08.04.2017

GEGEN DAS SYSTEM

Eine Gruppe junger Leipziger wagt 1989 eine Rebellion in der DDR. Sie besetzen Abrisshäuser, schmieden nächtelang Pläne für die Revolution – und bringen einem ganzen Land das Demonstrieren bei. Wer waren diese Leute? Eine Nahaufnahme.
Anita fasste sich ein Herz: Wenn es keine erste Reihe gibt, kann es nicht losgehen. So hatte sie es im Fernsehen in den Filmen über die demonstrierenden 68er-Studenten gesehen. Sie hielt Fred ihren Arm hin. Christian rief laut: "Hakt euch bei euren Nachbarn ein!" Dann gingen sie langsam los, vom Leipziger Marktplatz in die Petersstraße hinein. Hinter ihnen schlossen sich die Zuhörer an. Immer noch keine Polizei. Der dicke Polizist am Markt hatte sich in seinen Wagen zurückgezogen. Viele Menschen standen abwartend am Rand, und doch schwoll der Zug der Demonstranten an.
So beginnt einer der wichtigsten Protestmärsche des Jahres 1989 in der DDR – die ein politisches System, anders als bei den 68er-Studenten, vollständig zu Fall gebracht haben. Was war da in Leipzig los? Welche Rolle spielten die Studenten bei der Revolution? Wer waren die rebellischen jungen Leute in der ersten Reihe, die erst den Leipzigern und dann dem ganzen Land das Demonstrieren beibrachten?
Die Demonstration, die am 15. Januar 1989 vom Leipziger Markt aus begann, startete in einer äußerst brenzligen Situation. Sich zu beteiligen, erforderte viel Mut. Ein Dutzend Freunde von Anita, Fred und Christian waren gerade verhaftet worden. Sie hatten in den Tagen zuvor heimlich 10000 Flugblätter gedruckt, mit dem Aufruf zur Demonstration: 15. Januar, 16 Uhr. Sie hatten die Zettel nachts in der ganzen Stadt verteilt – und waren im Morgengrauen dann doch verraten worden. Spitzel, die für den DDR-Geheimdienst Informationen lieferten, hatten sich unter die Aufständischen gemischt.
Trotz der Festnahmen fasste sich der verbliebene Rest der Gruppe ein Herz. Fred sprang an jenem Januartag kurzerhand auf eine kleine Mauer gegenüber Auerbachs Keller, in dem einst der junge Leipziger Student Johann Wolfgang von Goethe verkehrt hatte. Von der Mauer hielt Fred eine Rede, forderte Freiheit für Andersdenkende im Geiste von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, denn es war deren Todestag. Er forderte eine freie, unzensierte Presse. Und tatsächlich: Um Fred scharten sich bald Hunderte von Zuhörern, ohne dass Sicherheitskräfte einschritten.
Dann sprang er herab, und der Zug setzte sich in Bewegung, durch das Stadtzentrum, Richtung Liebknechts Geburtshaus. Es war die erste selbst organisierte Demonstration in der DDR ohne kirchlichen Hintergrund seit 1953. Am Ende gab es zwar 53 Festnahmen, doch alle wurden noch am selben Abend wieder freigelassen. Die Stadt war, so empfanden es viele, die dabei gewesen waren, nach diesem Tag eine andere.
Anita, Fred und einige ihrer Freunde hatten sich beim Demonstrieren die Studenten der 68er-Bewegung im Westen zum Vorbild genommen – von ihnen studierten aber nur die allerwenigsten. Die Mehrheit der friedlichen Revolutionäre von 1989 hätte gern eine Hochschule besucht. Doch ihnen war der Zugang schon früh verwehrt worden, viele durften nicht einmal Abitur machen. Wer sich gegen das System stellte, wurde schon als Schüler diszipliniert.
Fast jeder der jungen Leipziger Demonstranten kann dazu eine Geschichte erzählen, individuelle Geschichten zwar, doch in ihrem Kern alle ähnlich. Fred etwa war nicht nur das Abitur an der Schule verboten worden. Nach der Tischlerlehre, die er stattdessen begonnen hatte, untersagten die Oberen ihm auch jegliche Weiterbildungsmöglichkeit, selbst das Nachholen des Abiturs an der Volkshochschule. Fred kämpfte, legte beharrlich innerhalb von zwei Jahren die Prüfungen für das Reifezeugnis in sechs einzeln belegten Fächern ab. Einen Studienplatz erhielt er trotzdem nicht. Seit dem Sommer 1988 stand er unter Landesarrest, er durfte die DDR nicht einmal mehr Richtung Polen oder Ungarn verlassen. Verständlich, dass in jemandem wie ihm die Wut gärte.
Bei Rainer hatte es gereicht, dass er als 14-Jähriger nicht zum Jugendweiheunterricht gegangen war und mit 15 das Abzeichen der unabhängigen Friedensbewegung "Schwerter zu Pflugscharen" an der Jacke trug. Er hatte es obendrein gewagt, das Abzeichen in der Schule zu verteilen und die Aktion auch noch bei einer Aussprache mit dem Direktor und fünf für die Schule zuständigen Parteimitgliedern verteidigt. Das stempelte ihn in ihren Augen zum Staatsfeind ab. Eine Zukunft in ihrem System: ausgeschlossen. Nach der zehnten Klasse musste Rainer die Schule verlassen und eine Maurerlehre machen.
Selbst wer sich zur Armee verpflichtete, hatte keine Garantie auf einen Studienplatz. Uwe aus der Leipziger "Initiativgruppe Leben", die 1988/89 durch ihre spontanen und provokativen öffentlichen Aktionen die Ereignisse vorantrieb, träumte als Jugendlicher von der Handelsflotte und hoffte, nach dreijähriger Armeezeit einen Studienplatz zu bekommen. Er diente auf einem Flugplatz in Rothenburg bei Görlitz und verbrachte seine Zeit mit dem Reparieren von Kampfjets, Typ MiG 21. Er bekam mit, dass die DDR für den syrischen Verbündeten und Diktator Hafiz al-Assad heimlich dessen Kampfbomber reparieren ließ. Die Volksarmee, so lernte er zudem, ist ein Spiegelbild dessen, was in der ganzen Gesellschaft passiert, nur noch krasser und ungeschminkter: Unterordnung, Anpassung, Opportunismus, Lüge, Verrat. Was ihn besonders auf die Palme brachte: Im letzten Jahr, kurz vor dem Ende der Armeezeit, gehörten die jungen Männer zu den "EKs", den Entlassungskandidaten. Sie drangsalierten und demütigten nach Lust und Laune die Neuen. Uwe verweigerte sich dem bösen Spiel – und eckte bei den Offizieren an. Mit der Handelsflotte und einem Studium wurde es nichts. Die drei Jahre hatte er umsonst geopfert. Zum Abschied sagte ihm sein Vorgesetzter nur einen Satz: "Ich werde dafür sorgen, dass Sie in der Kohle, im Tagebau, landen!"
So ging es fast allen oppositionellen Jugendlichen: Sie hatten beruflich nicht viel zu erwarten, bekamen nur Aushilfsjobs wie Telegrammbote, Friedhofsgärtner, Altenpfleger oder Küchenhilfe. Irgendeinen Job mussten sie den Behörden nachweisen, denn es drohte der aus der Nazizeit stammende "Asozialenparagraf". Wer nicht arbeitete, konnte in DDR-Besserungsanstalten namens "Jugendwerkhof" gesteckt werden.
Micha gehörte zu den wenigen Studenten in der "Initiativgruppe Leben". Der angehende Zahnmediziner war Anfang 1988 auf die bunte Oppositionsgruppe bei den Friedensgebeten in der Nikolaikirche gestoßen. Da hatte er gerade die Absicht aufgegeben, einen unabhängigen Studentenbund an der staatlichen Uni zu gründen. Mit Hilfe eines Professors hatte er es sogar geschafft, einen Hörsaal für ein paar Diskussionsrunden nutzen zu dürfen. Aus den Teilnehmern, so hatte er gehofft, könnte der Kern einer nichtstaatlichen Studentengruppe werden. Das hatte er dem Professor allerdings so nicht gesagt, sondern Gespräche über Schwangerschaft oder Gentechnik angekündigt. Doch einfach mal so selbstständig einen Hörsaal nutzen, überschritt schon die Grenze des Erlaubten. Der Professor bekam mit der Hochschulleitung erheblichen Ärger, Micha wäre beinahe von der Uni geflogen.
Und er wäre noch aus einem anderen Grund fast exmatrikuliert worden. Als Micha im Januar 1988 von den Verhaftungen Oppositioneller in Ostberlin hörte, schrieb er einen Brief an Erich Honecker: Menschen müssten doch frei ihre Meinung sagen können. Er bekam niemals eine Antwort, stattdessen musste er zu Disziplinargesprächen beim Prorektor der Leipziger Universität erscheinen. Nur eine ihm wohlgesinnte Seminargruppenleiterin, die er über sein Schreiben informiert hatte, konnte seinen Rausschmiss knapp verhindern.
Unter den wenigen Studenten bildeten ausgerechnet Theologiestudenten einen besonderen Schwerpunkt. Das Leipziger Theologische Seminar war ein sich ständig nachfüllendes Sammelbecken für unangepasste Jugendliche, subversive Unruhegeister und Individualisten aller Art. Im ganzen Land hatte der Staat nur drei evangelische Hochschulen anerkannt, in Leipzig, Naumburg und Ostberlin. Es waren Inseln in der DDR, mit hochgebildeten Dozenten, eine Gegenwelt großer geistiger Freiheit. In Leipzig konnte man auch ohne Abitur nach einem Jahr Vorausbildung studieren. Deshalb fanden sich dort viele zusammen, denen aus politischen Gründen das Abitur verwehrt worden war. So entstand ein spannender Mix aus jungen Leuten, die obendrein die leer stehenden, heruntergekommenen Altbauwohnungen besetzten und ein Stück alternative WG-Kultur praktizierten. Jochen etwa hatte zunächst in Halle an der staatlichen Uni Theologie studiert, war aber zusammen mit seinem Freund Thomas und acht weiteren Studenten exmatrikuliert worden. Sie hatten sich geweigert, in den Semesterferien an einem sechswöchigen Zivilverteidigungslager teilzunehmen. Danach studierte Jochen am nichtstaatlichen Theologischen Seminar der evangelischen Kirche weiter, wo es keine vormilitärische Erziehung gab. Allerdings bekam er dort auch bald Probleme mit der Kirche, hatte er sich doch inzwischen von christlichen Glaubensdogmen abgewandt und in der Leipziger Peterskirche zu "atheistischen Andachten" eingeladen. Das kam bei seinen evangelischen Dozenten nicht gut an, er verlor sein Kirchen-Stipendium. Das Geld zum Leben verdiente er fortan als Straßenmusiker – ohne Genehmigung der Behörden. Außerdem hatte er zwei Putzstellen. In diesem Milieu wuchs der Widerstand gegen die Verhältnisse, die ein selbstbestimmtes Leben verhinderten. An einem Septembermorgen waren es zwei Frauen aus der Gruppe, die in einer der Leipziger Bruchbuden zusammensaßen und eine Losung ersannen, sie auf Großmutters Bettlaken malten und auf die Straße trugen. Eine Losung, die auch heute noch gilt: Für ein offenes Land mit freien Menschen!
PETER WENSIERSKI
ARCHIV BÜRGERBEWEGUNG LEIPZIG
Von Peter Wensierski

UniSPIEGEL 2/2017
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