08.12.2014

Die Neo-Spießer

Einige gehen auf die Jagd, andere lernen das Golfspiel oder richten sich ein wie die Großeltern. Was lange als fürchterlich bürgerlich galt, erfreut sich bei Studenten wachsender Beliebtheit. Warum eigentlich?
Durch den Wald hallt ein greller Schrei. Er geht durch Mark und Bein. War das ein Mensch? Student Tobias Edel klettert auf einen Hochsitz nahe Lüdenscheid, von dem er einen guten Ausblick auf den Waldrand hat, ein Maisfeld und eine Wiese. Er schaut durch das Zielfernrohr seines Gewehrs - dann weiß er, was es mit dem Schrei auf sich hatte. "Ein schreckendes Reh", sagt der 20-Jährige in Jägersprache. "Dort im hohen Gras liegen bestimmt noch mehr." Tatsächlich traut sich bei einbrechender Dämmerung eines der nervösen Tiere aus der Deckung, um auf der Wiese zu grasen. "Keine Angst, ich schieße nicht", flüstert Edel, der anstelle eines grünen Jankers mit Filzhut einfach eine braune Lederjacke trägt.
Wer den Studenten des Wirtschaftsingenieurwesens begleitet, nimmt Dinge wahr, die vorher nicht da gewesen zu sein scheinen. "Dort drüben, wo das Gras aufgewühlt ist - das waren Wildschweine", erklärt er, während ein Specht gegen einen Baumstamm hämmert. "Da hinten, da ist ein Dachsbau, und am Ende des Maisfelds stehen noch mehr Rehe", sagt Edel. Der Jungjäger zeigt auf ein paar schwarze Punkte in der Ferne, die sich kaum von der zunehmenden Dunkelheit abheben. Hat er keine Probleme damit abzudrücken? "Die meiste Zeit beobachte ich nur, doch wenn es nötig ist, schieße ich auch. Die Hege, also die Pflege des Wildbestands, nimmt aber den viel größeren Teil ein", antwortet Edel.
Weil er so begeistert ist von seinem Hobby, hat sich der Student aus Darmstadt hinterm Haus seiner Eltern in Lüdenscheid sogar eine eigene Jagdhütte eingerichtet - mit Geweihen an den Holzwänden und Schädeln, die er selbst abkochte. Außerdem ist er Mitglied in zwei Jagdhornbläservereinen und pflegt die Facebook-Gruppe "Studenten auf Jagd", in der sich Hochschüler aus ganz Deutschland austauschen über das, was sie so erleben in Wald und Flur.
Edel mag besonders leidenschaftlich und begeistert sein, aber er ist mit seiner Freude an der Jagd und ihren alten Traditionen längst kein Außenseiter mehr an den deutschen Unis. Die Jägerschaft in Deutschland werde immer jünger, weiblicher und moderner, teilt der Deutsche Jagdverband mit. Und sie wachse stetig: Gegenüber 2004 ist die Zahl der Jäger um rund 23000 gestiegen.
Noch vor wenigen Jahren hätte man bei den meisten Kommilitonen für Stirnrunzeln gesorgt mit Geschichten vom fröhlichen Halali. Heute feiert vieles, das lange als fürchterlich bürgerlich galt, ein Revival. Das gilt nicht nur für die Jagd, sondern auch für Benimmkurse, Weinabende und seit einiger Zeit auch für den Möbelgeschmack.
Ist es ein Zufall, dass viele Uni-Kneipen, Bars und Studentenklubs aussehen, als hätten die Inhaber Großmutters Wohnzimmer ausgeräumt, samt Ohrensessel, Kronleuchter und goldgerahmten Alpenpanorama an der Wand? Wieso wünschen sich immer mehr Menschen einen Schrebergarten und lieben es, regelmäßig wandern zu gehen? Wie kann es sein, dass auch die Mode immer mehr so wirkt wie aus dem letzten Jahrhundert - man denke nur an Knickerbocker, Hosenträger und Fliegen? Wo kommt das Neo-Spießige bloß her, das sich jetzt überall beobachten lässt?
Soziologen halten den Trend, der sich in unterschiedlichen Formen und Ausprägungen zeigt, für eine Art Gegenbewegung, eine Reaktion auf eine Welt, die immer schneller, lauter und gefühlt auch immer unsicherer wird. Menschen zwischen 20 und 30 seien in einer Zeit aufgewachsen, in der vieles irgendwie an den Abgrund geriet: die Stabilität der Währung, die Weltwirtschaft, das Klima. Nun sehne man sich nach etwas mehr Beständigkeit und Ruhe - und finde sie auch beim Rückgriff auf die Vergangenheit.
Weil Forscher (und auch Journalisten) es lieben, junge Menschen in ein Generationskorsett zu zwängen, entschieden sich die Wissenschaftler des Kölner Rheingold-Instituts daher sogar für den Namen "Generation Biedermeier". Eine Anspielung auf die Zeit zu Beginn des 19. Jahrhunderts, die heute als Inbegriff des Bürgerlichen gilt. Damals, so behaupten Historiker, hätten sich die Menschen besonders gern in ihrem eigenen Wohnzimmer und bei der Familie aufgehalten: Es sei die Zeit der Kaffeekränzchen, Stammtische und hausbackenen Hobbys wie Handarbeit und Spaziergänge gewesen.
"Es gibt nichts Schöneres, als die Natur intensiv zu erleben", sagt Student Edel. Seinen Jagdschein hat er als 18-Jähriger in in den Sommerferien gemacht, während eines dreiwöchigen Kurses in Mecklenburg-Vorpommern, der 1100 Euro kostete. "Da musste ich viel lernen, auch viel Theorie - nicht umsonst heißt die Jagdprüfung 'Grünes Abitur'." Bevor er sich irgendwann ein eigenes Revier pachten kann, hilft er jetzt erst einmal älteren Jägern bei der Hege - und darf zur Belohung ab und zu mal ein Tier schießen. Den Vorwurf, die Jagd sei konservativ oder elitär, könne er überhaupt nicht nachvollziehen, sagt Edel - und viele seiner Kommilitonen auch nicht.
Wie sehr sich die studentischen Leidenschaften geändert haben in den vergangenen Jahren, hat auch Stefan Grob festgestellt. Dem Sprecher des deutschen Studentenwerks ist zum Beispiel aufgefallen, dass an den Universitäten derzeit all jene Abendkurse großen Zuspruch finden, die sich mit Tischsitten oder Weindegustation beschäftigen. "Da gibt es einen regelrechten Run", sagt er.
Beispiel Bad Honnef: Dort gönnt sich die 22-jährige Marleen Lucks an einem Abend im November gerade einen guten Weißen zum Entrée. Allerdings sitzt die Studentin des Luftverkehrsmanagements nicht in einem schicken Sterne-Etablissement, sondern im hauseigenen Restaurant der Internationalen Hochschule. Studenten in strahlend weißen Kochjacken servieren ihren Kommilitonen im Rahmen einer sogenannten Fine-Dining-Veranstaltung ein Fünf-Gänge-Menü.
Lucks und die 74 anderen Studenten, die hier zusammen speisen, haben sich schick gemacht: Sie tragen Hemden, Blusen, Halstücher, Perlen und Goldschmuck. Ein Pianospieler sorgt für dezente Hintergrundmusik. Der Weinklub der Hochschule, die "Grape Society", hat die passenden Weine zum Menü ausgewählt, das heute unter dem Motto "Indien" steht. Silvaner, Blanc de Blancs und Grauer Burgunder begleiten Tandoori Chicken, Fischsuppe und Butter-Curry-Lamm. Zum Dessert gibt es leckeres Chai-Tee-Parfait.
Die feste Abfolge der Gänge, die dazu servierten Weine, das edle Ambiente - all das kommt gut an bei den Studenten. Seit sie regelmäßig am Fine-Dining-Abend teilnimmt und Mitglied in der "Grape Society" ist, veranstaltet Marleen Lucks sogar selbst Weinabende in ihrer WG. "Jeder Gast bringt eine Flasche mit", erklärt sie und zählt dann ihre Lieblingssorten auf, darunter Spätburgunder, weil er "vollmundig, aber nicht so schwer" sei. Lucks glaubt, dass das Wissen über Wein ihr auch beruflich einmal helfen wird: "Es ist doch gut, wenn ich mich bei einem Geschäftsessen ein wenig über Rebsorten austauschen kann."
Das klingt pragmatisch, und dazu passt es auch, dass selbst Beschäftigungen wie das Golfen, das lange als elitär galt, immer beliebter werden bei Deutschlands Nachwuchsakademikern. Zum Beispiel in Köln, wo der vom AStA organisierte Hochschulsport sein Angebot an Golfkursen wegen der großen Nachfrage weiter ausbauen musste.
Die Jurastudentinnen Caroline Schrimper und Janne Maurer haben zwei Plätze ergattert und wollen nun die Platzreife erlangen. Es ist die erste Stunde eines neuen Kölner Kurses, doch die beiden jungen Frauen wissen schon sehr viel über die ungeschriebenen Gesetze, die im Golfsport gelten. "Blaue Jeans gehen zum Beispiel gar nicht", weiß Schrimper. Die 21-jährige Studentin mit dem Piercing in der Unterlippe trägt daher eine dunkle Stoffhose.
Golflehrer Mischa Steinmetz, der den Einführungskurs leitet, gibt noch mehr Etikette-Regeln mit auf den Weg. "Bloß nicht laut rufen auf dem Platz, und rennen gehört sich auch nicht." Janne Maurer hört sich alles ganz genau an, sie will das Golfspielen in erster Linie deswegen erlernen, weil sie dann mehr Zeit mit ihren Eltern verbringen kann - die seien nämlich ständig auf dem Platz. Ihre Kommilitonin Schrimper denkt da eher an ihre spätere Karriere. Sie locht auf Anhieb fünf Bälle ein und stellt viel Talent unter Beweis. Das beeindruckt heute den Trainer - und morgen vielleicht ihre Geschäftspartner.
Nachwuchsjäger Edel denkt bei der Jagd nicht unbedingt an die Zeit nach der Uni. Allerdings glaubt er, dass die Jagd die Sinne schärft, was ja auch helfen kann im späteren Berufsleben. Es ist inzwischen 19 Uhr geworden, und der Hobbyjäger sitzt noch immer auf seinem Hochsitz. Er erzählt, wie er sich auf dieser Wiese einmal an eine Gruppe Wildschweine herangerobbt und dann auch noch eines geschossen hat. Doch heute wird das wohl nichts mehr mit dem Jagdglück. Es ist bewölkt, der Mond scheint nicht hell genug, und auch Edel kann nichts mehr erkennen. Er steigt vom Hochsitz. Es ist Freitagabend, er will noch auf eine Party. Schließlich ist er ein Student.
Von Rebecca Erken

UniSPIEGEL 6/2014
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