12.05.2018

Reisen und reisen lassen

Warum sieht Reisen auf Facebook und Instagram immer so wahnsinnig toll aus? Weil wir nicht ehrlich sind, findet André Boße. Ein Plädoyer für Trips, die auch mal traurig, verwirrend, langweilig und einsam sein dürfen.
Jochen Schliemann ist ein Vielreisender. Gleich muss er los, mit dem Flugzeug nach Hongkong, von Aufregung keine Spur: "Ich habe solche Trips ja schon ein paarmal unternommen." Der 41-Jährige arbeitet als Musikjournalist, zusammen mit einem Kollegen macht er den Podcast "Reisen Reisen", gerade hat er einen Roman über das Sujet geschrieben. Kurz: Der Mann ist Reiseprofi. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – wundert er sich immer wieder, wenn er von den Erfahrungen anderer Reisender liest. "Ich denke mir dann: komisch, das muss eine Parallelwelt sein."
Wie immer im Frühjahr bringen Magazine am Kiosk, im Netz oder im Fernsehen ihre Geschichten über Traumreisen. Wegfahren, loslassen, frei sein, Sonne, Strand – und Glück. Denn natürlich werden in solchen Beiträgen Studien zitiert, die belegen sollen, dass Reisen den Menschen in seinen Idealzustand versetzt: happy, klug und schön. Das Wording der Texte ist ausnahmslos positiv, nur selten schleichen sich Begriffe wie CO2-Bilanz, Umweltzerstörung oder Terrorismus in die Berichterstattung ein, meistens abgefedert mit der beruhigenden Feststellung, dass sich "die Deutschen ihre Reiselust nicht nehmen lassen". In der Onlineausgabe eines Frauenmagazins steht neben einem solchen Text die Story über "Bademoden für perfekte Kurven am Strand", am Ende stellt die Autorin die Frage: "Wo sieht man eigentlich sonst noch so gut aus wie am Strand?"
Was sagte Jochen Schliemann noch mal? "Muss eine Parallelwelt sein." Erschaffen haben sie die Reisenden selbst – und alle machen mit.
Zum Beispiel bei Instagram, dem Heile-Welt-Portal: Wichtiger als die Reise selbst ist die Story, die darüber erzeugt wird. Kurz nach der Landung werden die bloßen Zehen mit Meerblick in Szene gesetzt. Der Universalcode für: "Ich bin angekommen." Es folgen, stets untermauert mit kunterbunten Emojis: Food-Porn mit Meeresfrüchtegerichten und Kaltgetränken, Bilder von erstaunlichen Tieren oder Wandmalereien, Fotos vom Wiedersehen mit einer wunderbaren älteren Urlaubsbekanntschaft, die man zum letzten Mal vor vielen Jahren getroffen hat – "es war sofort wieder wie früher!". Auch wichtig: die Bräune zeigen, wahlweise in Form von Bikinistreifen oder, die lässige Variante, in Form von Flipflop-Mustern auf den Füßen. Nicht zu vergessen: Postings in der Landessprache, "hakuna matata!". Ein letzter Sonnenuntergang noch, dann wehmütige Fotos vom Flughafen. "Zurück nach Hause, aber wie geil das war! Bin super erholt, freue mich total, euch wiederzusehen!"


Damit sich die vielen Traumreisenden auf dieser Welt im Dickicht der sozialen Medien nicht verfehlen, gibt es den weltweit gültigen Hashtag #wanderlust, eine Art virtuelles Tattoo für die globale Reisecommunity. Wer dem Hashtag folgt, erreicht bei Instagram unzählige Revuen des puren Reiseglücks: alles atemberaubend, alles toll – wie schön doch diese Welt ist!
"Ist sie ja auch", sagt Jochen Schliemann. Aber alles toll kann schon allein deshalb nicht sein, weil an diesen Orten eben auch Menschen sind. Nicht zuletzt der Reisende selbst. "Natürlich bin ich im tollsten Land der Erde mal mies drauf." Nur will das keiner so recht zugeben. Stattdessen wollen die meisten ihre Ferien lieber perfekt inszenieren und selbst kleine Wogen glatt bügeln – auch wenn eigentlich alle wissen, wie verlogen das ist. "So wie es neben Helene Fischer ganz andere Musik gibt, zum Glück, gibt es neben Hochglanzferien in Dur eben auch Reisen in Moll", sagt Schliemann. Und genau in dieser melancholischen Nachdenklichkeit liegt für ihn der eigentliche Wert des Reisens. "Wenn du auch nur einmal in Nairobi in einem Bus gefahren bist, als einziger Weißer unter Schwarzen, dann weiß du, wie es sich anfühlt, wegen deiner Hautfarbe angeschaut zu werden", argumentiert er. "Und wenn du dann weißt, dass Schwarze in einem Bus in Deutschland manchmal besonders misstrauisch angeschaut werden, änderst du deine Haltung zu diesem Thema."
Seinem Roman hat Schliemann den Untertitel "Trauriges Reisen" gegeben, er sagt, das entspreche eben auch seinem eigenen Empfinden. Wer unterwegs ist, vor allem als Alleinreisender, der fühle sich auch mal deprimiert, verloren, fehl am Platz, weil Situationen und Menschen schwer einzuschätzen sind, die Sprache, die Gerüche, die Geräusche so fremd. Das gewohnte Koordinatensystem funktioniert im Ausland oft nicht. Das ist aufregend – aber manchmal auch wahnsinnig anstrengend.
Schliemann erzählt ein Beispiel aus Jamaika. Trotz aller Warnungen war er dort zu Fuß unterwegs, immer wurde er von einheimischen "Freunden" angesprochen, die ihm was zeigen wollten – gegen Bezahlung natürlich. Als er dachte, er habe die Lage im Griff, bedrohte ihn einer dieser Typen mit dem Messer, der 20-Dollar-Schein in seiner Tasche reichte so gerade. "In solchen Momenten steigt der Selbsthass ins Unendliche", sagt Schliemann, der diese Episode auch in seinen Roman eingearbeitet hat. Andererseits: Immer wenn der Reisende Schliemann niedergeschlagen war und am liebsten ins Flugzeug nach Hause gestiegen wäre, stellte sich kurz darauf ein Hochgefühl ein. Als verstärke sich das Auf und Ab des Lebens in den Momenten, in denen Menschen weit weg von zu Hause auf sich allein gestellt sind.
Dieses Gefühlschaos irritiert. Und Irritation ist bei vielen Reisenden nicht gewünscht. Sie zahlen schließlich viel Geld dafür, von einem Netz aus Komfort und Service aufgefangen zu werden. Und wenn schon Abenteuer, dann kontrolliert. Vorgeplant mit Google Maps, verfolgbar mit GPS. Der Schriftsteller und Reisende Ilja Trojanov schreibt, dass sich nahezu jeder Tourist vor dem Trip ein genaues Bild vom Ziel mache. Dort angekommen, überprüfe er, ob die Fremde den vertrauten Bildern entspreche. "Oft sind wir irritiert ob einer rücksichtslosen Reisegruppe, eines aufdringlichen Straßenverkäufers", schreibt Trojanov in seinem Essay "Richtig Reisen?". Der Stau nerve, ebenso die kalten Füße oder der unvermeidbare Durchfall. "Also ziehen wir uns in jene Höhle zurück, die uns die Sicherheit der Gewohnheit bietet: den klimatisierten Bus, das saubere Hotel, das erfrischende Schwimmbecken." Aber ist das noch Reisen? Oder nur eine ständige, aber ziellose Rastlosigkeit? "Reisen könnte ein metaphysischer Akt des Erkennens und Erfahrens sein", stellt Trojanov fest. "Nur der Reisende, hieß es einst, kennt den wahren Wert des Menschen."
Okay, das geht dann vielleicht doch zu weit. Schnaps ist Schnaps, und Urlaub ist Urlaub, da muss auch mal Schluss sein mit der Jagd nach Erkenntnissen – sonst könnte man das Ganze ja direkt "Arbeit" nennen. Alternativ: abschalten und rumhängen. Lange schlafen. Viel trinken. Noch länger schlafen. Vielleicht sogar inklusive Instagram-Story als Beleg dafür, dass alles so passiert ist. Nur sollte man sich hinterher nicht beklagen, wenn zu Hause eine innere Leere folgt, die nicht mit Erinnerungsfotos von nackten Füßen vor der Meeresbrandung gefüllt werden kann. Denn solche Motive können die Komplexität einer Reise niemals wiedergeben. Schließlich hält das Leben im Urlaub dieselbe Vielfalt der Gefühlslagen bereit wie im Alltag: traurig und ätzend, geil und unfassbar schön. Nur die Perspektive ist eine andere. Das hilft, sich und die Welt besser zu verstehen. Und die Sonne, die hilft auch.
Von André Boße Fotos: Roderick Aichinger

UniSPIEGEL 3/2018
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