10.02.2018

Diese kleinen prickelnden Details

Die Uni ist ein idealer Ort für alle, die den potenziellen Partner fürs Leben oder nur die nächste spannende Nacht suchen. Eigentlich. Denn Tinder und Co. haben Dating auf dem Campus verändert.
Irgendwann bemerkte sie ihn doch. Dabei wollte sie sich doch eigentlich auf die Hausarbeit konzentrieren, den Blick auf den Computerbildschirm heften, Zeile für Zeile in die Tastatur hacken, damit dieser blöde Aufsatz nicht die kompletten Semesterferien vermieste. Nur deshalb kam sie jeden Tag in die Bibliothek der Kulturwissenschaften an der Uni Hamburg. Und dann war da dieser Typ! "Er rückte jeden Tag einen Platz näher zu mir heran", erzählt Olivia Stracke, Germanistikstudentin im dritten Semester, lange braune Haare. "Das fand ich irgendwie süß."
Irgendwann tauschten sie die ersten Blicke, knapp über den Bildschirmrand hinweg. Sie sei erst irritiert gewesen, sagt Olivia. Schließlich habe sie sich zum Lernen nicht gerade herausgeputzt, hockte oft ungeschminkt und im abgetragenen Pulli an ihrem Pult. "Aber er hat mich trotzdem zum Kaffee eingeladen."
Aus dem Kaffee wurde ein Bier, aus dem Bier ein Abendessen. Seit ein paar Wochen treffen sie sich regelmäßig, nun vor allem außerhalb der Bib. "Ich bin gespannt, wohin das führt", sagt Olivia.
Solche Geschichten, wie sie Olivia über einer Tasse Milchkaffee erzählt, Wollschal um den Hals, eine aufgeregte Freude auf den Wangen, solche Geschichten sind selten geworden. Denn Einladungen zum Kaffee oder zugeschobene Zettelchen mit Handynummern wirken wie Methoden von gestern. Romantisch, aber auch irgendwie oldschool. Die wenigsten ihrer Freundinnen hätten einen festen Partner, sagt die 21-Jährige. Obwohl sich sehr viele einen wünschten, vielleicht nicht für immer, aber für die nächste Zeit.
Dabei sind Hochschulen eigentlich der ideale Ort, um den Partner fürs Leben zu treffen oder auch nur für ein paar intensive Monate, einige prickelnde Wochen. Besonders in den ersten Semestern, wenn alle neu an der Uni sind und Anschluss suchen, wenn sich Cliquen und Lerngruppen formieren, könnten sich auch wunderbar Paare finden.
48 Prozent der Studierenden in Deutschland waren im Jahr 2016 nicht in einer festen Partnerschaft. So geht es aus der 21. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks hervor. Vier Jahre zuvor waren es noch 43 Prozent. Zu den Lesungen von Michael Nast, Erfinder der "Generation Beziehungsunfähig" und Autor des gleichnamigen Bestsellers, pilgern scharenweise Singles, die sich in den Anekdoten des Berliners wiederfinden. Gleichzeitig boomen Dating-Apps: Allein Tinder hat in Deutschland etwa zwei Millionen Nutzer, weltweit sind es geschätzt 50 Millionen. Beinahe wöchentlich erscheinen neue Apps für Singles, die die Suche noch passgenauer eingrenzen wollen. Neben Lovoo, hierzulande der größte Tinder-Konkurrent, gibt es Börsen für Lesben und bisexuelle Frauen (Dattch), für homosexuelle Männer (Grindr), für Feministinnen (Bumble) oder für Muslime (Minder).
Nur: Ist die Partnersuche dann noch genauso spannend, so aufregend, so romantisch – so schön? Oder wird sie vielmehr zum technischen Vorgang, zum Workout der Algorithmen, wo der belohnt wird, der besonders fleißig wischt?
Was soll man dann erzählen, über einer Tasse Milchkaffee? "Hammerfoto, wie er da auf dem Berg sitzt und den Blick sinnierend in die Ferne richtet"? "Sie hat sofort zurückgeschrieben"? Klar, genauso passiert es wahrscheinlich tausendfach jeden Tag. Noch öfter passiert allerdings: nichts. "Bei Dating-Apps gibt es scheinbar unendlich viel Auswahl. Ein falsches Wort oder ein unpassender Smiley wird deshalb schnell zum Ausschlusskriterium – schließlich ist der nächste Kandidat nur einen Wisch entfernt", sagt der Coach und Ratgeberautor Anchu Kögl, der Männer wie Frauen bei der Partnersuche berät. Zudem entstehe über ein Foto und ein paar getippte Worte keine emotionale Nähe. "Dranbleiben, einen langen Atem beweisen, das ist beim Onlinedating vielen zu mühsam."
Dass es sich doch lohnen kann, haben Michelle Arendas und Josh Avsec kürzlich erlebt, beide Studenten der Kent University im US-Bundesstaat Ohio. Die beiden matchten sich auf Tinder im Herbst 2014 – und schrieben drei Jahre hin und her, teils mit monatelangen Pausen. Schließlich postete Josh ein Bild von ihrem Chat auf Twitter und schrieb darunter: "Eines Tages werde ich das Mädchen treffen, und es wird großartig." Das bekamen schließlich auch Mitarbeiter von Tinder mit – und schenkten den beiden kurzerhand Flugtickets nach Hawaii. Glück für Michelle und Josh, außerdem eine hübsche Werbeaktion für den US-Konzern.
Bei den allermeisten läuft es dagegen eher wie bei André Ruhnau aus Potsdam. "Wenn ich ein Match habe, freue ich mich zwar – aber dann finde ich es irgendwie anstrengend, ein richtiges Gespräch anzufangen", sagt der 27-Jährige. "Es gibt zwischen den zwei Leuten ja keine Berührungspunkte – außer dass sich beide bei Tinder angemeldet haben." André, offenes Lächeln und eine Stimme wie ein Radiomoderator, ist gerade in den letzten Zügen seines Politik-Masters. Nahezu jeden Tag öffnet er die App und wischt sich durch die Profile. So richtig erfolgreich war er bislang aber nicht. Dating-Apps erleichtern zwar auf den ersten Blick die Kontaktaufnahme, das Anbandeln danach ist aber oft zäh. "Wenn ich ehrlich bin", sagt André, "ist Tinder für mich auch eher ein netter Zeitvertreib. Ich wische einfach gerne darin herum und schaue mir die Mädels an."
Eigentlich sollte André Tinder gar nicht brauchen. Schließlich hat er einen Nebenjob, bei dem es ein Kinderspiel sein müsste, Frauen kennenzulernen. Zumindest, wenn man amerikanischen Filmen glaubt. André ist Barkeeper in der Potsdamer Studentenkneipe "Pub à la Pub", strategisch günstig im Erdgeschoss eines Studentenwohnheims gelegen. An den allermeisten Wochenenden steht der 27-Jährige hinter dem Tresen, zapft, mischt, kassiert, spült – und hat von dort einen ziemlich guten Überblick darüber, was in seinem Laden so los ist. "Ich beobachte das eigentlich gar nicht mehr, dass Leute sich in der Bar kennenlernen, dass zum Beispiel einer was ausgibt, wenn ihm jemand gefällt", sagt er. "Ich glaube, viele trauen sich das einfach nicht. Es gehört ja auch Mut dazu, vor allem wenn Gruppen unterwegs sind." Da müsse man sich schon sehr sicher sein, keinen Korb zu kriegen. "Sonst steht man echt blöd da."
Er selbst sei durch seinen Job immerhin ein bisschen besser dran. "Dass Barkeeper schnell Frauen kennenlernen, da ist grundsätzlich schon was dran", sagt André und nippt an seiner Cola. Es ist Samstagnachmittag, seine Schicht beginnt bald. "Ich bin ja ganz automatisch mit den Menschen im Gespräch, wenn sie etwas bestellen." Nur leider gehe das Geplänkel selten über ein paar Wortfetzen oder einen interessierten Blick hinaus. "Es ist laut, es ist voll – und meistens habe ich alle Hände voll zu tun." Außerdem, André hebt ratlos die Schultern, wisse er ja nie, warum ein Mädchen ihn anflirte: "Mag die mich? Oder will sie nur ihr Bier umsonst trinken?" Im Grunde sei er ganz gern Single. Frei sein, sich nicht absprechen und vor allem nicht rechtfertigen müssen, das gefällt André gut. Und wenn er nachts um drei noch nicht zu Hause sei, sei da eben auch niemand, der ihn dafür schief angucke. Feine Sache, eigentlich.
Doch es gibt auch die anderen Tage. Die, an denen André erschöpft nach Hause kommt, sich auf die Couch fläzt – und einfach gern jemanden neben sich hätte, der fragt, wie der Tag war. "Ich fühle mich nicht wirklich einsam. Aber eine Gefährtin wäre toll", sagt der Potsdamer. Jemand, mit dem er zusammen Nudeln in den Topf schmeißen könnte, mit dem er einfach entspannt eine Netflix-Serie anschauen könnte, ohne viel reden zu müssen. Und so landet er an solchen Tagen dann eben doch wieder bei Tinder.
"Onlinedating hat das klassische Flirten in der echten Welt nicht komplett ersetzt", sagt Luisa. Die 28-Jährige schreibt unter dem Synonym "Jule blogt" im Internet über Dating, Freundschaft und das Single-Leben in der Großstadt. Apps wie Tinder hätten das Spektrum der Kennenlernmöglichkeiten eher erweitert – allerdings nicht ohne Folgen. "Die Leute sind bequemer geworden", sagt Luisa. "Sie lassen leichter gute Chancen verstreichen, jemanden anzusprechen, weil online ja noch eine riesige Auswahl auf sie wartet." So wie die Menschen nicht plötzlich komplett aufhören fernzusehen, nur weil es auf einmal das Internet gibt. Andererseits ist man weniger bereit als früher, den Alltag nach der Sendezeit der Lieblingsserie zu richten, weil es online unendlich viele Alternativen gibt.
I m Gegensatz zu Fernsehserien jedoch sind diese kleinen, prickelnd-romantischen Details des Offline-Kennenlernens, der Witz an der Mensakasse, das Kompliment in der Lerngruppe, der heimliche Blick im Seminar, online nur schwer zu ersetzen. Im Gegenteil: Es besteht die Gefahr, einen vielversprechenden Kandidaten durch überstürztes Wegwischen zu eliminieren – weil das Foto ihn in unvorteilhaftes Licht rückt, weil die warme Stimme oder der feine Humor in Bildern und Kurzbeschreibungen keinen Platz finden.
Für ein Experiment brachte der Westdeutsche Rundfunk vor Kurzem zehn junge Großstadtsingles zusammen, fünf Frauen, fünf Männer, alle heterosexuell, alle überdurchschnittlich attraktiv. Ein Teil studierte, andere waren gerade ins Berufsleben gestartet, alle suchten eine feste Beziehung. Die Versuchssingles bekamen zunächst Fotos der anderen Kandidaten vorgelegt mit der Bitte, Noten von Eins bis Fünf zu vergeben. Die Bewertungen fielen verhalten aus, über eine solide Zwei kamen die wenigsten hinaus. "Da spricht mich keine an", urteilte einer der Männer harsch. Runde zwei: Nun sollten die Singles miteinander sprechen, jeder mit jedem – nur dass die Kandidaten Augenklappen trugen. Und siehe da: Nach der Runde stiegen die Bewertungen sprunghaft an. Der Klang der Stimme und vor allem das Gesagte ließen die Menschen sympathischer wirken. Statt Haare, Augen, Lippen zählten nun Lachen, Sprechen und Zuhören. Zuletzt sollten die Teilnehmer, immer noch blind, miteinander tanzen. Die Berührung der Körper, die Bewegungen ließen eine ganz neue Nähe entstehen. So konnten fast alle Teilnehmer noch einmal besonders punkten. Als am Schluss die Augenbinden fielen, waren aus den Bildern komplexe Eindrücke geworden. Und zwischen so manchen Paaren hatte es tatsächlich ein wenig gefunkt – obwohl die Probanden das anhand der Fotos für sich ausgeschlossen hatten.
Die Stimme hören, die Körpersprache beobachten – aus diesen Gründen würde André Ruhnau seine reale Bar in Potsdam jeder Dating-App vorziehen. "Klar, zuerst ist da natürlich die Optik", sagt er. Aber eben noch so viel mehr: Spricht sie laut oder leise? Schaut sie in die Augen? Was trinkt sie? Und wie? "So viele Informationen innerhalb von ein paar Sekunden."
Was aber, wenn die Person, die in der Bar, in der Vorlesung, in der Mensa so nett lächelt, dann im Gewusel des Campus verschwindet? Genau dafür hat sich der Heidelberger Nik Myftari mit vier Kumpels vor fünf Jahren eine App ausgedacht, die Menschen, die uns begegnet sind, wieder auffindbar machen sollen: "Bibflirt", inzwischen umbenannt in "Spotted". Nik sieht aus wie ein Start-up-Gründer aus dem Bilderbuch, in Jeans und Hemd sitzt er in einem alten Fabrikgebäude in Mannheim.
Auf Facebook richteten Myftari und seine Kumpels lokale Seiten ein, auf denen Mitglieder Gesuche posten konnten à la "Hey, ich habe dich letzten Donnerstag in der Bib gesehen, du hattest ein rotes T-Shirt an ..." Von Heidelberg breitete sich Spotted in den kommenden Monaten in ganz Deutschland aus. "Wir haben Hunderte Nachrichten am Tag bekommen, die wir alle prüften und veröffentlichten", sagt Myftari. "Es war ein ziemlicher Hype." Aber einer, der sich gelohnt hat: Einige Paare hätten sich tatsächlich gefunden, an der Pinnwand im Büro hängen sogar Hochzeitsgrußkarten. Gleichzeitig konnten die fünf Gründer sehr bald von ihrer Idee leben.
Da die Akzeptanz von Facebook unter jungen Leuten schwindet, programmierten die Spotted-Gründer bald eine eigene App. Diese kann über die Ortungsdaten des Handys nachvollziehen, wo sich jemand über den Tag aufgehalten hat, und vergleicht die Daten mit den Bewegungsprofilen anderer Nutzer. So rekonstruiert das Programm, welche Menschen sich begegnet sein könnten – und schlägt den Nutzern die passenden Profile vor. "Der Campus einer Hochschule ist dafür perfekt geeignet", sagt Nik Myftari. "Der Radius, in dem sich die Menschen begegnen, ist auf wenige Orte begrenzt: Mensa, Bibliothek, Vorlesungssäle."
Doch nur einer von zehn traue sich, einen potenziellen Flirtpartner auch wirklich anzusprechen, habe eine Nutzerumfrage ergeben, sagt Myftari. "Man sieht jemanden, den man toll findet, ist vielleicht aber grade nicht gut drauf, fühlt sich in den Klamotten nicht wohl oder der Moment ist einfach unpassend."
Manchmal ergibt sich die perfekte Symbiose aus Online- und Offlinewelt auch ganz zufällig. Barkeeper André hat das vor einigen Monaten erlebt. "Eine hübsche Dame hatte bei mir etwas bestellt, es war nicht so voll, wir haben uns noch eine Weile nett unterhalten", erzählt er. Später am Abend habe sie einem seiner Kollegen einen Zettel mit ihrer Nummer gegeben, zum Weiterreichen an André. "Das fand ich mutig – und richtig toll." Dann der Rückschlag: Die Nummer stimmte nicht, vermutlich ein Zahlendreher. Hier hätte die Geschichte enden können. Doch André durchkämmte Facebook. "Ihren Namen hatte sie mir zum Glück gesagt. Wir hatten ein paar großartige gemeinsame Wochen." Auch wenn sich die Romanze nicht weiterentwickelte, weil André fürs Studium ins Ausland fuhr – die Geschichte erzählt er immer noch gern.



Von Miriam Olbrisch - Illustrationen: Lisa Tegtmeier

UniSPIEGEL 1/2018
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