10.12.2016

DER LANGE WEG ZUM FRIEDEN

52 Jahre lang herrschte Bürgerkrieg in Kolumbien – jetzt könnten endlich neue Zeiten anbrechen. Besonders junge Menschen engagieren sich für die Aussöhnung zwischen Paramilitärs, Farc-Rebellen und der Regierung. Vier von ihnen erzählen, wie sie auf den Konflikt schauen.
Paz" – kaum ein Wort ist in Kolumbien in diesen Tagen so häufig zu hören wie dieses, "Frieden". Dabei kennt das südamerikanische Land seit 52 Jahren nur Krieg. Es ist ein Konflikt zwischen drei Parteien. Auf der einen Seite: die Rebellen der Farc, der bekannten, linksgerichteten Guerillabewegung. Auf der anderen: rechte Paramilitärs. Und drittens: Polizei, Armee und Regierung, die ihrerseits die Gewalt anfachten. 220000 Menschen fielen ihr zum Opfer, rund sechs Millionen weitere wurden aus ihrer Heimat vertrieben.
Doch nun sollen neue Zeiten anbrechen, zumindest wünschen sich viele Bürger nichts sehnlicher. Wer auf der Suche nach Hoffnung ist, muss sich in das Zentrum der Hauptstadt Bogotá begeben, auf die Plaza Simón Bolívar. Hier schlägt das Herz des Friedensprozesses. Junge Aktivisten haben das Friedenscamp "Campamento por la paz" errichtet, 200 Menschen zelteten zwischenzeitlich vor dem Kongressgebäude. Mitten auf dem Platz hält ein Dozent eine Vorlesung über den Friedensprozess – für jeden, der vorbeiläuft. Die Statue des Freiheitskämpfers und Nationalhelden Simón Bolívar trägt die Kolumbienfahne als Schal, Tauben fliegen darüber hinweg, Symbole des Friedens, als hätte ein Filmregisseur sie extra zu diesem Zweck dort freigelassen. Es ist der Ort, an dem vor wenigen Wochen Tausende Studenten demonstrierten, sich teils heftige Auseinandersetzungen mit der Polizei lieferten.
Der Grund: Nach vier Jahre andauernden Verhandlungen hatte Präsident Juan Manuel Santos mit der Farc-Guerilla einen Friedensvertrag ausgehandelt, der den 52 Jahre währenden Bürgerkrieg beenden sollte. Vielen Kolumbianern, gerade den Älteren, waren die Strafen für die Guerillakämpfer, die in dem Papier vorgesehen waren, allerdings zu milde. Anfang Oktober lehnte eine knappe Mehrheit in einer Volksabstimmung deshalb das Abkommen ab. Mit den Protesten machten die Jungen ihrer Wut und Enttäuschung Luft.
Kolumbiens Studenten sind zu jung, um in ihrer Heimat jemals Frieden erlebt zu haben. Trotzdem – oder gerade deshalb – wünschen sie sich nichts mehr, als dass er endlich einkehrt.
Nun besteht eine neue Chance: Präsident Santos hat ein zweites Abkommen mit den Farc errungen, das nun nicht mehr vom Volk, sondern nur noch vom Kongress ratifiziert werden muss. In der neuen Fassung ist ein härteres Vorgehen gegen die Rebellen vorgesehen; Opfer sollen außerdem mit dem Geld der Guerilla entschädigt werden. Der Präsident will, dass der neue Vertrag so schnell wie möglich umgesetzt wird. Schließlich gilt der Waffenstillstand mit den Farc-Rebellen nur noch bis Ende des Jahres, ein fragiles Konstrukt, das ständig bedroht ist – erst kürzlich etwa durch die mutmaßliche Tötung zweier Farc-Kämpfer durch das Militär. Bis die rund 6000 Guerilleros tatsächlich ihre Waffen abgeben, befindet sich das Land in einem Schwebezustand. Für seine Bemühungen wird Präsident Santos am 10. Dezember dieses Jahres mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

"MEIN VATER ÜBERLEBTE NUR KNAPP"

17 Kugeln haben meinen Vater getroffen, regelrecht durchsiebt. Keiner weiß, wie er das verwunden hat. Seine beiden Brüder wurden bei dem Überfall der Paramilitärs vor rund 30 Jahren getötet. Mein Vater hat sich bis heute nicht davon erholt, hat immer noch Schmerzen, immer wieder quälen ihn auch Depressionen.
Heute kontrollieren die Farc, also die Widersacher der Angreifer von damals, das Gebiet, in dem er lebt. Manche entlegenen Regionen des Landes werden komplett von Guerilleros dominiert. Der Staat ist abwesend und überlässt die Menschen dort ihrem Schicksal. Mein Vater arbeitet als Unternehmer in Santa Marta an der Karibikküste, er exportiert Früchte ins Ausland. Die Rebellen verlangen "Steuern" für alle Waren, die er verkauft. Ich will mir nicht ausmalen, was geschieht, wenn er nicht zahlt. Er ist also, wie so viele Kolumbianer, zwischen die Fronten geraten und hat stark unter den rivalisierenden Gruppen – Paramilitärs und Rebellen – gelitten.
Bis heute wird mein Vater von der Regierung nicht als Opfer anerkannt. Sämtliche Dokumente, die den Angriff belegen, sind auf mysteriöse Weise verloren gegangen. Deshalb fühlt er sich auch von der Regierung verraten. Dabei will er gar keine Reparationen, sondern einfach nur, dass alle die Wahrheit erfahren. Trotzdem hat meine ganze Familie, auch mein Vater, für den Friedensvertrag gestimmt. Was mich sehr traurig macht: Die große Mehrheit der Bevölkerung, 63 Prozent, hat bei dem Referendum überhaupt nicht abgestimmt. Als ginge sie das Schicksal ihres Landes nichts an.

"DAS NEIN WAR EIN WECKRUF"

Viele Studenten und junge Menschen in Bogotá haben Eltern oder Großeltern, die aus anderen Regionen stammen und durch den Konflikt vertrieben wurden. Außerdem ist der Militärdienst bei uns Pflicht. Wer nicht zur Waffe greifen will, muss sich freikaufen. Viele junge Menschen haben aber nicht das Geld dazu und sind gezwungen zu kämpfen. Im Krieg zeigt sich die große soziale Ungleichheit in Kolumbien deshalb noch stärker. Ich glaube, dass erst mit der Auflösung dieser Kluft wirklich Frieden einkehren kann. Ich habe fest daran geglaubt, dass sich die Mehrheit bei der Volksabstimmung für den Frieden entscheidet. Ich wollte am 2. Oktober, dem Tag des Referendums, zu einer Party bei einer Freundin, war aber spät dran und habe ihr geschrieben, dass ich nicht möchte, dass der Frieden mich in einem Bus erreicht. Deswegen habe ich das Ergebnis zu Hause abgewartet – und war fassungslos. Als ich später bei der Feier eintraf, haben viele geweint.
Das "No" war auch ein Weckruf: Wir Studenten haben uns endlich mobilisiert und sind für den Frieden auf die Straße gegangen. Vorher haben wir das wohl nicht für nötig gehalten. Ich war nach dem gescheiterten Referendum eines der ersten Mitglieder der Studentenorganisation Paziempre – das ist eine Verbindung aus den Wörtern "Frieden" und "immer". Ich bin im Presse- und Kommunikationskomitee: Wir organisieren Demonstrationen, Informationsveranstaltungen und Dialogabende für das Nein- und das Ja-Lager. Ich glaube, dass das neue Friedensabkommen eine Chance sein kann. Allerdings empfinde ich auch Unsicherheit, weil es immer noch viele Menschen gibt, die es ablehnen. Meine Hoffnung aber bleibt, dass wir die letzte Generation sein werden, die den Krieg miterlebt hat.

"ÜBERSCHATTET VON HASS"

Die Ablehnung des Friedensvertrags war ein Schlag für mich, als hätte mein Freund mich verlassen, mein Herz gebrochen. Mir ging es eine Woche lang schlecht, ich wollte die Entscheidung nicht wahrhaben.
Kolumbien ist ein wunderbares Land mit unheimlich offenen, herzlichen Menschen, aber all das wird überschattet von dem Hass, der hier seit Generationen herrscht. Damit wir darin nicht irgendwann ertrinken, müssen wir diesen Streit endlich überwinden. Wie viel schöner wäre meine Heimat, würde hier endlich Frieden herrschen!
Das Land war kurz vor der Wahl sehr gespalten – die Abstimmung zog einen Riss durch Familien und Freundeskreise. Wer sich für "Nein" entschieden hatte, konnte nicht mit jemandem ausgehen, der für "Ja" gestimmt hatte. Problematisch war, dass es kaum neutrale Berichterstattung über die Inhalte des Friedensvertrags gab. Die Verfechter des "Sí" oder "No" warben jeweils für ihre Seite und instrumentalisierten die Bevölkerungsgruppen für ihre Zwecke. Den fast 300-seitigen Friedensvertrag wird so gut wie niemand gelesen haben.
Nach der Abstimmung haben wir aber begonnen, auch der anderen Seite zuzuhören. Ich verstehe, dass ehemalige Opfer die vorgesehenen Strafen für die Guerillakämpfer als zu schwach empfinden. Die Versöhnung kann nur gelingen, wenn beide Seiten miteinander sprechen. Inzwischen gibt es sogar gemeinsame Aktionen und Demonstrationen beider Lager. Mit dem neuen Vertrag kommen wir dem Ende des Konflikts hoffentlich näher. Alle sind hier für den Frieden – die Frage ist eben nur, wie genau der aussehen soll.

"ICH KENNE BEIDE SEITEN"

Meine Großmutter väterlicherseits ist eine Inidígena, also Teil der indigenen Bevölkerung in Kolumbien. Ihre Eltern wurden ermordet, als sie vier Jahre alt war. Niemand weiß, wer dafür verantwortlich ist. Die indigene Bevölkerung hatte besonders unter dem Konflikt der vergangenen Jahre zu leiden. Schließlich dienten ihre entlegenen Reservate sowohl Paramilitärs als auch Guerillakämpfern als Hinterhalt. Meine Großeltern mütterlicherseits sind Campesinos, also Bauern. Durch den Krieg haben sie einen Großteil ihrer Anbauflächen und einen wichtigen Teil ihrer Lebensgrundlage verloren. Trotzdem haben meine Großeltern wie ich für den Friedensvertrag gestimmt. Meine Oma hat gesagt: "Bevor ich sterbe, möchte ich den Frieden erleben."
Allerdings hatte ich Streit mit meinem Vater, weil er mit "No" gestimmt hat. Seine Position erscheint mir egoistisch. Aber ich muss akzeptieren, dass er anders denkt als ich. Die erste Ablehnung des Friedensvertrags kann für uns alle eine Chance sein, jetzt gemeinsam eine Lösung zu finden. Ich engagiere mich schon lange für die Versöhnung im Land und beschäftige mich auch im Rahmen meines Psychologiestudiums damit. In diesem Zusammenhang ist für uns Kolumbianer die Geschichte der Deutschen sehr interessant. Schließlich haben sie ebenfalls eine Post-Konflikt-Ära erlebt.
Ich kenne allerdings auch die Seite der Täter, wobei sich das im Krieg ja häufig überschneidet: Das Opfer wird zum Täter und umgekehrt. Ein guter Bekannter meiner Familie war fünf Jahre lang Mitglied der Rebellengruppe Farc. Er stammt aus Huila im Südwesten Kolumbiens, wo die Guerilla regiert. In den ländlichen Regionen Kolumbiens fehlt häufig die Infrastruktur, es mangelt an Straßen, Schulen, Arbeitsplätzen und medizinischer Versorgung. Für manche ist die einzige Möglichkeit zu überleben, sich den Farc anzuschließen. Inzwischen ist der Mann vor den Rebellen geflüchtet. Er wurde lange von ihnen verfolgt und bedroht. Jetzt lebt er unter neuem Namen in einem anderen Teil des Landes und hält sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser. Der einstige Farc-Kämpfer putzt jetzt Supermärkte und verkauft Avocados auf der Straße.
Von Rebecca Erken

UniSPIEGEL 6/2016
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