11.02.2017

"Eine Bohrmaschine klingt nach Posaune"

Marc Vogler, 18, hat zwei ungewöhnliche Leidenschaften: klassische Musik – und den Ruhrpott. Der Student der Musikhochschule Düsseldorf komponierte eine "Ode an das Ruhrgebiet".
Marc, wie klingt der Pott? Bei mir zuallererst nach einer sinfonischen Bearbeitung des Steigerliedes, eines alten Bergmannsliedes. Dann natürlich auch nach Industrie, Maschinen und schwerem Gerät – also sehr rau, aber auch sehr herzlich. Wie bringt man ein Orchester dazu, wie Maschinen zu klingen? Das Stück ist für Schlaginstrumente und Bläser komponiert. Daneben verwende ich jedoch auch ungewöhnliche Instrumente: zum Beispiel Klangstäbe, die mit dem Hammer bearbeitet werden. Das hört sich metallisch an. Mit einer Tuba lassen sich Töne erzeugen wie die von Aufzügen in einem Bergwerksschacht. Musstest du viel experimentieren, um so etwas herauszufinden? Eigentlich nicht. Eine Komposition entsteht im Kopf und am Schreibtisch. Die Klänge müssen in der Vorstellung da sein. Dafür bin ich mit offenen Ohren durch meine Heimat gelaufen und habe gelauscht: Eine Bohrmaschine etwa klingt wie ein tiefer Posaunenton. Solche Effekte machen die Musik auch für Laien erfahrbar. Ich möchte gerade Zuhörer ohne musikalische Vorbildung erreichen. Was findest du so toll am Ruhrgebiet? So pathetisch, wie sich das Wort "Ode" anhört, ist mein Patriotismus nicht. Gelsenkirchen, das Ruhrgebiet, die Zechengelände – da bin ich aufgewachsen. Im Parkstadion, das mittlerweile leider abgerissen wurde, habe ich Leichtathletik trainiert. Ich mag die Herzlichkeit und Offenheit der Menschen. Deshalb freue ich mich, dass das Stück am 24. Juni auf der ehemaligen Zeche Zollverein uraufgeführt wird. Die Noten ergeben, seitlich betrachtet, das Bild eines Förderturms. Als Komponist sehe ich mich nicht nur als Notensetzer, sondern als Künstler. Und ein zeitgemäßer Künstler sollte ebenfalls multimedial arbeiten. Auf die Idee mit der Grafik haben mich die Bild- oder Figurengedichte gebracht, die es schon länger gibt. Auch in der Musik haben schon andere versucht, mit Noten Bilder zu zeichnen, doch die Stücke waren musikalisch nicht sehr anspruchsvoll. Ich wollte beides verbinden. Eine grafische Partitur kann man außerdem hervorragend auf ein Konzertplakat drucken. Mit 17 hast du bereits eine Oper komponiert – ein ungewöhnliches Hobby für einen Abiturienten. Das stimmt. In meiner Generation interessiert sich kaum einer für klassische Musik. Ich saß schon als Dreijähriger am Klavier, habe früh Instrumente gelernt und kleinere Stücke komponiert. An der Oper hat mich gereizt, dass das Genre heute eigentlich kein Mensch mehr kennt. Dabei ist das wie ein Hollywoodfilm in Analog: Da geht es richtig zur Sache. Was planst du als Nächstes? Ich würde gerne auch von anderen Gebäuden grafische Kompositionen machen – vom Eiffelturm etwa oder von der Elbphilharmonie.

UniSPIEGEL 1/2017
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