08.07.2017

Einfach nur leben

Ohne Maschine wäre Marc Kuhfeld längst tot. Er hat keine Nieren, hängt viele Nächte an der Dialyse. Doch tagsüber ist er ein normaler Student – mit vielen Plänen. Von Nicole Schulze Fotos Jan Philip Welchering "Ich bin nicht dem Tod geweiht." "Warum sich viele Gedanken machen, das ändert eh nichts."
Berlin-Schöneweide, es ist ein warmer Sommertag: Auf dem Rasen vor der Hochschule für Wirtschaft und Technik hockt Marc Kuhfeld, 26, mit verschränkten Beinen auf seiner Kapuzenjacke und blinzelt in die Sonne. Auf seinem Schoß liegt ein Wälzer – "Einführung in die werbende Wirtschaftskommunikation". "Draußen lernt es sich am besten", sagt er, lehnt sich zurück und nippt an einem Latte macchiato. Dabei rutscht sein T-Shirt hoch und legt Dutzende Narben am Bauch frei. Auch über seinen linken Unterarm zieht sich eine 20 Zentimeter lange Narbe, zwei Finger breit. "Ist mein Shunt-Arm", sagt er beiläufig und kippt den letzten Schluck Kaffee herunter. Hier haben Ärzte die Vene mit der Arterie verbunden: Denn Marc Kuhfeld lebt ohne Nieren und braucht deshalb einen künstlichen Zugang, einen Shunt, damit eine Maschine die Aufgabe der Organe übernehmen kann – Schadstoffe aus dem Blut zu filtern.
Zusammen mit dem Glas Wasser zum Frühstück hat er heute schon 400 Milliliter getrunken. Er muss genau rechnen, sonst kann er am Abend kein Bier mehr heben. Er will mit Freunden in eine Bar in Friedrichshain. Aber der Arzt hat gesagt: Ein Liter täglich, dann ist Schluss. Wenn Marc mittags auf die Suppe verzichtet, auf den Milchshake und auf saftiges Obst, bleiben noch 600 Milliliter übrig. Und einen Tropfen zu viel wird Marc – Dreitagebart, hellblaue Augen mit Lachfalten, WhatsApp-Status "Always look on the bright side of life" – nicht riskieren. Denn für ihn ist zu viel Flüssigkeit: Gift.
Er freut sich auf die Sause. Denn es ist Freitag, und er hat frei. Darf tun, was ein Student so tut, und sogar in seinem eigenen Bett schlafen. Fröhlich und unbeschwert, bis Sonntag, 22 Uhr. Dann wird der Student zum Patienten, der im Dialysezentrum Berlin-Mitte an einem Blutwäscheapparat hängt. Dreimal in der Woche schläft er dort, mit Musik in den Ohren, damit er das Brummen der Maschine nicht hört. Morgens um sechs Uhr wecken ihn die Schwestern. Er macht eine Katzenwäsche und verschwindet – zurück in sein anderes Leben. Er reißt gern Witze darüber: "Ich spare den Toilettengang, weil ich einfach nie muss", sagt er und lacht, als würde er dem Schicksal ein Schnippchen schlagen.
Ein Jahr geht das schon so. Damals hat er auch seine zweite Niere verloren. Und fünf Jahre wird es voraussichtlich noch so weitergehen, weil die durchschnittliche Wartezeit für ein neues Organ 70 Monate beträgt. Doch Marc ist Warten gewohnt, schließlich wurde er schon krank geboren. "Meine Harnleiter waren gekringelt wie Schweineschwänze", sagt er. Kurz nach der Geburt wollten Ärzte sie begradigen, damit sie normal funktionierten. Die Operation misslang. Weitere Eingriffe folgten: ohne Erfolg. Und weil der kleine Körper die Giftstoffe nicht abführen konnte, die sich beim Stoffwechsel bilden, versagten schließlich die Nieren. Beide. Als Marc eingeschult wurde, hatte er bereits über 50 Operationen hinter sich, musste starke Medikamente schlucken. Seine nächste Transplantation wird die dritte sein.
Er zuppelt sein T-Shirt zurecht, verdeckt die Narben. "Ich muss sie ja nicht präsentieren", sagt er. Als Kind ist er nicht schwimmen gegangen, weil er sich geschämt hat. Beim Sportunterricht in der Schule war er in der Umkleide immer der Erste, weil er die neugierigen Blicke der Mitschüler nicht ertragen konnte. Das ist vorbei: "Heute sind die Narben ein Teil meiner Geschichte."
Es ist bald Mittag, die Sonne knallt jetzt vom Himmel. Vielleicht doch noch ein bisschen trinken? Im Sommer ist mehr erlaubt, weil der Körper schwitzt. Doch Marc entscheidet sich dagegen: "Da bleibt mehr für heute Abend", grinst er. Es gibt Kommilitonen, die gucken mitleidig, wenn er von seiner Krankheit erzählt. Marc sieht das nüchtern: "Ich bin nicht dem Tod geweiht, ich muss nur auf ein paar Sachen achten." Vor allem auf die Ernährung: Obst und Milchprodukte muss er abwiegen, und in zwei Tagen darf er höchstens drei Stückchen Schokolade essen. Damit er keine Herzrhythmusstörungen bekommt, schluckt er regelmäßig ein Pulver, das wie Schmiergelpapier schmeckt. "Besser als verzichten", sagt er.
Die Mittagspause geht zu Ende, gleich beginnt die Vorlesung "Einführung in die Kommunikationswissenschaft." Marc will den Bachelor machen, dann den Master draufsatteln, in PR-Büros mitarbeiten. Das macht ihm Spaß. Und auch sonst will er alles mitnehmen, was das Leben bietet: mit dem Rucksack durch Europa tingeln, Freizeitparks besuchen und Loopings in Achterbahnen drehen, sich irgendwann irrsinnig verlieben. Und natürlich: ein neues Organ bekommen. Am besten nach der Uni. Am besten eine Lebendspende, weil die länger hält. Am besten ... Er stockt: "Warum sich viele Gedanken machen, das ändert eh nichts." Seine Mutter kommt wegen der Gewebemerkmale nicht als Spenderin infrage. Mit seinem Vater hat er kaum noch Kontakt.
Derzeit warten in Deutschland 668 Patienten unter 30 Jahren auf eine neue Niere. Kranke mit seltenen Gewebemerkmalen stehen mitunter bis zu zwölf Jahre auf den Eurotransplant-Listen. Die Stiftung vermittelt Organe in Deutschland, Österreich, Slowenien, Kroatien, Ungarn sowie den Benelux-Staaten, je nach Dringlichkeit. Im vergangenen Jahr verzeichnete die Deutsche Stiftung Organtransplantation hierzulande 1497 Nierentransplantationen. Kein Organ wird häufiger verpflanzt. Aktuell warten knapp 15000 Menschen auf Spenderorgane – Herz, Leber, Lunge, Niere, Pankreas, Dünndarm.
Wer gelernt hat, dass Zeit endlich ist, der nimmt sich Zeit für Dinge, die ihm wichtig sind. Marc Kuhfeld beschließt, dass die Vorlesung warten kann. Er kramt in seinem Rucksack, zieht eine Plastiktüte mit Fotos heraus. Auf einem Bild ist er als Siebenjähriger mit strahlenden Augen zu sehen, Vokuhila, grinsend. Er betrachtet den Schnappschuss und grinst fast wie damals. Es war kurz nach der ersten Transplantation. Die Ärzte hatten gerade zwei Nieren en bloc eingesetzt. Die Mutter hat das Bild geschossen. Die ganze Familie hatte so viel Hoffnung. Doch schon eine Woche später versagte das rechte Ersatzorgan. Drei Jahre später, in der dritten Klasse, fiel auch noch die linke Niere aus. Und während die anderen Jungs auf dem Fußballplatz kickten, musste er zum ersten Mal zur Blutwäsche: Jede Nacht 12 Stunden, von 18 Uhr abends bis 6 Uhr morgens oder fünfmal täglich, jeweils eine halbe Stunde. Die Medikamente schwemmten den Körper auf. "Damals war ich oft genervt und traurig, habe viel gelesen, um mich abzulenken", erinnert sich Marc. Einmal hat ein Nachbarsjunge ihm "Fetti Buletti" hinterhergerufen. Aber nach einem Gespräch war Ruhe.
Marc stöbert in der Plastiktüte, zieht einen vergilbten Zeitungsbericht hervor. Ein blasser Junge sitzt mit glasigen Augen in einem Kinderzimmer. Das ist er, gerade zehn Jahre alt. "Ich Wünsche mir Eine Neue Niere Danke!", hatte er in krakeliger Kinderschrift an den Weihnachtsmann geschrieben. Die Lokalzeitung hat den Wunsch veröffentlicht. "Es haben sich so viele Menschen gemeldet. Das hat mir Mut gemacht, durchzuhalten."
Sechs Monate später kam ein Anruf von Eurotransplant. Ein neues Organ war da. Die Niere hat ihn 15 Jahre begleitet. Bis vor einem Jahr plötzlich wieder Blut im Urin war. Wieder eine Vergiftung. Marc musste sich ständig übergeben. Wieder eine Not-OP. Wieder ohne Nieren. Seitdem wartet er wieder.
Das Handy summt. Die Freunde haben eine WhatsApp-Nachricht geschickt. Er bringt noch schnell den letzten Satz zu Ende: "Das war ein Rückschlag, na klar. Aber bis dahin hatte ich eine tolle Zeit."
Marc hat es plötzlich eilig. Es ist schließlich Freitag, sein freier Tag. Und er will sich ins Leben stürzen.

UniSPIEGEL 4/2017
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