10.02.2018

Die Vertrauensmaschine

Seit die Kurse von Bitcoin und Co. verrücktspielen und Investoren Millionen auf Kryptowährungen setzen, sind die Programmierer von Nakamo.to besonders gefragt. Zu Besuch in einer Parallelwelt.
"Wie kann ich reich werden?"
"Wie soll ich investieren?"
Noch bevor Hermann Elendner den Raum betreten hat, prasseln die ersten Fragen auf ihn ein. Doch statt zu antworten, malt Elendner, Dozent an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Berliner Humboldt-Universität, erst mal einen Graphen an die Tafel: Die Kurve des Bitcoin zeigt steil nach oben. Elendner sagt: "Wenn Sie nur daran interessiert sind, ist dies kein Seminar für Sie."
Der Juniorprofessor möchte die technischen und wirtschaftlichen Aspekte von Kryptowährungen ausleuchten. Aber er möchte auch diskutieren, was sie mit den Menschen, der Gesellschaft und den Finanzmärkten machen könnten. "Das ist auch eine gesellschaftspolitische Frage."
Jahrelang ist abseits der Finanzwelt ein digitales Parallelsystem herangewachsen, das die Etablierten der Branche als ernsthafte Bedrohung empfinden. "Bitcoin ist böse", schrieb der bekannte US-Ökonom und Nobelpreisträger Paul Krugman bereits im Jahr 2013. Inzwischen warnen auch die Bundesbank und die US-Notenbank Federal Reserve eindringlich vor dem Zahlungsmittel. Kryptowährungen werden von keiner Institution kontrolliert, sie brachten es weltweit im Januar auf einen Wert von rund 500 Milliarden Dollar.
Bitcoin ist wie digitales Bargeld. Macht es die Finanzwelt zu Recht nervös, dass Kryptowährungen sich zu einer neuen, vielleicht gerechteren Weltordnung auswachsen könnten, weil sie unabhängig vom Bankensystem funktionieren? Können sie die Wirtschaft umkrempeln? Oder liegt ihr Nutzen am Ende vor allem darin, dass ihre Macher Millionen verdienen?
Besuch in einem Eckbüro, Decke mit Stuck, Dielenboden. Es herrscht Optimismus im fünften Stock dieses Berliner Altbaus, dem Firmensitz von Nakamo.to. "Habt ihr schon den Kurs von Ethereum gesehen?", ruft jemand freudig über seine beiden Bildschirme hinweg in den frühen Abend. Sechs junge Männer hocken hier hinter ihren Computern, sie tragen Jeans, Turnschuhe und Kapuzenpullis. Über einem halb geöffneten Versandkarton liegen Sweatshirts mit dem Schriftzug von Nakamo.to, auf dem Tisch stehen Mate-Eistee und Multivitaminsaft. Der Wert eines Ether ist seit dem Morgen um ein Drittel gestiegen, von 460 auf 610 US-Dollar. Auch der Bitcoin wird hoch gehandelt. Im Dezember 2010 lag er noch deutlich unter einem Dollar, sieben Jahre später bei mehr als 19000 US-Dollar. Vielleicht sind einige hier im Raum Millionäre. Oder auch alle. Dabei ist niemand im Team älter als 29. Was sie tun, tun sie mit Leidenschaft. In manchen Wochen sind sie bis zu hundert Stunden im Büro.
Bitcoin, die erste der neuen Währungen, wurde als Reaktion auf die globale Finanzkrise entworfen und programmiert. Wer ursprünglich hinter dieser Goldgrubenerfindung steckt, ist bis heute unklar. Bitcoin funktioniert unabhängig von allen Zentral-, Geschäfts- und Investmentbanken. Die Kryptowährung basiert auf der Blockchain, einer Zeichenkette. Wie ein Kassenbuch enthält sie alle abgeschlossenen Überweisungen, also wie viel wann von welcher anonymen Adresse wohin geschickt wurde. Der Clou: Das Kassenbuch existiert nicht nur auf einem Server, sondern auf unzähligen Rechnern. Bevor eine Transaktion durchgeführt wird, gleicht das Netzwerk diese Kopien ab. Gehört dem Absender das Geld wirklich rechtmäßig, verzeichnen alle den Transfer. So soll Betrug unmöglich gemacht werden.
Krypto ist mehr als Verschlüsselung. Mit ihrer Hilfe können Maschinen nicht nur Überweisungen mit digitalem Geld absichern, sondern auch jegliche anderen Daten auf Echtheit abklopfen. Die Algorithmen sind eine Vertrauensmaschine, manche sagen: Weltmaschine. Zu ihren Mechanikern gehören Till Wendler und seine Kollegen von Nakamo.to.
Die Firma programmiert Software mit Kryptoalgorithmen. Sie soll ermöglichen, dass verschiedene technische Geräte ohne die Hilfe von Menschen miteinander sprechen können. Wenn der Kühlschrank etwa bald selbst Essen nachbestellen soll, muss er mit dem Supermarkt sprechen und mit Mikroüberweisungen bezahlen können. An einer Sprache für solche Vorgänge arbeitet Nakamo.to mithilfe des Kryptoprotokolls Iota. Till rechnet damit, dass es in 20 Jahren etwa 55 Milliarden Geräte geben wird, die miteinander vernetzt sind und eine Sprache brauchen – und ungeheure Datenmengen produzieren.
Es läuft gut für den 24-Jährigen. Zum Kapuzenpulli mit Firmenlogo trägt er ein gewinnendes Lächeln. Er ist direkt beim Du. Seit 2017 die Kurse der neuen Währungen durch die Decke gingen, stand das Telefon bei Nakamo.to kaum noch still. "Unsere Mailbox quillt über", berichtet Till. Etwa 80 Prozent der Anfragen stellen Unternehmen, die Hilfe bei der Softwareentwicklung brauchen. Andere kommen von privaten Anlegern. Allerdings verstünden viele gar nicht, worin sie da investieren wollten, sagt er. "Gier frisst wahrscheinlich das Gehirn."
Bei Fragen zu seiner eigenen finanziellen Lage werden die Antworten karg. Auf dem Papier studiert Till Medienmanagement, aber eigentlich programmiert und arbeitet er lieber – ein ständiges Konfliktthema mit seinen Eltern, die in Leverkusen wohnen. "Das Wertvollste ist, dass ich frei bin. Niemand sagt mir, wann ich wo zu sein habe." Sollte er steinreich sein, wer weiß das schon genau, dann lässt er es nicht raushängen.
Ohnehin existiert sein Vermögen vor allem in Kryptowährungen, Euro sind chronisch knapp. Über den schlecht greifbaren Reichtum, der die Zukunftsbranche flutet, sprechen auch andere in der Branche nicht gern. Es herrscht Angst vor Hackern, digitalen Taschendieben. Wer sich namentlich zu erkennen gibt, macht sich angreifbar. Ein 23-jähriger Berliner, der seinen Lebensunterhalt ebenfalls in der Kryptowelt verdient, ist bereit, aus seinem Alltag zu erzählen – sofern sein Name nicht genannt wird, so die Bedingung. Der Projektmanager ist komplett in die Kryptowelt eingetaucht, trifft kaum noch andere Menschen. Dafür reflektiert er offen, wie das Kryptogeld ihn und die Branche verändert hat. Zweimal hat er ein Studium angefangen und wieder geschmissen. "Wir sind aus dem normalen gesellschaftlichen Leben ausgestiegen", sagt er. Es sind dramatische Worte, aber er wirft die Sätze einfach so hin. "Der Bezug zur restlichen Welt geht verloren, die Beträge, die wir im Alltag ausgeben, relativieren sich." Gerade erst ist er in eine große neue Wohnung in Berlin-Mitte gezogen. Grundsätzlich will er von seinem Kryptogeld aber so viel wie möglich behalten. Die Kurse könnten ja noch weiter steigen.
Krypto ist ein Boomgeschäft, und es zieht zwei extrem unterschiedliche Gruppen von Menschen an. Auf der einen Seite stehen von Euphorie getriebene Privatpersonen und Investoren aus der Wirtschaft und Finanzwelt. Sie wollen Geld verdienen. Ihnen stehen die Kryptoanarchisten gegenüber, die sich und die Welt aus der ausbeuterischen Finanzbranche befreien wollen. Sie erkennen den Wert der Technik an.
Zwischen diesen beiden Extremen befindet sich Nakamo.to, so sehen sie es zumindest selbst. Die technischen Finessen würdigen und zugleich reich werden, das muss sich ja nicht ausschließen. "Disrupting disruption" prangt in schlichten weißen Lettern auf ihrer Website. Nakamo.to will mit Konzernen kooperieren und konzentriert sich auf die Branchen Maschinenbau, Robotik sowie die Finanzwirtschaft. Für alle sichtbar hängt im Büro ein Flipchart mit Zeitplan; seit Monaten touren die Gründer mit ihrem Wissen durch die ganze Welt, waren in Miami, Dubai, Tokio.
Videoanruf bei den anderen beiden Nakamo.to-Gründern in Japan. Die Metropole Tokio, die glitzernde Kulisse dieses Gesprächs, leuchtet in der Nacht. "Das Jahr 2018 wird so schnell vergehen wie früher ein Jahrzehnt", prognostiziert Robert Küfner abgeklärt. Robert sitzt auf der Couch vor dem Hauptstadtpanorama, neben ihm der 22-jährige Florian Reike, etwas blass um die Nase, abgekämpft. "Die Möglichkeiten, die wir jetzt haben, werden nicht wiederkommen", sagt der BWL-Student, der in sechs Semestern keine einzige Prüfung ablegte und sich dann exmatrikulierte. "Es wäre taktisch unklug, unsere Zeit jetzt anders zu nutzen. Ich habe studiert, damit meine Eltern glücklich sind."
Robert beschäftigt sich seit Jahren mit Krypto. 2013 bekam er einen Vorgeschmack darauf, wie es sich anfühlt, wenn die neue Wirtschaft die alte herausfordert. Der Bitcoin-Kurs stieg erstmals auf mehr als 1000 US-Dollar und machte ihn von seinen Eltern finanziell unabhängig, auch er legte das Studium auf Eis. Nun also Tokio statt Seminar. Jeder Trip ist eng durchgetaktet. Diesmal: Termin bei der Bank of Japan, dann bei der US-amerikanischen Handelskammer, später Karaokebar, morgen Sightseeing. Das Rahmenprogramm interessiert ihn dabei weniger. "Krypto ist das Erste und das Letzte, woran ich jeden Tag denke", sagt Robert. Die Zeit in der Branche rast.
In der Kryptowelt, zwischen Investoren und Anarchisten, gibt es noch eine dritte, unscheinbare Gruppe, nennen wir sie: die Idealisten. Diese Gruppe denkt darüber nach, wie Finanzmärkte funktionieren sollten. Wie Krypto die Gesellschaft dezentralisieren und besser machen könnte. Ob es überhaupt gewollt ist, dass Bürger ihr Geld anonym in einem digitalen Briefumschlag verschicken.
Hermann Elendner, der Professor aus Berlin, wirft einen Programmcode an die Tafel des abgedunkelten Raumes. "100 Coins für den, der den Bug findet." Für das Seminar war die Hausaufgabe, in fünf Einzelteilen eine Blockchain-Transaktion zu programmieren. Aber noch funktioniert das nicht richtig. Nach mehreren Minuten konzentriertem Hinschauen entdeckt ein Student den Fehler, einen falschen Dateinamen. Er erhält die symbolische Belohnung. Die Software ist nun in der Lage, selbstständig eine Überweisung pro Sekunde durchzuführen. Der Professor ist zufrieden. Bis zur übernächsten Sitzung sollen die Studenten einen dreiseitigen Essay einreichen, verschlüsselt und anonym. Thema: Was bedeutet es, Geld einer Kryptowährung zu besitzen? "Fragen Sie sich, wie das die Gesellschaft, die Politik und die Wirtschaft beeinflussen könnte."
In der Finanzkrise 2009 verloren viele Menschen das Vertrauen in das Bankensystem, glaubten aber dem Versprechen von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Peer Steinbrück, das deutsche Geld sei sicher. Im gleichen Zeitraum wurde die Blockchain entworfen. Zwischen beiden Ereignissen gibt es eine Parallele: Ob die Menschen der Bank vertrauen, ist nicht mehr so wichtig. Setzen sich Kryptostandards durch, könnten Banken überflüssig werden. Und Maschinen unabhängig vom Menschen.
Genau daran arbeitet Nakamo.to, indem sie den Geräten eine neue Sprache beibringen. Was aber bedeutet es, dass der Hype um Bitcoin wieder abflaut? Wenn der Graph an der Tafel des Professors wieder nach unten zeigt? "Die Technik wird bleiben, auch wenn alle Kurse zusammenbrechen", sagt Till. Und das Geld, das dabei verloren ginge? Er überlegt, wiegt den Kopf von links nach rechts und nickt zögerlich. "Ja, es stimmt schon, verglichen mit anderen in unserem Alter leben wir im Rausch." Es ist der Rausch einer verschwindenden Minderheit. Aber sie könnte die Gesellschaft verändern.
Von Roland Peters - Fotos: Helena Lea Manhartsberger

UniSPIEGEL 1/2018
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