12.05.2018

Heimreise

Unsere Autorin verbringt ihre Ferien am liebsten daheim. Ein Glück, dass das jetzt „Staycation“ heißt und offiziell ein gesellschaftlicher Trend geworden ist.
Meine Freundin sagt, wenn man Island mag, sollte man unbedingt einmal auf einem Islandpferd über die Insel geritten sein, man sollte im Zelt ein Dosenbier getrunken haben und dabei auf den schwarzen Strand und das Meer hinausgeschaut haben, und man sollte sich in einem kleinen Laden in Reykjavík Alafoss-Lopi-Wolle in seiner Lieblingsfarbe gekauft haben.
Ich finde, das klingt alles sehr schön, aber ich werde trotzdem nicht nach Island fahren – und im Übrigen auch nicht nach La Gomera, nicht nach Sri Lanka, nicht einmal nach Lanzarote. Stattdessen werde ich zu Hause bleiben, in Hamburg in meiner Wohnung mit dem kleinen Balkon, auf dem ich Buschbohnen gepflanzt habe und von dem aus man direkt auf die Linde vor unserem Haus sehen kann.
An dieser Stelle möchte ich gern festhalten, dass es keineswegs so ist, dass ich Dosenbier und Zelte und das Meer und ferne Länder nicht mögen würde. Das Gegenteil ist der Fall. Es ist auch nicht so, dass mir irgendwann einmal schlimme Ferien die Reiselust verdorben hätten.
Es ist vielmehr so: Ich glaube, ich habe die Nase meines Vaters geerbt, den Mund meiner Mutter und die Reisevorlieben meiner Großtante Käthe, von der man sich in meiner Familie oft und gern erzählt. Diese Tante Käthe lebte im vergangenen Jahrhundert in einem Haus im Schwarzwald zusammen mit Tante Angelika und Tante Mariele. Die Calwer Tanten hatten weder Mann noch Kinder, dafür zusammen zwei Einkommen, jede ein gutes Leben und einen Garten, der sich über mehrere Terrassen erstreckte und um den sich meist Tante Käthe kümmerte – auch dann, wenn die anderen verreisten. Denn Tante Käthe blieb zeit ihres Lebens am liebsten daheim, in dem Haus am Hang, pflegte die Tomaten und bekam schon schlechte Laune, wenn sie nur daran dachte, verreisen zu müssen.
"Urlaub auf Balkonien" nannte man das früher, und in dem Ausdruck schwang immer eine Spur von Mitleid mit. Urlaub in der Ferne war schließlich mehr als eine Reise. Für manche Menschen war es ein Statussymbol, für andere eine Selbstverständlichkeit und für den Rest ein großes Abenteuer.
Barths machten Kluburlaub auf den Kanaren. Theißens reisten nach Mallorca. Tante Mariele fuhr nach Rimini und schwärmte danach von den italienischen Männern.
Für Heimreiser wie Tante Käthe und mich hatte die Welt lange Zeit nur Verwunderung oder Mitleid übrig.
Dann kam uns Heidi Klum zu Hilfe.
Man kann diesen Moment noch immer auf YouTube sehen. Er spielt sich in einer dieser amerikanischen Late-Night-Shows ab. Heidi Klum erklärt dort dem Sänger Josh Groban, einem anderen Gast der Sendung, wie man am besten Urlaub zu Hause macht.
Kurz darauf konnte man lesen, dass George Clooney und Amal Alamuddin ihre Flitterwochen damit verbrachten, zu Hause zu bleiben. Es tauchten immer mehr Fotos von Taylor Swift auf, auf denen sie an ihren freien Tagen zu sehen war, zusammen mit ihren Freunden – zu Hause. Und im Magazin der "New York Times" fand sich in jenem Sommer zwischen Empfehlungen für die schönsten Nationalparks und Berichten über die neuesten Entwicklungen bei den Fluglinien, ganz selbstverständlich, ein Ratgeberartikel darüber, wie man seine Ferien am schönsten verbringen kann, ohne wegzufahren.


Ich las darin, dass man nun nicht mehr Urlaub auf Balkonien sagt, sondern "Staycation"; ein Kunstwort, das sich aus den englischen Wörtern für Bleiben und Ferien zusammensetzt. Und ich verstand, dass der Urlaub, den Tante Käthe und ich am meisten schätzen, nun kein Makel mehr ist, sondern ein Trend.
Zugegebenermaßen war es wahrscheinlich nicht nur Heidi Klum, die uns dabei geholfen hat. Es war wahrscheinlich auch der Zeitgeist.
Man macht sich ja nun vor jeder Flugreise über seinen ökologischen Fußabdruck Gedanken. Man kocht im Winter wochenlang Kohlgerichte, weil in der regionalen Gemüse-Abo-Kiste Woche um Woche ein Spitzkohl liegt. Man ist sich wegen der Weltnachrichtenlage nicht mehr ganz sicher, ob man wirklich noch nach Istanbul fahren sollte.
Neulich las ich noch von einem anderen neuen Wort: "Over-Tourism". Das Wort wird benutzt, wenn zu viele Touristen an denselben Ort fahren. Venedig leidet zum Beispiel unter Over-Tourism oder die Galapagosinseln. Besonders schlimm ist es auf Island. Dort kommt inzwischen auf jeden vierten Einwohner ein Tourist.
Ich las, dass Over-Tourism demnächst noch zunehmen werde, weil gerade für viele Menschen in China und Indien Urlaubsreisen zur Selbstverständlichkeit werden. Und ich las, was aus Sicht verschiedener Experten die Probleme, die Over-Tourism mit sich bringt, lösen könnte. Höherer Eintritt in Museen zum Beispiel. Oder längere Öffnungszeiten.
Dabei ist die Sache doch völlig klar: Was am besten gegen Over-Tourism hilft, ist Staycation.
Ich finde darum, wenn man Island wirklich mag, sollte man unbedingt einmal durch das nächstgelegene Naturschutzgebiet geritten sein, man sollte auf seinem eigenen Balkon Bier trinken und dabei auf die Linde im Vorgarten schauen und sich in dem kleinen Laden in der Schanze ein paar Knäuel Islandwolle kaufen. Und dann sollte man fünf oder sieben oder zehn Tage nichts tun außer stricken und zu Hause bleiben und das Leben genießen. Das klingt nach dem perfekten Urlaub, finde ich.
Von Maren Keller - Fotos: Maria Feck

UniSPIEGEL 3/2018
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