12.05.2018

Mein Leben als Notfallsanitäterin

Sie schleppt 100-Kilo-Patienten durch Treppenhäuser, wettet um Burger und weiß nie, was der Tag bringen wird. Eine Sanitäterin berichtet aus dem Inneren des Rettungswagens.
Meine Eltern waren beide Ärzte. Da lag es für mich nahe, auch über ein Medizinstudium nachzudenken. Aber die lange Studienzeit und die anschließende Facharztausbildung haben mich abgeschreckt – genauso wie die Vorstellung, jahrelang nur auswendig zu lernen, ohne mit Patienten in Kontakt zu kommen. Ich wollte schnell in den Job einsteigen und Menschen helfen, deshalb bin ich nach dem Abitur Rettungsassistentin geworden. 2014 wurde das Berufsbild reformiert, nach einer Zusatzprüfung bin ich jetzt offiziell Notfallsanitäterin. In England heißt das Paramedic, das klingt deutlich cooler.
Notfallsanitäter ist der höchste nicht akademische medizinische Berufsabschluss in Deutschland – und nicht zu verwechseln mit dem Rettungssanitäter. Den Rettungssanitäter-Schein macht man in drei Monaten, unsere Ausbildung dagegen dauert drei Jahre. Danach liegt das Einstiegsgehalt bei gut 2000 Euro brutto. Nicht gerade üppig. Aber wegen des Geldes sollte man sich diesen Beruf ohnehin nicht aussuchen.
Mich reizt etwa die Ungewissheit: Wir wissen nie, was der Tag bringt, noch nicht einmal, was uns in der nächsten Stunde erwartet. Ein Herzinfarkt? Eine unerwartet einsetzende Geburt? Ein Verkehrsunfall?
Normalerweise sind wir zu dritt: der Arzt, ein Rettungssanitäter und ich. Manchmal kommt der Notarzt etwas später zur Unfallstelle als wir im Rettungswagen. Dann muss ich entscheiden, was wir machen – im Extremfall auch Maßnahmen einleiten, die sonst den Ärzten vorbehalten sind, etwa Medikamente verabreichen. Das ist eine riesige Verantwortung.
Wir arbeiten in der Regel in 24-Stunden-Schichten, die aber häufig länger als 24 Stunden dauern. Ich kann ja nicht mitten im Einsatz sagen: Feierabend, danke, tschüss. Einmal war ich fast 40 Stunden im Dienst, weil so viel zu tun war. Mein Tag-Nacht-Rhythmus ist ziemlich im Eimer, Wochenenden im klassischen Sinn kenne ich nicht. Wobei mir Schichten, bei denen viel zu tun ist, am liebsten sind. Wenn es Leerlauf gibt, wird man so schlapp. Schlafen kann ich dann sowieso nicht, obwohl wir auf der Wache einen Ruheraum haben.
Notfallsanitäter ist ein Knochenjob – auch im Wortsinn. Wenn Patienten im vierten Stock wohnen, natürlich ohne Aufzug, müssen wir sie durchs Treppenhaus zum Wagen tragen. Und wenn die dann 100 Kilo wiegen, frage ich mich schon, wie lange mein Körper das mitmacht.
Apropos Körper: Die #MeToo-Debatte gibt es natürlich auch im Rettungsdienst. Mich nerven männliche Kollegen, die uns Frauen als Freiwild betrachten oder sexistische Sprüche loslassen: "Wenn es gewollt wäre, dass Frauen Rettungswagen fahren, hätte man hinten eine Küche eingebaut." Ich habe mir angewöhnt, solche und noch üblere Kommentare zu überhören. Der Ton ist einfach rau, übrigens nicht nur unter Kollegen, sondern auch im Einsatz.
In den Medien wurde schon ein paarmal über Aggressionen und Gewalt gegen Rettungskräfte berichtet. Ich erlebe das auch, nicht jeden Tag, aber immer öfter. Am schlimmsten sind Besoffene, die meinen, Freund oder Freundin schützen zu müssen. Die fassen uns an, wollen uns wegziehen oder behindern einfach unsere Arbeit. Ganz schwierig ist es, wenn wir zufällig nur Frauen im Team sind. Ehrlich gesagt, ich habe lieber einen Mann dabei. Das verschafft uns Respekt, so traurig das ist.
Im Alltag sind wir immer wieder mit dem Tod konfrontiert. Rettungskräfte begegnen ihm oft mit Zynismus. Anders würden wir die Situation vielleicht gar nicht aushalten. Wenn wir jemanden in kritischem Zustand im Wagen haben, schließen wir schon mal eine Wette ab, ob er es bis zum Krankenhaus schafft. Wer verliert, zahlt den nächsten Burger.
Doch es gibt Situationen, da bleiben einem die Scherze im Hals stecken: Wenn in einer Familie angeblich ein Kind die Treppe runtergefallen ist – und aus den Verletzungen und dem Verhalten der Erwachsenen sofort klar wird, dass die Eltern ihr Kind verprügelt haben. Wir sind nicht die Polizei, wir können nur versuchen, die Eltern zu überreden, das Kind zu einem Arzt oder ins Krankenhaus bringen zu dürfen. Solche Situationen sind schrecklich. Sie bleiben im Kopf, auch wenn der Dienst längst vorbei ist.
Es gibt typische Zeiten im Jahr, da wird es besonders heftig. Um Weihnachten herum zum Beispiel, da häufen sich die Suizide. Die Leute halten ihre Einsamkeit nicht mehr aus. Trotzdem arbeite ich an Weihnachten gern – vielleicht auch, weil ich Angst habe, selbst allein zu Hause zu sitzen. An Silvester stelle ich mich auf Teilamputationen ein: Wenn sich Idioten mit Unmengen von Böllern eingedeckt haben und besoffen ihre Finger wegsprengen. Und an Karneval kotzen sie dauernd den Wagen voll – da sind wir manchmal mehr mit Desinfizieren beschäftigt als mit Fahren.
Trotzdem ist Notfallsanitäterin der tollste Job, den ich mir vorstellen kann. Wer es ausprobieren will, kann einfach eine Schicht bei uns mitfahren. Vielleicht ist die Spannung des Unerwarteten ansteckend. Oder er überlässt das Retten auch in Zukunft lieber uns.
Von Aufgezeichnet von Armin Himmelrath - Illustration: Benedikt Rugar

UniSPIEGEL 3/2018
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