08.07.2017

Eines Nachts

Einrichtung? Unklar. Was passiert in Unistädten, wenn es dunkel wird? Laura Backes isst Rigatoni rot-weiß und trinkt Nauwieser Drittel im Nauwieser Viertel. Eines Nachts in: Saarbrücken.
20.05 Uhr Die Johanneskirche beim Nauwieser Viertel hatte Alex als Treffpunkt vorgeschlagen, "der Klassiker". Er sagt das so, als müsste ich das wissen. Damit hat er recht – und dann auch wieder nicht. Ich bin im Saarland aufgewachsen, aber gleich nach dem Abitur weggezogen. Saarbrücken kenne ich nur als blutjunge Abiturientin und als Anhängsel von alten Freunden. Heute wollen Alex und sein Freund Govinda mir meine Heimat zeigen.
20.10 Uhr Govinda taucht auf, die Jungs steuern zuerst das "Silo" an. Zum Glück ist Fotografin Vanja mit dem Auto da, sonst müssten wir fünf Haltestellen mit der Saarbahn Richtung Osten fahren. Eine Hürde in einer Stadt, in der man sonst alles locker zu Fuß erreicht. Auf dem Weg erzählen sie, dass sie sich für meinen Besuch alle Mühe gegeben haben und wir in den Klubs "Blau" und "Garage" auf der Gästeliste stehen.
20.25 Uhr Das "Silo" war tatsächlich mal ein Silo, das zu einem Biergarten umgebaut wurde. Im Sommer kann man zu elektronischer Musik durchtanzen. Doch weil es am Nachmittag geregnet hat, ist die Bar heute nicht geöffnet. Tja, Pech. Alex kommt aus dem Saarland und hat lange gehadert, ob er wegziehen sollte. Jetzt ist er froh über seine Entscheidung zu bleiben. Govinda stammt aus Baden-Württemberg und ist zuerst nach Berlin gegangen, bevor er zum Informatikstudium nach Saarbrücken kam. "Hier fühlt man sich nicht so verloren", findet er.
21.05 Uhr Zurück in der Innenstadt, setzen wir uns in eine Bar mit unverputzten Wänden, Holztischen, stilvoller Beleuchtung und guten Drinks. Tagsüber heißt sie "Jules Verne", abends "Jules Wayne" – kein Wunder, dass draußen kein Schild hängt. Alex wollte nicht hierher, sein Einwand: "Da gehen meine Eltern auch hin." Die sind heute nicht da. Dafür stoßen Katharina, Stefan und Ariane zu uns. Alle schwärmen vom Saarbrücker Nachtleben: "Römerkastell", "Alte Post", "Rosenapotheke", "Mauerpfeifer", es gebe viele Techno-Klubs, die wie Pop-up-Stores an unterschiedlichen Orten eine Zeit lang öffneten.
22.50 Uhr Alex wird nervös. Immer wieder schaut er auf sein Handy und sagt: "Im Viertel ist schon voll viel los. Lass uns hin!" Mit dem Viertel meint er das Nauwieser Viertel, den hipsten Teil der Stadt; mit dem St. Johanner Markt einen Platz, auf dem die Saarbrücker nach Feierabend gern ein Gläschen Crémant genießen.
23.15 Uhr Doch einige in der Gruppe sind ohne ordentliches Abendessen losgezogen, wie naiv. Es muss dringend eine Basis her. Was das sein könnte? Rigatoni, sind sich alle einig. Es gibt Kochbücher voller saarländischer Spezialitäten, aber was sich als Alkoholrausch- oder Kateressen durchgesetzt hat, sind allen Ernstes: Rigatoni. Stinknormale Nudeln in roter und weißer Soße mit Käse überbacken, originalgetreu nur in der 08/15-Aluschale. Eigentlich geht man dafür zum "Rigatoni-Toni" am St. Johanner Markt, aber die Warteschlange davor ist lang. Wir laufen weiter zum "Kami Express", ein ziemlich ungemütlicher Sandwichladen. Hier stehen 15 Rigatoni-Gerichte auf der Speisekarte, ab zwei Euro pro Portion. Das Essen schmeckt nicht außerordentlich, erfüllt aber seinen Zweck.
23.50 Uhr Als wir die Cecilienstraße betreten, dreht sich Alex um, breitet die Arme aus und ruft: "Willkommen im Viertel!" Hier reiht sich Kneipe an Kneipe. Wir gehen ins "Fleur", das im letzten Saarland-Tatort eine Statistenrolle als fiese Rocker-Spelunke spielte. Heute steht an der Decke eine Modelleisenbahn-Landschaft Kopf, es wird gekickert und "Nauwieser Drittel"-Bier verkauft.
0.10 Uhr "Eigentlich steh ich am liebsten hier draußen rum, rauche und trinke", sagt Govinda. Halb Saarbrücken scheint das ähnlich zu sehen. Die meisten Leute hier stehen auf der Straße, Autos brauchen Minuten, um wenige Meter vorwärtszukommen.
0.30 Uhr Langsam wird es Zeit zu tanzen. Es wäre verlockend, eine der ersten lauen Nächte unter freiem Himmel zu verbringen. Aber wir sind ja nicht zum Spaß hier. Wir teilen uns auf: Alex kauft eine Runde Bier im "Gasthaus Klein", Ariane besorgt Saure, eine Mischung undefinierbarer saurer Alkoholika, die Spezialität im "Kurzen Eck". Ich werfe fachmännische Blicke in die Kneipen und notiere: "Gemütlich hier. Einrichtung? Unklar, alles ziemlich dunkel".
1.30 Uhr Unser Klub der Wahl heißt "Modul", dort läuft heute Electro. Govinda hatte im "Jules Wayne" den Besitzer getroffen und uns auch hier auf die Gästeliste schreiben lassen – dachte er. Hat aber leider nicht geklappt, die Frau mit dem Stempel weiß von nix. Mist! Eintritt zahlen wollen wir angesichts der weiteren Optionen lieber nicht.
1.45 Uhr "Blau" it is. Hier war ich das letzte Mal mit 18, da lief noch House-Musik, es war eng und unerträglich stickig. Und heute? Der neue Besitzer hat die niedrigen Decken entfernt, die Klimaanlage funktioniert. Es läuft deutscher Hip-Hop, Shindy, um genau zu sein, wie mir ein mitrappender Typ Anfang 20 erklärt.
2.45 Uhr Als "Absolute Beginner" läuft, grölen alle mit: "Wir setzen Hamburg wieder auf die Karte!" Das stimmt mich leicht melancholisch – Hamburg ist heute mein Zuhause –, und ich mache mich auf den Heimweg. Alex begleitet mich. Er will zurück ins Viertel, noch eine Runde kickern.

UniSPIEGEL 4/2017
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