können. Freitags finden auch im Gleis Partys statt, heute wird alles gespielt, was laut und authentisch ist: Emo- und Hardcore, Punk- und Noiserock. Wie üblich laufen auch Platten von Bands aus Münster: Muff Potter und Messer, Düsenjäger und Dramamine. Hochklassiges Zeug. Nachdenklich, aber voller Energie. Westfälisch halt.

3.30 Uhr Ich will gar nicht wissen, wie lange die Schnäpse schon im Regal dieser Spelunke zwischen "Gleis 22" und Hauptbahnhof stehen. Oder wie es den Menschen, die hier einfach immer weitertrinken, am nächsten Morgen gehen wird. Einer heißt Peter, ist Anfang vierzig und lädt wahllos alle zum Grillen am nächsten Tag ein. Auch mich. Es soll wieder kühler werden. Und regnen. Aber das ist ihm egal. Wie den Leuten um halb vier in "Butts Bierstube" sowieso alles egal ist. Hier ist die Welt nicht kompliziert, sondern schwarz und weiß. Auch ein Grund, warum so viele Studenten hier die Nacht beenden. Peter, der alle zum Grillen einlädt, ist der Mann, mit dem ich kurz vor der Dämmerung noch einmal alle Münster-Klischees durchgehe. Münster und die katholische Kirche? "Gesoffen und rumgehurt wird auch hier." Münster und die Fahrräder? "Wenn die fahren, ist es doch gut. Mist ist nur, dass die Scheißdinger überall herumstehen." Münster und sein "Tatort"? "Schaue ich mir nicht an, wird in Köln gedreht." Dann eiert Peter auf die Straße, ohne uns seine Adresse zu verraten. Das Grillen fällt wohl aus. Mein Sonntagsprogramm stattdessen: Kirche, Radtour, "Tatort". Immer wieder Münster. Jetzt erst recht.


UniSPIEGEL 4/2013
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UniSPIEGEL 4/2013
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