08.07.2017

Aus der Asche

Der Islamische Staat zerstörte die Universität von Mossul, die zweitgrößte des Irak. Lehrende und Studenten machten trotzdem weiter – im Exil. Nach der Befreiung wollen sie an ihre alte Wirkungsstätte zurückkehren.
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Die Barbaren kamen im Juni 2014 nach Mossul, und nachdem sie schon acht Monate geschändet, gefoltert und getötet hatten, widmeten sie sich mal wieder dem, was sie am meisten fürchten: Wissen und Erkenntnis. Also gingen einige von ihnen zum Campus der Universität, holten Bücher aus der Bibliothek und setzten sie in Brand. Die Flammen schlugen auf das Gebäude über, und einige Stunden später stand dort nur noch eine ausgebrannte, rußgeschwärzte Ruine. Tausende wertvolle Bücher und alte Manuskripte waren für immer verloren.
Im Oktober 2016 startete das irakische Militär die Kampagne zur Rückeroberung Mossuls. Nachdem die Iraker die Mörderbande des IS drei Monate später aus der Osthälfte der Stadt gedrängt hatten, wurde der Hauptcampus der Uni wieder zugänglich. Ein Besuch war aber immer noch ein Sicherheitsrisiko, denn die Dschihadisten, die im Irak Daisch genannt werden, verschanzten sich am anderen Ufer des Tigris und bombardierten den Osten mit Mörsergranaten und selbst gebastelten Drohnenbombern. Ahmed al-Raschidi, der im Exil zum Vorsitzenden des Studentenverbandes ernannt worden war, ist trotzdem an seine alte Lehrstätte zurückgekehrt, um sich ein Bild von der Zerstörung zu machen.
Ahmed kennt die Bibliothek noch aus der Zeit, als er in Mossul Veterinärmedizin studierte. Viele Stunden saß er in den Lesesälen, um sich über Koliken und Knochenbrüche schlauzumachen. Zwischen Vorlesungen genoss er die Sonne in der Parkanlage, ein beliebter Treffpunkt für Studenten. Als der IS die Stadt stürmte, floh er mit seiner Familie ins nahe gelegene Erbil im kurdischen Autonomiegebiet.
Jetzt angelt er ein halb verbranntes Buch aus dem Aschehaufen. "Das hier ist ein Chemiebuch, in Englisch geschrieben. Daisch hat es verbrannt, weil es in der Sprache der Ungläubigen geschrieben ist", sagt er.
Auch Werke zur Islamwissenschaft sind anhand der arabischen Schriftzüge auf ihren verkohlten Buchdeckeln zu erkennen. Ein offener Umgang mit dem Glauben passte den selbst ernannten Gotteskriegern nicht ins Konzept, und Ahmed ist wütend über diese Engstirnigkeit. "Daisch hasst es, wenn jemand an der Universität studiert und lernt, eigenständig zu denken", sagt er.
Trotz der demonstrativen Bücherverbrennung und einer Weltanschauung, in der wenig Platz für Forschung und Wissenschaft bleibt, schloss der IS die Uni lange Zeit nicht. Stattdessen mühte sich die Terrorgruppe, die Bildungsstätte gleichzuschalten. Lehrpläne wurden radikal umgeschrieben. Fächer wie Musik und Kunst, die ihrer erzkonservativen Auslegung des Islams zuwiderlaufen, wurden abgeschafft.
"Zu Anfang wollte der IS die Dozenten sogar davon überzeugen, dass sich nichts ändern würde. Aber drei Monate nach Ankunft der IS-Kämpfer hatte er die Hochschule völlig umgestaltet", sagt Mohammed Dschresi, der an der Universität Mossul arabische Literatur lehrt.
Dschresi konnte Mossul nicht rechtzeitig verlassen, als der IS in die Stadt einfiel. Weil er vor seiner Flucht vor zwei Jahren den Campus mied, erzählten ihm Freunde und Kollegen, wie die Dschihadisten die Universität umkrempelten. Sie konnten auf ein erstaunliches Fachwissen zurückgreifen.
"Die Leute, die die Lehrpläne umgeschrieben haben, waren gebildete Fachkräfte, die aus Mossul oder aus Ländern wie Deutschland oder Frankreich kamen. Das erkannte man schon allein daran, dass die neuen Lehrpläne keine faktischen Fehler enthielten. Daisch hatte also Mediziner, Juristen und Pädagogen, um neue Lehrpläne aufzustellen", sagt Dschresi.
Die IS-Experten richteten die Uni gezielt darauf aus, die Gewaltherrschaft der Islamisten zu legitimieren und zu stärken. Theologieunterricht wurde darauf reduziert, Studenten für den Dschihad scharfzumachen. Die Fakultät wurde außerdem mit den Sportwissenschaften zusammengelegt, um die angehenden Krieger sowohl geistig als auch körperlich auf den Kampf vorzubereiten. Die Jurafakultät bildete Richter aus, um in Schariagerichten drakonische Urteile fällen zu können.
Chemie und Physik wurde an der Universität Mossul nicht mehr unterrichtet. Stattdessen sollen in den Laboren Waffen hergestellt worden sein, so der Verdacht. Noch bevor die Fakultäten bei Luftangriffen zerstört wurden, so vermutet Dschresi, räumte der IS sie leer und verfrachtete die Ausstattung in ein Industriegebiet im Westen der Stadt. Er glaubt auch, dass die Dschihadisten die Geräte benutzen, um Autobomben zu bauen. Schätzungsweise Hunderte mit Sprengstoff voll beladene und mit Stahlplatten gepanzerte Kamikazewagen sind seit Beginn der Schlacht um Mossul in die irakischen Linien gerast.
Dschresi geht davon aus, dass der IS Dozenten suchte, um sie zur Arbeit an der Uni zu zwingen. Einige wenige meldeten sich tatsächlich freiwillig zurück, um im neuen System zu unterrichten. Ihr Gehalt kam jetzt allerdings nicht mehr aus Bagdad, sondern vom "Islamischen Staat". "Von den bereits eingeschriebenen Studenten kehrte nur ein Bruchteil zurück", sagt Herr Atasch. Aus Furcht vor der Terrorgruppe will er seinen richtigen Namen nicht preisgeben. Nur so viel: Er lehrte an der Uni Chirurgie, bis ihm Ende 2015 die Flucht aus Mossul gelang.
"Sie haben versucht, die medizinische Fakultät am Laufen zu halten, aber es war eine totale Katastrophe. Früher habe ich 200 Studenten unterrichtet. Unter dem IS waren es nur noch 4 oder 5, meist IS-Sympathisanten. Am Ende haben sie die Fakultät dann geschlossen", erzählt Atasch. Zwei Direktoren gab es an der IS-Universität, so Dschresi. Über den ersten ist wenig bekannt, doch Anfang 2015 rückte ein Deutscher an die Spitze. Der Mann soll Mitte vierzig und ägyptischer Abstammung gewesen sein. Von Kollegen, die weiter an der Uni arbeiteten, erfuhr Dschresi, dass er sich gern damit brüstete, Doktor der Chemie zu sein. Kurz vor Beginn der irakischen Offensive im vergangenen Oktober wurde die IS-Universität geschlossen. Der mysteriöse Direktor mit deutschem Pass verschwand spurlos.
Noch während der IS auf dem Campus in Mossul die Universität auf Dschihad umpolte, baute der eigentliche Direktor Ubai al-Diwachi den Lehrbetrieb im von Kurden kontrollierten Norden wieder auf. Der Professor hatte im Exil beschlossen: Krieg darf nicht das Ende von Bildung bedeuten.
Die kurdische Autonomieregierung unterstützte seine Pläne. Deshalb startete bereits Monate später das akademische Jahr im Exil – 11000 Studenten nahmen die technischen Fakultäten in Kirkuk auf, 4000 Geisteswissenschaftler besuchten Vorlesungen im kurdischen Dohuk. Unterrichtet haben rund 1400 Dozenten, die wie er und 50000 weitere Bewohner die Millionenstadt verlassen hatten. Für Studenten, die in der Terrorhochburg bleiben mussten, begann eine lange Lernpause – bis Anfang des Jahres.
Im März eroberten Regierungstruppen den Sitz der Provinzregierung, das Regierungsgebäude der Provinz Ninive im Westen Mossuls, zurück. Der Unterricht konnte wieder beginnen.
Die Prüfungen fanden in Bartella, einer Kleinstadt vor den Toren Mossuls, statt. Der Ort war bereits ein halbes Jahr zuvor befreit worden und galt als sicher. Und während im Westen Mossuls noch IS-Scharfschützen auf fliehende Zivilisten schossen und Fliegerbomben auf IS-Stellungen hagelten, schrieben rund 20 Kilometer weiter Zehntausende Studenten ihre Abschlussarbeiten nach – so als hätte es die Terrorherrschaft nicht gegeben. Anschließend startete in dem Vorort der Unibetrieb vorzeitig. Die Vorlesungen hielten Dozenten, die im sichereren Osten lebten.
Rektor Diwachi hofft, dass nach Ende der Schlacht auch die Studenten aus Westmossul wieder in die Uni eingegliedert werden und dass bald auch auf dem arg zerstörten Campus unterrichtet wird. "Die Armee entschärft gerade die Sprengfallen in den Gebäuden. Noch ist das Unigelände sehr gefährlich", sagt Diwachi. Pläne für den kompletten Wiederaufbau gibt es bislang keine.
Nicht nur die Sprengfallen und IS-Munitionsdepots müssen weg, um die Sicherheit von Studenten und Dozenten zu garantieren. Schon vor dem Einmarsch der Dschihadisten war die Stadt vom Terror gezeichnet. Der IS und andere islamistische Extremisten verübten regelmäßig Anschläge auf Polizei, Militär sowie politische Gegner und erpressten Schutzgeld.
Dutzende Studenten und Universitätsmitarbeiter wurden von den Terroristen getötet. Weil er sich geweigert hatte, Schutzgeld zu zahlen, kam Diwachi bei einem Attentat nur knapp mit dem Leben davon. Noch heute erinnert eine Narbe auf der linken Wange an die Kugel, die ihn traf.
"Wir sehnen uns nach Sicherheit", sagt Diwachi. Doch in Mossul gehört Gewalt zum Alltag. Mehr noch sehnt sich der Rektor deshalb danach, das Exil zu verlassen und an seine alte Wirkungsstätte zurückkehren zu können.
Von Florian Neuhof

UniSPIEGEL 4/2017
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