13.02.2016

Wieder da

Stefan, 32, ist nach Studium und vielen Jahren im Ausland zurück zu seinen Eltern nach Suhl gezogen. "Hier ist es ja doch am schönsten", sagt er.
Die Zahnpasta stand neben dem Waschbecken, und Stefan benutzte sie. Ganz selbstverständlich, ohne nachzudenken. Das war ein Fehler, denn für seinen Vater ist "Oxygen" etwas Besonderes. Er bekommt das Zeug von seinem Zahnarzt, und der bezieht es aus den USA. Als dem Vater auffiel, dass Stefan von seinem "Oxygen" gemopst hatte, kam es zu einem kleinen Eklat. Er solle sich seine eigene Zahncreme kaufen, wies er seinen Sohn zurecht; er sei ja wohl erwachsen genug dafür.
Stefan ist nun 32, und eigentlich hat man in diesem Alter seine eigene Wohnung und muss sich das Badezimmer nicht mehr mit Mutter und Vater teilen. Doch bei Stefan ist es anders gelaufen: Er kehrte vor sechs Monaten nach langer Abwesenheit ins Elternhaus zurück. Er tat das nicht aus finanzieller Not und auch nicht, weil er Mutter und Vater so vermisst hatte. Er tat es, weil er es für die beste aller Lösungen hielt.
Es war 2002, als Stefan von zu Hause auszog und von Suhl in Südthüringen nach Leipzig ging, zum Studieren. Nach dem Uniabschluss 2009 verkaufte er seine Möbel, bereiste die Welt, tingelte durch Kuba, Kolumbien, Ecuador und Peru, lebte ein halbes Jahr in Bolivien, arbeitete danach erst in Frankfurt, dann als Entwicklungshelfer in Kirgisien. Von dort fuhr er mit dem Fahrrad nach Deutschland. Kaum angekommen, brach er wieder auf, nach China, Australien und Neuseeland. "In den vergangenen Jahren habe ich bestimmt in 300 verschiedenen Betten geschlafen", sagt Stefan. Seine Welt war groß und voller Abenteuer. Jetzt ist sie wieder klein und weniger aufregend.
Stefan schläft nun Nacht für Nacht im alten Zimmer seiner Schwester, das gerade einmal zehn Quadratmeter groß ist. Darin: ein Schrank, ein kleines Bett – und eine Einpersonensauna. Die haben seine Eltern vor einiger Zeit dort aufgebaut: Sie hatten nicht damit gerechnet, dass so bald wieder jemand in diesem Zimmer wohnen würde.
Stefan sagt, er sei zurück nach Suhl gekommen, um sein Leben neu zu ordnen. Er habe einen "Stützpunkt" in einer unruhigen Zeit gesucht. Auf der letzten Reise ging seine Beziehung in die Brüche, und er wollte ungestört darüber nachdenken, wo er sich nun niederlassen und wie er sein Geld verdienen sollte. So etwas geht ganz gut in der alten Heimat, wo es oft weniger Ablenkung gibt und man sogar noch bekocht wird, wenn es gut läuft.
Stefan hat Soziologie und Wirtschaft studiert, eine Kombination, die ihm viele Möglichkeiten gibt – einerseits. Andererseits kann sich Stefan nicht vorstellen, jeden Tag am Schreibtisch zu arbeiten und Akten, Bücher oder Bilanzen zu wälzen. Die letzten Wochen hat er deswegen genutzt, um Pläne zu schmieden. Klar, er hätte sich dafür auch eine Wohnung mieten können. "Aber das wollte ich nicht", sagt Stefan und blickt vom Grundstück seiner Eltern aus auf ein ruhiges, bewaldetes Tal, fernab von Hauptverkehrsstraßen und Großstadtlärm. "Hier ist es ja doch am schönsten."
Als er ankam, wollte er nur zwei Wochen bleiben, vielleicht auch drei. Doch er schob seinen Auszug immer weiter auf – und warum auch nicht? Okay, das Zusammenleben ist nicht immer ganz einfach, die Eltern sind seit vergangenem Jahr Rentner und deshalb oft zu Hause. Aber ist das Leben in einer WG etwa immer unkompliziert?
Jeden Tag gegen acht Uhr steht Stefan mit seinen Eltern auf, dann folgt das gemeinsame Frühstück. Zwischen zwölf und eins gibt's Mittagessen, und manchmal wird auch noch gemeinsam zu Abend gegessen. Seine Mutter kocht, macht den Haushalt und wäscht Stefans Wäsche: ein Service, den auch Zehntausende andere Menschen zu schätzen wissen, die im "Hotel Mama" leben.
Stefan beteiligt sich zwar mit 100 Euro an den Lebenshaltungskosten und geht auch manchmal einkaufen, aber sonst muss er nur wenige Aufgaben im Haus erfüllen. So ein Leben sei komfortabel, sagt er. Aber auch manchmal anstrengend und ein wenig entbehrungsreich. Er würde derzeit zum Beispiel keine Frau mit nach Hause bringen. "Das wäre mir unangenehm."
Auch für Stefans Mutter, eine resolute und liebenswürdige Frau, die 25 Jahre lang einen Friseursalon führte, ist Stefans Rückkehr eine manchmal ambivalente Sache. Im Grunde ist sie froh, ihren Sohn um sich zu haben, spontan mit ihm abends ein Glas Wein trinken zu können oder ihn auch einmal umarmen zu dürfen. Trotzdem versucht sie, so wenig Mutter wie möglich zu sein. Schließlich ist es nicht mehr Stefan, der Teenager, der bei ihr wohnt, sondern Stefan, der Erwachsene. "Ich will ihn nicht ständig fragen, ob ich ihm etwas mitbringen soll oder er gewisse Aufgaben im Haus erledigt hat", sagt sie.
Als der Sohn vor 14 Jahren auszog, musste sie lernen, die Mutterrolle abzulegen. "Es war schwierig für mich, mich nicht mehr kümmern zu können." Sie musste sich daran gewöhnen, abends nicht mehr danach zu schauen, ob er nach Hause gekommen war oder ob er noch arbeitete. Nun ist Stefan aber wieder zurück, und neulich hat sie ihn um drei Uhr morgens am Computer entdeckt und ihm verordnet, ins Bett zu gehen. Danach kamen sofort die Zweifel: War das zu viel? Eine Grenzüberschreitung? "Er ist ja erwachsen, hat seinen eigenen Kopf und seine eigene Art zu leben", sagt sie.
Ihrem Mann, Stefans Vater, fällt das neue alte Zusammenleben schwerer. Er ist ein Mann, der immer alles genau durchdenkt, bevor er handelt, der jeden Schritt genau plant, der klare Ansagen macht. Um seine Ordnung aufrechtzuerhalten, hat der Vater Regeln eingeführt: Fahrräder und Mopeds dürfen nicht dort herumstehen, wo er sein Auto parken will. Die Haustür muss immer geschlossen werden, selbst wenn man nur kurz den Müll rausbringt. Es darf nirgends etwas länger herumliegen, was dort nicht hingehört. "Wenn so ein Spruch kommt, muss ich tief durchatmen", sagt Stefan. "Aber es ist sein Haus – deshalb bestimmt er die Regeln." Die Mutter vermittelt immer wieder zwischen den beiden.
Wie lange das so weitergehen soll? Vor ein paar Wochen hat Stefan eine Entscheidung getroffen: Er möchte sich selbstständig machen, ein kleines Reiseunternehmen gründen und Fahrradtouren durch Kirgisien und Tadschikistan anbieten. Wenn sein Unternehmenskonzept steht, will er ausziehen, vielleicht in die Alpen oder nach Spanien. "Irgendwohin, wo ich gut Fahrrad fahren kann."
Trotzdem möchte er seinen Stützpunkt in Thüringen behalten, möchte zurückkommen können, in Zeiten, in denen das Leben einmal unordentlich ist. Dafür hat er gerade den alten Friseursalon seiner Mutter zu einem kleinen Wohn- und Gästehaus umgebaut. Es steht nur 20 Meter von seinem Elternhaus entfernt.

"Eine Frau würde ich nicht mit nach Hause bringen"

Von Kristin Haug

UniSPIEGEL 1/2016
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