07.02.2015

Dr. Dödel

Frau S. hat fast 20 Jahre Berufserfahrung und spricht mehrere Sprachen. Derzeit ist sie laut ihres XING-Profils Führungskraft in einem Pharmaunternehmen. Es scheint der Personalabteilung also nicht aufgefallen zu sein, dass sich die Dame mit einem dubiosen akademischen Titel schmückt, dessen Führung in Teilen der USA sogar unter Strafe steht.
Ihrem Profil zufolge hat Frau S. an der amerikanischen "Breyer State University" studiert, einer nicht akkreditierten Hochschule, die von ihren Absolventen so gut wie keine Leistungen erwartet, aber trotzdem Hunderte akademische Abschlüsse vergibt - gegen Geld, versteht sich. So kommt jeder Dödel ohne großen Aufwand an einen Bachelor, Master oder sogar an einenDoktortitel.
Es gibt mehr als 3000 solcher "Titelmühlen", die meisten davon in den USA. Sie heißen zum Beispiel "Columbus University", "Atlantic International University" oder "American World University". Einige verkaufen bis zu 10000 Titel im Jahr und nehmen damit laut US-Experten etwa zehn Millionen Dollar ein. Geld, das auch von deutschen Kunden stammt. Wer in der Suchmaske des sozialen Karrierenetzwerks XING nach Fake-Unis sucht, stößt auf etliche Männer und Frauen, die für hiesige Unternehmen arbeiten.
Damit sie nicht sofort als Betrugshochschulen auffallen, wahren die Titelmühlen auf ihren Internetseiten den Anschein der Seriosität. So erklären einige, dass für den Erwerb eines akademischen Titels "Pflichtkurse" zu belegen und Scheine zu machen seien. Doch etwas weiter unten gibt es Entwarnung: Anstelle einer anstrengenden Teilnahme an irgendwelchen Seminaren würden auch Berufsjahre oder schlicht "Lebenserfahrung" als Leistungsnachweise akzeptiert. Besonders leicht wird es für Menschen, die schon an echten Unis studierten und sich nun einen zusätzlichen Titel wünschen: Sie können sich einfach alle früher erbrachten Leistungen noch einmal anrechnen lassen. Die Titelmühlen suggerieren, wissenschaftlichen Anforderungen gerecht zu werden, verlangen von ihren "Studenten" aber praktisch nichts - abgesehen von Studiengebühren natürlich. Logisch, dass sie nicht über Seminarräume verfügen, geschweige denn über eine Bibliothek. Das Einzige, was viele besitzen, ist ein Briefkasten auf Hawaii, in Rumänien oder Pakistan. So würden jährlich mehr als eine halbe Million "Abschlüsse" an Juristen, Lehrer oder Ärzte auf der ganzen Welt vergeben, behauptet der US-Experte John Bear. Zusammen mit dem FBI hat er jahrelang gegen die Titelmühlen ermittelt, doch es sei wie der Kampf gegen die Hydra gewesen: Wenn ein Kopf abgeschlagen war, wuchsen zwei neue nach. Die Nachfrage schafft sich eben ihr Angebot.
Als die Düsseldorfer Großdetektei Kocks für eine Studie 5000 Bewerbungen überprüfte, entdeckte sie bei 30 Prozent falsche Titel, ausgedachte Auslandsaufenthalte oder andere angebliche Qualifikationen, die so nicht erworben wurden.
Bei der XING-Recherche des UniSPIEGEL fielen neben Frau S. auch etliche andere hochrangige Mitarbeiter deutscher Unternehmen auf, die sich mit Fake-Titeln schmückten. Zum Beispiel ein "Absolvent" mit einem MBA der "American World University", der jahrelang eine Führungsposition beim Tochterunternehmen einer großen deutschen Fluggesellschaft innehatte. Oder ein Professor an einer Hochschule, der neben einigen anderen akademischen Abschlüssen auch einen von der "Breyer State University" besitzt
Als das FBI 2005 eine Titelmühle namens "St. Regis University" hochnahm, tauchten auf der Absolventenliste ebenfalls 50 Deutsche auf. Die Männer und Frauen hatten Diplome in BWL, Gesundheitswesen, Maschinenbau und Jura erworben, oft für Spottpreise. Ein Mann aus Baden-Württemberg legte gerade mal 328 Dollar "Studiengebühr" für einen Abschluss in Steuerrecht auf den Tisch, ein anderer zahlte knapp 2000 Dollar für eine ganze akademische Laufbahn samt Psychologiestudium und Doktortitel in Kriminalpsychologie.
Fliegt der Schwindel auf, kann es unangenehm und teuer werden. Bundesweit droht Freiheitsentzug, in Nordrhein-Westfalen werden nach dem dortigen Hochschulgesetz bis zu 500000 Euro Strafe für das Führen eines Fake-Titels fällig. "Führen" heißt, den Titel in seinem Lebenslauf, auf seiner Visitenkarte oder eben in seinem XING-Profil anzugeben.
Von den vom UniSPIEGEL gefundenen "Absolventen" wollte sich fast niemand äußern. Ein Mann meldete sich und spekulierte, dass seine ehemalige Hochschule wohl "auf Abwege" geraten sei, ein anderer Mann räumte seinen Schwindel indirekt ein: Nachdem er die Anfrage des UniSPIEGEL bekommen hatte, löschte er den Abschluss der dubiosen "Hamilton University" kurzerhand aus seinem Profil.
von ALEXANDRA ZYKUNOV Es ist einfach, einen Uni-Abschluss zu bekommen: Man muss nur Student an einer "Titelmühle" werden. Manche Absolventen schaffen es bis auf Chefsessel.
Von ALEXANDRA ZYKUNOV

UniSPIEGEL 1/2015
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