14.10.2017

Das macht man hier so

Ein Team von Wissenschaftlern ist in eine WG nach Bautzen gezogen. Es erforscht die Konflikte zwischen Nazis, Flüchtlingen und Bürgern.
Es war ein Samstagabend im Februar 2016, an dem die sächsische Kreisstadt Bautzen deutschlandweit Schlagzeilen machte. Die Sirenen schrillten. Feueralarm. Der "Husarenhof", ein Stadthotel, in dem Flüchtlinge unterkommen sollten, stand in Flammen. Schnell war klar: Hier haben Brandstifter Feuer gelegt. Aber wer, das wusste niemand. Klar war zu diesem Zeitpunkt nur: Ein paar Jugendliche behinderten die Löscharbeiten und riefen: "Ausländer raus". Schaulustige jubelten, während die Flammen den Dachstuhl zerfraßen.
Ein paar Wochen später besuchte der damalige Bundespräsident Joachim Gauck die Stadt. Auf der Straße wurde er angepöbelt: "Volksvertreter verschwinde". Einen Monat später erschien ein Hetzvideo im Netz. Ein 29-Jähriger aus Bautzen hatte es auf seiner Facebook-Seite hochgeladen. Ein Busfahrer begrüßt die Gäste: "Alle Ausländer sofort einsteigen. Wir fahren nach Ausschwitz."
Heute ist die Tür des Hotels zugemauert, aber vergessen ist die Brandnacht nicht. Anfang 2017 beschlagnahmte die Staatsanwaltschaft ein Video. Es zeigt einen Dachdecker, der die Ruine besichtigt und kommentiert: "Kameraden, Sieg Heil! Gute Arbeit geleistet." Dann ein Schwenk von den verkohlten Holzbalken zu dem Teil des Gebäudes, der den Flammen widerstand: "Das können sie noch bewohnen, die Kanaken."
Woher kommt der Hass? Wie kann es sein, dass er sich hier entfaltet, in einem Landkreis mit nur zwei Prozent Migrantenanteil? Das fragte sich ein vierköpfiges Team von Wissenschaftlern im Auftrag des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Uni Bielefeld. Zwei Doktoren der Soziologie, eine wissenschaftliche Mitarbeiterin und eine Masterstudentin mieteten für zwei Monate eine Wohnung in Bautzen, das eigentlich ein idyllischer Ort an der Spree ist: 40000 Einwohner, mittelalterliche Gässchen und Menschen, die an einem sonnigen Tag gemeinsam im Café sitzen.
Doch spätestens seit dem Brandanschlag hat die hübsche Fassade Risse bekommen. "Rechtes Denken ist hier gesellschaftsfähig", sagt Ina Schäfer. Sie studiert in Kassel Empirische Bildungsforschung und ist für ihre Masterarbeit nach Bautzen gekommen. Forschungsfrage: "Wie beeinflussen Konflikte zwischen Rechtsextremen und Flüchtlingen die Zivilgesellschaft?" Ina will verstehen, woher der Hass kommt.
In Bautzen gibt es Menschen, die auf dem Stadtfest Affengeräusche machen, wenn eine Gruppe Flüchtlinge an ihnen vorbeigeht. Niemand greift ein. Niemand widerspricht. Vielleicht, weil sich keiner traut, etwas zu sagen. Vielleicht, weil das einfach nichts Besonderes ist – weil man das hier so macht.
Ina selbst ist im Ruhrgebiet aufgewachsen, Multikulti gehöre dort dazu, sagt sie. Offene Ausländerfeindlichkeit sei ihr fremd. Deshalb war es ihr und ihren Kollegen so wichtig, vor Ort zu recherchieren. "Erzählungen reichten nicht." Mittlerweile kennt sie die Kopfsteinpflastergassen der Stadt, war in Schulen, in Kneipen und hat mehr als 30 qualitative Interviews mit den Bürgern geführt.
Was sie besonders überrascht: Die Rechten Bautzens verstecken sich nicht in Kellerkneipen. Sie sitzen Bier trinkend auf der Terrasse eines Cafés. Jugendliche pöbeln vorm Einkaufszentrum Geflüchtete an und drehen Rechtsrock laut auf. Graffiti erklären Ecken in der Innenstadt zur "Nazi Zone". Glatzköpfige Männer, in deren Nacken Fratzen tätowiert sind, tragen ganz selbstverständlich Shorts der Marke "Thor Steinar", die als Erkennungszeichen der rechtsextremen Szene gilt. In den Augen vieler Anwohner scheint das nicht mal problematisch zu sein. Szenen wie diese gehören zum Alltag. Ina findet das gruselig. "Ich empfinde diese Leute als Bedrohung."
Und nicht nur sie: Natürlich gibt es in Bautzen auch Menschen, die für Toleranz stehen und alles dafür geben, eine freundliche Willkommenskultur zu schaffen. Aber die, die Sprachkurse leiten oder Patenschaften übernehmen, tun das oft leise. "Es gibt Leute, die wollen nicht, dass ihr Nachbar weiß, dass sie sich engagieren", sagt Ina. Zu groß ist die Angst vor Anfeindungen. Manch ein Interviewpartner hat in der Vergangenheit Drohbriefe und -mails erhalten. Das erschwert den ohnehin schon frustrierenden Kampf gegen rechts zusätzlich. In Bautzen, so scheint es, gleicht er einem Kampf gegen Windmühlen.
Ina berichtet von einem Interview mit einer Sozialarbeiterin, die einen Jugendtreff leitet. "Rechtssein ist wie ein Modetrend", hat diese der Studentin erklärt. "Der Treff versucht aufzuklären und mit den Jugendlichen ins Gespräch zu kommen." Aber: zu wenig Personal. Zu wenig Zeit. Zu wenig Geld.
Die Masterstudentin erzählt diese Geschichte abends am WG-Küchentisch, wo sich die vier Mitbewohner zum täglichen "Recording" treffen. "Tag 29", sagt Ina und legt das Diktiergerät auf den Tisch. Sie hocken müde auf ihrem Stuhl: Ina, die beiden promovierten Soziologen Sebastian Kurtenbach und Ahmad Al-Ajlan und die wissenschaftliche Mitarbeiterin Elisa Ribbe. Sebastian erforscht die Perspektive von Politikern und Polizisten auf die Konflikte in Bautzen. Ahmad, der noch vor zwei Jahren als Dozent an der Uni in Damaskus arbeitete und vor dem Krieg nach Deutschland floh, interviewt Geflüchtete. Elisa trifft Bürger zu Gesprächen und analysiert Medienberichte.
Zu viert haben sie eine Souterrainwohnung bezogen – zwei Schlafzimmer, zwei Bäder, eine Wohnküche mit Schlafcouch. Eigentlich ist es eine Ferienwohnung. Doch jetzt stapeln sich hier auf dem Tisch Bücher über den Freistaat Sachsen und Rechtsextremismus, Schreibblöcke, Laptops und Diktiergeräte. Die Tonbandaufnahmen am Abend sind ihr gemeinsames Forschungstagebuch. Es soll auch an langen Tagen nicht ausfallen.
Es ist kurz vor 23 Uhr, und jeder erzählt, wie der Tag lief. Ahmad hat einen Flüchtling besucht, der seit Wochen das Haus so selten wie möglich verlässt. Viele meiden die Innenstadt, besonders nachts und wenn sie allein unterwegs sind. Sebastian berichtet – mal wieder – von einem Politiker, dessen Familie aufgrund ihres Engagements für Flüchtlinge angefeindet wurde. "Es ist spannend, nicht nur die Fakten zu hören, sondern auch, wie es dem Menschen damit persönlich geht", sagt der Soziologe. Alle Gespräche bleiben anonym, sonst würde niemand mit den Wissenschaftlern sprechen. Elisa hat den Tag in der Stadtbibliothek verbracht und in Zeitungsarchiven nach Artikeln gesucht, die sich mit den Konflikten in der Stadt oder mit der Flüchtlingsthematik beschäftigen.
Nach offiziellen Erhebungen liegt die Anzahl der Rechtsextremen, die gewaltbereit und organisiert sind, im landesweiten Mittelfeld: Dem sächsischen Verfassungsschutzbericht 2016 zufolge gehörten der Szene 200 bis 250 Menschen an.
Viele andere in Bautzen machen vielleicht nicht aktiv mit, wenn gepöbelt wird – es herrscht eher ein stilles Einverständnis. Das Ergebnis der Bundestagswahl stützt diesen Eindruck: Im Wahlkreis Bautzen I gaben mehr als 52000 Menschen ihre Erststimme dem AfD-Kandidaten Karsten Hilse – das entspricht 32 Prozent – und sicherten ihm so das Direktmandat.
Da hilft es wenig, wenn Bautzens SPD-Bürgermeister Alexander Ahrens in der Talkshow von Anne Will den Ruf der Stadt vehement verteidigt "Wenn Bautzen ein rechtes Nest ist, wäre so ein linker Vogel wie ich, der auf humanitäre Werte setzt und sich ganz klar für die Flüchtlingspolitik engagiert hat, niemals gewählt worden", sagte er dort im letzten Herbst. Vor sechs Monaten kündigte er Lösungen an: Streetworker sollten eingestellt werden. Er redete mit Flüchtlingen und mit Rechtsextremen.
Ina ist mittlerweile zurückgekehrt nach Kassel und hat begonnen, ihre Arbeit zu schreiben. Woher der Hass und die Gleichgültigkeit kommen, kann sie bisher nur vermuten: Vielleicht ist es die Angst vor dem Unbekannten? Vielleicht ist es die fehlende politische Bildung? Für ihre Analyse hört sie die Bänder noch einmal ab, geht die Notizen Seite für Seite durch. Sie hofft, dass sie die Beobachtungen am Ende zu einem schlüssigen Bild zusammenfügen kann.
Dass sich in Bautzen etwas zum Positiven verändern wird, glaubt Ina nicht. "Die Flüchtlinge werden wegziehen, weil sie sich unwohl fühlen, und ich weiß nicht, wie lange die Engagierten noch Lust haben."
Von Luisa Houben Fotos: Sven Döring

UniSPIEGEL 5/2017
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