08.07.2017

Lehrn|plat|form... {die}

Kann man eine Doktorarbeit schreiben, wenn man schon vor einfachen Worten kapituliert? Bernhard Schneider, 36, promoviert in Wirtschaftsinformatik in Würzburg – als Legastheniker, mit Schwerbehindertenausweis.
Herr Schneider, herzlichen Glückwunsch zur fertigen Doktorarbeit. 320 Seiten sind eine Menge Text. Was war das schwierigste Wort?
Lernplattform. Ich habe bestimmt 36 neue Schreibweisen kreiert. Dabei ist das der zentrale Begriff meiner Dissertation: Ich untersuche, wie man E-Learning-Plattformen so gestaltet, dass Schüler motiviert dabeibleiben. Sogar auf dem Titelblatt habe ich das Wort falsch geschrieben. Wie schafft man es, mit einer Rechtschreibstörung eine Dissertation zu verfassen? Ich habe sie zuerst einer Spracherkennungssoftware diktiert. Ich sage zum Beispiel: "Der Versuch war erfolgreich, 48 Prozent der Probanden waren weiblich und 52 Prozent männlich." Der Computer erkennt dann aber oft einige Worte nicht richtig und baut Fehler ein. Die versuche ich zu korrigieren, und dabei entstehen dann immer wieder neue Patzer, wie: "84 Prozent männlich, 52 Prozent weiblich, Test gut läuft." Jedes Wort unterschlängelt die Rechtschreibprüfung rot, ich bringe die Satzstellung durcheinander und mache Zahlendreher, was tödlich ist bei einer statistischen Arbeit. Mein Professor und meine Kollegen haben jetzt alle Werte überprüft, wahrscheinlich kennen sie meine Ergebnisse jetzt besser als ich. Den fertigen Text hat eine Hilfskraft korrigiert. Dazu haben wir jeden einzelnen Abschnitt nummeriert. Sie rief ständig wieder an: "Was zum Himmel meinst du im Absatz 1.5 auf Seite 1?!" Zwei volle Monate ging das so. Ich fürchte, die arme Frau wird nie wieder ein Wort mit mir reden. So schlimm? Ehrlich gesagt: Wir haben alle unterschätzt, wie hart das wird. Meine Doktorandenstelle wurde im Rahmen eines Pilotprojekts für Promovierende mit Behinderung geschaffen. Deswegen bekam ich eine zusätzliche Assistenz. Aber das reichte oft nicht, und die Kollegen sind nicht glücklich, wenn sie ständig meine Vortragspräsentationen oder Konferenzpapiere korrigieren müssen. Da gehen sie einem irgendwann aus dem Weg, wenn man mit einem Manuskript durch die Gegend läuft. Ich kann sie verstehen: Der Druck im Wissenschaftsbetrieb ist groß, die haben alle schon genug zu tun. Wollten Sie zwischendurch hinwerfen? Schon. Aber ich war in einem Inklusionsvorzeigeprojekt, da darf nichts schiefgehen. Hätte ich abgebrochen, wären viele enttäuscht gewesen, und die Skeptiker hätten sich bestätigt gesehen. Ich wollte ihnen das Gegenteil beweisen. Und mir auch. Würden Sie sich also wieder so entscheiden? Ja. Ein Lehrer sagte mal, ich könne nur in einer Behindertenwerkstatt Arbeit finden. Dann hieß es, ich solle froh sein, dass ich überhaupt einen Schulabschluss geschafft hätte, und jetzt nicht auch noch studieren. Aber ich will mich nicht bremsen lassen. Ich laufe so lange gegen die Mauer, bis sie bricht.
Interview: Bernd Kramer
Von Bernd Kramer

UniSPIEGEL 4/2017
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