08.12.2014

Vom Irak ins Idyll

Hunderte Studenten wollen helfen, dass sich Flüchtlinge wohl fühlen im fremden Deutschland. An der Eichstätter Uni gibt es dafür sogar Creditpoints.
Sie hat acht Kinder und noch nie eine Schule besucht. Nun steht Hadiya Jausal Shamo vor einer Tafel und soll das Alphabet aufsagen. Die 47-jährige Irakerin zögert, dann nennt sie Buchstaben für Buchstaben - langsam, aber fehlerfrei. "Sehr gut", sagt die Studentin Clara Ramos da Silva Stiefel, die Shamo vor wenigen Tagen das Abc beibrachte. "Jetzt schreib noch bitte deinen Namen an die Tafel." Shamo nimmt das Stück Kreide. Sie schreibt: "Hallo. Ich Bin Hadiya."
Deutschstunde an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Im Raum stehen dunkelgrüne Sessel und Couchtische, die Tafel wurde einfach gegen die Wand gelehnt. Nicht ideal, aber immerhin genug Platz, um die Flüchtlinge zu unterrichten, die in Eichstätt angekommen sind, einer bayerischen Kleinstadt, die aussieht wie die Kulisse für einen Heimatfilm.
Es gibt barocke Häuserfassaden, kleine Kopfsteinpflastergassen, den Gasthof Krone und das Hotel Adler. Die Stadt hat eine Arbeitslosenquote von 1,2 Prozent und ist eingerahmt von Hügeln.
Auf einem liegt die Willibaldsburg. Ein bayerisches Idyll im Altmühltal, in das seit zwei Jahren immer mehr Flüchtlinge aus Afghanistan, Irak, Mali, Eritrea und Syrien ziehen.
Mittlerweile sind es knapp 300, untergebracht in 32 Unterkünften. Es sind keine großen Flüchtlingsheime, sondern Wohnungen in Ortschaften wie Adelschlag, Buxheim, Dollnstein und Waiting-Pfünz. Hier leben die Männer, Frauen und Kinder nach Wochen und Monaten der Flucht, kennen nicht die Kultur, nicht die Sprache, keine Semmeln, keine Brezn - keinen Menschen. Das wollten die Studenten ändern, deshalb fragten sie Helfer von der Caritas, die die Flüchtlingshilfe koordinieren: Was können wir tun? Die Antwort: Gebt Deutschunterricht, das macht sonst keiner.
Was die Eichstätter Hochschüler leisten, ist nur ein Beispiel von vielen. Überall in der Republik wollen zahlreiche neue studentische Initiativen schaffen, woran der Staat oft scheitert: Flüchtlingen ein Umfeld schaffen, das sie aufnimmt - und nicht ausgrenzt.
So gibt es zum Beispiel die Arbeitsgruppe "Migramed", die in München und Regensburg Ausländer im Alltag unterstützt und sie zu Ärzten begleitet - und die "Refugee Law Clinics", die in Berlin, Köln, Leipzig und anderen Städten unter anderem beim Verfassen von Asylanträgen helfen.
Der AStA der Universität Lübeck und das Lübecker Flüchtlingsforum vermitteln WGs, die Neuankömmlinge aus den Kriegsgebieten aufnehmen, und in Freiburg engagieren sich Studenten bei der Initiative "Zeit für Kinder". Sie übernehmen eine Patenschaft für ein Flüchtlingskind, treffen es mehrmals im Monat, gehen Eis essen, ins Kino oder ins Schwimmbad. Sie wollen den Mädchen und Jungen einen Ausbruch aus dem Alltag bieten und ihnen helfen, anzukommen in diesem fremden Land, in dem es auch viele Vorurteile gibt.
Im bayerischen Eichstätt wurde aus der Idee, Deutschunterricht zu geben, sogar ein Uni-Modul. Wer hilft, bekommt 10 Creditpoints. Mittlerweile sind 40 Studenten ehrenamtlich aktiv bei der Initiative, unter anderem Clara Ramos da Silva Stiefel, die sich heute auch um den Afghanen Abbas Khawri kümmert. Der 27-Jährige soll konjugieren lernen: Ich heiße, du heißt, er heißt. "Und wir?", fragt Clara. "Wir heißen", sagt er. Dann schweigt er wieder und beugt sich über den Tisch. Vier Arbeitsblätter arbeitet er an diesem Nachmittag durch, übersetzt Wörter vom Deutschen in Farsi, seine Muttersprache, füllt Lückentexte aus. Es ist seine vierte Deutschstunde, und er kann schon erklären, wo er wohnt, berichten, dass ein anderer Flüchtling im Krankenhaus ist, und sagen, wie schwer es ist, Deutsch zu lernen.
Shamo und Khawri sind an diesem Nachmittag die beiden einzigen Flüchtlinge, die zur Deutschstunde gekommen sind. Vergangene Woche nahmen drei Flüchtlinge am Unterricht teil, davor waren es 15. Das Angebot ist freiwillig; solange der Asylprozess läuft, bekommen Flüchtlinge keine Kurse vom Staat finanziert und werden auch nicht verpflichtet, Deutsch zu lernen. "Viele der Menschen sehen es nicht als einen festen Termin an, sondern als ein Angebot, das sie nutzen, wenn sie wollen", sagt Clara.
Sie selbst weiß, wie es ist, in einem anderen Land zu leben. Wie es sich anfühlt, die Sprache nicht zu verstehen oder die Bräuche nicht zu kennen. Die Deutsch-Brasilianerin ist 24 Jahre alt, und lebte schon in Brasilien, Spanien und Kolumbien. Als ihr Vater in diesem Frühjahr beruflich in der jordanischen Hauptstadt Amman war, sah er Tausende syrischer Flüchtlinge, die aus Angst geflohen waren und jetzt in der Wüste leben müssen - oft ohne Perspektive auf ein besseres Leben. Clara telefonierte oft während der Reise mit ihrem Vater und entschied, dabei zu helfen, dass zumindest die Flüchtlinge in Deutschland eine Chance bekommen. Ihnen soll ein Neustart gelingen.
Von Christopher Piltz

UniSPIEGEL 6/2014
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