08.07.2017

Auge um Auge Wort um Wort

Trump-Anhänger: Sind das nicht ungebildete Rednecks, mit schlechten Zähnen und rassistischen Vorurteilen? Falsch. Es gibt auch viele Studenten, die ihn gewählt haben – und den Kampf um Amerikas Selbstverständnis an die Unis tragen. An den Hochschulen der USA wird gestritten wie selten zuvor. Von Lara Wiedeking "Unter Studenten hat es viele versteckte Republikaner gegeben." Mehr als 60 Prozent der 18- bis 29-Jährigen gingen nicht zur Wahl. "Die Wahl von Trump war ein Weckruf." – Meredith Forsyth, 19.
ashington, die letzten Tage des Semesters, es fühlt sich immer noch fürchterlich an: Die Studenten des Demokraten-Klubs sitzen im Keller eines roten Backsteinhauses an der altehrwürdigen Georgetown University. Sie müssen noch einige Dinge besprechen, bevor sie in die Sommerpause gehen. Den üblichen "Orga-Kram". Aber am Ende landen sie wieder bei der Nacht, die alles verändert hat: der Wahlnacht im November, in der Donald Trump triumphiert hat, auch über sie. Ihre Idee von Amerika. Wie Studenten an einer amerikanischen Universität miteinander reden, umgehen, leben sollten. Respektvoll, diplomatisch – was ihre Gegner eben als "politisch korrekt" bezeichnen und verachten.
Caroline Healy, 19, studiert Politik und Soziologie. Sie hatte sich in der Wahlnacht mit anderen Studenten zum "Rudelgucken" getroffen und am Ende Tränen in den Augen: "Es war die traurigste Nacht in meinem Leben." Sie konnte es damals nicht fassen, kann es bis heute nicht verstehen: "Zu sehen, wie die Ergebnisse reinkommen, hat mir das Herz gebrochen. Ich bekomme immer noch Kopfschmerzen, wenn ich daran denke."
Dieselbe Stadt, aber ein ganz anderes Gefühl: Sara Doughertys Herz hüpft immer noch – vor Begeisterung. Sie studiert Politische Kommunikation an der George-Washington-Universität und ist das Sprachrohr der College Republicans. Vor einigen Wochen hat sie Kellyanne Conway im Weißen Haus getroffen, die Sprecherin des undiplomatischsten Präsidenten aller Zeiten. Sie sagt: "Eine großartige Frau." Seitdem kämpft sie noch eifriger: "Wir haben eine Rekordzahl an Neuzugängen", erzählt sie bei einem schnellen Kaffee. Die Zeit ist knapp, bald sind Abschlussprüfungen. Aber die Botschaft ist ihr wichtig: "Unter den Studenten hat es viele versteckte Republikaner gegeben, die sich endlich raustrauen." Sagen, was sie denken, tun, was sie wollen, ohne Angst haben zu müssen, dafür verurteilt zu werden. "Viele stehen plötzlich stolz zu ihrer Überzeugung", so Sara Dougherty.
Der neue Präsident spaltet nicht nur Amerika, er spaltet auch die amerikanischen Universitäten. Dort wird der Kampf darum, wie das Land sein soll, so heftig geführt, wie vermutlich noch nie. Was soll erlaubt sein, was nicht? Was darf man in der Ära Trump sagen, und was wird man angeblich doch mal sagen dürfen? Und was – Oh, my God! – auf keinen Fall, weil jedes harte Wort angeblich den Tatbestand der Menschenrechtsverletzung erfüllt? Zwar war die Stimmung an den Unis schon aufgeladen, bevor Donald Trump zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde. Aber weil die Diskussion an der Bruchkante von Trump-Anhängern und -Gegnern verläuft, hat sein Sieg die Gräben noch mal vertieft.
Auf dem Campus in Washington verspotten jetzt Republikaner Demokraten wie Caroline Healy: "Pussy", "Träumerin", "Heulsuse". Und höhnen: Sie sei doch eine dieser "zarten Schneeflöckchen", nicht gemacht für die Wirklichkeit. Wie die neue Wirklichkeit aussieht, zeigte sich bereits sieben Tage nach der Wahl: Ein paar Jungs stießen auf dem Campus eine Frau zu Boden, johlten: "Nimm dein Kopftuch ab." Das war noch, bevor Trump das erste Einreiseverbot gegen Menschen aus sieben muslimisch geprägten Ländern verhängte.
Aber der Kampf mit Fäusten ist eher selten, vielmehr tobt an den Unis ein Kampf um Worte. Worte, die weh- tun können, alte Wunden aufreißen können, Angst verbreiten können. In den USA warnen viele Professoren ihre Studenten, bevor sie zum Beispiel einen Film mit gewalttätigen Szenen zeigen. Damit diese selbst entscheiden können, ob sie sich das antun wollen oder nicht. Ähnliches gilt für rohe, sexistische oder rassistische Sprache in Büchern. Sie könnte Angstreaktionen auslösen – also Menschen triggern – so die Befürchtung. Das Taktgefühl ist mittlerweile so ausgeprägt, dass Studenten der New Yorker Columbia-Universität sogar eine Warnung für ein Werk Ovids forderten. Der römische Dichter hat vor 2000 Jahren Verse über die Vergewaltigung der Philomel geschrieben. Die Hochschüler argumentierten: Sie könnten die Seele Einzelner verletzen.
Es gibt demokratische Gruppen, wie an der Georgetown, die ähnlich denken. Sie würden sogar Literaturklassiker aus den Bibliotheken entfernen, um einen sicheren Ort zu schaffen, eine Art "heile Welt", einen sogenannten Safe Space.
Ihre Gegner, die politisch eher rechts stehen, wollen keine Zensur, fordern "Free Speech": streiten, hart um die beste Lösung ringen, die Lücken in der Argumentation der Gegenseite scharf herausarbeiten. Lustvoll brechen sie jedes Tabu, zündeln in Debatten um den Islam und den Israelkonflikt, um Gender- und Migrationsfragen. Genau die Themen, vor denen progressive Gruppen den Campus und persönlich betroffene Studenten schützen wollen.
Wie unversöhnlich sich beide Seiten gegenüberstehen, wird deutlich, wenn ein prominenter Gast auf einem Campus erwartet wird. Als Vizepräsident Mike Pence eine Abschlussrede an der christlichen Universität Notre Dame hielt, standen Studenten auf und verließen demonstrativ den Saal. Zu gewaltsamen Auseinandersetzungen kam es, als der Posterboy der Jungkonservativen, Milo Yiannopoulos, an der Universität Berkeley in Kalifornien einen Vortrag halten wollte. Im Wahlkampf hatte er Hillary Clinton "Kriegshetzerin" und "ultimative Heulsuse" genannt, Donald Trump hingegen "Daddy" und "wundervollen Präsidentschaftskandidaten". In einem YouTube-Video sitzt er in einer Wanne voller Schweineblut und hetzt: Er bade im Blut unschuldiger Menschen, die von "illegalen Einwanderern" getötet worden seien. Unverhohlener Hass, verbale Brutalität: Das wollten seine Gegner nicht hören. Vermummte warfen Steine und Molotowcocktails auf Polizisten, die den Redner schützen sollten. Die Veranstaltung wurde abgesagt.
Wo endet die freie Meinung? Wann wandelt sie sich in Hass? An der katholischen Georgetown-Universität in Washington kam es zum Eklat, als Nonie Darwish vom Rednerpult rief: "Der Islam muss bekämpft, erobert und ausgelöscht werden." Die zum Christentum konvertierte Muslimin bezeichnet sich selbst als Frauenrechtlerin. Für Demokraten ist sie jedoch ein "Hate Speaker" – eine Hasspredigerin. Selbst Republikaner zweifeln, ob man ihr ein Forum bieten darf. Nach ihrem Auftritt trat jedenfalls Javon Price, Vorstand der Georgetown Republicans, von seinem Amt zurück.
Protestmärsche zum Weißen Haus. Boykottaufrufe gegen Trump-Produkte. Solidaritätsbekundungen für Studenten aus dem Ausland. Dass US-Universitäten zur Kampfzone der neuen politischen Ära werden, zeichnete sich spätestens ab, als Trump ankündigte, dass er hart gegen illegale Einwanderer durchgreifen wolle. An den Colleges spürt man die Unruhe, wenn die amerikanische Immigrationspolizei ICE auftaucht. Denn nach Schätzungen des Pew-Meinungsforschungsinstituts leben in den Staaten bis zu 225000 "illegale" Studenten. Hochschulen wie Yale oder Florida State erklärten sich bereits zu "Sanctuary Universities" und lassen die ICE-Beamten nicht mehr auf den Campus. Das Problem ist jedoch auch ein finanzielles. Gut 40 Prozent der US-Universitäten melden einen Bewerberrückgang von internationalen Bewerbungen. Studenten, die der US-Wirtschaft schätzungsweise 32 Milliarden US-Dollar im Jahr bringen.
Die schlechte Stimmung auf dem Campus wird durch das schlechte Gewissen vieler Millennials verstärkt. Aufgewachsen unter einem schwarzen Präsidenten, war es für sie selbstverständlich, dass Homosexuelle heiraten dürfen und Klimaschutz wichtig ist. So unverrückbar und unantastbar schienen die Rechte, dass über 60 Prozent der 18- bis 29-Jährigen gar nicht erst wählen gingen. Erst Trumps Sieg rüttelte sie wach. Im Januar marschierten Hunderttausende Menschen zum Weißen Haus, um gegen den Amtsantritt zu demonstrieren, darunter Zehntausende Studenten. Und als der Präsident jüngst aus dem Pariser Klimaabkommen ausstieg, gaben Dutzende Universitäten bekannt, dass sie sich dennoch an die ausgehandelten Ziele halten wollten.
Die Gegenwehr geht noch viel weiter: An der Elite- universität Harvard haben Studenten eine "Resistance School" gegründet, um den Aufstand zu proben – buchstäblich. "Wir sehen uns als lehrenden Arm des Widerstands", erzählt Jurastudent Joe Breen, 27. Er und mehrere Kommilitonen hatten am Wahlmorgen entsetzt den Jubel der Republikaner gehört: Trump, Trump, Trump. Doch wie kann man Lügner entlarven, sich gegen Verleumdungen wehren, eine Diskussion gewinnen? Es gab bereits vier Vorlesungen zum Thema "Politischer Widerstand". Sie wurden anschließend ins Netz gestellt und über 50000-mal geklickt.
Demokraten gegen Republikaner. Inzwischen ist die Debatte über die Debatte so aufgeladen wie die Themen selbst: Religion, Politik, der Israel-Palästina-Konflikt. An liberalen Universitäten ducken sich junge Konservative meist weg, andere entwickeln sich zu Kämpfern; sie provozieren und argumentieren gnadenlos. So wie Trump-Berater Stephen Miller, 32, Sohn liberaler, jüdischer Eltern, der an der Duke-Universität in North Carolina studierte und sie als erzkonservativer Selbstdarsteller verließ.
Schmächtig, schmale Schultern, schütteres Haar. Scheinbar unscheinbar, aber wenn er auf einem Podium steht, wird er zum Anheizer, der Angst verbreitet und Vorurteile schürt: "Ihr habt morgen die Wahl, mit eurer Stimme endlich dieser Korruption, diesem Betrug und dieser Unfähigkeit ein Ende zu setzen, die das Leben von Millionen Amerikanern zur Hölle gemacht haben", wetterte Miller im April in Milwaukee, Wisconsin. Der Saal tobte, als er dann auch noch über "Wall-Street-Extremisten", "radikale Globalisten" und Gastarbeiter schimpfte, "die euch und euren Kindern, Brüdern und Schwestern die Jobs streitig machen".
Es ist ein Hin und Her von Provokationen, das durch die Wahl von Trump verschärft wurde.
Amanda Tidwell, 22, hört einfach nicht mehr hin. Wenn sie an der Ohio State University ihr Notebook aufklappt, wird sie ständig beschimpft. Denn auf dem Laptopdeckel kleben lauter Trump-Sticker: "Make America great again", dazu viele blaue Sternchen und rot-weiße Streifen. Die BWL-Studentin lacht: "Diese Hysterie. Es scheint, als wollten Liberale niemanden, der ihnen widerspricht." Viele ihrer Freunde sind jedoch nicht so selbstbewusst. Tidwell schreibt für die überregionale Campus-Zeitung "The College Fix". In Interviews darf sie die meisten nicht zitieren. Sie haben Angst vor Anfeindungen.
Im Keller in Washington, wo der Vorstand der Georgetown Democrats vor den letzten Stücken der kalten Pizza hockt, kennt man die Argumente der Konservativen. Emma Vahey, 18, wird unwirsch: "Die erzählen immer, dass sie nach der Wahl von Obama schließlich auch nicht geheult haben." Aber diesen Vergleich lässt sie nicht gelten: "Damals musste sich niemand Sorgen um seine Existenz machen." In ein paar Tagen ist Abschlussfeier. Viele Eltern ihrer Freunde werden nicht kommen, weil sie sich nicht ins Land trauen. Der "Muslim-Bann" schwebt über allem, und niemand weiß, welche Dekrete Trump als Nächstes erlässt. Meredith Forsyth, 19, Vorsitzende des Klubs, sieht indes auch eine positive Seite: "Die Wahl von Trump war ein Weckruf. Wir waren viel zu selbstgefällig, dachten, es sei alles in Ordnung. Es gibt viel zu tun."

UniSPIEGEL 4/2017
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