12.05.2018

Sommer, Sonne, Todeszone

Warum nur schauen sich so viele Menschen im Urlaub Schlachtfelder, Schauplätze von Naturkatastrophen oder sogar Konzentrationslager an?
Schon immer zog es Touristen nicht nur an die schönsten Orte der Welt, sondern auch in die dunklen Ecken. Zum Beispiel kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs, als man von Basel aus eine "Reklamefahrt" nach Verdun unternehmen konnte, auf "Schlachtfelder par excellence", auf denen "vielleicht 1,5 Millionen Menschen verbluteten". Dazu gab es: erstklassiges Essen, Wein und Kaffee.
Die seltsame Lust, Urlaub im Umfeld von Tod und Krieg, Elend und Granateneinschlägen zu verbringen, ist also nicht neu. Aber sie ist heute komplett durchkommerzialisiert. "Dark Tourism" heißt diese Eigenart der Reiselust, an der Uni Lancaster gibt es dafür sogar ein eigenes Forschungsinstitut. Dass es Menschen in den angeblich schönsten Wochen des Jahres an schreckliche Orte zieht, hat laut Institutschef Philip Stone einen banalen Grund: "Während wir uns Schauplätze von Katastrophen anschauen, fühlen wir uns selbst weniger schlecht." Darum begaffen so viele Leute auf der Autobahn die Unfallstelle – und behindern die Rettungsarbeiten. Hinzu komme die gute Story, die sich nach diesen Besuchen erzählen lasse, Fotos für Social Media inklusive – was in besonders bizarren Fällen zu Bikinifotos vorm Holocaust-Mahnmal oder gut gelaunten Gruppenbildern vor der Absturzstelle eines Flugzeugs führt.
Die Wissenschaftler unterteilen Dark Tourism in drei Felder. Erstens: den harmlosen Thrill, den Touristen erleben, die sich in London auf die Spuren von Jack The Ripper begeben. Zweitens gibt es pädagogisch wertvolle Besuche von gut kuratierten Gedenkstätten wie den ehemaligen Konzentrationslagern, die sehr offensichtlich nicht dem Vergnügen dienen, sondern der Aufklärung. Das dritte Feld ist das irrste: Orte des Todes, die von findigen bis zynischen Veranstaltern zu morbiden Attraktionen gepimpt werden. Sechs Beispiele für diesen schattigen Reisetrend:

Hotel Istanbul, Kilis

Türkei
Der Reporter und Buchautor Fritz Schaap berichtet in seinem Buch "Hotel Istanbul" von diesem Haus in der Südtürkei, nur einen Steinwurf von der Grenze zu Syrien entfernt. Schaap traf dort junge Europäer, die ihm erzählten, sie hätten über dunkle Kanäle Trips in das nahe Kriegsgebiet in Syrien gebucht. Das Programm: In aller Herrgottsfrühe geht es illegal über die Grenze, ein War-Guide fährt die Kriegstouristen in die Kampfgebiete – mit Fotogelegenheit, um den privaten Flickr-Account mit echten Kriegsbildern zu füllen. Abends geht es dann zurück, um sich beim gemeinsamen Bier im Hotel Istanbul über die erlebten Abenteuer auszutauschen.

Prybiat

Ukraine
Vor 1986 lebten in dieser Stadt 50000 Menschen, dann kam es im Atomkraftwerk von Tschernobyl, 20 Kilometer entfernt, zum Super-GAU. Prybiat wurde evakuiert, lange Zeit galt die Stadt als kontaminiert. Da die Behörden den Bewohnern gesagt hatten, sie müssten ihre Heimat nur kurz verlassen, befinden sich viele Häuser in einem normalen Zustand. Seit 2011 ist die Stadt wieder für Reisende zugelassen, ein Trip nach Prybiat wirkt wie eine Zeitreise, an den Wänden hängen noch die alten Propagandaplakate der Sowjetunion. Ein Anbieter verkauft auch Touren in den zerfallenen Katastrophenreaktor, der Werbespruch: "Die augenöffnende Erfahrung einer postapokalyptischen Welt". Die Tagestour kostet 80 US-Dollar, die Bewertungen bei Tripadvisor sind top.

New Orleans

USA
2005 fegte Hurrikan "Katrina" über New Orleans, fast 2000 Menschen kamen ums Leben, unzählige verloren ihr Haus, ihr Eigentum. Der Sturm gilt als eine der schlimmsten Naturkatastrophen der USA – mit verheerenden Langzeitfolgen für die Menschen, insbesondere für die Black Community. Den Behörden wird von vielen Seiten vorgeworfen, viel zu langsam zu arbeiten. Schneller waren die Veranstalter von Bustouren, die schon 2006 für 30 bis 40 US-Dollar durch die besonders zerstörten Viertel von New Orleans führten, Titel des Trips: "Hurricane Katrina Tour – America's Greatest Catastrophe". Die Bewohner, die gerade ihre Häuser reparierten, waren fassungslos, nun auch noch Teil einer Freakshow zu sein – ohne dass sie an den Umsätzen beteiligt wurden. Seit 2010 wehrt sich die Stadt gegen diese Form von Dark Tourism: Zufahrten werden blockiert – und parkt ein Bus, erhält er in bestimmten Gebieten sofort einen Strafzettel.

Nanthi-Kadal-Lagune

Sri Lanka
Eine traumhafte Lagune im Nordosten Sri Lankas, wunderbarer Sandstrand, klares blaues Wasser. "Erlebe einen entspannten Urlaub in der kühlen Brise von Nanthi Kadal", werben die Betreiber der Lodges an der Lagune. Alles super. Wenn da nicht diese Vorgeschichte wäre: 2009, vor nicht einmal zehn Jahren, hat das Militär von Sri Lanka am Strand dieser Lagune mutmaßlich mehrere Tausend Menschen getötet, es war der finale Schlag gegen die Widerstandsgruppe der Tamil Tigers, die für die politische Unabhängigkeit des von Tamilen dominierten Nordens der Insel kämpften. Bewirtschaftet werden die Lodges in der Lagune ausgerechnet vom Militär.

Somerset County

Pennsylvania
Am 11. September 2001 stürzte ein von Terroristen gekaperter Jet auf ein Feld in Pennsylvania. Die Passagiere hatten sich gewehrt und verhindert, dass das Flugzeug wie eine Waffe in eine besiedelte Stadt gesteuert wurde – wie jene zwei Verkehrsmaschinen, die in die Türme des World Trade Center in New York City geflogen waren. Alle 44 Menschen an Bord von "Flight 93" kamen ums Leben. Schon kurz nach dem Absturz witterten skrupellose Leute ein Geschäft und organisierten Bustouren zu dem Acker. Mittlerweile hat sich der Katastrophentourismus professionalisiert: "Früher ein normales Feld. Für immer ein Feld der Ehre", so lautet der Claim des Besucherzentrums. Wer mag, kann dort einen Baum pflanzen und somit den Opfern des Absturzes gedenken. Zwar hat das National Memorial von "Flight 93" Grundzüge einer informativen und lehrreichen Gedenkstätte, andererseits wird die Katastrophe in Pennsylvania kommerzialisiert und verkitscht.

Sarajevo

Bosnien-Herzegowina
"Times of Misfortune" heißt die Tour, vorbei an den neuralgischen Punkten der drei Jahre währenden Belagerung der Stadt. Vor gut 20 Jahren erlebte Europa seinen letzten blutigen Krieg, Sarajevo stand im Zentrum. "Times of Misfortune" – das klingt mit Blick auf die vielen Todesopfer verniedlichend. Die Tour kostet 27 Euro, führt auf die "Sniper Alley", wie die große Straße im Zentrum bis heute genannt wird, weil damals hier Scharfschützen wahllos auf Passanten zielten. Danach geht es weiter in Richtung der Tunnel von Sarajevo, die von Bewohnern gegraben wurden, um sich unterirdisch in Sicherheit zu bringen oder Waren in die Stadt zu schmuggeln. 20 Meter dieser Tunnel sind übrig geblieben, Tausende Touristen zwängen sich jährlich hindurch.

UniSPIEGEL 3/2018
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