08.07.2017

Leben

In jeder Ausgabe schreibt Bernd Kramer eine fiktive Bewerbung auf eine nicht fiktive Stellenanzeige.
Aus der Anzeige einer Kurklinik, die Physiotherapeuten sucht: "Wir bieten ein sehr familiäres Betriebsklima und eine dauerhafte Beschäftigung. Sie arbeiten in der Zeit von frühestens Anfang Februar bis kurz vor Weihnachten eines Jahres. In der Winterpause melden Sie sich arbeitslos und können dann ggf. zum Februar des darauffolgenden Jahres wieder bei uns anfangen."

Lieber Teilzeitarbeitgeber,

für die großzügig ausgelobte Langzeitstelle möchte ich mich mit dem folgenden Vorschlag empfehlen.
Jüngst hat ein Hersteller von Toilettenpapier eine Studie beim Marktforschungsinstitut GfK in Auftrag gegeben. Das hat herausgefunden, dass ein gesunder Mensch am Tag zwischen 1000 bis 1500 Milliliter Harn produziert. Das heißt: Er muss zwei- bis sechsmal am Tag zum stillen Örtchen. Zu allem Unglück meistens in der Wachphase, während der Arbeitszeit.
Mal angenommen, ein durchschnittlicher Arbeitnehmer sucht während der Dienstzeit 1,8-mal das WC auf. Das bedeutet dann für den Arbeitgeber: Weibliche Personen fallen zwischen 2,46 und 9,5 Minuten aus, Männer sogar zwischen 3,84 und 11,5 Minuten, wegen der schwerfälligeren Verdauung oder der Zeitung, die sie mitnehmen. Ein Beschäftigter dürfte somit, konservativ gerechnet, im Schnitt rund zwölf Minuten seiner wertvollen Arbeitszeit auf der Toilette absitzen.
Bereits bei einer Betriebsgröße von zehn Mitarbeitern heißt dies: Die Belegschaft verbringt täglich zwei Stunden (!) im Geschäft mit dem Geschäft.
Zeit, für die der gebeutelte deutsche Mittelstand, diese ausgemergelte und stets am Rande des Verhungerns taumelnde Melkkuh der Republik, teuer bezahlen muss.
Zeit, in der sich Mitarbeiter eigentlich arbeitslos melden sollten.
Dies wäre auch einem familiären Betriebsklima zuträglich, weil sich die Beschäftigten am Waschbecken nun ganz unverkrampft als Privatpersonen begegnen könnten. Dem Unternehmen wiederum verschafft es die erforderliche Flexibilität, um auf Veränderungen der Marktlage schnell zu reagieren. Eben noch waren die Auftragsbücher voll, eine Klospülung später geht alles den Bach runter, nach der Handtrocknerphase brummt der Laden wieder, wenn die Mitarbeiter erleichtert wieder voll durchstarten.
Das leuchtet Ihnen ein? Dann entlassen Sie Ihre Beschäftigten vorsorglich schon morgens, mittags, abends und stellen auch mich ggf. nicht ein, zumindest nicht mit voller Blase.
Herzliche Grüße, Bernd Kramer
Illustration Benedikt Rugar

UniSPIEGEL 4/2017
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