01.12.1999

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CYBERHAFTE VERSUCHUNG

Von ROTH, TINA

MIT DEM INTERNET HAT DAS GOLDENE ZEITALTER DES WISSENSCHAFTLICHEN BETRUGS BEGONNEN.

Wenn Pirmin Spieß nicht gerade in Gerichtsakten blättert, surft er gern durchs Internet. Dort entdeckte der Mannheimer Juraprofessor einen Fall, der ihm als Haus-arbeit für seine Studenten bestens geeignet schien - ein Kollege der Uni Saarbrücken hatte ihn ausgetüftelt und samt juristischer Würdigung ins Netz gestellt.

Es ging um einen Inlineskate-Händler, um einen Posten seiner schnellen Rollschuhe und höchst diffizile Probleme mit der Rechnung. Spieß, 59, legte die Sache seinen Studenten vor und bat um eine juristisch korrekte Einordnung.

Als die Arbeiten schließlich auf seinem Tisch lagen, musste er erkennen: Auch einige seiner Studiosi hatten sich im Internet umgeschaut, dort die Vorlage aus Saarbrücken gefunden und deren Lösung zum Teil wörtlich übernommen.

Wenn angehende Richter, Rechts- und Staatsanwälte bei ihren wissenschaftlichen Arbeiten gern mal klauen, fragte sich Spieß, was macht dann erst der Rest der 1,8 Millionen Studenten in Deutschland?

Mit dem Internet hat das goldene Zeitalter des wissenschaftlichen Betrugs begonnen. Wer kopieren, abkupfern oder fälschen will, dem bietet das Datennetz ungeahnte Möglichkeiten. Ständig entstehen neue, umfangreichere Webseiten, die für fast jedes Studienfach fertige Texte veröffentlichen. Neben bundesweiten Sammlungen wie "www.hausarbeiten.de" oder "www.Diplomarbeiten.de" bauen auch viele Hochschulen und Fachschaften spezielle Verzeichnisse auf. Mit dem expandierenden Angebot geraten Studenten in die cyberhafte Versuchung, fremde als eigene Arbeiten auszugeben. Runterladen, umformatieren, neuen Titel und Autornamen drüber - fertig. Schont das Gehirn und garantiert (meist) eine gute Note. Kaum ein Dozent hat Zeit, im Internet nach Dubletten zu forschen.

Wenn heute ein Kölner Student seine Hausarbeit mit Hilfe des Netzes von einem Kollegen in München kopiert, ist das Risiko der Entdeckung fast null. Zwar kann jeder mit Suchmaschinen das World Wide Web nach ganzen Sätzen durchforsten, doch viele Dozenten kennen sich nicht aus auf der Datenautobahn. "Die meisten Fälle bleiben unentdeckt. Ich gehe von einer hohen Dunkelziffer aus", mutmaßt Kristijan Domiter vom Deutschen Hochschulverband, der Interessenvertretung der Professoren.

Ian Kaplow, Lehrbeauftragter für Anglistik und Amerikanistik an der Technischen Universität Berlin, spürt den Quellen studentischer Weisheit öfters auch mal im Netz nach. Zwei Studierende flogen bei ihm im vergangenen Sommersemester auf. Die Betrüger mussten die Arbeit noch einmal schreiben. Auch Professor Spieß ließ keinen seiner Abschreiber gleich durchfallen, da sie nur Teile aus der Internet-Lösung übernommen hatten.

"Was uns an deutschen Unis fehlt, sind feste Regeln für den Umgang mit Betrügern", bemängelt Kaplow, der aus den USA stammt. Dort verpflichtet ein strenger Ehrenkodex die Studenten zu unbedingter Aufrichtigkeit. Wer abschreibt und auffliegt, muss häufig das College für ein Jahr verlassen, ohne auch nur einen Dollar der oft hohen Studiengebühren zurückzubekommen. Im schlimmsten Fall wird der Betrüger exmatrikuliert, und die Kommilitonen ächten den Sünder zusätzlich: Name und Delikt erscheinen fett gedruckt in der Studentenzeitung.

Die deutschen Hochschulen wehren sich erst zaghaft. An der Humboldt-Universität in Berlin steht der "Unterschleif" im Internet, so der juristische Terminus für Schummeln, jetzt auf der Tagesordnung der Juraprofs. Das Bildungsministerium in Düsseldorf denkt über täuschungssichere Prüfungsformen nach.

Bei den Juristen der Uni Heidelberg gilt seit kurzem eine "Mogelsatzung". Wenn ein Betrug bewiesen ist, wird die Arbeit des Abschreibers nicht gewertet. Und wer abschreiben lässt, für den gilt das Gleiche, er macht sich der "Beihilfe zur Täuschung" schuldig. Wer jedoch versucht, diese Regeln auf das Internet zu übertragen, stößt schnell an Grenzen: Kann ein Student zur Rechenschaft gezogen werden, nur weil er seine Arbeit ins Netz stellt?

"Allein an die Ehre zu appellieren bringt jedoch nichts, bedenkt man, dass bei Juristen und Theologen die meisten Bücher aus den Bibliotheken verschwinden", sagt Thomas Helm vom Bundesverband des Rings Christlich-Demokratischer Studenten. Er fordert deshalb eine "Zentral-Datei", in der jede geschriebene Arbeit, sortiert nach Schlagworten, registriert werden soll.

Da sich das Internet allerdings nicht an Landesgrenzen hält, nutzt auch dieser Vorschlag wenig. Zwischen Helsinki und San Francisco findet der Studenten-Surfer allemal was Passendes zu lästigen Hausarbeitsthemen. TINA ROTH


UniSPIEGEL 4/1999
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