09.04.2016

Erst ins Labor, dann ins Tonstudio

Vier aktuelle Alben aus Großbritannien verbinden Pop mit wissenschaftlicher Forschung. So wollen die Künstler zeigen, dass ihre Werke mehr sind als eine streambare Datei.
Wer MAX RICHTER ärgern möchte, nennt sein Album "Sleep" eine Schlaftablette. Der Verdacht liegt nahe: Niemand, der die Platte gehört hat, wird danach über die grüne Wiese hüpfen. Das ist aber auch nicht das Ziel: "Sleep" soll müde machen und beim Einschlafen helfen, einerseits. Denn ist der Hörer weggenickt, geht es erst richtig los. Max Richter, bekannt als Soundtrackspezialist für Serien wie "The Leftovers" oder den Film "Waltz With Bashir", hat sich für sein jüngstes Projekt eine Forschungsaufgabe überlegt. "Ist es möglich", fragte sich der britische Komponist, "Musik zu kreieren, die speziell dafür geschaffen ist, im Schlaf gehört zu werden?"
Auf der Suche nach Antworten wandte sich Richter an David Eagleman, einen renommierten Neurowissenschaftler, der sich mit der Frage beschäftigt, wie das Gehirn mithilfe von Sinneseindrücken unsere Wahrnehmung beeinflusst – zum Beispiel die der Zeit. Schließlich nimmt ein schlafender Mensch diese komplett anders wahr als ein wacher. Gemeinsam entwickelten Richter, der Musiker, und Eagleman, der Forscher, Töne, Frequenzen und Rhythmen, die für den Schlafenden wahrnehmbar sind, ihn aber nicht aufwecken. Folgerichtig läuft die Originalversion von "Sleep" acht Stunden lang – und wurde auch schon etlichen Schläfern bei einem ungewöhnlichen Konzert in Berlin dargeboten.
Die Idee, Musik mit Wissenschaft zu verbinden, liegt im Trend. Etliche Bands wollen zeigen, dass Musik mehr ist als eine Datei, die man via Smartphone streamen kann. Es ist ihnen wichtig, neben neuen Songs und Alben auch eine Story zu bieten. Je ausgefallener, desto besser.
Der Rockmusiker Kev Bales etwa musiziert zusammen mit 40000 Bienen. Für das erste Album seiner Band BE hat sich Bales mit Martin Bencsik zusammengetan, Professor für Physik und Mathematiker an der Uni Nottingham. Dessen Spezialgebiet ist die Erforschung der Kommunikation innerhalb von Bienenvölkern. Das Bienenvolk brummt zwar immer in der Tonlage C, doch die Intensität wandelt sich: Morgens summen die Insekten fleißig, nachmittags nimmt die Hektik zu, abends kehrt Ruhe ein. Bencsik erforschte die Struktur dieser Veränderungen und entwickelte eine Art Synthesizer, der nicht auf Tastendruck funktioniert, sondern auf das Brummen der Bienen reagiert. Die Bienen bedienen also ein Instrument, die menschlichen Musiker reagieren darauf. Das Resultat klingt wie leicht verschrobene Meditationsmusik: sehr schön, beruhigend – aber irgendwie auch schräg.
Die Band PUBLIC SERVICE BROADCASTING beschäftigt sich in ihrem forschenden Pop mit Geschichte: Die Musiker haben das Archiv des British Film Institute nach alten "Public Information Films" durchforstet – so werden in Großbritannien kurze Infofilme genannt, die vor allem in den Sechziger- und Siebzigerjahren im Auftrag der Regierung zwischen Werbeclips gezeigt wurden. Sie erklären, wie man sich im Fall eines Atombombenabwurfs verhalten soll oder wie die "Apollo"-Weltraummissionen verlaufen. "Wir möchten die Vergangenheit mithilfe der Popmusik von heute erklären", so beschreibt die Band ihren Ansatz.
Und die Hobbygeografen von THE MAGNETIC NORTH widmen sich auf jedem Album jeweils einem britischen Landstrich. Die Songs funktionieren wie eine klingende Topografie. Die neue Platte "Prospect of Skelmersdale" stellt eine Stadt aus der Gegend von Liverpool vor, die zunächst als Trabantenstadt konzipiert wurde, bevor sie sich dann zur Heimat der transzendentalen Meditationsbewegung wandelte. Kaum einer kannte die Geschichte dieser sonderbaren Stadt. Jetzt wird sie von einer Band erzählt. Sag noch einmal einer, Pop mache dumm.
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Von André Boße

UniSPIEGEL 2/2016
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