08.07.2017

Fauler Apfel

Der US-Student Dejian Zeng schmuggelte sich in eine iPhone-Fabrik in Shanghai. Dort erlebte er, wie gnadenlos Apple chinesische Arbeiter ausbeuten lässt.
Der Weg in Apples Maschinenraum, ein gigantisches Fabrikgelände am Rande der Industriemetropole Shanghai, führt durch ein kleines grünes Zelt. Schon früh hatte sich Dejian Zeng, 24, an diesem grauen Morgen gemeinsam mit 500 jungen Männern davor angestellt. Er hoffte auf einen Job. Und gutes Geld.
Nach einer Stunde hatte es Zeng ins Zelt geschafft, jetzt stand er vor einem Klapptisch, der Mann dahinter musterte ihn, blätterte durch seinen Ausweis, fixierte das Passfoto. Dann musste Zeng seine Hände zeigen. "Finger gesund?", fragte der Kontrolleur. Zeng nickte. "Kannst du das englische Alphabet?", fragte der Mann weiter. Das müsse jeder draufhaben, "wegen der englischen Bezeichnungen an den Fließbändern." A, B, C ... Zeng ratterte die Buchstaben herunter, stockte, tat so, als müsse er überlegen, er wollte nicht auffallen. Der junge Mann mit der eckigen Brille auf der Nase und dem Rucksack auf dem Rücken war nicht zum Arbeiten gekommen, sondern zum Spionieren.
Dejian Zeng, geboren in Guangdong, einer Provinz im Süden der Volksrepublik, studiert normalerweise Verwaltungslehre an der New York University. Im vergangenen Sommer heuerte er als Praktikant bei "China Labour Watch" an, einer amerikanischen NGO, die für verbesserte Arbeitsbedingungen in China kämpft und Missstände dokumentiert. Die Organisation schickte Zeng als verdeckten Ermittler in die Fabrik am Rande Shanghais. Er sollte herausfinden, ob Apple dort chinesische Arbeiter ausbeuten lässt.
Der Vorwurf verfolgt Apple seit Jahren. Das wertvollste Unternehmen der Welt, Börsenwert 800 Milliarden Dollar, steht im Verdacht, wenig zu unternehmen, wenn chinesische Zulieferer wie Pegatron oder Foxconn Arbeiter zu Überstunden zwingen, ohne sie dafür genügend zu entlohnen. Apple dagegen versichert, die Dienstleister hielten sich an die maximale Arbeitszeit von wöchentlich 60 Stunden und zahlten ausreichend.
Zengs Vorstellungsgespräch im Zelt dauerte nur 30 Sekunden. Dann winkte der Kontrolleur ihn durch ein schweres Eisentor, auf das Gelände der Changshuo-Fabrik: eine Stadt in der Stadt, fast 90 Fußballfelder groß, mit Cafés, Shops, einer Polizeiwache und riesigen Mietskasernen, die aussehen wie Bienenwaben aus Beton. Ringsum sieben vierstöckige Fabrikhallen. Darin lässt der zweitgrößte chinesische Apple-Zulieferer Pegatron 70000 Chinesen von Montag bis Samstag rund um die Uhr iPhones bauen. Zeng hatte gehört, kaum einer halte länger als zwei Monate durch.
Für seine Mission hatte Zeng nur wenig mitgenommen aus New York. Ein paar alte Klamotten, ein Tagebuch und das zerkratzte Handy seiner Mutter. Sein persönliches iPhone hatte er daheim gelassen. Kein chinesischer Arbeiter könne sich so ein Gerät leisten, sagt er.
Bevor Zeng ein Posten zugeteilt wurde, musste er sich beim Betriebsarzt Blut abnehmen lassen. HIV-positive Menschen werden gar nicht erst eingestellt, ebenso wenig jene, die nach einer OP Metallteile im Körper tragen – aus Sicherheitsgründen, so hieß es. Zum Röntgen an diesem Tag kamen 15 Arbeiter gleichzeitig, also steckten sie Zeng und die anderen zusammen in einen Röntgenraum. "Machte 15-mal Strahlung für jeden", erzählt er.
Beim Vorbereitungstraining las ein Ausbilder aus einem Handbuch vor, wie man sich gegen Laserstrahlen und Lärm schützt. Für den schriftlichen Test später bekam Zeng die Antworten gleich dazu. "Pegatron macht diese Schulungen nur, weil es Apple verlangt", sagt Zeng. Am dritten Tag nach seiner Ankunft unterschrieb er den Arbeitsvertrag.
Zengs neues Zuhause wurde ein Sechsgeschosser, in dem sich pro Etage 160 Mann einen Waschraum teilen. Sein Zimmer, Nummer 506, war ein hoher, enger Raum mit grellen Neonröhren an der Decke und vier Doppelstockbetten. Matratze, Kissen und Decke musste er kaufen. Seine Mitbewohner kamen aus ganz China, viele vom Land. Einer war so arm, dass es Zeng kaum ertrug. Er lieh ihm die paar Yuan fürs Bettzeug.
Zur Arbeit am Fließband gab es eine schwarze Hose, eine rosafarbene Jacke und eine hellblaue Kappe. Die Kleidung bestand aus leitfähigem Material zur sogenannten elektrostatischen Entladung. Sie soll verhindern, dass sich die Elektrizität im Körper auf iPhone-Teile überträgt und sie beschädigt. Jeder Arbeiter bekam eine Garnitur.
Am ersten Arbeitstag hatte Zeng Nachtschicht. Ein Shuttlebus brachte ihn und die Kollegen um 18.30 Uhr zur Fabrik, am Eingang mussten alle durch einen Metalldetektor treten. Handys mitzubringen war verboten, niemand sollte Fotos von Apples neuesten Produkten machen können. Kurz vor halb acht standen 200 Mann in vier Reihen wie Soldaten neben dem Fließband. Der Gruppenleiter schritt an ihnen vorbei, zog ihre Mitarbeiterausweise durch ein Lesegerät. Pünktlich um 19.30 Uhr brüllte er: "Schmeißt die Förderbänder an. Jede Sekunde zählt!"
Zeng hastete zu einem lehnenlosen Drehhocker, seinem Arbeitsplatz. Der nannte sich "Station 26-2: Fasten Speaker to Housing", den Lautsprecher am iPhone 6s befestigen. Dazu musste er eine winzige Schraube vom Schraubenspender fummeln, auf den Elektroschrauber setzen und ins Gehäuse drehen. Eine Schraube. Alle 23 Sekunden. 1800 Stück pro Tag. Zeng sagt, etwas Monotoneres habe er nie zuvor gemacht.
In den ersten Tagen kam er kaum hinterher, seine Griffe waren zu unpräzise, das Band zu schnell. "Ich musste mich irre konzentrieren", erzählt er. Schon nach ein paar Stunden verursachte die fehlende Hockerlehne Schmerzen. Im Nacken, in den Schultern, in den Armen. Je länger er am Fließband saß, desto schlimmer verkrampften die Muskeln im Rücken. "Am Ende des Tages konnte ich meinen Oberkörper kaum noch aufrecht halten."
Alle zwei Stunden stoppte das Band für eine zehnminütige Pause. Die Zeit reichte gerade, um in der riesigen Halle zur Toilette zu laufen, etwas zu trinken und zurückzugehen. Später würde es Zeng wie die Kollegen machen und gar nicht erst vom Hocker aufstehen, sondern den Kopf in die Arme legen und auf dem Fließband einschlafen. Als er einmal vor Erschöpfung beim Schrauben wegnickte, rief der Gruppenleiter: "No, no, no." Dann zwang er ihn, im Stehen zu arbeiten.
Der Umgangston war rau. Die Aufseher brüllten Zeng an, wenn er sich mit einem Kollegen unterhielt, wenn er nicht schnell genug war, wenn ein Teil nicht perfekt passte. Einmal klemmte der Schraubenspender. Die unfertigen Gehäuse auf dem Fließband sausten an ihm vorbei, Zeng bekam Panik, drückte den Knopf für technischen Support. Fünf Minuten dauerte die Reparatur. Die nichtmontierten Lautsprecher musste er in seiner Essenpause fertigstellen. Von da an fürchtete er jeden Tag, es würde wieder passieren. Es passierte noch oft.
Mittags und abends gab es in der Kantine Nudeln und Hühnchen, manchmal einen Apfel. Es reichte zum Sattwerden, sagt Zeng, "lecker war es nicht". Als er später in eine andere Fabrikhalle und in die Tagschicht wechselte, fiel das Abendbrot ganz aus. Kein Essen für neun Stunden.
Der Höhepunkt des Tages war eine heiße Dusche in der Unterkunft. "Wenn heißes Wasser aus der Leitung kam", sagt Zeng. Danach fiel er geschafft ins Bett und machte Notizen in sein Tagebuch, 200 Seiten. Mit den Mitbewohnern unterhielt er sich über die besten Kung-Fu-Filme. Manchmal erzählten sie Zeng von ihren Träumen, ihre Kinder zur Schule schicken zu können oder ein eigenes Geschäft zu eröffnen. Zeng träumte nachts von seinem Studentenzimmer in New Jersey.
Am Sonntag, dem einzigen freien Tag, blieben die meisten Arbeiter auf dem Fabrikgelände, spielten Videospiele im Internetcafé oder standen in Schlangen vor dem Geldautomaten. Manche fuhren mit dem Bus ins 20 Minuten entfernte Disneyland, nur um durchs Eingangstor schauen zu können. Den Eintritt in die bunte, scheinbar sorgenfreie Welt konnte sich keiner von ihnen leisten.
Nach ein paar Wochen konnte Zeng jede Schraube mit geschlossenen Augen eindrehen. Gegen die Langeweile am Fließband sang er chinesische Volkslieder. Irgendwann dachte er kaum mehr nach, sein Kopf war leer. "Ich funktionierte nur noch", sagt Zeng. "Wie ein Roboter." Oft kam Apple zu Besuch, Männer und Frauen in grünen Overalls. In der Fabrik seien dann alle herumgeschwirrt wie ein Schwarm aufgescheuchter Bienen. Schon vor Schichtbeginn verkündeten die Aufseher: "Heute ist der Kunde da", und ermahnten die Arbeiter, "keine dämlichen Fehler zu machen".
Um die Produktion und den internen Wettbewerb anzukurbeln, notierten die Bereichsleiter die Tagesbilanzen mit dickem Filzstift auf den weißen Wandtafeln in der Fabrik. Zwischen 3600 und 3800 iPhones produzierte Zengs Band pro Tag, in den letzten 45 Minuten vor Dienstschluss zählte sein Gruppenleiter laut herunter: Noch 200, noch 100, noch 50 Stück. Zengs Herz raste dann jedes Mal. "Es fühlte sich an wie die letzten quälenden Kilometer eines Marathons."
Dreimal rief der Chef der NGO "China Labour Watch" bei Zeng an. Zeng erzählte ihm dann vom Drill an den Fließbändern. Er erzählte ihm, dass in den Fabrikhallen Hinweisschilder vor Laserstrahlen oder Lärm warnten, Schutzbrillen oder Ohrenstöpsel aber nie verteilt wurden. Und er erzählte ihm von den unzähligen, jedoch schlecht bezahlten Überstunden.
Vor seinem ersten Arbeitstag hatte man Zeng versichert, Überstunden seien freiwillig. "Sie waren Pflicht", sagt er. Statt wöchentlich 60 Stunden, wie von Apple gern behauptet, arbeitete Zeng Montag bis Samstag 72 Stunden. Dafür erhielt er abzüglich der Kosten für Unterkunft und Verpflegung umgerechnet 455 Euro. Seine Kollegen, die auf jeden Cent angewiesen waren, hätten keine andere Wahl gehabt, als Überstunden zu machen. Streiken? Würde sich niemand trauen.
Als Zeng bei einem Vorgesetzten forderte, keine Überstunden mehr machen zu müssen, lachte der ihn aus. "Niemand ist auf dich angewiesen", sagt Zeng. Der Mindestlohn in Shanghai liegt lediglich bei 2190 Yuan, 291 Euro. "Vor der Fabrik warten täglich Hunderte, die den etwas besser bezahlten Job übernehmen", sagt er. Der Plan von US-Präsident Donald Trump, iPhones künftig in den USA fertigen zu lassen, sei utopisch. "Kein Amerikaner arbeitet zu diesen miesen Konditionen", sagt Zeng. "Und Apple wird kaum mehr Lohn zahlen und damit auf Gewinn verzichten."
Sechs Wochen hielt Zeng durch. Dann kündigte er. Niemand fragte, warum; niemand wollte wissen, wohin er geht. Zurück in New York schrieb Zeng einen Report für die NGO "China Labour Watch". Berichte wie diese hätten in den vergangenen Jahren zumindest geholfen, den Druck auf Apple zu erhöhen, verbindliche Standards in den Fabriken einzuführen, heißt es.
Wenn er jetzt sein iPhone in die Hand nimmt, sagt Zeng, dann sieht er nicht mehr das Smartphone, das zum Statussymbol geworden ist. Er sieht die Tausenden Gesichter, die es unter Schmerzen für einen mickrigen Lohn gefertigt haben.
Von Matthias Fiedler

UniSPIEGEL 4/2017
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