10.10.2015

MusikDie beleidigte Harfe

Die Harfe ist ein eifersüchtiges Instrument. Viele Jahre tat Joanna Newsom kaum etwas anderes, als üben, üben, üben. Ihre erste Harfe bekam sie mit fünf, und Familie Newsom war streng: Die kleine Joanna durfte nicht fernsehen, nicht mal Radio hören. Sie besuchte eine Waldorfschule und übte weiter. Und als auf der Highschool die anderen vom eigenen Auto träumten, saß Joanna im Musikraum und übte. Bis sie eines Tages dachte, nun beherrsche sie ihre Harfe perfekt. Sie stellte das Instrument zur Seite, um auf dem Klavier neue Songs zu schreiben. "Als ich die Harfe wiederherholte, war sie widerspenstig", sagt sie. Also ging sie zu ihrem Harfenlehrer, der ihr erklärte: Die Muskeln, die man für das Spiel benötigt, bauen sich langsam auf, aber schnell wieder ab. Die Faustregel: Man muss so viele Tage üben, wie man pausiert hat.
Joanna Newsom verbringt jetzt also wieder viel Zeit mit ihrer Harfe: Im Herbst will sie ihre neuen Songs auf der Bühne spielen – und zwar perfekt. Seit zehn Jahren wird die 33 Jahre alte Amerikanerin als Genie verehrt. In ihren Liedern singt sie lange Texte zu Melodien, die aus der Zeit gefallen zu sein scheinen, ihre Stimme klingt häufig wie das beleidigte Quieken einer zickigen Prinzessin. Ist das nun Klassik oder Folk, Hippie-Kram oder Märchenmusik? Egal, ihre Fans und die Musikkritiker lieben ihre Platten. Und jetzt kommt es noch besser: Auf ihrem neuen Album "Divers" spielt sie nicht nur Harfe, sondern hat Dutzende Gastmusiker dabei, Schlagzeuger und Gitarristen, Akkordeon- und Flötenspieler. Die Lieder sind kürzer und einfacher zu verstehen. Man könnte auch sagen: Joanna Newsom ist poppiger geworden. So poppig, wie Songs über Gänse-eier und Gespräche mit Vögeln sein können. "Divers" ist eines der besten Alben des Jahres. Und damit das Üben auf der Harfe vor der Tour nicht zu anstrengend wird, hat ihr Mann Andy Samberg einen Auftrag erhalten: Der Star der Sitcom "Brooklyn Nine-Nine" soll sie stündlich unterbrechen und ein paar Witze machen. Hoffentlich nimmt die Harfe das nicht persönlich.

UniSPIEGEL 5/2015
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