04.07.2015

"Die lebt ja noch !"

Sie wollte nur tanzen und feiern, doch dann geriet Jessica Plönes auf der Loveparade 2010 in eine "Hölle auf Erden". Die Studentin wurde gerettet, aber die Katastrophe ist auch für sie bis heute nicht vorüber.
Als Jessica Plönes am Samstag, dem 24. Juli 2010, in den Zug von Krefeld nach Duisburg stieg, hatte sie dieses Gefühl im Bauch, das nur junge Menschen kennen: dass alles möglich ist, alles passieren kann, auch das, was man nicht erwartet. Sie war damals 17 Jahre alt, hatte gerade ihren Realschulabschluss gemacht und wollte an diesem schönen Sommertag mal richtig abtanzen und Party feiern.
Jessica, ihr Freund und die beiden anderen Bekannten, mit denen sie unterwegs war, freuten sich schon seit Tagen auf die "Loveparade", dieses laute, schrille Technofestival, das bisher fast immer in Berlin stattgefunden hatte und nun zum ersten Mal in Duisburg steigen sollte. Die Veranstalter hatten eine Party mit einer Million Besuchern angekündigt – einen Rave, wie ihn Deutschland bis dahin nur selten erlebt habe.
Sie sollten recht behalten.
Genau wie die meisten anderen mussten Jessica und ihre Freunde durch einen langen, dunklen Tunnel, um aufs Festivalgelände, einen alten Güterbahnhof, zu gelangen. Jessica war aufgeregt, ihr Herz pochte im Rhythmus des Liedes, das die Menge irgendwann am Ende des Tunnels anstimmte: "Seven Nation Army" von den White Stripes. Die Raver imitierten die Gitarre, das Schlagzeug, es wurde gegrölt und gesungen, es war genau der richtige Soundtrack für die Party, die schon bald beginnen sollte. Doch als Jessica und ihre Freunde eine Stelle erreichten, an der zwei Besucherströme aufeinandertrafen, wurde plötzlich nicht mehr gesungen.
Von da an ging es nur noch ums Überleben.
Fünf Jahre später sitzt Jessica in einer Bäckerei in der Nähe der Unglücksstelle und sagt, dass es "die Hölle auf Erden" gewesen sei, die sie an diesem Sommertag erlebt habe. Sie ist heute 22 Jahre alt, studiert Maschinenbau und Verfahrenstechnik an der Fachhochschule Krefeld und leidet noch fast jeden Tag unter dem, was ihr und den anderen widerfuhr.
21 Menschen kamen bei der Loveparade-Katastrophe ums Leben, sie erstickten, wurden totgetrampelt, stürzten von einer schmalen Treppe, über die sie sich retten wollten. Hunderte andere wurden verletzt, und das nicht nur körperlich. Es gibt etliche Opfer, die monatelang in der Psychiatrie behandelt wurden – und andere, die mit Anfang dreißig in Rente gehen mussten, weil sie sich nicht mehr auf ihre Arbeit konzentrieren konnten.
Jessica weiß noch, dass es etwa 16.30 Uhr war, als sie am Unglückstag plötzlich eingequetscht wurde und neben ihr eine andere Besucherin in Panik geriet. "Ich habe solche Angst", rief die Frau, "wir werden sterben." Jessica versuchte zu beruhigen, doch es gelang ihr nicht. Sie hatte ihre Freunde längst aus den Augen verloren, die Masse hatte sie irgendwohin gedrückt, wo sie sie nicht mehr sehen konnte. Dann wurde die 17-Jährige von der Menschenmenge gegen einen umgestürzten Zaun gedrückt, sie stolperte, stürzte zu Boden – und wurde ohnmächtig.
Jessica verlor an diesem späten Nachmittag nicht nur ihr Bewusstsein, sie verlor auch ihre Jugend. Früher sei ihr Leben voller Musik gewesen, sie sei "offen für vieles" gewesen, von Rock bis Techno, sagt sie. Heute sei das anders. Sie gehe nicht auf Studentenpartys, nicht in Klubs, sie könne sich "Besseres vorstellen, als mit verschwitzten Menschen zu lauter Musik zu tanzen".
Wenn es während einer Vorlesung im Hörsaal sehr voll und laut wird, hat Jessica den Drang, aufzustehen und zu gehen. Auch Babygeschrei kann sie nicht mehr ertragen: "Wenn ich hohe Töne höre, ist alles sofort wieder da." Vor der Loveparade sei sie sehr spontan und "bei jedem Quatsch dabei" gewesen. Heute überlege sie lange, bevor sie etwas unternehme. In den Urlaub fahre sie nicht, am liebsten sei sie in der Nähe ihrer Eltern, wo sie auch noch wohne: Zu Hause fühle sie sich am sichersten.
"Die lebt ja noch" – das war der erste Satz, den Jessica hörte, als sie am Katastrophentag wieder zu sich kam. Ein Sanitäter versuchte, sie hochzuheben, musste aber erst eine Frau bergen, die auf ihr lag. Es war die Frau, die so große Angst gehabt hatte, sie war tot. Nachdem Jessica befreit war, kümmerte sich ein fremder Raver um sie. Er sprach die ganze Zeit mit ihr, hielt ihr die Augen zu, als Nothelfer direkt vor ihr versuchten, einen jungen Mann zu reanimieren. Es gelang ihnen nicht.
Gerade wenn es auf den Jahrestag zugehe, habe sie noch Schlaf- und Konzentrationsstörungen, sagt Jessica. Dann helfe ihr die Stille an dem Ort, an dem so viele schrien. Sie ist oft an der Gedenkstätte an der Rampe, wo Fotos, Kerzen und Blumen an die 21 Toten erinnern. Jessica zeigt auf die Stelle, wo sie gefunden wurde: zwei Meter schräg links vor der schmalen Treppe, auf der sich Szenen abspielten, die viele Besucher nie wieder vergessen werden.
Als sie damals ins Krankenhaus gebracht wurde, war es schon 22.30 Uhr. Sie war übersät mit blauen Flecken, am ganzen Körper waren ihr Adern geplatzt, ihr Rücken war voller Kratz- und Bissspuren. Ihre Ohrringe waren ihr herausgerissen worden, und jemand hatte offenbar versucht, sich an ihrer Halskette hochzuziehen – die Würgespuren waren deutlich zu erkennen.
Nach einem Tag verließ Jessica die Klinik, gegen den ärztlichen Rat. Wieder zu Hause, konnte sie nicht mehr schlafen, saß nur noch vor dem Rechner, las Artikel über die Katastrophe, klickte sich im Netz durch die vielen Videos, die Loveparade-Besucher eingestellt hatten. Sie sah all die verzweifelten Kämpfe um Raum und ein wenig Luft. Sie versuchte, das Rätsel zu lösen, das noch immer niemand so richtig gelöst hat: Wie konnte das alles passieren? Wer war es, der versagt hatte? Die Organisatoren? Die Stadtverwaltung?
In den Wochen nach der Katastrophe drehten sich die Bilder im Kreis, sie war auf einer Art Gedankenkarussell, von dem sie nicht mehr abspringen konnte. Jessica wurde depressiv und dachte an manchen Tagen, dass es am besten wäre, sich umzubringen. Sie weiß, dass andere es taten, weil sie nicht fertig wurden mit dem, was damals passierte. Von ihrem Freund trennte sich Jessica schon kurz nach der Katastrophe: Sie fühlte sich von ihm im Stich gelassen. Als es nicht mehr weiterging, brachten die Eltern sie zu einem Traumatologen, den ein Bekannter empfohlen hatte. Das war ihre Rettung. Die dreijährige Therapie habe ihr sehr geholfen, sagt Jessica.
Genau wie einige andere, die verletzt wurden, bekam sie von der Versicherung des Veranstalters mittlerweile eine finanzielle Entschädigung, von der sie sich ein Auto kaufte. Aber das Geld hat sie nicht besänftigt, sie ist immer noch wütend auf die Veranstalter – und darauf, dass es fünf Jahre nach der Katastrophe noch immer keinen Prozess gibt, keine Verurteilungen und auch nicht genügend Beistand: Mittlerweile hilft nur noch die Betroffenen-Initiative, die privat gegründet wurde. "Es ist eine Sauerei, dass so wenig getan wurde", sagt Jessica.
Was ihr neben der Therapie auch noch half, war das Treffen mit dem Raver, der sich damals um sie kümmerte. "Wer weiß, was passiert wäre, wenn er nicht da gewesen wäre", sagt sie. Sie wollte sich bedanken und suchte ihn ein Jahr nach der Loveparade über einen Medienaufruf. Drei Monate später meldete sich der Mann tatsächlich bei ihr. Sie verabredeten sich und spazierten am Düsseldorfer Rheinufer entlang. Der Retter hatte das lilafarbende T-Shirt mit dem Aufdruck der Comicfigur SpongeBob mitgebracht, das er am Tag der Katastrophe getragen hatte. An das konnte sich Jessica noch besonders gut erinnern: Es wirkte so deplatziert fröhlich inmitten des ganzen Elends. "Ich hoffe, dass ich irgendwann einmal ein ganz normales Leben führen kann", sagt die Studentin. Dann muss sie los und steigt in ihr Auto. Sie ist noch mit Kommilitonen an einem See verabredet. Es ist ein schöner, warmer Tag. Genau wie damals.
"Ich hoffe, ich kann einmal ein normales Leben führen."
Von Rebecca Erken

UniSPIEGEL 4/2015
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