ROMAN / BRIEF IN DIE AUBERGINENREPUBLIK
Schriftsteller Abbas Khider schickt einen Liebesbrief auf eine lange Reise - und erklärt dadurch eindrucksvoll, wie es zum Arabischen Frühling kommen konnte.
Die arabische Revolution gegen die Despoten liegt 1999 noch in ferner Zukunft. Im Irak herrscht Saddam Hussein, in Libyen Muammar al-Gaddafi, in Ägypten Husni Mubarak. Salim, ein ehemaliger Student aus Bagdad, schlägt sich zu dieser Zeit im libyschen Exil als Bauarbeiter in Bengasi durch. Er war wegen des Besitzes verbotener Bücher verhaftet worden und konnte mit Hilfe seines Onkels aus dem Irak fliehen. Seither hat er jede Verbindung zu seiner Familie und der geliebten Freundin Samia in den Irak verloren. Eine Kontaktaufnahme würde seine Angehörigen und Freunde in Bagdad in Gefahr bringen.
Als Salim von der Möglichkeit erfährt, einen Brief auf illegalem Weg mit Hilfe eines geheimen Netzwerks aus Taxifahrern, Lkw-Fahrern und anderen Boten zu versenden, schreibt er Samia einen Liebesbrief. Das Schriftstück tritt die Reise von Libyen über Ägypten, Jordanien und Syrien in den Irak an und wandert so von Station zu Station.
In sieben Kapiteln seines Buches "Brief in die Auberginenrepublik" lässt der Schriftsteller Abbas Khider, der im Irak geboren wurde, jeweils die einzelnen Boten berichten, wie ihr Leben in der Heimat aussieht und welche Probleme es ihnen bereitet. Der Wechsel der Blickwinkel setzt sich zu einem vielstimmigen Tableau der arabischen Welt zusammen.
Der in Berlin lebende Khider, der als 19-Jähriger selbst in Bagdad verhaftet und gefoltert wurde, verbindet die arabische Erzähltradition mit der europäischen auf leichtfüßige Weise und würzt sie mit Lakonie und leiser Ironie. Menschen unterschiedlicher Herkunft und gesellschaftlicher Stellung kommen bei ihm zu Wort. Ihre Geschichten bieten einen faszinierenden Einblick in die Realität der von Kriegen, Korruption und Despoten gezeichneten Länder Arabiens. Darüber hinaus gelingt Khider durch den Rückblick auf die Zeit vor den Umwälzungen des sogenannten Arabischen Frühlings, in der man noch auf die Versendung von Briefen angewiesen war und es kein Facebook oder Twitter gab, ein intelligenter Kunstgriff. Er zeichnet nicht nur ein eindrückliches Bild der politischen und sozialen Zustände der Nahost-Region jener Zeit. Er hilft auch zu verstehen, wie es überhaupt zum Arabischen Frühling kommen konnte.
GABRIELA SEIDEL-HOLLAENDER
Abbas Khider: "Brief in die Auberginenrepublik". Edition Nautilus; 160 Seiten; 18 Euro.
UniSPIEGEL 4/2013
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