08.07.2017

Laufen – Pose – Laufen

Veit Alex ist ein Mann. Und ein gefragtes Model – für Frauenkleider.
Das Model stolziert in einem hautengen Paillettenkleid auf zehn Zentimeter hohen Absätzen durch die Garderobe und begutachtet sich in einem der wandhohen Spiegel von hinten: "In dem Kleid habe ich schon ein bisschen einen Hintern wie Kim Kardashian. Nicht, dass es auf dem Laufsteg platzt."
Die Stylisten beschwichtigen, alles sei wunderbar. Auch das rotblonde Model ist schließlich überzeugt, dass die grün glitzernde Robe passt, und scherzt: "Ich sehe aus wie ein glamouröser Frosch." Ein Frosch, der – durch die hohen Hacken der Pumps – rund zwei Meter groß ist.
Denn die elegante Erscheinung, Wimpern getuscht, die langen Haare zum Dutt frisiert, ist ein Mann: Veit Alex, 22 Jahre alt. Ein bisschen anders als alle anderen war er immer schon. In der Schule wurde er manchmal wegen seiner weichen Gesichtszüge gehänselt. "Bist du ein Junge oder ein Mädchen?", haben ihn Mitschüler gefragt. "Ich war damals ein unsicherer Junge in der Pubertät. Natürlich hat mich das verletzt."
Heute ist das androgyne Äußere sein Trumpf – genau deshalb ist er so gefragt. Für seine Fotoshootings reist er quer durch Europa, arbeitet für Marken wie L'Oréal, MAC Cosmetics oder Riani; er lief schon auf der Fashion Week in Berlin, war in der italienischen "Vogue". Er ist etwas Besonderes: eines der wenigen androgynen Models in Deutschland.
Normalerweise buchen Modeschöpfer männliche Models, damit sie das männliche Ideal verkörpern: maskulin, muskulös, kantig. Nicht so bei Veit, der bei Shootings in der Regel in Kleider schlüpft. Manche sagen deshalb: "Der muss doch schwul sein." Seine Freunde sagen: "Er ist einfach Veit, ein kleines bisschen verrückt, aber sympathisch." Seine Oma sagt: "Mach das, was dich glücklich macht, Junge." Veit sagt: "Ich liebe diesen Beruf." Schwul sei er nicht, das ist ihm wichtig. Auch der Vergleich mit Transfrauen passe nicht, betont er. "Ich verwandle mich nicht in eine Frau. Ich bin ein Mann mit einem weiblichen Look." Es ist das Androgyne, was ihn reizt, das Dazwischen-Sein. "Ich würde niemals Silikonpolster tragen, wenn der Kunde sich das nicht explizit wünscht." Der Bruch soll sichtbar sein.
Als der 22-Jährige das Frankfurter Wella-Studio, in dem später die Show stattfinden soll, um sieben Uhr morgens betritt, ist er ungeschminkt, trägt eine dunkle Hose, ein weißes T-Shirt mit einem aufgedruckten Kreuz, darüber einen grauen Blazer. Seine Haare hat er zum Zopf gebunden, die Seiten sind abrasiert. Er nimmt auf einem Schminkstuhl Platz und versucht zu erklären, wie es dazu kam, dass er nun beruflich Paillettenkleider trägt.
Alles begann vor drei Jahren in der Essener Fußgängerzone: Veit nimmt an einem Schaufensterpuppenwettbewerb teil. Wer bei den Passanten als Puppe überzeugt, kann 10000 Euro gewinnen. Veit gewinnt nicht. Aber an diesem Tag wird ein Designer auf ihn aufmerksam, der ihn später bei Facebook sucht und zu einem Shooting nach Mönchengladbach einlädt.
Erst will der Oberstufenschüler absagen, dann fährt er doch zu dem Termin, er ist gespannt, neugierig. Die Visagistin fragt ihn, welche Farbe denn sein Lidschatten haben solle. Lidschatten? "Ich war total irritiert", sagt Veit. Schließlich klärt sie ihn auf: Er soll als Frau zurechtgemacht werden. "Ich wollte direkt wieder gehen", sagt Veit. Dann lässt er sich doch überreden. Wider Erwarten macht ihm das Shooting Spaß. Die grazilen Bewegungen, die der Fotograf von ihm verlangt, fallen ihm leicht.
Models, die sich zwischen den Geschlechtern bewegen, sind selten. Veit kennt in Deutschland nur drei weitere. Während seiner nunmehr dreijährigen Karriere ist er in den Umkleiden meist allein unter Frauen mit perfekten Maßen. Auch auf internationalen Laufstegen sind androgyne Typen eine Rarität: Bekanntestes Beispiel ist das jugoslawische Model Andreja Pejić. An der letzten Staffel von "Germany's Next Topmodel" nahmen zwei Transgender-Frauen teil. Aber Werbung und Laufstege sind nach wie vor das Revier von Frauen und Männern, die dem gängigen Schönheitsideal entsprechen.
In den westlichen Gesellschaften herrsche immer noch die "heteronormative Vorstellung" vor, dass es nur zwei Geschlechter gebe, die sich in ihren Merkmalen oppositionell gegenüberstünden, erklärt die Geschlechterforscherin Stephanie Michalczyk von der Universität Göttingen. "Diejenigen, die dazwischen sind, also weder ausschließlich weibliche noch männliche Eigenschaften aufweisen, gelten als nicht der Norm entsprechend und erfahren oft Abwertungen." Immer noch haben wir also abgespeichert: Rundungen gleich Frau, Muskeln gleich Mann. Veit passt in keine dieser Schubladen: Seine Gesichtszüge sind weich, seine Statur nicht.
Das erste Shooting als androgynes Model in Mönchengladbach war ungewohnt. Doch dann wird er für einen Laufstegjob in Mülheim an der Ruhr empfohlen. Wochenlang überlegt er, ob er da hingehen soll, ob er das wirklich will. Von seinem ersten Shooting hat er niemandem erzählt, nicht einmal seinen engsten Freunden. "Ich hatte Angst, anders wahrgenommen zu werden", sagt er. Als er seine Freunde schließlich einweiht, erhält er viel Rückendeckung. "Geh da hin, mach das", sagen sie. "Du warst schon immer so ein verrückter Typ, das passt zu dir."
Vor Ort kommen ihm Zweifel. Aber dann ist er schon dran und soll über den Catwalk laufen, und noch einmal, diesmal mit Pumps bitte: Laufen – Pose – Laufen. Geschafft, mit zitternden Knien steht Veit vor den Modemenschen. Und die sind begeistert. Veit ist talentiert. Dieses "Laufsteglaufen", wofür kleine Mädchen jahrelang vor dem Spiegel üben, gelingt auf Anhieb, sogar mit Pumps. Drei Designer buchen ihn gleich für ihre Shows. Veit fühlt sich geschmeichelt. Vielleicht ist das ja seine Berufung?
"Irgendwie ist das mit dem Modeln ja auch Kunst", überlegt er. Dann zweifelt er wieder: Wie lange man das wohl machen kann, fragt er sich. Vielleicht bis 30?
Auch seine Großmutter zieht er jetzt ins Vertrauen. Sie bestärkt ihn besonders: "Wenn ich eins im Leben gelernt habe, dann ist es, dass man das machen soll, was Spaß bringt, solange man damit keinem schadet."
Das ist der springende Punkt: Anderen würde er wohl nicht schaden. Aber sich selbst? Ist er auf Dauer stark genug für diesen Rollentausch? Die Mitschüler im Internat im Münsterland wissen zunächst nicht Bescheid, bis einer an einem Wochenende auf seine professionelle Model-Facebook-Seite aufmerksam wird. Daraufhin bekommt Veit etliche WhatsApp-Nachrichten: Bist das wirklich du? Veit antwortet nicht. Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch fährt er am Montagmorgen zurück ins Internat. "Da kommt das Model", rufen sie ihm entgegen. "Welches Kleid trägst du beim Abiball, Veit?" Veit ist genervt, zieht sich zurück.
Bei vielen Partys am Wochenende ist Veit jetzt außen vor. Während seine Mitschüler feiern, hält er Schönheitsschlaf. Hat er nicht ziemlich viel verpasst? "Ich bereue das überhaupt nicht", sagt er heute, "ich habe dadurch ja viel erreicht." Während die anderen sich um einen Studienplatz kümmern, zur Berufsberatung gehen oder Bewerbungen schreiben, startet Veit im Job durch. Er erhält immer neue Aufträge, lässt die Haare wachsen, um noch öfter gebucht zu werden. Noch bevor er seine Abiturprüfungen schreibt, läuft er bei der Fashion Week in Berlin. Schließlich landet er sogar in der italienischen "Vogue".
"Ich war megastolz", sagt er. Auf dem Foto, das schließlich als bearbeitete Illustration in dem Modeheft erscheint, trägt er einen schwarzen Kapuzenpulli. Seine Lippen sind rot, seine Wimpern weiß, er hat den Kopf in den Nacken gelegt, die Augen geschlossen, um ihn herum Blüten und Totenköpfe, eine morbide Version von Rotkäppchen. Veit ist tatsächlich Kunst geworden. Zwischen Leben und Tod, zwischen Mann und Frau.
"In der Modewelt fühle ich mich frei", sagt Veit. Es ist, als hätten die Modemacher ihm einen Schlüssel für eine bis dahin unbekannte Welt in die Hand gedrückt. "Sobald ich in ein Kleid schlüpfe, bewege ich mich anders, nicht mehr so tollpatschig wie normalerweise, sondern irgendwie weicher." Dass sein Äußeres auf einmal gefragt ist, hat ihm Selbstbewusstsein verschafft. Manchmal gibt er sogar Schmink-Tutorials auf Facebook, erklärt seinen Tausenden Zuschauern, wie man den perfekten Lidstrich zieht. Da ist er jetzt Experte.
Was macht Veit für Modehäuser so reizvoll? "Das Inszenieren von Menschen, die von der Norm abweichen, bringt den Mode-Labels zusätzliche Aufmerksamkeit", erklärt die Forscherin Michalczyk. Es stehe für: Individualität, Besonderheit, Exklusivität.
Darum geht es auch heute bei der Vorstellung der neuen Kollektion der Friseurvereinigung "Intercoiffure". Der Veranstalter schreibt in seiner Einladung: Man habe Altersgrenzen, Herkunft, Kleidergrößen und Geschlechterklischees über Bord geworfen. Ein älteres, ein dunkelhäutiges und ein sogenanntes curvy, also kurviges Model (das im Gegensatz zum Rest normalgewichtig ist) laufen in edlen Kleidern über den Catwalk und werden danach auf der Bühne frisiert. Der Star der Show aber ist Veit. Zu einer Abwandlung von Leonard Cohens "Hallelujah" schreitet er in seinem grünen Glitzerkleid über die Bühne und faltet die Hände.
Veit ist gertenschlank wie seine Kolleginnen – allerdings trägt er im Gegensatz zu ihnen eine "Bauch-weg-Hose". Denn auch wenn er seinen Beruf liebt, hungern will er nicht, und auf Sport hat er keine große Lust. In der Umkleide werden Karotten gereicht – für die Figur. Veit winkt ab und kramt aus seiner Tasche Croissants hervor, die er morgens vom Hotelbuffet stibitzt hat. Nach einer Show isst er auch gern mal Bratkartoffeln mit Sauce hollandaise. Aber dann ärgert er sich doch wieder über einen Pickel auf der Stirn. Er beobachtet ihn kritisch im Spiegel. Er pudert ihn ab. Sein Schminktäschchen hat er immer bei sich.
Für seine analogen Freunde hat er jetzt weniger Zeit, andererseits ist er so viel in Deutschland unterwegs, dass er oft in deren Studentenstädten zu Besuch ist. Sie essen dann zusammen und entspannen in Jogginghosen zu Hause vor dem Fernseher. Das perfekte Gegenprogramm zum Modelalltag.
In seiner Freizeit kleidet er sich nach wie vor eher maskulin, trägt die Haare meist in einem lockeren Dutt. Irritierte Blicke erntet er trotzdem immer wieder mal, zum Beispiel, wenn er – schon geschminkt – auf dem Weg zu einer Laufstegshow ist. Um sich zu schützen, möchte er seinen richtigen Nachnamen nicht öffentlich machen. "Alex" ist sein zweiter Vorname, eine Abkürzung von Alexander.
Sein bisher schlimmstes Erlebnis: Bei einem Shooting in einem Dortmunder Hinterhof, bei dem er im Kleid, gepudert und geschminkt einen Schmollmund zieht und seine Hüfte raus streckt, wird er von zwei Männern angeschrien: "Ey, das ist 'n Mann! Wie widerlich ist das denn?" Und sie hören nicht auf. "Hier sind Kinder, muss man denen so eine Sauerei zeigen?"
"Es war eine brenzlige Situation", erinnert sich Veit, der den Hinterhof zusammen mit der Crew schnell verließ, sobald die Fotos geschossen waren. Er berichtete danach tief getroffen in einem Facebook-Eintrag von der "ersten wirklich negativen Reaktion" auf seine Arbeit. "Das möchte ich nicht noch einmal erleben." So ein Verhalten sei aber zum Glück die absolute Ausnahme.
Endlich habe ein Mann ihm sogar auf Facebook geschrieben, dass er seiner Frau gesagt habe, dass er hin und wieder gern Frauenkleider trage. Veits Weg, so der Facebook-Schreiber, habe ihn dazu motiviert. "Jetzt gehen die beiden manchmal zusammen als Frauen gekleidet feiern", erzählt Veit. "Ich hoffe, dass sich endlich mehr Männer trauen, ihre feminine Seite zu zeigen."
Manchmal stößt er allerdings genau dort auf Vorurteile, wo man sie nicht erwartet: "Viele denken, die junge Berliner Modebranche sei offen, aber das ist nicht unbedingt der Fall." Es gebe dort immer noch Vorbehalte, ein androgynes Model zu buchen. Für die Fashion Week 2016 hatte er an einem Tag zwölf Castings – und bekam nur Absagen. Manche Booker hätten ihn noch nicht einmal gemustert. "Da war ich schon sehr niedergeschlagen." Am nächsten Tag probiert er es trotzdem wieder, das Casting bei dem italienischen Mode-Label Riani steht an. "Dieser coole Creative Director, der die ganze Zeit seine Sonnenbrille trug, nahm sie auf einmal ab und sagte: 'Genau dich habe ich gesucht.'"
Bei der Fashion Week soll Veit als Ziggy Stardust, als Alter Ego des englischen Sängers David Bowie, auftreten, der kurz zuvor verstorben war. Veit kann sein Glück kaum fassen. "David Bowie ist ein großes Vorbild", sagt er. "Er ist der erste Künstler, der diesen androgynen Stil geprägt hat." Beim großen Finale läuft er mit dem rot-blauen Bowie-Blitz im Gesicht über den Laufsteg und macht das Victory-Zeichen. "Da sind all die Modeleute, die immer so emotionslos in der ersten Reihe sitzen, total ausgerastet."
Für ihn ist das eine große Genugtuung, vor allem gegenüber denjenigen, die ihn in der Schule wegen seiner weiblichen Züge aufgezogen haben. Um anderen jungen Menschen in einer ähnlichen Situation zu helfen, möchte er jetzt Vorträge an Schulen gegen Mobbing halten.
Wie es auf dem Laufsteg weitergehen soll? Da hat Veit schon eine Idee. "Ich möchte einmal bei der Show des Unterwäsche-Labels Victoria's Secret mitlaufen", schwärmt er. Ausgerechnet eine Veranstaltung, die ein ausgesprochen traditionelles Geschlechterbild verkörpert. "Die Veranstaltung aufzumischen – das wäre mein Traum."
Von Rebecca Erken

UniSPIEGEL 4/2017
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