08.07.2013

ELEKTRO / MATIAS AGUAYO

Bass und Geklöppel

Weil er von Europas Club-Nächten genervt war, ging Matias Aguayo auf eine lange Reise. Jetzt hat er ein Album mit Helfern aus Argentinien, Kolumbien und der Uckermark produziert.

Die Macher elektronischer Tanzmusik geben sich gern weltoffen. Sie liefern schließlich den Soundtrack für Großstadtleben und Club-Nächte, bei denen Menschen aus vielen Kulturkreisen zusammenkommen. Der Kölner Musiker Matias Aguayo, 40, lebt diese Weltoffenheit auch während der Produktionsarbeit aus. Bei seinem neuen Album "The Visitor" halfen ihm zwei Dutzend Gastmusiker, Produzenten und Sänger aus aller Welt: aus Buenos Aires, Mexico City, Rionegro in Kolumbien, Berlin und der Uckermark.

Aguayo ist in Köln aufgewachsen, seine Familie stammt allerdings aus Chile. Wenige Tage nach dem rechten Putsch gegen die Regierung von Salvador Allende zog sie 1975 nach Deutschland.

Wenn man die ersten Aufnahmen hört, mit denen sich Aguayo in den Neunzigern und zu Anfang dieses Jahrtausends einen Namen in der Kölner Szene machte, deutet noch wenig auf den elektronischen Weltmusiker von heute hin: Zusammen mit seinem damaligen Partner Dirk Leyers bildete er das Duo "Closer Musik", das verträumte House-Stücke veröffentlichte. Aguayos Debüt-Soloalbum "Are You Really Lost" von 2005 ist dann ein Meisterwerk des verschwitzt-lasziven Funk.

Zum Teil war es Überdruss an den Ritualen der europäischen Club-Kultur, zum Teil schlichte Neugier, die Aguayo nach der Veröffentlichung seiner ersten Soloplatte eine lange Reise machen ließ. Mit einer Gruppe von Musikern aus der Region begann er durch Südamerika zu tingeln, um in Großstädten Spontankonzerte zu veranstalten. Danach gründete er das Plattenlabel "Còmeme", um die Musik seiner neuen Freunde aus Lateinamerika zu veröffentlichen. Und er reduzierte seine eigene Musik auf das Wesentliche. Das Album "Ay Ay Ay" von 2009 basierte ausschließlich auf seiner Stimme.

Auch auf "The Visitor" spielt die Stimme eine zentrale Rolle. Als wollte er die Vielstimmigkeit der neuen Tanzmusikwelt abbilden, geht es wild durcheinander, es wird gesungen, gestammelt und gerufen. Die Stücke sind perkussiv und von wenigen Melodien getragen, zum Einsatz kommen zum Beispiel alte Synthesizer und Drummachines.

Bei allem Durcheinander ist es trotzdem eine Platte wie aus einem Guss. Sie klingt, als würde sich eine Gruppe partyfreudiger Spaßvögel durch eine südamerikanische Sperrmüllhalde klöppeln. Nur mit mehr Bass. TOBIAS RAPP


UniSPIEGEL 4/2013
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